Schuld und kaum Sühne

von Gerhard Preußer

Münster, 28. September 2019. Kann man mit Fassbinders Filmen aus den 70er/80er-Jahren die Gegenwart verstehen? Das Schauspiel Münster versucht es jedenfalls. Und da Deutschland viel Vergangenheit hat, braucht es entsprechend viele Filme – Frank Behnke hat sich die gesamte BRD-Trilogie Fassbinders vorgenommen: "Die Ehe der Maria Braun", "Die Sehnsucht der Veronika Voss" und "Lola", alles an einem Abend. Mit seinem fünfzehnköpfigen Ensemble stemmt der Regisseur ein Großprojekt.

Vom Kriegsende bis zum Weltmeistersieg

Theaterversionen dieser Filme gab es schon öfter, aber noch keine solche Gesamtschau der frühen Bundesrepublik. Die Geschichte von Maria Braun (Rose Lohmann) ist ein Melodram, eine sentimentale Story mit einem märchenhaften Ende. Maria erschlägt ihren amerikanischen Liebhaber, als ihr totgeglaubter Mann aus dem Krieg zurückkehrt. Der geht für sie ins Gefängnis und sie erwirbt sich als Geschäftsfrau ein Vermögen, das sie ihm nach seiner Entlassung schenkt. Zu einem Gesellschaftsbild der Aufbaujahre der Bundesrepublik wird das im Film erst durch die Tonspur, auf der Nachrichten über Adenauers widersprüchliche Haltung zur Wiederaufrüstung zu hören sind.

BRD.MariaBraun 560 MarionBuehrle uMann und Maria vor dem Grauen der Geschichte: Teil 1 der BRD-Trilogie © Marion Bührle

In der Münsteraner Inszenierung wird diese Tonspur zur Bilderstrecke. Auf der Drehbühne kreisen große weiße Wände, auf ihnen zeigen Filmschnipsel die Zeitumstände: zerbombte Städte, der Reichsadler mit Hakenkreuz stürzt ab. Wenn das Theater schon Filme nachspielt, will es wenigstens das kopierte Medium kreativ integrieren. Der Verweis auf die Gegenwart kommt vor allem am Schluss dieses Teils: Parallelisierte Fassbinder den letzten Teil der Handlung mit der Reportage vom Weltmeistersieg Deutschlands 1954, sieht man auf den Projektionswänden in Münster auch Bilder von den Weltmeistern 1974, 1990 und 2014, bis zu Angela Merkels Jubelgeste. Dass Fußballnationalismus eine Konstante der deutschen Republik ist, ist allerdings keine überraschende Erkenntnis.

Die unbewältigte Nazi-Vergangenheit

Der zweite Teil ist eigentlich eine Kriminalgeschichte aus dem gehobenen Drogenmilieu. Die alternde Ufa-Filmdiva Veronika Voss (Carola von Seckendorff) ist gefangen in den Händen einer Ärztin, die sie in die Abhängigkeit von Morphium treibt. Als ein Journalist das Verbrechen aufklären will, wird seine Freundin ermordet, die Polizei und die Ärztekammer vertuschen alles.

Überdeutlich wird das Thema der unbewältigten Nazi-Vergangenheit in der Münsteraner Inszenierung dargestellt:. Zwischen Filmausschnitte aus Ufa-Filmen mit Sybille Schmitz, dem historischen Vorbild für Veronika Voss, die tapfere deutsche Wehrmachtssoldaten und eine elegante, schöne Frau zeigen, werden Bilder von Leichen aus den Vernichtungslagern geschnitten.

BRD.VeronikaVoss 560 MarionBuehrle uGesellschafts-Panoptikum nach Rainer Werner F. © Marion Bührle

Schwarzweiß ist die Bühne, wie die Filmprojektionen. Die Praxis der Ärztin bleibt fast immer von den sich drehenden Wänden verdeckt. Einblick erhält man nur durch Live-Video-Projektionen. Am Ende steht Veronika in der Haltung einer Gekreuzigten vor einem riesigen Hakenkreuz. Ein Opfer der Unfähigkeit zu trauern.

