Ein afrikanischer Woyzeck

von Michael Bartsch

Dresden, 19. Oktober 2019. Ein geradeaus erzählter "Woyzeck" als Sozialdrama geht heute nicht mehr. Zwar hat Georg Büchner mit dem schlichten, aber empfindsamen Soldaten Franz Woyzeck einen allzeit kompatiblen Prototypen des elendig abhängigen Menschen geschaffen. Er muss sich pseudomedizinischen Experimenten zur Verfügung stellen und seinen Hauptmann rasieren, um etwas Geld für seine geliebte Marie und ihr gemeinsames Kind hinzuzuverdienen. Aber Regisseure können und müssen sich etwas einfallen lassen, zumal Büchners Fragment keine Endfassung vorschreibt.

Vor acht Jahren war am Dresdner Staatsschauspiel die Fassung von Tom Waits und Kathleen Brennan zu sehen. Nun kombinieren Regisseur Jan-Christoph Gockel und Chefdramaturg Jörg Bochow ebenfalls. Die Inszenierung ist stark inspiriert von Heiner Müllers Büchnerpreisrede 1985 "Die Wunde Woyzeck" und dem Nachtklubmilieu aus dem Roman "Tram 83" des kongolesischen Schriftstellers Fiston Mwanza Mujila.

Ecce homo

Müller sah den geschundenen Woyzeck überall, wo Mord, Krieg und Ausbeutung herrschen. Zum Beispiel in den Bergwerken jener postkolonialen afrikanischen Stadt, von der "Tram 83" erzählt. Über ihnen ballert ein kaum Trost spendendes Nachtleben. Genau so hat Julia Kurzweg ein opulentes Bühnenbild gebaut, das sich wohl nur die Kategorie Staatsschauspiel finanziell leisten kann.

Woyzeck2 560 Sebastian Hoppe uIm Bergwerk-Spinnennetz gefangen: Bühnenbild in Jan-Christoph Gockels "Woyzeck" in Dresden © Sebastian Hoppe

Sie und Gockel sind ein eingespieltes Team seit der grandiosen "Untertan"-Inszenierung nach Heinrich Mann ebenfalls hier in Dresden 2018. Über einem angedeuteten Bergwerksstollen erhebt sich eine runde schräge Spielscheibe mit einem Schlupfloch in der Mitte. Darüber ein riesiger Lampenschirm, der sich anheben und wie ein Varietévorhang aufziehen lässt. Das "Dach" dieses Zylinders bildet eine raffinierte und aufwändige spinnennetzartige Beleuchtung.

Der Protagonist als Gliederpuppe

Bevor sich in diesen spontan eher an Showbusiness erinnernden Kulissen ein theatrum mundi der Entwürdigung, Entrechtung und Entmenschlichung entfaltet, wird der Zuschauer in ein Gruselkabinett versetzt. Dunkle Gestalten in schwarz-grünen Arbeitsanzügen schieben einen Krankentransportwagen herein, der wie ein Seziertisch aus der Pathologie wirkt. Wer oder was liegt darauf? Ist dieses hohläugige, jämmerliche und verstümmelte Wesen ein Mensch?

Wie schon beim "Untertan" lässt Regisseur Gockel seinen Protagonisten als Puppe auftreten, diesmal durchgängig und nicht nur alternierend. Und diesmal gibt ihm Büchner sogar die Vorlage: "Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen", heißt es, allerdings in "Dantons Tod". Die Textstelle wird hier kurzerhand in den Woyzeck verfrachtet und passt zu jenem Monolog, der die Zentralfrage "Was ist der Mensch?" stellt.

Woyzeck3 560 Sebastian Hoppe uAusbeutbarer Universal soldier: Woyzeck als Gliederpuppe © Sebastian Hoppe

Michael Pietsch hat eine lebensgroße Gliederpuppe gebaut, erschütternd, aber nicht billig Empathie heischend. Hauptsächlich führt er sie auch selbst, assistiert von Birte Leest und Matthias Reichwald. Beide treten wie andere auch gelegentlich aus ihren Rollen heraus, plaudern über den missionarischen oder einfach nur autistischen Sinn von Schriftstellerei. Offenbar Anklänge an den afrikanischen Roman.

Flucht ins billige Vergnügen

Diese Anleihen bringen die Show in das ansonsten zelebrierte Elend bei einem hysterischen Doktor und einem menschenfreundlich schwafelnden Hauptmann. Es ist ein makabres Fest des Animalischen, eine Anbetung des schönen Scheins auf dem schrägen runden Tanzboden, als sich das gesamte Personarium mit bunten Stofffetzen in einen Maskenball verwandelt.

