Ehret den Esel!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Oktober 2019. Es gibt eine Frage, die mich zeit meines Theaterlebens verfolgt – und zwar unabhängig davon, ob ich gerade Zuschauer, Kritiker oder Dramaturg war. Ich kann diese Frage noch so oft zu beantworten versuchen, sie kommt immer wieder, lässt sich nicht abschütteln und zielt permanent ins Innerste des eigenen Theaterverständnisses. Sie wird gern von Leuten gestellt, die man auf Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten trifft, also zu Gelegenheiten, bei denen man lästigerweise über den gleichfalls ins Theater vernarrten Freundes- und Kollegenkreis hinauszuschauen gezwungen ist. Besonders häufig kommt die Frage übrigens von Musiker*innen und von Teilnehmer*innen an Publikumsdiskussionen. Sie lautet: Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht? (Die Musiker*innen pflegen dann stets anzufügen, dass sie doch schließlich auch laut spielten, wenn ein "forte" in der Partitur stehe, und bei einem "ritardando" nicht beschleunigten.)

Etikettenschwindel

Die gute alte Frage nach der Werktreue also! Ist sie heraus, beginne ich mich in der Regel zu winden, zitiere bildungsbürger-bräsig Wagner ("Kinder, schafft Neues!"), verweise auf Entwicklung und Lebendigkeit des Theaters, male den Teufel langweiliger Modellinszenierungen an die Wand, großspure dann, Theater sei per se Aktualisierung (weil – Vorsicht, Latein! – in actu), und ziehe mich zuletzt auf das Totschlagargument zurück, dass es "das Werk", "das Stück" strenggenommen ohne die Aufführung ja noch gar nicht gebe und dass der Text nur eine Komponente des Gesamtkunstwerks Theater sei. Dass es Werk- oder Texttreue gar nicht geben könne, denn alles sei Interpretation! (Und den Musiker*innen keule ich noch die Gegenfrage hinterher, ob sich denn ein auf dem Klaviere Bach musizierender Glenn Gould groß um Werktreue geschert habe … Na also!)

17 Kolumne behrens k 3PWenn ich mich solcherart in den Brustton der Überzeugung hineingeredet habe, verschweige ich besser, dass ich sehr wohl um die Berechtigung der begrifflichen Konvention "Texttreue" weiß, weil alle wissen, wie der Begriff verwendet wird, und somit auch alle wissen, was damit eigentlich gemeint ist. (Und wer das leugnet – ein avancierter, semiotisch durchgeschulter Theaterwissenschaftler etwa –, der frage sich einmal, was er zu einer Aufführung sagen würde, über der "Macbeth" von William Shakespeare stünde, bei der aber ausschließlich "Faust"-Text von Goethe gesprochen würde. Käme da nicht sogar unserem Theaterwissenschaftler das Wort "Etikettenschwindel" in den Sinn?) Will sagen: Ich verschweige, dass wir Theaterleute und Freunde des zeitgenössischen Theaters natürlich die Forderung nach Werktreue verstehen, aber nicht hören wollen, weil wir Werktreue auf Dauer schlicht öde finden. (Und das ist auch die ehrlichste Antwort.)

Nun hat solch ein Gespräch über Werktreue fast immer eine Coda: Ist der Dissens mit dem unbelehrbaren Gegenüber endgültig manifest geworden, führe ich kurz vor den ersten Schreiereien noch an, dass es ja jedem unbenommen sei, werktreu zu inszenieren oder als Besucher*in gezielt werktreue Aufführungen aufzusuchen. Und mit nur unzureichend überdecktem Sarkasmus empfehle ich dann beispielsweise die Passionsspiele in Oberammergau, bei denen man eine sensationell bibeltreue Variante der Leidensgeschichte Jesu bewundern könne (der Sarkasmus bezieht sich nicht zuletzt darauf, dass diese spezielle Spielart der Werktreue nur alle zehn Jahre zu erleben ist).

Hamlet im Samtwams

Kürzlich indes musste ich der Zeitung entnehmen, dass nun auch diese Bastion der Werktreue in Gefahr ist. Die Tierrechtsorganisation PETA möchte nämlich verhindern, dass bei den Passionsspielen 2020 der Darsteller des Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreitet, da "die Belastung eines Esels keinesfalls mehr als 20 Prozent seines Eigengewichtes betragen" dürfe. Mit Verweis auf den Elektroauto-Gebrauch des aktuellen Papstes (dem man den Rang Jesu ja wirklich fast zuzubilligen geneigt ist) schlägt die PETA daher vor, Jesus könne sich doch "auf einem E-Roller oder mit einem anderen tier- und umweltfreundlichen Elektromobil fortbewegen". Hurra und Hosianna! Sofort sehe ich vor meinem inneren Auge voller Abscheu wieder jene Stadttheater-Inszenierungen der 1980er Jahre vorbeihuschen, die ihre Zeitgenossenschaft allein daraus bezogen, dass sie König Lear an einen Büroschreibtisch mit Telefonanschluss setzten.

Lange Zeit hätte ich's nicht für möglich gehalten, aber die Tierrechtler haben meinen Oppositionstrieb derart aufgestachelt, dass ich nun doch noch ins Lager der Werktreuen überlaufe: Denn ehe ich in Oberammergau den Herre Christ auf einem E-Scooter einherrollen sehe, möchte ich noch lieber an Matthias Lilienthals Münchner Kammerspielen einen Hamlet im samtenen Wams nach Helsingör'scher Mode erleben, der gräberdurchpflügend mit einem Totenkopf parliert. Was zu viel ist, ist zu viel! Ehret den Esel, indem ihr ihn zeigt. Denn so steht es geschrieben.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er u.a. in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

Zuletzt dachte Wolfgang Behrens über das Dramaturgenschicksal nach.

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Behrens: Phantom "Werktreue"Karl Hurb 2019-10-01 13:13
Wie ich bereits an anderer Stelle kommentierte: Bevor mit einem schwammigen Begriff wie "Werktreue" jongliert wird, wäre zu klären:
1. Was das Werk ist
2. Wie man ihm treu sein kann
2a. denn diese Treue setzt voraus, dass der Gegenstand der Treue etwas Konstantes ist
2b. demzufolge wäre zu erklären, wie das Werk von Zeit und Ort der Rezeption und der Person des Rezipienten unabhängig ist
3. Wie ein moralischer Begriff in einen ästhetischen Zusammenhang kommt, und wie der moralische Begriff mit dem ästhetischen verbunden ist
4. Wie es dazu kommt, dass jemand auf diese moralische Forderung verpflichtet ist.

Ihr Beispiel mit dem angekündigten "Macbeth", bei dem dann der Fausttext gesprochen wird, wäre ein toller Trick, wenn er nicht so durchsichtig wäre. Denn das Theaterkunstwerk ist meist ein aus verschiedenen Elementen widersprüchlich zusammengesetztes (nicht synthetisiertes). Unter diesen Elementen ist der Text, der der Aufführung zugrunde liegt. Er mag das Elemet sein, das alles bestimmt (es ist aber nicht zwingend, dass ihm diese Position zugewiesen wird), er bleibt aber doch ein Element unter anderen in einem komplexen Kunstwerk, das die Aufführung selbst ist.