Wutrede gegen das Wachstum

Der dritte Teil ist eine grobe Politsatire aus der Bauwirtschaft und eine Aktualisierung des Professor-Unrat-Motivs. Der gradlinige neue Baudezernent will den Korruptionssumpf der Stadt austrocknen, verliebt sich aber in die Prostituierte Lola (Sandra Schreiber), heiratet sie und wird so in die gut situierten, korrupten Kreise der Stadt aufgenommen, ohne dass Lola ihre Rolle als Geliebte des größten Baulöwen aufgibt. Nach dem depressiven Mittelteil wird es nun bunt und lustig. Die Mitglieder des Bauausschusses werden mit allen möglichen Scherzen verulkt. Die Prostituierten wackeln hübsch mit dem Hintern.

Doch dann kommt sie doch, die Attacke auf die Gegenwart: Der Baudezernent von Bohm (Ilja Hartes) hält eine Wutrede auf die soziale Marktwirtschaft, gegen das Wachstum als Maßstab der Entwicklung, nennt Münsteraner Firmen als Profiteure, lästert über die homöopathische Kritik der linken Intellektuellen, fordert auf, sich einzumischen für die Rettung unseres Planeten. Gleich darauf darf Lola dann noch an die Frauen appellieren, zusammenzuhalten und den ganzen Laden mal ordentlich aufzuräumen. Fassbinders Frauenfiguren sind Gegenentwürfe zum gängigen Klischee von passiver Emotionalität. Die jungen Darstellerinnen werfen sich mit Verve in die Rollen der Lola und der Maria. Aber die visuelle Überlegenheit des Films durch schauspielerischen Mehrwert auszugleichen, gelingt nicht. Nur die Imitation des filmischen Mittels der Großaufnahme in den Live-Video-Szenen bringt die Figuren ähnlich nahe.

So schwimmt die Inszenierung am Ende mit auf der Welle der folgenlosen Empörung gegen soziale Ungleichheit, patriarchalische Gesellschaften, Klimawandel und Postdemokratie. Im Hintergrund wechseln sich immer schneller Bilder von schmelzenden Gletschern, Braunkohletagebaugruben und rauchenden Kraftwerksschloten ab. Das bleibt Affirmation der gängigen Gegenwartskritik, bestenfalls ein kurzer emotionaler Boost mit Rückenwind aus der filmischen Vergangenheit. Dass Fassbinders Schluss eigentlich zeigt, wie dieser Protest zum Schweigen gebracht wird und wieder in das juste milieu der Bundesrepublik integriert wird, vergisst man bei diesem hochgestimmten Überschwang.

 

BRD-Trilogie – Die Ehe der Maria Braun, Die Sehnsucht der Veronika Voss, Lola
Theaterabend in drei Teilen nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich
Inszenierung: Frank Behnke, Bühnenbild: Peter Scior, Kostüme: Lili Wanner, Video: Andreas Klein, Musikalische Leitung: Lothar Müller, Dramaturgie: Barbara Bily.
Mit: Rose Lohmann, Carola von Seckendorff, Sandra Schreiber, Julia Stefanie Möller, Christian Bo Salle, Ilja Harjes, Jonas Riemer, Louis Nitsche, Joachim Foerster, Gerhard Mohr, Bernward Bitter, Tina Schmincke, Musiker: Martin Speight, Dominik Hahn, Jürgen Knautz.
Premiere am 28. September 2019
Dauer: 4 Stunden 20 Minuten, zwei Pausen

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

"Behnke sieht in der Trilogie eine Aktualität, die er durch einige anachronistische Setzungen herausarbeiten will", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (30.9.2019). "Der krude Korruptionsthriller 'Lola' hat deutlich mehr Zug als die beiden anderen Teile der Trilogie. Hier gewinnt die Inszenierung die Aufmerksamkeit, gerade weil auch die Rotlichtszenen mit einiger Spielfreude ausgearbeitet werden." Am Ende von "Lola" jedoch werde "Theater zur Agitationsanstalt, auf Kosten der Komplexität", so Stiftel. Und schon vorher zeige sich, "dass Behnke sich mit dem Projekt übernommen hat. Zuviel geht verloren, wenn man so durch die Geschichten eilen muss, damit sie alle überhaupt in einen Abend passen."

"Der dreiteilige Theaterabend hat viele faszinierend Momente, aber auch Längen", schreibt Harald Suermann in den Westfälischen Nachrichten (30.9.2019). "Einige Szenen huschen eher vorbei als intensiver ausgeformt zu werden, manche Nebenfigur bleibt Episode. Auch führt die Live-Musik dazu, dass die Schauspieler sich manchmal mühen müssen, gegen die Klänge zu bestehen."

 

 
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