Jesus gegen den Kapitalismus

von Oliver Kranz

Matera, 7. Oktober 2019. Die Stadt ist als Kulisse für Jesusfilme berühmt geworden. Sie ist sehr alt und war lange sehr kaputt. Bis in die 1950er Jahre hinein galt Matera als Schande Italiens. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung lebte in den "Sassi", Siedlungen mit Höhlenwohnungen, die in die Felsen am Rand eines Flusstals hineingemeißelt worden waren. Dort gab es weder Strom noch fließendes Wasser, die Menschen hausten mit ihren Tieren in stickigen, dunklen Räumen – bis sie von der Regierung zwangsumgesiedelt wurden.

Als Pasolini 1964 sein Matthäusevangelium drehte, waren die Sassi noch eine Ruinenlandschaft, heute haben sie sich herausgeputzt. Matera ist dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt, viele Gebäude wurden stilvoll restauriert, in die Höhlen der Sassi sind Souvenirläden, Restaurants und Touristenunterkünfte eingezogen.

James Bond schlägt Jesus

Milo Raus Filmprojekt "Das neue Evangelium" gehört zum Kulturhauptstadtprogramm. Daher wurden einige Drehtermine als öffentliche Performances geplant. Doch das Publikumsinteresse hielt sich in Grenzen. Selbst als Jesus mit dem Kreuz auf dem Rücken durch die Straßen getrieben wurde und die Schmährufe der Pharisäer schon von Weitem zu hören waren, blieben nur wenige Schaulustige stehen. Gerade erst ist in Matera ein neuer James-Bond-Film gedreht worden – mit Star-Schauspielern, Motorrad-Stunts und wilden Schießereien – dagegen mit einem Jesusfilm anzukommen, ist schwer.

DNE08 560 ArminsmailovicDreharbeiten vor der Kulisse von Matera © Armin Smailovic

Dabei erzählt Milo Rau die alte Geschichte auf eine völlig neue Weise. Neben die Bibelszenen, die in historischen Kostümen gedreht werden, stellt er Aufnahmen, die das Leben afrikanischer Erntehelfer dokumentieren, die unter oft menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern untergebracht sind. Jesus ist bei Rau ein Aktivist, der für eine neue Gesellschaft kämpft: "An der Peripherie des Römischen Reiches gibt es eine Region, wo Zersprengte leben, wo die Besatzungsmacht mit den großen landwirtschaftlichen Betrieben zusammenarbeitet", erklärt der Regisseur. "Das ist die Situation, die im Neuen Testament beschrieben ist. Dagegen erhebt sich ein Sozialrevolutionär, sammelt Leute von den Rändern der Gesellschaft. Mit denen greift er das System an, scheitert, wird gekreuzigt. Die Botschaft verbreitet sich aber."

Die Tomate als Symbol für den globalen Kapitalismus

Milo Rau hat die Hauptrolle mit Yvan Sagnet besetzt, der vor acht Jahren den bisher größten Streik in der italienischen Landwirtschaft organisierte. Sagnet stammt aus Kamerun und arbeitete auf einer Tomatenplantage in Apulien. Dort verdient ein Erntehelfer je nach Leistung 20 bis 25 Euro für 14 Stunden Arbeit. Davon werden noch fünf Euro für Hin- und Rückfahrt abgezogen und fünf Euro für Essen und Trinken. "Ich kam als Student auf die Plantage", erzählt Sagnet, "und wollte nur etwas Geld verdienen, um meine Miete in Turin zu bezahlen. Und auf einmal fand ich mich in einem System wieder, wo ich wie ein Sklave arbeiten musste. Eine solche Ausbeutung hatte ich nicht einmal in Afrika erlebt."

Yvan Sagnet merkte schnell, dass gegen eine ganze Reihe von Gesetzen verstoßen wurde. Es gab keine Arbeitsverträge, keine medizinische Versorgung, keinen Mindestlohn – dagegen richtete sich der Streik. Dadurch dass die Zustände öffentlich wurden, mussten sich einige Plantagenbesitzer und Arbeitsvermittler vor Gericht verantworten. Doch danach stellten sich die alten Zustände wieder ein. Da viele Erntehelfer illegal nach Italien gekommen sind, wagen sie es nicht, ihre Arbeitgeber anzuzeigen. Sie laufen bei jedem Behördenkontakt Gefahr, ausgewiesen zu werden.

