Polleschs Dreigroschenoper

von Christian Rakow

Berlin, 9. Oktober 2019. Rückblende ins Jahr 2012 an die Volksbühne zu Fabian Hinrichs und René Polleschs längst legendärem Solo-mit-Chor-Abend Kill Your Darlings. Was haben wir seinerzeit gelernt? Wenn Du eine Riege Turner in aschfahlem Licht auf Matten vor sich hinmachen lässt, dann zahlt kein Besucher dafür 45 Euro, dann ist das allenfalls: "Mehrzweckhalle". Aber wenn es um die Turner herum glitzert und funkelt und Musik von Jean Michel Jarre schmeichelt sich herein, dann bekommt das alles einen "Sinn", einen "Mehrwert", dann erscheint er: der "Geist des Kapitalismus". So lehrte es Fabian Hinrichs in einer der memorablen Szenen jenes Abends.

Jetzt ist das unerschrockene Duo also weitergezogen, dorthin, wo man vor lauter Glitzern und Funkeln kaum geradeaus gucken kann: in den Friedrichstadt-Palast, den Show-Olymp Berlins, das Las Vegas an der Spree. Lichterketten säumen die Fassade, im Foyer wird ein SUV beworben. Wir sind am Hochaltar der Mehrwertproduktion. Sekt hier, Häppchen dort. Draußen stehen zahllose Menschen mit "Suche Karte"-Schildern. Die Berliner Presse hatte sich vorab in Superlativen überschlagen: Hinrichs und Pollesch im Palast, die "Überraschung der Saison".

Alle Entertainmentregister ziehen

Was kann das werden? "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" heißt dieser Streich polleschgewohnt sperrig. Klingt ein wenig nach Bertolt Brecht und definitiv nicht nach den exotisierenden One-Wordern, die am Palast gepflegt werden ("Yma", "Qui", "Vivid", so heißen die Revuen hier). Aber wenn dieser Abend eine Nähe zu Brecht hat, dann allenfalls zu dem der "Dreigroschenoper", der alle Entertainmentregister zog und seinen Marxismus tief im doppelten Boden stecken ließ. Pollesch und Hinrichs sind nicht gekommen, um Beschwerde zu führen, sondern um dem Verblendungszusammenhang liebevoll in die Augen zu schauen.

Glauben 1 560 Foto William Minke uFabian Hinrichs goes Palast: in Ganzkörpergold und gerahmt von den Tänzern der Palast-Compagnie © William Minke

Schlaksig entert Fabian Hinrichs die riesige leergeräumte Palast-Bühne. Er humpelt, hat sich offenbar den Fuß verstaucht, und witzelt, dass das nun nicht die besten Voraussetzungen seien, um diese 38 mal 37 m große Bühne (die weltgrößte Theaterbühne, wie der Palast vollmundig wirbt) allein zu bespielen. Zumal dann und wann auch noch getanzt werden muss. Aber Unmöglichkeiten und Maßlosigkeiten sind durchaus Hinrichs' Metier.

Emanzipation in der Show-Welt

Und also legt er los, weitestgehend ohne Mikro (irre!), in dem drängenden, beschwörenden, von leichtem Lächeln umrankten Erzählton, den er seit dem Verblendungszusammenhang 2010 vervollkommnet hat. Er spricht von tiefer Einsamkeit und Verlassenheit, vom Fehlen des sozialen Verbands, was sogleich einen hübschen Witz ergibt, weil sich ihm bald 27 Tänzer*innen der Palast-Compagnie beigesellen, ihn choreographisch umspielen, sogar einmal mit ihm gemeinsam die unvermeidliche Girlsline (mit Boys) formen werden.

Glauben 2 560 Foto William Minke uVon wegen Beinreihe: mit René Pollesch als Regisseur agieren selbst Friedrichstadtpalast-Tänzer als entkernte Performancegruppe © William Minke

Wer die aktuelle Palast-Show "Vivid" kennt, ist klar im Vorteil. Polleschs "Glauben" scheint in guten Teilen als Kommentar angelegt zu sein. Nicht nur in den diversen Zitaten von Kostümbild, Choreographien und Elementen des Set Designs von Bühnenbildner Michael Cotten. Sondern vor allem in der Motivgebung. In "Vivid" wird die Revue von einer Emanzipationsgeschichte gerahmt, in der sich ein Mädchen von ihrem Vater ablöst und sich durch die Sprache der Showkunst entflammen lässt.

