So furchtbar richtig

von Henryk Goldberg

Weimar, 4. Oktober 2019. Was sagt er da? "Der letzte Trunk sei nun…"? Und wer redet ihm da dazwischen? Die jungen Frauen verteilen weiße Blüten und er verkündet nun "die Träne quillt, die Erde hat mich wieder". Was ist das nun wieder?

Wo "Urfaust" draufsteht, ist "Faust" drin

Es ist ein "Faust" auf Weimars großer Bühne, der nicht so heißen darf, so heißt er "Urfaust". Aber Tobias Wellemeyer mag das Fragment wohl nicht, er will ein richtiges Stück, eines bei dem das Publikum erkennt, was das Stück im Innersten zusammenhält. So haben er und der Dramaturg Carsten Weber den Text "plausibel" gemacht: Mephisto kommt nicht wie der Kasper aus der Kiste, er bellt sich, sozusagen, an und macht ein Angebot, Faust greift doch zur einzigen Phiole, Valentin wird umgebracht, bisschen Walpurgis ist auch und "Wald und Höhle" mit Plastikbahnen. Das ist alles furchtbar richtig und furchtbar langweilig ist es auch, es ist die Zurichtung des Stoffes zum anschaulichen Begleitmaterial der gymnasialen Oberstufe. Sie hätten auch "Faust I" schreiben können und wären auch da angekommen, aber dann hieße das eben auch "Faust I", was in Weimar auf der großen Bühne immer eine Haupt-und Staatsaktion bedeutet.

urfaust 089 560 foto candy welz uAnna Windmüller (Mephisto), Rosa Falkenhagen (Margarete) und Johanna Geißler (Marthe) vorm Frisiersalon © Candy Welz

Kann sein, sie wollten am Ort nicht lange ohne "Faust" sein, die Inszenierung von Hasko Weber ist abgespielt, aber gleichsam in der geschützten Variante. Irgendjemand hätte den Regisseur ein wenig vor sich selber schützen sollen – und die Schauspieler vor dem Regisseur. Denn die müssen nun einen Abend tragen, der zwar "Urfaust" heißt, aber ihnen nicht die Freiheit des Fragmentes ermöglicht. Sie spielen nun, sozusagen, "Faust" für Arme. Ach, ihr Armen.

Sie perlen gleichsam aneinander ab

Marcus Horn lehnt an der metallischen Wand, Harald Thor hat einen hohen, schiefen Kasten wie eine Zelle auf die Schräge gestellt, und schreit und brüllt er habe nun ach und über-haupt. Zieht einen Hahn aus der Tasche und klatscht ihn gegen die Wand, Blut auf dem Metall und dem Weiß des Kittels. Kann sein, der Tierversuch ist misslungen und der Mann bleibt weiter Oberassistent. Eine andere Sehnsucht jedenfalls als die nach der C4-Professur ist kaum zu sehen.

Das Gespräch mit Frau Erdgeist, sie kommt aus der Versenkung, läuft auch nicht gut und als der Wagner kommt, da versteckt er sich hinterm Tisch und brüllt. Was ungefähr sagen will, dass der Darsteller kaum je ein Interesse, eine Intention der Figur behauptet, jenseits des Interesses für das Mädchen. Da trifft es sich, dass auch Mephisto wenig hermacht, eine Reibung, eine Spannung jenseits des Textes zwischen den beiden ist nicht auszumachen, sie perlen gleichsam aneinander ab. Dabei, Mephisto ist Anna Windmüller, ist eine Frau indessen: Warum? Es spielt keine Rolle, der Regisseur und seine Darstellerin gehen nicht damit um, auch nicht ästhetisch.

