Gekommen um zu bleiben

von Anna Volkland

Berlin, 20. Oktober 2019. Sie ist eine Erfolgsgeschichte: die Geschichte des 2015 an einem Küchentisch in Oldenburg gegründeten ensemble-netzwerks, inzwischen ein gemeinnütziger Verein mit (Stand Freitagabend) 654 offiziellen Mitgliedern. Diejenigen, die das Netzwerk als Teil und Motor einer Theaterreform-Bewegung aufgebaut haben, haben von Anfang an verstanden, dass langfristige Veränderungsprozesse mit einem grundlegenden Bewusstseinswandel beginnen. Ungerechte Verhältnisse werden immer auch ein Stück weit von denen mitgetragen, die unter ihnen zu leiden haben. Wenn Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Dramaturg*innen, Assistent*innen über lange Zeit hinweg verinnerlicht haben, dass echte künstlerische Theaterarbeit eine besondere Opferbereitschaft erfordere und "Schmerz zur Selbstverwirklichung" gehöre (wie Ulrich Khuon 2004 in einem Theater Heute-Interview zu den harten Arbeitsbedingungen von Schauspieler*innen sagte), muss ihnen allen zuerst begreifbar gemacht werden, worum es sich hier handelt: um systemstabilisierende Theaterfolklore. Dieses System funktioniert aber längst nicht mehr gut, der Innendruck ist zu hoch, und der Erfolg der Aufklärungsarbeit hängt auch damit zusammen.

Gut organisierte Unperfektion

Die ensemble-netzwerk-Aktivist*innen, die jetzt fürs vergangene Wochenende (Freitag bis Sonntag) in die Berliner Volksbühne zur 4. Bundesweiten Ensemble-Versammlung eingeladen haben, wissen aber auch, dass friedliebende Menschen sich für Veränderungen vor allem dann öffnen, wenn nicht Anklage, Antagonismen und Aggressionen im Vordergrund stehen, sondern frohe, eingängig und einladend formulierte Botschaften wie "You are not alone!". Das damit verbundene Versprechen, gemeinsam solidarisch handeln und sich für die Verbesserung der eigenen Lebens- und Arbeitssituation einsetzen zu können, trifft bei vielen künstlerisch am Theater Arbeitenden, die der Konkurrenzkämpfe und des Drucks müde sind, auf äußerst offene Ohren und auch mitten ins Herz.

Von Liebe (zum Theatermachen, zum Ensembleprinzip, zur lebendigen, verantwortlichen Mitarbeit etc.) ebenso wie von der "Angst vor künstlerischem Liebesentzug" (sprich: Nichtanerkennung, Nichtbesetzung, Nichtvertragsverlängerung) wurde dann tatsächlich viel gesprochen am Versammlungs-Wochenende – was eine gute Idee ist, wenn man befürchten muss, angesichts der Forderungen nach einer besseren Wahrnehmung der eigenen demokratischen Arbeitnehmer*innen- und letztlich Menschenrechte als prüde Spaßverderber und langweilige, überkorrekte Paragraphenreiter gebrandmarkt zu werden, gar als Feind*innen der Kunstfreiheit.

EnsembleNetz 560 uMotto des ensemble-netzwerks (Foto von der "Parade der Darstellenden Künste" 2018 in Bochum) © Ensemble Netzwerk

Die Veranstaltung feierte sehr gut organisiert die fröhliche Unperfektion, mit herzwärmendem Glitzer-Trash-Pathos. Am Freitagabend beginnt es auf der großen Bühne beziehungsweise mit dem gesamten Saal, in dem jede*r Einzelne wie ein Mitglied einer überdimensionierten Selbsthilfegruppe angesprochen wurde – etwa per Aufforderung, kollektiv die Hosen runter zu lassen und den Sitznachbar*innen zu gestehen, wie viel man verdiene. Denn, so lernen alle Anwesenden gleich: Der früher in fast allen Verträgen zu findende Passus, dass über die eigene Gage Stillschweigen zu wahren sei, ist arbeitsrechtlich ungültig.

Kenne deine Rechte!

