Eine Jahrmarkt-Liebe

von Andreas Thamm

Ingolstadt, 18. Oktober 2019. Ein Flatterband trennt die beiden Familien und flattert auch noch zwischen den Zuschauerrängen. Rechts lungern die Capulets in ihrem Wohnwagen, links die Montagues, im Hintergrund Bauzäune, ein angedeutetes Riesenrad mit bunt leuchtenden Speichen. Verona ist ein Jahrmarkt, die Familien grimmig messerwetzende Schausteller. Das Szenenbild erinnert vielleicht an die frühen Sechzigerjahre, die ausufernden Frisuren eher an die Achtzigerjahre. Bunt und wild soll die Ingolstädter Romeo und Julia-Inszenierung der neuen Oberspielleiterin Mareike Mikat werden, so viel zumindest ist klar.

Erst nach den anfänglichen Raufereien und heftigem Geknüppel durch Fürst Paris taucht Romeo auf, der von vornherein liebeskranke Held. "Moin, Habibi", sagt Mercutio, Peter Rahmani mit blonder Löwenmähne, zwar sehr heutig. Andererseits aber auch sehr shakespearean: "Welcher Kummer macht dir die Stunden dröge?"

Messerwerfer-Unterhaltungs-Romantik

Romeo verzehrt sich vergebens nach Rosalinde, Mercutio sucht im Publikum nach einer anderen: Wie wäre es mit dieser Franziska? Zum Glück gibts am Abend ein Fest, das – ausgerechnet! – die feindseligen Capulets geben. Das heißt: ballernde Konfettikanonen, eine als Handtasche verkleidete Amme, Julia trägt Clownsnase, Romeo einen goldenen Overall und Helm. Seine Stimmung hellt sich erst auf, als er Julia entdeckt, die auf ein Rad gespannt dem Messerwerfer Tybalt als Zielscheibe dient. Er schiebt sie aus dem Bild, da hinten lernen sie sich wohl irgendwie kennen, es darf geknutscht werden.

RomeoJulia 3 560 JochenKlenk uZitate eines Jahrmarkt-Budenzaubers mit Wohnwagen und Riesenrad: Karolina Nägele als Julia, Peter Rahmani als Mercutio in "Romeo und Julia" in Ingolstadt © Jochen Klenk

Ganz hingerissen kehrt er zurück, steht auf dem Dach des Wohnwagens und erlauscht, wie auch Julia sich nach ihm verzehrt. Wenn nur der Nachname nicht wäre. Romeo, leidenschaftlich: "Nenn mich Liebster, so bin ich neu getauft"“ Doch Julia ringt noch mit sich, das geht alles so viel zu schnell.

Liebesschwüre auf dem Wohnwagendach

Spätestens jetzt wird klar, dass hier was krankt. Dieses Ringen findet in Sprache statt, aber alles Reden in eben dieser Sprache und eben dieser Kulisse wirkt nur wie hinzitiert, es bleibt unklar, ob die Figuren auch was fühlen dürfen oder sollen. Der Rummel ist ja ein herrlich adäquates Setting, aber hier darf das fahrende Volk nicht selbst sein, sondern muss Shakespeare spielen.

Romeo jedenfalls muss schnell zu Bruder Lorenzo eilen, den er vor Freude direkt mehrmals hochwuchtet. Lorenzo, leicht abgewrackt mit seinem Einkaufswagen, aber im geblümten Hemd, soll die beiden trauen. Auch damit die Familien vielleicht Frieden schließen können. Also ab auf den Einkaufswagen und weg mit ihm. Romeo ist aufgewacht, ein junger, testosterongefüllter Bock.

RomeoJulia 2 560 JochenKlenk uNarren ihres Schicksals in bunten Kulissen und Kostümen, aber doch nur mit halbem Mut: Mareike Mikats "Romeo und Julia" in Ingolstadt © Jochen Klenk

In Kürze: Die Hochzeit ist eine halb-arabische Verballhornung verschiedenster Riten, alles mit der Handkamera gefilmt und auf zwei Leinwände übertragen. Der drahtige Kater Jan Beller als Tybalt ersticht den Mercurio und wird von Romeo erschossen. Der dicke Paris im Anzug verbannt ihn, Romeo führt einen Verzweiflungsbreakdance auf und Julia, die all das erfährt, muss hadern und sich winden und overacten.

Eindrucksvolle Ideen

Aber wie toll das alles aussieht! Was die Ingolstädter Inszenierung auf jeden Fall kann, ist Bilder produzieren. Wie Mercutio über die Zuschauersitze balanciert: "Achtung, 90 Kilo Kampfgewicht!" Wie Romeo und Julia in einer Riesenradgondel auffahren. Wie der Wohnwagen in den Bühnenboden absinkt. Wie Herzchenballons Julias Schleppe heben. Das alles ist eindrucksvoll.