Die Bezeichnung eines Theaterabends mit dem Titel des Stücks ist eine Konvention. Und zwar eine sinnvolle, weil das Stück, dessen Titel über die Aufführung geschrieben wird, in aller Regel das strukturbestimmende Element der Aufführung ist. Nichtsdestoweniger ist das Kunstwerk, das angekündigt wird, die Theateraufführung, die ein Werk ist, das sich vom Werk des Komponisten unterscheidet, wenn sie dieses auch einschließt. Mehr sagt der Titel des Abends nicht aus. Alles darüber hinausgehende ist ein Missverständnis.
#2 Kolumne Behrens: alte Meister abgehängtmartin baucks 2019-10-01 14:18
Lieber Wolfgang Behrens,

haben Sie zufälligerweise ein erwachsenes Kind? Ich schon. Und wenn ich mit ihm in das Theater gehe, sagen wir in den „Kirschgarten“ inszeniert vo Nurkan Erpulat, dann kann es mir widerfahren, dass er weder das Stück zuvor gelesen, noch je auch nur eine annähernd werktreue Inszenierung in seinem ganzen Leben sah. Er registriert weder Werktreue noch Modernisierung oder Umerzählung, um es vereinfacht darzustellen. Das kann ein Gespräch nach der Aufführung erheblich erschweren, ja sogar unmöglich machen, weil er das was er sah „eins zu eins“ als das Werk von Cechov nimmt. Er weiß nicht wovon ich rede und kann auch nicht mehr den Unterschied und die Spannung zu einer „gedacht“ werktreuen Inszenierung, von der wir alle wissen, dass es sie nie wirklich, sondern immer nur annähernd geben kann, er kann all dies nicht spüren und er hat auch keine Chance mehr eine solche Aufführung zu sehen, weil es sie schlicht nicht gibt.

Ein sehr merkwürdiger Moment.

Und plötzlich träume ich davon mit ihm eine Reihe Cechov Inszenierungen zu sehen, in der wir uns eventuell entsetzlich langweilen oder auch nicht, damit er endlich einmal erfährt, über was er sich ärgern und was er unmöglich finden soll, um dann ganz schnell wieder in moderne Aufführungen zu rennen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass es die überhaupt noch gibt. Stellen Sie sich ein Museum vor, in dem alte Meister hängen sollen und sie gehen hinein, um sich einmal so richtig ekeln zu können und da hängt gar nichts mehr, nur noch Übermalungen von Neo Rauch.

Der Vater verstummt und spürt schlagartig sein Alter, unfreiwillig. Es gibt den Gegenstand, der früher soviel Wut und Zorn hervorrief und zur Dekonstruktion aufforderte gar nicht mehr. Jetzt ist die Dekonstruktion der Status Quo, der neue Klassiker. Fatal. Ohne seinen eigentlichen Anlass wirkt der neue Klassiker öde und leer.

Was ist zu tun? Wo doch bald schon die gesamte Klassik ersetzt wird, da sie nicht mehr gendergerecht ist? Wenn das nicht schon geschehen ist. Ratlosigkeit macht sich breit. Und Jammern nützt nichts. Cechov, Kleist, Goethe wagt man kaum noch zu erwähnen, alles weg, einfach abgehangen, wie sovieles anderes und soviele andere in der heutigen Zeit ebenfalls. Leben in einem ausgehöhlten Kulturgebäude in Erwartung der Zukunft. Soviel Neu war nie. Und dann gehe ich über die Straße heim und da ist sie noch die alte Welt, direkt neben der Neuen und ich freue mich gar sehr. Mal sehen, wann die Schauspieler aus den Theatern stürmen und die alte Welt und mit ihr die Archetypen einfach mit einem Handstreich wegfegen. Falls dies nicht auch schon längst geschieht. Und überhaupt, warum steht der Mensch überhaupt noch im Zentrum der Bühne, wo er doch schon bald vom Klimawandel fortgefegt wird.
#3 Kolumne Behrens: keine SchimäreWolfgang Behrens 2019-10-01 14:24
Lieber Karl Hurb,

ich bin weit davon entfernt, Ihnen zu widersprechen, zumal Ihre Argumentation ja in meinem "gewundenen" Gedankengang unter der Unterüberschrift "Etikettenschwindel" zu finden ist.

Trotzdem glaube ich, dass man es sich zu leicht macht, wenn man Werktreue (oder Texttreue - das trifft es in jedem Fall besser) als völlige Schimäre bezeichnet. Wie Sie ja schon sagen: Ein Text bestimmt meist die Struktur eines Abends, und ein Text, den man näher untersucht, stellt aus sich heraus bestimmte Forderungen. (Theresia Walser schrieb einmal: "Jeder Text fordert eine andere Regiehandhabung heraus.") Diese Forderungen muss man natürlich nicht erfüllen, aber ein*e Regisseur*in weiß in der Regel sehr gut, ob sie "mit dem Text" oder "gegen den Text" inszeniert. Das Publikum weiß es auch. Weil eben - durchaus im Wittgenstein'schen Sinne - die Verwendung des Begriffs "Texttreue" in genügend engen Bahnen verläuft, um ihn auch ohne exakte Definition zu verstehen. Es geht hier eher um Näherungen als um Exaktheit.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will hier nicht der Texttreue das Wort reden und sie als allein seligmachenden Weg hinstellen. Allerdings finde ich es auch Menschen gegenüber, die einen "naiven" Begriff von Werktreue haben, arrogant, so zu tun, als wüsste man gar nicht, wovon sie reden, und als seien sie noch auf einem Diskursstand aus der Theatersteinzeit.
#4 Kolumne Behrens: Frage nach ObjektivitätKarl Hurb 2019-10-01 16:34
Sehr geehrter Herr Behrens,

geben Sie doch einfach eine tragfähige Definition des Begriffes "Werktreue" oder "Texttreue". Ohne eine solche ist er unbrauchbar für eine ernsthafte Diskussion. Insbesondere, wenn aus einem unbestimmten Begriff weitreichende Folgerungen gezogen werden. Sie geben in Ihrem Text nicht einmal einen "naiven" Begriff von Werktreue, sondern gar keinen.

Selbst wenn Sie nur auf "Näherungen" aus sind, müsste doch gefragt werden, was "Werktreue" sein soll. Also, was ist das Werk, und was die Treue zu ihm?

Die Frage "Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht?" unterstellt, dass es einen objektiven Textes gäbe, demgegenüber man sich näher oder ferner verhalten kann. Da liegt ein Missverständnis vor. Es ist selbstverständlich so, dass ich einen Text nur subjektiv lesen kann, wie jegliche Wahrnehmung subjektiv ist. Objektivität kann hier nur Vortäuschung falscher Tatsachen sein.

Die hypothetisch angenommene Aufführung, die den vorliegenden Text nicht interpretiert, ist ein Trugbild. Man kann einen Text nicht einmal still für sich lesen, ohne ihn zu interpretieren, wie wir bekanntlich überhaupt nichts, und sei es nur ein Vögelchen auf einem Baum, wahrnehmen können, ohne es zu interpretieren.
Es kann auch niemand ernstlich glauben, es reiche aus, die Regieanweisungen nachzuvollziehen. Wenn da steht: "Er kommt herein", kann er auf tausend verschiedene Arten hereinkommen. Und der Darsteller muss sich zwangsläufig für eine dieser Arten entscheiden, weil man nicht auf tausend verschiedene Arten hereinkommen kann, jedenfalls nicht gleichzeitig. Damit ist der Darsteller (oder der Regisseur) auf jeden Fall gezwungen, diese Regieanweisung zu interpretieren und ihren Sinn zu erforschen, der eben keineswegs offensichtlich ist.