Geschichten vom Erwachsenwerden

Hier haken Pollesch und Ko-Regisseur Hinrichs ein. Genüsslich schlendert Hinrichs ins Auditorium und trägt den zweitausend Premierengästen skurrile autoaggressive Kindheits-Erinnerungen vor, Berichte eines vom Vater malträtierten Außenseiters: "Es war so dunkel, Vater. Dein Zuhause war so dunkel." Wobei hier gar nicht erst kaschiert wird, dass für die in der Sache deprimierenden, im Ton allerdings unbeschwerten, lakonischen Texte Songs von Morrissey und anderen Pate standen. Pollesch spielt mit der Ambivalenz, dass Leidenserfahrungen im Showkontext sogleich den Mehrwert einer "rührenden Geschichte" abwerfen. Er führt es vor, ohne dabei irgendetwas zu denunzieren.

Der Abend verneigt sich vor den Traditionen des Friedrichstadt-Palasts, bringt Laser-Show, sagenhafte Tanzeinlagen, schmuggelt kabaretthaft Reminiszenzen an die Vorwende-Tradition des Hauses rein und streut dann zarte Verweise auf den Vereinzelungszusammenhang des Kapitalismus, auf diese große Entsolidarisierungsmaschinerie. Der Chor der Tänzer*innen changiert entsprechend zwischen homogenem Show-Act und wundervoll entkernter Performancegruppe, die sich im Nirgendsein einnistet: Alle steigen drängelnd auf eine futureske Brücke und wieder hinab, lungern drunter rum. Under the Bridge. Ein Hauch von Mehrzweckhalle im Friedrichstadt-Palast. Auch das gibt's.

Let it shine

Hinrichs und Pollesch haben den gültigen Nachfolger für "Kill Your Darlings" geschaffen, erzählerisch, entspannt entertaining, mit einem guten Schuss Selbstzitat und Fremdzitat, beste Balance. Im Finale fahren sie noch einmal mächtig auf. Das Friedrichstadt-Ensemble erscheint mit den Lichtsichel-Helmen der "Vivid"-Show und Hinrichs schwebt vor einem Sternenhimmel. Die Lichter werden abgeschaltet, nur Hinrichs glänzt noch in seinem goldenen Ganzkörperanzug und erhöht sich: "Es gibt ein Licht, das niemals ausgeht." Let it shine!

 

Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt
von René Pollesch mit Fabian Hinrichs
Regie und Autor: René Pollesch, Co-Regie: Fabian Hinrichs, Bühne/Teilnutzung des Bühnenraums der VIVID-Show von Michael Cotten, Kostümdesign: Tabea Braun und Kostümbildner der VIVID-Show Stefano Canulli, Philip Treacy, Lichtdesign: Olaf Eichler, Sound: William Minke, Produktionsleitung & dramaturgische Mitarbeit: Esther Preußler, Choreographische Beratung: Alexandra Georgieva, Souffleuse, Katharina Popov, Produzent: Dr. Berndt Schmidt.
Mit: Fabian Hinrichs und 27 Tänzer*innen der Palast-Compagnie des Friedrichstadt-Palasts: Théa Barnwell, Azama Bashir, Mirela Bauer, Marten Baum, Anastasiya Berlovich, Paolo Busti, Valeria Ciampi, Emanuele Corsini, Ezzat Wahid Ezzat Abdelmoty Gamel, Dimitri Genco, Lisa Jost, Marcello Letizia, Robert Machamud, Gréta Nagyová, Anudari Nyamsuren, Gioia Pangallozzi, Beatrice Piastra, Pavel Pukha, Sofia Schabus, Irina Spiridonova, Chelsea van den Berg, Emanuele Vignoli, Filip Vereš, Hanna Woldt, Justyna Woloch, Christine Wunderlich, Zahari Zahariev.
Premiere am 9. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.palast.berlin

 