Gretchen in Südamerika

Es gibt einen merkwürdigen Kontrast in dieser Inszenierung von Tobias Wellemeyer: Bei aller Bravheit, bei weitgehender Abwesenheit von szenischer Spannung, kann der Regisseur gelegentlich gleichsam Inseln atmosphärischer Dichte schaffen. Aber dann hilft Faust in der Suppenküche aus. Dann holt Mephisto die Weinspritze für die Fußballfans in Auerbachs Keller aus Faustens Hose.

urfaust 127 560 foto candy welz uRosa Falkenhagen vor queerer Endzeitparty im "Dom" © Candy Welz

Wir sind aber nicht nur in Leipzig, wir sind in einem südamerikanischen Nest, es ist wegen dem Katholizismus. Frau Marthe, Johanna Geißler, betreibt einen Frisiersalon, darin sie sich von einem Kunden in Naturalien bezahlen lässt. Und singt, apropos, "Besame mucho", was dann allerdings Gretchen geschieht, Marthe hatte ja schon das ganze schnelle Kurzprogramm.

Kuscheln im Wäschekorb

Bei der Jungfer dauert es länger – und Rosa Falkenhagen ist, was den Abend vor dem Absturz rettet. Sie holt Brause aus dem Kühlschrank und trällert den König in Thule auf Spanisch. Dann, mit dem Heinrich, flirtet sie kaum, ihr ist alles ernst und schnell ahnt sie, dass dies auf etwas sehr Ernstes hinläuft. Selbst in der mehr gefühlten als gewussten Angst, "Mein Ruh ist hin…" hat sie Kraft. Sie singt es vor weißen Laken, die Mädchen hängen die Wäsche auf. Die beiden umarmen einander, auch wenn die Religion in Rede steht, Kuscheln im Wäschekorb, leise, innig, poetisch.

Hier, als Liebender, ist auch Marcus Horn präsent – und ihr Regisseur auch. Der "Dom", der böse Geist ist eine schrille queere Party, daraus, sie haben die Schlampe in geilen Glitzer gezwungen, barmt sie das "Ach neige…". Später schmiegt sie, die weinende Hur, sich in die Arme des toten Bruders. Im Kerker trägt Rosa Falkenhagen das stigmatisierende Glitzerkleid und das tote Kind im Arm. Sie ist schon drüben, sie blüht schon im Wahn, sie hat noch die Erinnerung an das Leben und schon das Grauen vor dem Tod. Nicht ätherisch, auf gleichsam kraftvoll-stolze Weise abwesend. "Ist gerettet" behauptet dann ihr Heinrich.

Als ob er was zu sagen hätte.

 

Urfaust
Von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Tobias Wellemeyer, Bühne: Harald Thor, Kostüme: Tanja Hofmann, Musik: Marc Eisenschink, Dramaturgie: Carsten Weber.
Mit: Marcus Horn, Anna Windmüller, Rosa Falkenhagen Max Landgrebe, Johanna Geißler, Thomas Kramer, Janus Torp, Tahera Hashemi.
Premiere am 4. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

"Die Inszenierung schafft diesseitige Atmosphären", schreibt Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen/Thüringischen Landeszeitung (7.10.2019). "Sie ist bildmächtig, stimmungsvoll und in mancherlei Sinne unterhaltsam." Doch sie wisse auch nicht so recht, "was sie eigentlich soll".

Der Bühnenbildner Harald B. Thor habe "Großes geleistet", sagt Wolfgang Schilling auf MDR Kultur (6.10.2019). Auch der Musiker Marc Eisenschink liefere einen feinen, elektronisch untergründigen Soundtrack – "das hat schon filmisches Format." "Doch das schönste Bühnenbild taugt bekanntlich nichts ohne gute Schauspieler", so Schilling: Faust-Darsteller Marcus Horn habe "kein Gefühl für Punkt und Komma, und verrät damit letztlich auch Goethes Text." Dafür überzeugten Mephisto und Gretchen, aber auch Marthe Schwertlein umso mehr. "Menschendarstellerin versus Textmaschine: Das ist die große Fehlstelle in dieser Inszenierung, die ansonsten sehr klug und am Ende richtig mutig ist."

 

 
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