Wenn Sie die Glaskugel gefunden haben, durch den Sie einen Text "objektiv", von Zeit und Raum unabhängig wahrnehmen können, dann können Sie von Werk- oder Texttreue sprechen, weil Sie dann einen Massstab für "Nähe" oder "Ferne" zum Text hätten.

Aber selbst wenn Sie dieses Unmögliche erreicht hätten (objektive Wahrnehmung), bleibt immer noch die Frage, was ein moralischer Begriff in einer ästhetischen Diskussion zu Suchen hat, und warum irgendeine Notwendigkeit besteht, dieser moralischen Forderung zu folgen.

Bis dahin ist der Begriff der Werk- oderTexttreue ganz unbrauchbar für eine Diskussion, die diesen Namen verdient (wenn auch geeignet als "Analyse" auf dem Niveau von Lachsschnittchenplaudereien in der Theater- oder Opernpause).
#5 Kolumne Behrens: handfeste DefinitionSeufz 2019-10-01 16:54
Ein Text wurde dann hundertprozentig "werktreu" umgesetzt, wenn die auf der Bühne gesprochenen Wörter zu hundert Prozent den in der Textvorlage stehenden Wörtern entsprechen. Das ist eine handfeste Definition, bittesehr. Um "objektive Wahrnehmung" geht es gar nicht, und auch nicht um Qualität oder Dauer der Aufführung. Zufrieden?
#6 Kolumne Behrens: Lesung und InszenierungDoktor Seltsam 2019-10-01 17:08
Die Einlassungen von Karl Hurb sind sehr interessant!

Ich würde zunächst einmal, wenn es um Text geht, folgendermaßen klären und unterscheiden:
Handelt es sich um einen l i t e r a r i s c h e n Text, also um einen Text, der auch OHNE Inszenierung, nur gelesen, als Dramatik bestehen kann?

Kann er, handelt es sich um ein Werk. Und zwar um ein literarisches FÜR Theater, aber ohne zwingend inszenatorisch umgesetzt werden zu müssen.
Solche Dramatik fordert das Theater heraus zu seiner eigenen Freiheit.
Das ist dann TEIL des jeweiligen dramatischen Werkes. Der zeitgenössisch dramaturgische Anteil an der inszenatorisch möglichen LITERATUR.

Handelt es sich jedoch um einen kollektiv improvisierten Text, der durch Probenarbeit fixiert wird, handelt es sich n i c h t um einen literarischen Text, weil er in aller Regel - außer alle beteiligten SchauspielerInnen sind gleichzeitig professionelle literarische AutorInnen - eben nicht uninszeniertgelesen als Literatur, sonders Dramatik, bestehen kann.
Solch ein Text ist dann eben kein Werk, sondern Text-Bestandteil des Inszenierungs-Werkes. Die Dramaturgie eines solchen Textes - wie immer er aussieht - besteht darin, Theater zu gar nichts herauszufordern und schon gar nicht zu seiner eigenen Freiheit sowie darin Literatur für Theater abzuschaffen. Vor allem aus Kostengründen und aus struktureller Bequemlichkeit. Wirkliche Dramatik, vor allem solche lebender AutorInnen, kostet nämlich extra außerhalb Produktionskosten und es kann sehr unbequem anstrengend sein, Freiheiten der Literatur und Freiheiten des Theaters GLEICHZEITIG gesellschaftsrelevant berücksichtigen zu wollen. Das ist nämlich ein politischer Akt. Kein aktualpolitischer, sondern ein systempolitischer.

Als Regie dem Werk eines/r lebenden Autors/in treu zu sein, heißt also, es zunächst einmal notfalls auch gegen alle theaterbetrieblichen und literaturbetrieblichen Schwierigkeiten inszenieren zu wollen und zu inszenieren.
Und es bedeutet für den Autor oder die Autorin, seinem eigenen Werk insofern treu zu bleiben, als dass er/sie darauf besteht, bühnenseits gewünschte Änderungen nach strikt poetischen Begründungen vorzunehmen oder genau poetisch/dramaturgisch begründet abzulehnen oder den eigenen Text aktuellen Wahrheitsgehalten im Detail anzupassen, wenn eine Aufführung in realitas ansteht.

Die Konstante ist dann der/die LEBENDE Autor/Autorin. Und zwar konkret dessen/deren GEIST in Form seines/ihres Werkes.

Das dramatische, also literarische Werk ist vom ORT und der ZEIT DER REZEPTION unabhängig, sobald es in gedruckter Form und zwar nicht durch ihn/sie selbst veröffentlicht vorliegt und frei erworben werden kann.
Und es ist vom REZIPIENTEN unabhängig, sobald es veröffentlicht in gedruckter Form vorliegt UND zumindest URaufgeführt wurde.

Ethik und Ästhetik sind insofern unauflöslich miteinander verbunden, als dass es ethisch geboten ist, eine von Verschweigen oder Vernichtung bedrohte Ästhetik gesellschaftsrelevant öffentlich zu präsentieren. Und als dass es ästhetisch ist, notfalls auch eine Moral, die von Verachtung, Diffarmierung und Staatsräson bedroht ist als real existierend, lebens- und möglicherweise sogar liebenswert darzustellen.

Es kommt gar nicht dazu, das jemand auf eine moralische Forderung verpflichtet ist! Weil es zu den Freiheiten des Menschseins gehört, dass man moralische Forderungen anerkennen kann oder nicht. Solche Forderungen stellen kann oder auch nicht. Es gibt moralische Konventionen und es gibt juristisches Recht. Moralische Konventionen im zwischenmenschlichen Umgang nicht zu beachten, kann unter Umständen zeitgemäß moralischer sein als deren Beachtung.
Ein Recht, dass moralische Konventionen im zwischenmenschlichen Umgang mit Rechtsvorschriften belegt, ist keines (mehr), das einer freiheitlichen-demokratischen Grundordnung entspricht.
#7 Kolumne Behrens: Oberammergauundsoweiter 2019-10-01 17:11
Passionsspiele -nicht nur die in Oberammergau- mögen alles mögliche sein. Was sie definitiv nicht sind ist "werktreu".
Da gibt es den groben Ablauf einer Geschichte die in ihrer ersten Form bereits von vier verschiedenen Autoren parallel überliefert ist.
Die Darstellung des Leidens (der Passion) wurde über Jahrhunderte neu getextet, auf das Leben Jesu ausgeweitet, mit erfundenen Szenen ergänzt, dem Zeitgeist angepasst (...mit Esel, ohne Esel, Holzesel).
#8 Kolumne Behrens: leere DefinitionKarl Hurb 2019-10-01 17:32
Sie haben damit zwar eine Definition eingeführt, die aber leer ist, da Sie "Werktreue" hier einfach als Synonym für "textliche Vollständigkeit" verstehen. Warum aber dafür einen neuen Begriff einführen?

Schon gar nicht geeignet ist Ihre Definition, zu erhellen, was denn nun "werktreue Aufführungen" sein sollen, da ja bekanntlich ausser dem Text noch einige andere Elemente eine Aufführung konstituieren.

Demnach wäre ein Lear am "Büroschreibtisch mit Telefonanschluss" genauso "werktreu", wie ein Lear in "historischen" Kostümen und Kulissen, wenn nur der Text vollständig wiedergegeben wird. Dass es tausend Arten gibt, einen Text vorzutragen, die dann alle gleich "werktreu" wären, lassen Sie hier selbstverständlich ausser acht.