Kritikenrundschau

Wolfgang Höbel schreibt auf Spiegel Online (online 10.10.2019): Es sei eine Inszenierung, "in der getanzt, tolle Musik gespielt und von der Schlechtigkeit der Welt gesprochen wird". Das sei ganz von der Art wie Brecht und Weill einst in der "Dreigroschenoper" "gesellschaftskritisches Sprechtheater und Oper zu einer grandiosen neuen Bastardkunstform zusammenrührten". Die Begegnung von Pollesch-Volksbühne mit dem ostigen Friedrichstadt-Palast sei nicht ohne Risiko gewesen. Doch zeuge die Aufführung nicht nur von "bewundernswerter Chuzpe, historischem Bewusstsein und Cleverness", sondern auch von "einer phänomenalen Kunstbegeisterung". Der Stücktext berichte "erstaunlich geradlinig" von "lauter Einsamkeitserfahrungen". Die Musik bestehe aus "lauter Gassenhauern", während der "scheinbar strahlenden Showeinlagen" aber ergäben sich "immer wieder irritierende Bilder". Trotzdem böten die 70 Minuten "hinreißendes und keineswegs besonders verstörendes Entertainment".

Janis El-Bira schreibt in der Berliner Zeitung (online 10.10.19): Das "Palast-Gastspiel" von Pollesch und Hinrichs verhalte sich wie ein Fortsetzungsstück zu Polleschs "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia" von 2012. Wieder sei "Einsamkeit das Thema". Pollesch habe einen seiner bisher "melancholischsten, zugewandtesten Texte" geschrieben, "weit weniger diskursgeschüttelt und manchmal durchaus zuckriger" als seine jüngeren Arbeiten. Er nehme den Friedrichstadt-Palast ernst und wisse um "die Verwandtschaft seines E-Theaters mit dem großen U". Doch seien die "begnadeten Tänzerinnern und Tänzer" zwar Masse, aber nicht "Ornament", eher "Kollektiv". Hinrichs beteilige sich an den Showeinlagen "in völligem Einverständnis mit dem eigenen Dilettantismus". Das sei "purer Pollesch: Nur Unvermögen rettet noch vor der großen Uniformität. Aber Wahnsinn, wie gut die aussieht!" Das Pollesch-Theater habe – "Wie seltsam, wie richtig" – ausgerechnet an diesem Ort ein vorübergehendes Zuhause gefunden.

"Pollesch und Hinrichs nehmen den Ort charmant verstolpert in Beschlag", berichtet Fabian Wallmeier für rbb|24 (10.10.2019). Es wirke streckenweise so, "als wäre Hinrichs über Nacht allein in einem riesigen Spielzeugladen und dürfte mal so richtig die Sau rauslassen". Gleichwohl sei der Abend von "einer tiefen Traurigkeit" durchzogen. "Statt der von Pollesch bekannten langen Diskursschleifen, cleveren Wiederholungen und Debattenzermalmungen gibt es hier vor allem biographische Miniaturen. Die sind bei allem Witz, mit dem sie verpackt sind, im Kern von einer unerwarteten Unheiterkeit, so schelmisch lapidar Hinrichs sie auch vortragen mag."

Die Erwartung auf "ein theatrales Großereignis“ wurde bei der Premiere eingelöst, berichtet André Mumot für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (9.10.2019). "Auch auf der ganz großen Bühne bleiben Pollesch und Hinrichs, der explizit als Co-Autor und Regisseur fungiert, ihrem stilistischen Minimalismus treu, spielen aber virtuos mit den Erwartungen des Publikums, mit der Frage, ob die ganz große Revuenummer vielleicht doch noch kommt. Statt diese zu liefern, dekonstruieren sie aber lieber die typischen Friedrichstadt-Palast-Versatzstücke (...)." Die "nüchterne Schlichtheit" der Arbeit wirke "im großen Show-Palast geradezu provozierend, bringt aber Performer und Publikum unerwartet eng zueinander".