An dieser Oberfläche endet der Ideenreichtum jedoch leider. Es ist eine große, spektakuläre Schau, die dem Klassikerstoff inhaltlich nichts hinzuzufügen vermag. Figuren wie Vater Montague als karikaturhafter Cowboy scheinen nicht kostümiert, sondern nur verkleidet.

Hinzu kommen Passagen, die irritieren und ihre Motivation aber nicht verraten. Mercutio ist so ein Fall. Der deutet im Nachgang des Balls als Fliege verkleidet die Vergewaltigung eines als Frosch verkleideten Mädchens an, was dann comedyhaft einfach so stehen bleibt. Und schwadroniert später wie aus dem Nichts über gendergerechte Sprache, BürgerInnensteig, Ampelmenschlein, Studierendenfutter: "Ist das nicht zum Davonlaufen?" Ein bräsig kabaretthafter Exkurs, der bezeichnenden Szenenapplaus provoziert. Soll der Charakter mittels Rollenprosa als einfach gestrickt überführt werden? Könnt‘ schon sein, wer weiß.

Bisschen crazy, bisschen bieder

Die Amme der Julia, ihre Verbündete, Teresa Trauth, muss sich bei jeder Gelegenheit mit schreckgeweiteten Augen an die Brüste fassen, an denen sie das schöne Kind gesäugt. Mercutio und Benvolio dichten ihr ein Lied: "You‘re unfuckable." Fast könnte man den Eindruck gewinnen, hier wurde nur mit halben Mut versucht, einen Skandal heraufzubeschwören. Unterm Strich bleibt das Sammelsurium aus Klamauk, Plastikherzen und sprachstilistisch gemixtem Geschrei aber gleichermaßen crazy und bieder.

Das ist ja auch etwas, könnte man sagen und so verweist die Anlage des Stücks zumindest darauf, wie der Mensch sich in Leidenschaft und Hass zum Affen macht. Romeo: "Ich bin der Narr des Schicksals." Um diese Anlage als konzeptuellen Bruch konsequent durchzuexerzieren, nehmen sich die Figuren nur leider viel zu ernst.


Romeo und Julia
von William Shakespeare
Regie: Mareike Mikat, Musik: Enik, Bühnenbild: Simone Mathey, Kostüme: Anna Sörensen, Dramaturgie: Johann Pfeiffer.
Mit: Renate Knollmann, Teresa Trauth, Karolina Nägele, Jan Beller, Jan Gebauer, Olaf Danner, Peter Rahmani, Enik, Martin Valdeig, Emma Aichner, Anne Kuttenreich, Agnes Ottinger, Ulriker Ottinger, Bärbel Rahn, Christina Stefan, Stefan Burger, Heinz Namyslo, Werner Ottinger.
Premiere am 18. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater.ingolstadt.de

 
Mehr zu Romeo und Julia Inszenierungen der jüngeren Zeit: Oliver Frljić hat das Stück vor einem Jahr in Stuttgart ganz neu erzählt oder Pinar Karabulut etwa im Oktober 2017 am Schauspiel Köln.

 

Kritikenrundschau

Es gab "viel Applaus. Gleichwohl wird die Inszenierung polarisieren", schreibt Anja Witzke im Donaukurier (20.10.2019). Mikat habe "Text und Personal gestrafft und konzentriert und stellt ins Zentrum ein seltsam anrührendes Liebespaar", schreibt die Kritikerin. "Ansonsten setzt sie auf Tempo, Witz, eine kluge Lichtregie und raffinierte Bühnenlösungen und evoziert neben starken Bildern eine große Energie. Durch den Einsatz der Handkamera lassen sich intimste Momente heranzoomen und bedienen – auf die beiden großen seitlich angebrachten Leinwände projiziert – den Voyeurismus des Publikums. Weiter flimmern da Details von blinkenden Fahrgeschäften. Buntes Beben. Geschwindigkeitsrausch."

"Allzu viel packt die Regisseurin rein. Überfrachtung und Aktionismus nehmen dem Stück viel von seiner poetischen Zartheit", schreibt Friedrich Kraft von der Augsburger Allgemeinen (22.10.2019). "Pluspunkte bringen die fantasievollen Kostümkreationen, die raffinierte Bühnenmusik von Enik sowie darstellerische Qualitäten."

Von einem "bildstarken Augenschmaus" und "einer recht trashigen, erst amüsanten, dann tragischen Interpretation" des Shakespeare-Stücks berichtet Christian Muggenthaler im Straubinger Tagblatt (22.10.2019). Mareike Mikat habe sich als Oberspielleiterin "mit einer sinnlichen und dynamischen Produktion vorgestellt, die – unterstützt von Statisten – knallige Typen und schräge Vögel auf die Bühne würfelt".

 
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