Also, das war leider nichts. Daher nochmal gefragt: Was ist Werktreue?
#9 Kolumne Behrens: Werk ist die AufführungKarl Hurb 2019-10-01 17:55
Sehr geehrter Doktor Seltsam,

es geht in dieser Diskussion um die Frage: "Was ist eine werktreue Aufführung"? Die Frage, ob der Autor noch lebt oder nicht, ist m.E. zunächst sekundär. Eine Aufführung kann auch gegen die Intentionen eines lebenden Autors inszeniert werden. Zuerst muss geklärt werden, welche Funktion der vorliegende Text (im weitesten Sinne) im Theater hat. Kurz gesagt, reduziert sich das Problem auf die Frage, ob das Theater eine eigenständige Kunst ist, die Werke produziert, oder ob seine Aufgabe die Reproduktion von Werken ist. Die Frage lässt sich nach dem Ausschlussverfahren klären:

Wäre es wesenhaft die Aufgabe des Theaters, Werke zu reproduzieren, könnte es ohne Werke, die zu reproduzieren sind, nicht existieren. Es ist aber offensichtlich, dass Theater sehr wohl ohne solche Werke existieren kann. Theater existiert dann (und zwar vollständig, ohne Abstriche), wenn sich ein Mensch vor einen anderen Menschen stellt und ihm etwas vorspielt. Wenn also von einem Werk im Theater die Rede sein soll, müssen wir es in dieser Minimalform des Theaters aufsuchen. Es liegt auf der Hand, dass es hier nur eins sein kann: Nämlich das, was da geschieht, die Aufführung.

Nun gibt es andere, die einen vorliegenden Text (im weitesten Sinne) verwenden. Das ändert nichts am Wesen des Theaters, beeinträchtigt also die Antwort auf die Frage, was im Theater das Werk ist, in keiner Weise. Es bleibt also dabei, dass das Werk im Theater die Aufführung ist.

Und damit gibt es auch kein "Original", auf das sich eine Aufführung in Nähe oder Ferne beziehen kann, sondern das Original ist immer die Aufführung selbst.

"Ethik und Ästhetik sind insofern unauflöslich miteinander verbunden, als dass es ethisch geboten ist, eine von Verschweigen oder Vernichtung bedrohte Ästhetik gesellschaftsrelevant öffentlich zu präsentieren."

Abgesehen von dieser nebulösen Formulierung erklärt es nicht, warum das Werk, das die Aufführung ist, zu irgendetwas "treu" sein soll.

"Das dramatische, also literarische Werk ist vom ORT und der ZEIT DER REZEPTION unabhängig, sobald es in gedruckter Form und zwar nicht durch ihn/sie selbst veröffentlicht vorliegt und frei erworben werden kann."

Nur benötigt leider jedes literarische Werk, um ins Bewusstsein zu gelangen, der Wahrnehmung, die immer subjektiv, orts- und zeitgebunden ist. Das objektive Wahrnehmen unabhängig von Ort und Zeit ist wohl schlecht auf dieser Erde möglich, außer für ein absolutes Wesen, wie Gott - und der sind Sie doch wohl nicht? Oder doch?
#10 Kolumne Behrens: Planet ohne MenschenPixels 2019-10-01 18:27
Nehmen wir einmal an, jemand liest ein Drama, und in seinem Kopf spielen sich dabei Dinge ab, Visualisierungen, Vorstellungen, die sich komplett der Kontrolle der Apologeten entziehen. Der Text, die Schrift auf dem Papier ändert sich nicht, auch wenn ein Leser die eine Stelle schneller liest oder "abwesend". Nach Jahren vergilbt nur das Papier, Kaffeeflecke kommen hinzu, Notizen, die aber jeder von dem Text unterscheiden kann. Alles ist auf Treue angelegt plus bzw minus Abnutzungserscheinungen des Mediums, allerdings auch minus des Lesers. Minus des Menschen. Texttreue ist etwas für einen Planeten ohne Menschen.
#11 Kolumne Behrens: AnregungExmecklenburger 2019-10-01 18:54
Da haben Sie, verehrter Kollege Behrens, ja eine Diskussion angestoßen, die fast so alt wie das Theater selbst ist. Bevor über Werk- bzw. Texttreue gestritten wird, sollte kurz daran erinnert werden, was denn ein Werk ist.
Ich begebe mich in unwegsames Gelände, ich weiß.
Im Schauspiel liegt zunächst ein Text vor. Er ist ein literarisches Erzeugnis, das szenisch realisiert werden soll und kann, aber nicht muss. Dadurch besitzt er eine Eigenständigkeit. Jeder kann den Text lesen, erste Ideen und Bilder entstehen dabei. Im Musiktheater ist es schwieriger weil anspruchsvoller. Nur eine relativ kleine Gruppe vermag die in Noten festgehaltene Musik zu lesen, ihren Klang sich vorzustellen.
Gemeinsam ist Schauspiel und Musiktheater, dass beim ersten Lesen die Interpretation beginnt.
Über Werktreue diskutierte ich immer wieder, in der Theaterhochschule, in den Theatern, an denen ich engagiert war. Dass Werktreue eine Schimäre ist, war zumeist schnell Konsens. Dann kam oft eine Forderung ins Spiel, die da lautete: Man habe ein Werk aus seinem Geist zu interpretieren, nicht buchstabengetreu. Was bedeutet das denn, wird sich mancher fragen. Es bedeutet für mich, sich nicht nur mit dem Werk an sich auseinanderzusetzen, sondern mit dem gesamten Kontext der Entstehung. So vertieft man das Textverständnis und kann sich fragen, was man nun damit anfangen will. Streicht man nur den Text ein? Stellt man ihn um und verteilt ihn auf die Figuren neu? Ersetzt man Passagen durch Fremdtexte?
Und hier spätestens kommt etwas ins Spiel, was gemeinhin Aktualisierung genannt wird. Ein strikte Aktualisierung geht scheinbar zwangsläufig mit einer Textveränderung einher oder/und ist ihre Ursache. Wer glaubt, unbedingt ältere Texte aktualisieren zu müssen, ignoriert entweder die Spannung zwischen Historizität und Aktualität oder hat keine Ahnung davon. Auch kann sich in der Aktualisierung eine Verachtung des Publikums ausdrücken. Man traut den intelligenten, gut ausgebildeten, sensiblen und Lebenserfahrungen verfügenden Frauen und Männern nicht zu, eigene Assoziationen zum Heute herzustellen.
Zum Abschluss ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert, wie man damals mit Texten umging. Die veränderten sich nicht nur durch ungenaue Kopien oder weil sie ein Prinzipal sie für sein Ensemble einrichten musste. Ein Kantor namens Thomas bearbeitete 1783 in Stralsund Schillers "Räuber" wie folgt: "Die Katastrophe schien mir unnatürlich, allzu mordvoll und von keiner Wirkung zu sein. Ich schmelzte sie ganz um. Bloß Franz war und blieb tot. Den Vatern, Amalien, Schweitzern, Carln, alle ließ ich leben, Carln und die Räuber umkehren, Amalie mit ihrem Geliebten glücklich werden, den Alten ins Kloster und die übrigen in die weite Welt gehen."
Na, ist das nicht eine Anregung?
#12 Kolumne Behrens: konzeptionelle SyntheseDoktor Seltsam 2019-10-01 20:33
Sehr geehrter Herr oder sehr geehrte Frau "Karl Hurb",

ich denke, Sie machen es sich eventuell etwas einfach mit meinen Argumenten... Wenn es um eine werktreue Aufführung geht, geht es sehr wohl darum, ob auch der in der Aufführung (Aufführung und Inszenierung darf man auch unterscheiden, übrigens) verwendete Text ein eigenständiges Werk, nämlich ein literarisches Werk auch unabhängig von seiner Aufführung ist, oder nicht. Und es ist insofern auch bedeutungsvoll, ob es sich - falls es sich um Literatur, also ein dramatisches Werk, handelt oder nicht - um eine/n lebenden, also zeitgenössische/n Autor/un handelt oder nicht, als dass ein/e solche/r sein/ihr Werk gegenüber dem Theaterbetrieb und dem Literaturbetrieb selbst und direkt verteidigen kann. Was ein/e bereits verblichene/r nicht kann. In dem Fall bedarf es einer wissenschaftlichen Vermittlungsarbeit in Bezug auf das Originalwerk, die dann immer nur indirekt und stellvertretend sein kann.