"Ist das Kult oder kann das allmählich weg?", fragt sich Peter Jungblut im BR (9.10.2019) – und liefert die Antwort fast mit: Pollesch mache auch hier weiter mit seinem Theater für "Globalisierungsverweigerer, Konsum-Verächter und Entfremdungs-Groupies". Ob das "Experiment" im Friedrichstadt-Palast aber "über die Volksbühnen-Fans von einst und die zahlreiche Kulturschickeria der Hauptstadt hinaus viele interessiert, sei dahingestellt". Der Abend sei "fürwahr eine bunte Mischung, zu der die Laserstrahlen passten, die über die Zuschauerreihen fegten." Brachte das Ganze also "irgendeinen Erkenntnisgewinn"? "Eher nicht", findet der Kritiker.

Von einer "umwerfenden Inszenierung" berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (online 10.10.2019). "Pollesch und Hinrichs spielen an diesem Abend charmant und ironisch mit den Gesetzen der Revuebühne", schreibt er. "Revue-Show bedeutet Tempo und eine Überflutung mit den verführerischsten Körper-, Bild- und Klangreizen. Also machen Pollesch und Hinrichs genau das Gegenteil: Melancholie, kein Tempo und erst recht kein visueller Reizoverkill. Das Abenteuer findet im Kopf oder im Herzen statt."

So "richtig kann man nicht verstehen, wie die Welt erneuert werden soll, wenn doch nicht einmal ernsthaft in sie hineingeguckt wird, wenn nur Schlagworte (Kindheit, Einsamkeit, Verwertungslogik, Brücke) die Atmosphäre, die dringend notwendige Relevanz für alle bilden sollen", schreibt Jenni Zylka in der taz (11.10.2019). Der Abend biete "hübsch zitierfähige Apercus“, schreibt die Kritikerin. "Dennoch reiben sich die Lässigkeit und scheinbare Erratik, mit der Pollesch und Hinrichs ihre Texte präsentieren, die eigenwilligen Betonungsauffälligkeiten des auratischen Schauspielers, seine energische Art, sich die Bühne zu nehmen, und die wie ironische Kommentare eingesetzten 80er-Jahre-Hits nicht wirklich stark mit dem Nimbus des Hauses. Jedenfalls nicht stark genug."

Réne Pollesch ist für Jürgen Kaube von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.10.2019) "eine Art Jacques Offenbach des Spätkapitalismus, der dem gelebten Misslingen ständig neue Revuen abgewinnt, die sich ihrerseits aus Schlagerkitsch und Kritikkitsch zusammensetzen". Der Abend bietet für den FAZ-Kritiker Altbekanntes, "Aporien des Dagegenseins im Dabeisein eben, in einer Stadt, die den Kapitalismus mehr so vom Hörensagen kennt. Neu ist die Form des Tanztheaters, die Pollesch hier wählt. Funktioniert hat sie nicht."

Von einem "nett verspielten, aber die Hoffnung auf Erneuerung der Welt mit wenig Substanz und Ideen bereichernden" Abend, berichtete Gunda Bartels im Tagesspiegel (online 10.10.2019). Für die Kritikerin fällt "die diskursive Fallhöhe trotz Hinrichs wunderhübschen Abhebens in den Nachthimmel des Palastes niedrig aus. Kindheitstraumen, Kapitalismuskritik, urbane Isolation, metaphysiche Obdachlosigkeit des modernen Menschen – Polleschs Worttapete quillt über vor Zeichen, doch keins ergibt diesmal ein Muster oder gar ein prägnantes Bild."

Von einem "misslungenen Dialog der so verfeindeten Künste" berichtet Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (11.10.2019). Pollesch "verfrachtet lediglich einen leidlich klugen, mit Klischees hochmütig jonglierenden Text in ein glitzernd leichtes Ambiente. Und er beweist damit, vielleicht unfreiwillig, wie wenig kompatibel das alles ist."

Leise Enttäuschung steigt nach etwas über einer Stunde Spielzeit bei Manuel Brug von der Welt (11.10.2019) auf: "Pollesch und der Palast, sie sind allzu respektvoll miteinander umgegangen". "Was ein donnerndes Feuerwerk der Extreme aus Didaktik und Dekoration hätte sein können, Revue und Radikale, Existenzialismus und Entertainment", das sei "dann eben doch wieder einer dieser todtraurigen, nach Liebe und Zuneigung heischenden Pollesch-Monologe eines in der modernen Warenwelt sich selbst abhandenkommenden, vereinsamenden Individuums" geworden.

 
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