Woyzeck1 560 Sebastian Hoppe u Luise Aschenbrenner und Lukas Rüppel mit der Woyzeck-Gliederpuppe © Sebastian Hoppe

Später geraten hier Marie und der Tambourmajor aneinander – sie verführt ihn in einem Anflug lasziver Lebenslust. Mit diesem von Jannik Hinsch hinreißend parodierten Gockel gerät die sonst bis auf surreale Ebenen gesteigerte Inszenierung aber für Momente in die Nähe der Klamotte. Wie ein römischer Legionär scheint der Major auf den ersten Blick ausstaffiert, auf den zweiten erkennt man einen Helm mit Riesenphallus, Tarndecken und einen verknoteten Fanschal von Dynamo Dresden.

Ezé Wendtoin leiht der Woyzeck-Puppe vom Schlagzeug aus sehr überzeugend seine Stimme. In Dresden ist der in Burkina Faso geborene Künstler ein Szene- und inzwischen auch ein Theaterstar.

Woyzecks Ende scheint vorzeitig gekommen, als die misshandelte Puppe ihren Kopf verliert. Aber er darf auf dem Krankenwagen nicht sterben.

Großes Pathos zum Finale

Dieser ausbeutbare Prototyp wird zu allen Zeiten gebraucht. Der Stückanfang wird zitiert, Woyzecks Wiederauferstehung, bevor er zu seinem einzigen emanzipatorischen Akt schreitet und aus Eifersucht Marie tötet. Luise Aschenbrenners Marie verblutet nicht, sie versinkt in den roten Varietévorhängen.

Zum Finale wird es pathetisch. Während die Woyzeck-Puppe angestrahlt zur Anbetung an der Rampe aufgebahrt wird, zieht ein dance macabre um das Varieté-Rondell, eine Prozession von Menschenfragmenten. Aus Beilen oder Schraubzwingen zusammengesetzte Gestalten wandeln vorüber, Prothesen aus Gewehren, lauter Woyzecks eben. Dazu ein verfremdeter Schlusschor aus Bachs Matthäus-Passion. Dick aufgetragen, damit jeder den Appell an Menschenwürde und Gerechtigkeit wirklich versteht. Nur vereinzelte "Buhs" während des kräftigen Applauses.

 

Woyzeck
von Georg Büchner
unter Verwendung von Motiven aus Heiner Müllers "Die Wunde Woyzeck" und dem Roman "Tram 83" von Fiston Mwanza Mujila
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Amit Epstein, Puppen: Michael Pietsch, Musik: Anton Berman, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturige: Jörg Bochow.
Mit: Luise Aschenbrenner, Anton Berman, Jannik Hinsch, Birte Leest, Michael Pietsch, Torsten Ranft, Matthias Reichwald, Lukas Rüppel, Ezé Wendtoin.
Premiere am 19. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr: Fiston Mwanza Mujilas Roman Tram 83 wurde im September 2018 von Dominic Friedel in Graz inszeniert und im Juni 2019 von Carina Riedl in Mannheim.


Kritikenrundschau

"Packender Horrortrip im Schauspielhaus", ist Sebastian Thieles Kritik in der Sächsischen Zeitung (21.10.2019) betitelt. Fürs Publikum eine Achterbahn der Wahrnehmung. "So eigen die Lesart dieses Afrika-'Woyzecks' auch sein mag, die Konsequenz und Bildgewalt ist atemberaubend." Es gehe laut, plakativ und auch an der Grenze des Geschmacks zur Sache. Doch die bitterbösen Szenen erheben eine berechtige Anklage an die Kolonialmächte. "Begeistert feiert Dresden diesen radikalen und grandiosen Abend."

Die Woyzeck-Figur wirke gebrochen, apathisch, wenig gewalttätig und zeige en passant, dass man zur eindrücklichen Charakterdarstellung nicht unbedingt ein Schauspielergesicht brauche, schreibt Andreas Herrmann von den Dresdner Neuesten Nachrichten (21.10.2019). Es komme zwar keine Langeweile auf, "(d)och bei diesem Ausflug in die Katakomben Zentralafrikas steckt einiges zu viel an unausgegorener Wildheit." Das Drama zerfasere, so dass kaum Verständnis, Mitleid oder gar Erregung aufkomme. "Dennoch sollte Gockel seine Bearbeitungsreihe wichtiger Sozialdramen unbedingt fortsetzen."

 

 
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