Ein gedruckt vorliegendes zeitgenössisches dramatisches Werk ist unabhängig vom Theater und seiner Aufführung rezipierbar. Und zwar nur dann, wenn es n i c h t vom Autor/von der Autorin selbst ediert wurde und auch unabhängig vom Theaterbetrieb erworben werden kann. Was anderes sagt mein Satz dazu auch nicht aus. D.h. es ist eindeutig nicht von mir behauptet, dass diese Nicht-Aufführung eine o b j e k t i v e Wahrnehmung sichert. Warum unterstellen sie mir diese Behauptung? Um mir Größenwahn unterstellen zu können?

Wenn Sie klären wollen, was Sie erklärtermaßen nach Ihrem Kommentar 1 klären wollen, müssen Sie klären, ob in dem Aufführungswerk ein literarisch eigenständiges Werk integraler Inszenierungsbestandteil ist oder eben nicht.
Ich gebe zu, dass das eindeutig klären zu wollen, sehr heikel sein kann und viele Menschen, die in Inszenierungen Texte benutzen, die in Probenprozessen improvisiert und dann fixiert wurden, erschüttern könnte.
Wenn man dies zu klären jedoch nicht versucht, bleibt die Diskussion schwammig und taugt ästhetisch rein gar nichts. Es ist dann einfach eine kommentatorische Luftnummer - über die sich nk.de natürlich trotzdem freuen kann. Und dann bleibt für uns nur noch die Frage: Kommentieren wir hier, um nk.de eine Freude zu machen oder um anonym theaterästhetische Fragen zu diskutieren?...

Sie meinen also mit "Werk" nicht die Inszenierung eines Dramas oder eines anderen Textes, sondern eine Aufführung. Die jeweilige Aufführung ist für Sie jeweils ein "Original"? Das kann man so sehen, aber dann müsste man im weiteren auch anders diskutieren... Das scheint mir dann eine andere Diskussion, in der dann, Herr Behrens und "Seufz", Text-Treue gar nicht relevant ist, denn es gibt ja auch Tanztheater-Aufführungen zum Beispiel.

Ich denke, dass eine Aufführung unter Verwendung eines literarischen Werkes als dessen strukturbestimmendes Element durchaus deshalb ein Kunstwerk sein kann, WEIL es konzeptionell eine originale S y n t h e s e mit diesem Werk bildet. Und nicht einfach nur ein Element unter anderen ist. (Für das Kohlendioxid spielt es auch nicht nur eine Rolle, dass es natürlich aus Kohlenstoff und Sauerstoff besteht, sondern in welcher Weise sich die molekular strukturierten Stoffe synthetisiert haben!)
Die Aufführung einer solchen Inszenierung kann dann mit höherer oder niedrigerer Wahrscheinlichkeit ein eigenständiges originales Kunstwerk sein. Das hinge dann nur davon ab, wie stark die Energie der Werke-Synthetisierung durch die Inszenierungsarbeit an dem jeweiligen Aufführungsabend erneut spürbar wird. Das bedeutete, dass zunächst nur eine Intensität, die als unausweichlich (nicht zu verwechseln mit "überwältigend") wahrgenommen werden kann, wesentliches Merkmal des Kunstwerkes "Aufführung" wäre.