DNE02 560 ArminSmailovicJesus-Darsteller und Aktivist Yvan Sagnet führt die "Revolte der Würde" an © Armin Smailovic

Sagnet hat die Stiftung No Cap gegründet, die um ein Bleiberecht für Geflüchtete und menschenwürdige Arbeitsbedingungen kämpft. Er hat ein Buch über die italienische Landwirtschaft geschrieben. Die Tomate bezeichnet er als Symbol der Ausbeutung: "Die Schwachen und Rechtlosen werden ausgenutzt. Auf ihre Kosten wird Profit gemacht. Deshalb ist die Tomate zugleich ein Symbol für den globalen Kapitalismus." – Sagnet greift die großen Handelsketten an, die die Preise diktieren. "Wenn ein Bauer für ein Kilo Tomaten nur 5 Cent bekommt, kann er keine fairen Löhne zahlen. Die wahren Ausbeuter sind die großen Handelskonzerne."

Materas Bürgermeister spielt den Kreuzträger Simon

Diese Botschaft vermittelt auch Milo Raus Film. Da zerstampfen Jesus und seine Jünger Tomaten, die an einen großen Discounter geliefert werden sollen. Anstelle der Auferstehung gibt es am Ende eine politische Versammlung, eine "Revolte der Würde", in der ein Manifest verabschiedet wird. Darin wird ein globales Reise- und Niederlassungsrecht gefordert, die Gleichberechtigung von Immigranten und EU-Bürgern in Europa, menschenwürdiges Wohnen und faire Arbeitsbedingungen – viel politischer Zündstoff. Gerade in Süditalien, wo viele Flüchtende ankommen, sind rechtsextreme Parteien im Aufwind.

DNE13 560 ArminsmailovicDas letzte Abendmahl – auf der Tomatenplantage © Armin Smailovic

Umso bemerkenswerter, dass es Rau gelungen ist, ein breites Spektrum von Menschen aus der Region als Laiendarsteller zu verpflichten: Der Bürgermeister von Matera spielt Simon (der Jesus hilft, sein Kreuz zu tragen), der Polizeichef ist im Film ein römischer Offizier. Das hat in der regionalen Presse für Aufmerksamkeit gesorgt. Die internationalen Medien berichten sowieso – und darauf kommt es dem Regisseur vor allem an: "Wir können an den Zuständen hier nur etwas ändern, wenn ein Bewusstsein dafür entsteht. Es geht nicht, dass eine halbe Million Menschen in der italienischen Landwirtschaft unter unwürdigen Bedingungen arbeitet. Es geht nicht, dass der gesetzliche Mindestlohn ignoriert wird, es geht nicht, dass es keine Arbeitsverträge gibt. Die entsprechenden Gesetze sind in Italien vorhanden. Aber sie müssen auch umgesetzt werden."

Kunst initiiert Aktivismus

Milo Rau denkt wie ein Aktivist. In seinem Film geht es dementsprechend nicht um schöne Bilder, sondern vor allem um eine klare Botschaft. "Mich hat schon immer die Darstellung von sozialen und politischen Gewaltverhältnissen interessiert. Im Grunde mache ich immer das Gleiche, das geht ja vielen Künstlern so. Egal ob ich über die Coltan-Mine im Kongo erzähle, über die Goldraffinerie in der Schweiz oder die Tomatenplantage in Italien – das ist für mich EINE große Geschichte."

Doch Rau stellt die Verhältnisse nicht nur dar, sondern initiiert auch reale politische Kampagnen – die "Revolte der Würde", die durch seinen Jesus-Film entstanden ist, hat Politaktivisten und Kirchenvertreter zusammengebracht, die nun weiter für die Ziele des "Manifests der Würde" eintreten wollen. Eine Versammlung in Rom ist bereits geplant. Kunst, die so unmittelbar in politische Aktionen umschlägt, ist selten. Milo Rau hat es wieder einmal geschafft.