D.h., dass eine Aufführung je mehr Kunstwerk wäre, je treuer sie die energetische Intensität der inszenatorischen Vor-Arbeit nachzubilden versucht undoder vermag.
#13 Kolumne-Behrens: Werktreue-Kriterien für Inszenierung?Al Gemeiner 2019-10-02 15:36
Was wäre den Werktreue bei einer Inszenierung? Wenn Regisseur A einen Abend mit den Spielern P, Q und R in Hamburg inszeniert, und nun kommt der selbe Abend in Nürnberg auf die Bühne, welche Elemente müssen dann gegeben sein, damit der Urheber dieses Werks sagen würde: Ich erkenne es als mein Werk wieder? Müssen es die identischen Spieler*innen P, Q und R sein? Oder sollten bei Neubesetzung die Spieler*innen den ursprünglichen Spieler*innen möglichst nahe kommen? Müssen alle Elemente des Bühnenbildes vorhanden sein? Ab wann geht der Bühnenbildner, die Bühnenbildnerin auf die Barrikaden? Muss die Reihenfolge, die Abfolge der Szenen die gleiche sein, oder kann man den Abend des Regisseurs, der Regisseurin auch mal in Nürnberg in umgekehrter Reihenfolge zeigen als in Hamburg? Apropos Fremdtexte, wie wäre das bei der Regie: Wenn also Perceval in Hamburg den ganzen Abend inszeniert, nun aber in Nürnberg der Gockel die ersten zwanzig Minuten und die letzten fünfzehn Minuten um-inszeniert, wäre dann die Werktreue zwischen dem Nürnberg-Gockel-Abend und dem Perceval-Hamburg-Abend noch gegeben? Wenn der Hamburger Abend untermalt ist mit frühen Aufnahmen von Lou Reed, die Nürnberger Wiedergabe aber nun den Richie Hawtin live auf der Bühne stehen hat – haben wir dann in den Augen des Urhebers dieses Abends noch Werktreue? Wenn man bei den Rollen die Geschlechter dreht, was in Hamburg Frauen, sind in Nürnberg Männer, und umbekehrt? Und waren es im Norden Jugendliche, sind es nun Rentner? Werkttreue? Wie ist es mit der Video-Ebene? Hat der Videokünstler nicht vielleicht schon so was wie ein Begriff von Werktreue? Vielleicht kann man die Diskussion auch ganz simpel so fassen: Egal, was ihr seid, Regie, Spieler*innen, Autor*innen, Videokünstler, Ausstatter, Musiker*innen etc. stellt euch vor, ihr liefert eine Arbeit ab (das Wort Werk wirkt so unnötig altbacken und gewichtig), und nun geht diese Arbeit irgendwo hin. Und dort kommt jemand eure Arbeit, die ihr gemacht habt, kucken. Das muss nicht gleich der Ulrich Khuon oder der Martin Kusej sein, aber es kommt da jemand kucken, und dieser Jemand möchte sich – wie man so schön sagt – ein Bild von eurer Arbeit machen? Unter welchen Bedingungen würdet ihr im Hinblick auf eure eigene Arbeit sagen: Dieser Jemand, der da kucken kommt, der hat eine faire Chance, sich tatsächlich ein Bild von eurer Arbeit zu machen? Das ist die Frage. Und diese Frage stellt sich am besten jede und jeder im Hinblick auf ihr und sein Tun, seine Arbeit. Dann reden wir hier nämlich nicht nur immer über Autor*innen und Texte, auch nicht über irgendwelche – oh heiliger Staub im Arbeitszimmer des Goethe-Hauses zu Weimar, amen – angeblich altbackenen Werk-Begriffe, sonder einfach über unsere Arbeit, und ob sich jemand, der das kucken kommt, sich davon ein Bild machen kann. Das, so finde ich mit Verlaub, das wäre die eigentliche Diskussion.
#14 Kolumne Behrens: EtikettenschwindelUEL 2019-10-03 11:17
Warum geht niemand auf Martin Baucks ein?
Wenn die Theater immer noch Titel anbieten, sagen wir also zum Beispiel „Der Kirschgarten“, dann auch noch gestorbene und Rechte freie Autoren darüber schreiben, also: Anton Cechov, dieser Text aber dann weder ergründet, noch interpretiert, noch gespielt wird, dann ist das eben einfach Etikettenschwindel.
Warum tut man das? Weil man sich von Autor und Werk einen Nimbus verspricht, den man selber nicht hat. Aber den man sich doch als eigner Schöpfer über die Sparte Regie erwerben will.
Nun wurde schon immer und wird auch heute mit ideologischen Totschlagwörtern und Argumenten um sich geschlagen, die eine nüchterne Betrachtungsweise ja geradezu verbietet,
als müssten immer gleichzeitig irgendwelche theatralen Errungenschaften, Freiheiten, Farben, Gender und Ethien verteidigt werden.
Da war es doch ehrlicher von Voges und Co die Parole auszugeben: Wir spielen keine alten Texte mehr, keine Klassiker! Nur Neues, nur Modernes!!
Sollte sich das wirklich durchsetzen und eigentlich sieht es fast so aus, als ob das gelingen könnte, dann sind Texte von gestorbenen Autoren auf dem deutschsprachigen Theater VERBOTEN!
Und Nachtkritik ist zum Beispiel dafür zuständig, dieses Verbot durchzusetzen!
Viel Glück und Spaß dabei.
UEL
#15 Kolumne Behrens: Die Kunst Unterschiede zu machenDoktor Seltsam 2019-10-03 13:38
#13: "Werk" und "Arbeit" unterscheiden sich. Konkret. Eine Arbeit, die abgeliefert wird oder zumindest werden kann, ist eine adressierte Arbeit. Ein Werk ist eine Arbeit, die auch nicht adressiert geleistet wurde und wird. Das sind zwei Arten von Arbeit, die durch mindestens eine philosophische Dimension getrennt sind. Das Werk entsteht in sozusagen größerer geistiger und damit auch künstlerischer Unabhängigkeit als die ablieferbare, erwartete Arbeit.
Deshalb ist es nicht altbacken, eine geistig freiere geleistete Arbeit Werk zu nennen und eine abhängiger geleistete Arbeit eine Arbeit. Weil der Unterschied zwischen beiden in der Tat ästhetisch ein gewichtiger ist.
Es sei denn, man findet es altbacken, ästhetische, philosophische Unterscheidungen überhaupt zu treffen oder treffen zu wollen. (Ich kann mir vorstellen, dasss man das altbacken findet, denn die Geisteswissenschaften sind inzwischen ziemlich am A..., in solchen Zeiten greift so ein abwertendes Denken über geistige Freiheit gern um sich. Man muss das aber nicht gut finden und kann sich entsprechend äußern. Auch öffentlich, wie hier.)
Den Gedanken, dass sich lebende, zeitgenössische RegiseurInnen zu der empfundenen Treue zu ihren Werken äußern sollten, wenn sie sie gesampelt, verschnitten, in anderen als selbst vorgenommenen Umbesetzungen wiederfinden, finde ich sehr sehr gut. Das fehlt in dieser Diskussion hier in der Tat. Und das betrifft natürlich auch lebende, zeitgenössische SchauspielerInnen, die sich woanders durch andere Besetzungen im Gestus oder Sprechduktus, den sie in eine Inszenierung eingebracht hatten, imitiert wiederfinden...

#14: Ich glaube, dass hier niemand so recht auf "martin baucks" eingeht, weil manche denken, es ist ein Troll und weil er - selbst, wenn er ein Troll ist - mit dieser Frage nach dem vorhandenen oder nicht vorhandenen erwachsenen Kind seinen Kommentar eingeleitet hat. Und weil das mit dem Etikettenschwindel durch Titulierung so banal weil offensichtlich ist, dass das jeder/m klar ist, der/die das liest.
Welche ideologischen Totschlagwörter meinen Sie denn konkret?
Ich denke ja, dass das eine der Schwierigkeiten ist in diesen künstlerischen Berufen, dass eben Errungenschaften der Kunstgattung, Freiheiten, und zwar unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Ethnie der jeweilig thematisierten KünstlerInnen und ihrer Arbeit - oder Werke - IMMER GLEICHZEITIG verteidigt werden müssen. Das ist wirklich sehr anstrengend und deshalb ist es nicht einfach "ehrlicher" diese Art Voges-Parole herauszugeben, sondern vor allem bequemer, weil einfacher normale Schwierigkeiten der Kunstbetrachtung und -selbstbetrachtung aus der zeitgenössischen Debatte auszuschließen. Wenn sich das durchsetzt - und es sieht wirklich beinahe so aus, als wäre das der Fall - würde das durchaus nicht die Texte der toten AutorInnen mit Verbot belegen. Das geht ja nicht mehr, weil die schon veröffentlicht waren. Es würde aber zu einem Verbot von unveröffentlichten, zeitgenössischen AutorInnen von als Dramatik behaupteter Literatur führen, die der bestehende Betrieb nicht selbst hervorgebracht hat.
Mithin zu einem Verbot der des unandressierten dramatischen Werkes führen. Das heißt im philosophischen, nicht ideologischen, Schluss: Zu einer existenziell relevanten Bestrafung von geistiger Freiheit führen. -
Ich denke nicht, dass sich die MitarbeiterInnen von Nachtkritik de. dafür zuständig fühlen möchten, ein solches Verbot im deutschsprachigen Raum durchzusetzen.
#16 Kolumne Behrens: Anrecht auf Sichtbarkeit?Al Gemeiner 2019-10-03 15:29
"von" statt "frei nach"?

Drei Fragen:
– Haben Künstler*innen ein Anrecht darauf, dass Menschen sich von ihrer Arbeit ein Bild machen können oder nicht?
– Und haben alle Künstler*innen dieses Anrecht – beispielsweise auch Dramatiker*innen im deutschsprachigen Theater?
– Oder haben dieses Anrecht im deutschsprachigen Theater nur Regisseur*innen, Schauspieler*innen, Bühnenbilder*innen, Musiker*innen und Videokünstler*innen? Und wenn ja: Mit welchem Recht eigentlich?
#17 Kolumne Behrens: AntwortenMilchmädchen 2019-10-04 10:43
3 Antworten:

Frage 1: Prinzipiell nein. Aber Menschen haben ein Anrecht darauf, sich von der Arbeit von KünsterInnen ein Bild machen zu können. Und zwar auf dem Wege, den sie jeweils für sich als den ihnen und ihrer Persönlickeit am angemessensten finden.
Frage 2: Diejenigen, die literatur- und theaterb e t r i e b l i c h eingebunden sind durch Verlagsvermittlung, Theaterbetriebs-Zugehörigkeit oder Betriebskontakte vermittelnde Schreibschulen, ja.
Frage 3: Ja, kunst-, literatur- und theaterb e t r i e b l i c h eingebundene schon. Aber ich weiß auch nicht, mit welchem Recht ihnen das per se eingeräumt wird. Das Prinzip unter 1. wird hier unbegründet selektiv gebrochen.