Die Revolte der Würde (Kampagne) und Das neue Evangelium (Spektakel und Film)
Ein Projekt von Milo Rau und Partnern
Buch und Regie: Milo Rau, Produzenten: Arne Birkenstock, Olivier Zobrist, Sebastian Lemke, Dramaturgie und Recherche: Eva-Maria Bertschy, Kamera: Thomas Eirich-Schneider, Ton: Marco Teufern, Schnitt: Katja Dringenberg, Ausstattung: Anton Lukas, Musik: Marcel Vaid, Sound&Design: Guido Keller.
Mit: Yvan Sagnet, Vito Castoro, Mbayw Ndiaye, Papa Latyr Faye, Samuel Jacobs, Anthony Nwachukwu, Jeremiah Akhere Ogbeide, Marie Antoinette Eyango u.v.a., Special Guests: Enrique Irazoqui, Maia Morgenstern, Marcello Fonte.

http://international-institute.de/das-neue-evangelium/

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Das neue Evangelium: Unterschlagungundsoweiter 2019-10-07 14:33
Auffällig ist, daß nicht einmal das Wort "Befreiungstheologie" fällt, und zwar weder bei Herrn Rau noch bei Herrn Kranz. So wird eine intellektuelle Autorenschaft impliziert und bleibt unhinterfragt. Das Problematische daran ist, daß damit ausgerechnet Intellektuelle of Color unterschlagen werden. Ich meine ...nicht mal Martin Luther King jr? Nein, nur der Pasolini, der Mel und der Milo. Damn.
#2 Evangelium, Milo Rau: und Yvan Sagnetdm 2019-10-09 15:16
das stimmt so nicht. schliesslich ist Jesus mithin der absolute Hauptdarsteller ja Yvan Sagnet aus Kamerun der seit 10 Jahren große Kampagnenarbeit macht und sogar ein Gesetz gegen die mafiösen Carporalati durchgesetzt hat. Er hat hier sehr viel Einfluss.
#3 Das neue Evangelium, Matera: Raus blinder Fleckundsoweiter 2019-10-12 10:15
Sehe meine Kritik nicht widerlegt. Es geht nicht um die Person Sagnet, vor der ich größten Respekt habe. Es geht, aller hybrider Genre-Formen zum Trotz, um die Arbeit eines Regisseurs.

Es ist eigentlich recht einfach. Ein Regisseur castet, ein Regisseur kontextualisiert -unter anderem mit der Besetzung. Und egal wie sehr wir Darsteller*innen lieben, egal wieviel diese zur Produktion beitragen, über allem steht der Name der Regie. Das weiß auch Milo Rau und nutzt das ganz konkret für sich. Er behauptet zum Beispiel (ohne Not) eine noch nie dagewesene Interpretation der Textvorlage. So schreibt er in seiner taz-Kolumne: „Ich glaube, man versteht die Bibel nur, wenn man Atheist ist.“ Das klammert schon mal Sagnet aus, der sich selbst als gläubigen Katholiken bezeichnet.
Man ahnt was passiert ist: da ist das Bemühen um einen eigenen Ansatz auf der einen Seite, und die zahlreiche Bibliotheken füllende Geschichte auf der anderen; so klammert Rau letztere gänzlich aus. Er ersetzt sie mit eigenen (erstaunlich weissen) Referenzen und umkreist den blinden Fleck der seiner ist.

Das impliziert eine zweite Verschiebung. Gläubige stellen sich in den Dienst einer/ ihrer höheren Wahrheit. Es gilt das Ego an der Tür zu lassen. Milo Rau funktioniert - bei aller Grenzüberschreitung - in einem System (Theater), daß den größtmöglichen Individualismus belohnt. Und so ist es ein Leichtes eine ganze Bewegung zu vereinnahmen und ein Fähnchen mit dem eigenen Namen zu hissen. Die gedankliche Welt wird nicht wie gewünscht größer, sondern kleiner. Es ist eine Welt der (weissen) Megakünstler, die eifrig den Kanon weiterschreibt den es eigentlich in Frage zu stellen gilt.

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