Allererste Frage: "von...nach..." - da ist dann die Freiheit, einem bestimmten, redlicherweise benannten, Vor-Bild gefolgt zu sein, also zu zitieren in eigenem Zusammenhang, bereits eingeschrieben.
#18 Kolumne Behrens: Quiz zur VerdeutlichungWolfgang Behrens 2019-10-04 16:05
Angesichts einiger Beiträge in obiger Diskussion fühle ich mich wie einer, der nachträglich einen Witz erklären muss, dessen Pointe ihm eigentlich klar erschien.

Hier also ein paar Punkte zur Erläuterung:
1. Dass Texte nur subjektiv gelesen werden können, dass jeder Text Interpretationsspielraum bietet, dass es das Werk an sich nicht gibt – geschenkt! Das sind philosophische Binsen, die nicht sonderlich interessant sind, da wir
a) trotzdem in der Lage sind, uns intersubjektiv über einen Text auszutauschen
b) wir durchaus um "angemessene" Interpretationen von Texten aller Art ringen
c) wir uns, ohne auf grobe Verständigungsschwierigkeiten zu stoßen, über Werke wie Schillers "Don Carlos" oder Beethovens Siebte Sinfonie oder Frank Castorfs "Der Bau"-Inszenierung austauschen.
2. Ich glaube nicht, dass man Werktreue bzw. Texttreue definieren kann oder auch nur müsste.
3. Ich halte Werktreue bzw. Texttreue für keinen ethischen Begriff, Werktreue ist keine mit moralischen Gründen zu untermauernde Forderung.
4. Ich halte Werktreue bzw. Texttreue in erster Linie für einen Stil (unter vielen anderen Stilen), eine Art, mit Texten (z.B. im Theater) umzugehen. Als eine solche Stilrichtung ist Werk- bzw. Texttreue nicht trennscharf zu definieren (siehe 2.), sondern stellt sich eher als ein Merkmalbündel dar. Merkmale einer texttreuen Aufführung können z.B. sein:
a) dass die Aufführung versucht, textliche Eigenarten des zugrundeliegenden Stücks zu bestimmen (z.B. Konversationsstück, Tragödie, Komödie, Textfläche) und diese grundsätzlich beibehält
b) dass keine Fremdtexte zum zugrundeliegenden Stück hinzugefügt werden
c) dass die im zugrundeliegenden Text benannten Charaktere tatsächlich auftreten
d) dass die Ausstattung im Text vorgeschlagene Möglichkeiten aufnimmt
usw.
5. Werk- bzw. texttreu zu spielen ist eine Option unter vielen und in keiner Weise verpflichtend (siehe 3.), und auch werktreue Inszenierungen unterscheiden sich stark voneinander, je nachdem, welche Merkmale aus dem Bündel sie wie umsetzen.
6. Der werk- bzw. texttreue Stil ist relativ leicht zu erkennen, zu behaupten, man wüsste nicht, was mit einem solchen Stil gemeint sei, ist meist Augenwischerei.

Um Punkt 6 zu untermauern hier ein kleines Quiz.
Angenommen, folgender Witz sollte inszeniert werden:
Sagt der Masochist zum Sadisten: "Bitte quäle mich!" Sagt der Sadist: "Neeeein!"
Inszenierung 1 sieht ungefähr so aus: Man sieht einen Schauspieler mit Peitsche und einigen martialischen Accessoires. Ein anderer Schauspieler nähert sich ihm in unterwürfiger Haltung und winselt plötzlich: "Bitte quäle mich!" Worauf der erste Schauspieler in hartem Ton antwortet: "Nein!"
Inszenierung 2 geht etwa so: Ein Chor tritt auf und skandiert dreimal: "Der Mensch ist des Menschen Wolf!" Schließlich tritt ein Einzelner aus dem Chor hervor und brüllt: "Bitte!" Ein zweiter kommt hinzu und ruft: "Quäle!" Ein ein geschrienes "Mich!" an. Der restliche Chor singt daraufhin unisono im Pianissimo die Liedzeilen: "Wie bist du so erbleichtet? Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht'?" Zuletzt skandiert der ganze Chor so laut wie möglich: "Nein! Nein! Nein!"

Nun die zwei Quizfragen:
1. Welche Inszenierung ist die texttreuere?
2. Welche Inszenierung ist die künstlerisch wertvollere?

Auf Frage 1 gibt es meiner Ansicht nach eine einfache Antwort. Auf Frage 2 nicht.
#19 Kolumne Behrens: Werk und Autor?martin baucks 2019-10-04 17:58
@18

Ist der Witz urheberrechtlich geschützt?

Ist sein Text oder das Werk gut genug, um Treue zu zeigen?

Handelt es sich dabei überhaupt um ein Werk und gibt es einen Autor, den man schützen müsste?
#20 Kolumne Behrens: Behrens Argumente gehen ins LeereKarl Hurb 2019-10-04 18:59
Sehr geehrter Herr Behrens,

Anmerkungen zu Ihren Punkten:

1. Offensichtlich ist das nicht für jeden eine "philsophische Binse", ansonsten würde es nicht zu dem von Ihnen erwähnten Satz kommen, "Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht?", weil es die Möglichkeit der Auffindung der einzig richtigen und für alle Zeiten gültigen Deutung unterstellt, also dessen, was der Autor/Komponist gemeint hat

2. Wenn schon keine Definition, so müsste man doch eine hinreichende Übereinkunft erzielen, was denn mit "Werktreu" gemeint sei, um diesen Begriff in einer Diskussion sinnvoll verwenden zu können. Interessanter ist allerdings, wie die Werktreueanhänger ihre Position selbst begründen. Da habe ich bisher noch nie etwas anderes gehört als "das versteht sich doch von selbst", "weil es nun mal so ist", "es ist so", und das Königsargument: "die werden schon sehen, wenn die Subventionen gestrichen werden." Eine ernstliche Darstellung, was das denn eigentlich sein soll, von welchem Werk denn eigentlich die Rede ist, woraus sich die Verpflichtung zu Treue diesem ominösen Werk gegenüber eigentlich ergibt, woran diese sich messen lässt usw. habe ich in den mehr als 30 Jahren, die ich die Diskussion verfolge, noch nie gehört.

Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass dies zwei gute Gründe hat: Zum einen wissen es die Anhänger dieser Idee selbst nicht, zum anderen sind sie ganz froh, dass die Idee so vage ist, so ist sie ein perfektes Mittel, alles zu verdammen, was irgendwie dem eigenen Geschmack zuwider ist.

3. Zustimmung.

4. Sie machen hier "Werktreue" weitgehend an Eigenschaften des zugrundeliegnden dramatischen Textes fest. Sie gehen anscheinend davon aus, dass das Theater dazu da ist, Geschichten, die sich Dichter oder Komponisten ausgedacht haben, getreulich nachzuerzählen, so dass Sie meinen, im Theater z.B. Schillers Geschichte zu erleben. Das ist aber nicht der Fall, auch dann nicht, wenn sich das Theater bemüht, möglichst "werktreu" zu arbeiten (was nicht ganz leicht ist, weil bekanntlich ganz unklar ist, was das sein soll). Es kann deshalb nicht sein, weil das, was im Theater geboten und betrachtet wird, ein Theaterkunstwerk ist, der Dichter oder der Komponist aber eine Dichtung bzw. eine musikalische Komposition verfasst haben, die eben kein Theater sind. Darum ist es das Theater, das die Geschichte erzählt, und es ist die Geschichte des Theaters, das es erzählt. Welche soll es sonst sein? Die Geschichte des Autors kann es nicht sein, weil deren Erzählung Literatur oder Musik und eben nicht Theater ist. Es kann also die eine Erzählung nicht Maßstab für Sinn und Unsinn einer anderen Erzählung sein. Diesen kann man nur in der Erzählung des Theaters selbst finden und dann anwenden.

5. Da das Theater nicht eine Maschine zur Reproduktion von Werken ist, sondern seine Werke selbst hervorbringt, ist "werktreu" zu spielen in Ihrem Sinne nicht nur keine Option, sondern unmöglich.

6. Weil es kein Kriterium zur Beurteilung von Werktreue gibt, noch wie es abgeleitet ist und woraus es sich ergibt, läßt sich eine "werktreue" Aufführung auch nicht erkennen.

Wenn Sie 4. lesen, werden Sie verstehen, dass selbst Otto Schenk und Zeffirelli nicht "werkgetreu" inszeniert haben, insofern geht Ihr Schwarz-Weiss-Beispiel ins Leere.
#21 Kolumne Behrens: "Werktreue ist Dummheit!"Ein Herforder 2019-10-04 21:12
In Schillers "Kabale und Liebe" finden sich folgende Regieanweisungen:
- ärgerlich, stößt sie mit dem Ellenbogen
- in sichtbarer Verlegenheit, kneipt sie in die Ohren
- macht falsche Augen
- voll Zorn seine Frau vor den Hintern stoßend
- spuckt aus, giftig
- sie sinkt entfärbt und matt auf einen Sessel
- Er fliegt mit großem Gekreisch auf den Präsidenten zu und breitet einen Bisamgeruch über das ganze Parterre
- tritt hervor in Bewegung, wechselweis vor Wuth mit den Zähnen knirschend und vor Angst damit klappernd

Wer sagt, ein Stück werktreu zu spielen, heiße, es so zu spielen, wie der Autor es geschrieben hat, muss dann erwarten, dass auch die Regieanweisungen so gespielt werden: Insbesondere die zuletzt aufgeführte dürfte aber im Zuschauerraum für viel Heiterkeit sorgen und kaum Schillers Intention entsprechen. Auch sich zu entfärben dürfte manchen Darstellerinnen oder Darstellern Probleme bereiten.
Und was ist mit Goethes "Iphigenie"? Es gibt kaum Regieanweisungen, was also bedeuten müsste: Person tritt auf, steht rum, sagt den Text auf, geht ab. Sicher ein spannendes Theater; gilt dann auch für Shakespeare.
Und was ist mit den Dialogen: Bei Beckett heiß es im "Endspiel": "Ich bin dran". Ich erinnere mich zweier Inszenierungen in Bochum und Düsseldorf (achtziger, neunziger Jahre; in Bochum war Steckel Intendant), in denen in der einen das "ich" und in der anderen das "dran" betont wurde - zwei völlig verschiedene Bedeutungen, die auch den Kern der jeweiligen Inszenierung widerspiegelten. Aber welche Betonung ist die werkgetreue?
Fritz Kortner wird der Satz zugeschrieben: "Werktreue ist Dummheit" (oder so ähnlich). Also: Nehmen wir die Inszenierungen, wie sie sind, und lassen uns überraschen, verstören und vielleicht auch verärgern und entscheiden, ob es gut oder schlecht ist.
Aber das ist vielleicht nur dem erfahrenen Theatergänger möglich. Denn es bleiben die Jugendlichen, die ein Stück zum ersten Mal sehen und nicht beurteilen können, was vom Autor und was von anderen ist. Und da habe ich auch keine Lösung.
Oder vielleicht doch: So oft ins Theater zu gehen wie möglich und viele Inszenierungen eines Stückes zu sehen.
PS:
Ansonsten sagt Wolfgang Behrens in #18, was zu sagen ist.
#22 Kolumne Behrens: nach GustoWolfgang Behrens 2019-10-05 00:19
@19
Lieber Martin Baucks, ich glaube, mit dem zitierten Witz darf nach Gusto und ohne Rücksicht auf jedwede Autorenrechte verfahren werden

@20
Lieber Karl Hurb, zu Ihren Einwänden unter 4): Ich gehe NICHT davon aus, "dass das Theater dazu da ist, Geschichten, die sich Dichter oder Komponisten ausgedacht haben, getreulich nachzuerzählen". Ich sage nur, dass Aufführungen dann texttreu genannt werden, wenn ihnen ein dichterischer Text zugrundeliegt (diese Voraussetzung habe ich nicht explizit genannt, sorry!) und sie einige der Merkmale, wie ich sie in #18 aufgeführt habe, aufweisen.
Was Sie unter 5) sagen, lasse ich so nur bedingt gelten. Wenn das Theater ein dichterisches Werk zur Grundlage einer Inszenierung macht, sind mindestens zwei Werkbegriffe im Spiel: das Werk des Textes und die Inszenierung. Um dieser Verwirrung zu entgehen, ziehe ich "Texttreue" als Stilbeschreibung vor. Wohlgemerkt: als Beschreibung eines Stils, nicht als Forderung. Und es IST eine Option, texttreu zu spielen.
Und zu 6) ist zu sagen, dass es sehr viele Fälle gibt, in denen Kritiker*innen oder Zuschauer*innen oder auch Theatermacher*innen von texttreuen Inszenierungen sprechen. Sagen diese Menschen Ihrer Ansicht gar nichts, weil sie etwas komplett Sinnloses behaupten? Ich jedenfalls glaube fest daran, dass in dem Satz "Frank Castorf hat Lenz' 'Soldaten' nahezu texttreu inszeniert" ein Aussagegehalt steckt, den auch Sie verstehen.

@21 Der Kortner-Satz ist toll! Und der Schlusssatz Ihres Kommentars gefällt mir auch sehr gut …
#23 Kolumne Behrens: Liebesvergleichmartin baucks 2019-10-05 10:01
Werktreue ist immer dann vorhanden, wenn der Autor selbst inszeniert. Außer er oder sie hat gerade Lust sich selbst untreu zu sein.

Grundsätzlich gibt es so viele Werkbegriffe im Raum wie Zuschauer anwesend sind, plus eins oder zwei, eventuell sogar drei, je nachdem, ob der Regisseur auch der Autor ist oder nicht und ob der Ausstatter die Sache nicht nochmal ganz anders sieht.

Wirkliche Werktreue ist nur dann gewährleistet, wenn ich zuvor mein Lieblingsstück lese und der Regisseur exakt genauso inszeniert, wie ich es mir vorstelle und ich alle anderen Zuschauer nach Hause schicken darf, wenn sie es nicht genau so sehen.

Nein, ernsthaft. Seltsamerweise kann man spüren, wann eine Regie dem Werk des Autors untreu wird, ohne dass man sagen könnte was diese Treue eigentlich ist. Eine etwas unheimliche Situation ähnlich der Liebe. Ich kann immer definitiv sagen, wann ich nicht mehr geliebt wurde, aber nur sehr unbestimmt, wann ich wirklich geliebt wurde, außer in sehr intensiven Momenten und die machen sowohl die Liebe wie das Theater aus. Damit kann man doch leben.

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