Sowieso wird dann an den zweieinhalb Tagen in einem vierteiligen Campus-Programm mit mehreren parallelen Workshops sehr vieles vermittelt, was ermächtigen soll, die eigenen Rechte zu verstehen, einzufordern und mitzugestalten – denn Wissen ist Macht, aber Unkenntnis der Inhalte des Normalvertrags Bühne, der Wichtigkeit des Personal- und Betriebsrates am eigenen Haus, der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften oder der Rolle des Deutschen Bühnenvereins (als – Achtung – Interessenvertretung der Arbeitgeber*innen) ist die Regel; die Materie wirkt zugegebenermaßen auch erst einmal abschreckend unsexy und ist oft überfordernd komplex.

Aber schon allein die Erkenntnis, auch als künstlerisch arbeitender Mensch ein*e gesetzlich mit Rechten ausgestattete Arbeitnehmer*in zu sein und diese Rechte selbst und gemeinsam immer wieder einfordern und etwa in Betriebsvereinbarungen festschreiben zu können (anstatt auf die Freundlichkeit und Fürsorglichkeit eines Intendanten oder einer Intendantin zu hoffen), ist vielen neu – und eröffnet neue Perspektiven.

Anders als in den hochpolitisierten Mitbestimmungsdebatten um 1968 in der BRD geht es heute nicht mehr vordergründig um einen Kampf gegen die patriarchale Autoritätsfigur Intendant*in, sondern um den positiven Wunsch nach einem gemeinsamen Arbeiten auf Augenhöhe. Dass diese Augenhöhe zwischen Theaterleitung und Schauspieler*innen leider häufig immer noch nicht gegeben ist, zeigen Formulierungen wie "unter [Intendant*innenname] arbeiten" oder die Praxis, per Anruf und ohne Angaben von Gründen – "wie ein Grundschulkind" – zu einem Gespräch ins Intendanzbüro zitiert zu werden.

"Ziele 3000"

Dem ensemble-netzwerk zufolge sollen alle Theatermacher*innen "auch ein bisschen struppig" sein dürfen, "eigen" und "gut informiert" – so Lisa Jopt, selbst Schauspielerin, Vorstandsmitglied und "Mutter der gesamten Bewegung" (Laura Kiehne bei der Eröffnung am Freitagabend). BEV Lisa Jopt 280 Limus Dessecker uLisa Jopt hielt eine der Eröffnungsreden der 4. Bundesversammlung, in der sie mehr Teilhabe einforderte © Limus Dessecker Man wolle ernst genommen werden und Sicherheit bekommen. Angestrebt wird die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in vier Bereichen: Geld, Zeit, Teilhabe und Respekt. Um diese konkret zu erklären, wurden "ZIELE 3000" in formuliert, die online zugänglich sind sowie als ansehnliches Postkartensammelset mit lustigen Sprüchen wie "Wer ans Theater geht, sollte Visionen haben" oder "Gebt Eure Kinder zur Adoption frei" in der Volksbühne auslagen.

Der Aufruf, seine Kinder loszuwerden, spielt auch auf die immer wieder als unhaltbar beschriebene Situation an, zwar die Theaterkolleg*innen als (temporäre) Familie ansehen zu sollen, auf eigenen Nachwuchs aber verzichten zu müssen – wenn man sich nicht einen deutlichen Nachteil auf dem Theaterarbeitsmarkt verschaffen will. Die vom ensemble-netzwerk am Samstag in der Volksbühne organisierte kostenlose Kinderbetreuung ist bezeichnenderweise ein wunderbares, aber derzeit noch so ungewohntes Angebot, dass es fast gar nicht beansprucht wurde.

Zum Thema Theater-Nachwuchs hatten die Veranstalter*innen aber auch Erfreuliches zu vermelden: Das erst im letzten Jahr gegründete Junge Ensemble-Netzwerk für Theater-Studierende ist weiter gewachsen und hat unter anderem gemeinsam mit dem Portal TheaPolis den diesjährigen KIBA, den Künstlerischen-Initiativ-Bewerbungs-Almanach entwickelt. Anfang 2020 lädt es zur Konferenz aller Theaterstudierenden und -dozent*innen in die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin, um dort gemeinsam Visionen für die Zukunft des Theaters und der Ausbildung zu entwickeln.

Machtmissbrauch = keine Überraschung?

Schon jetzt zeigt sich die jüngere Generation deutlich weniger empfänglich für die traditionellen Glaubenssätze der Theaterfolklore. Ob es denn früher tatsächlich akzeptiert worden sei, dass Kunstmachen immer eine totale Opferbereitschaft bedeute?, fragt etwa eine Schauspielstudentin in einer Gesprächsrunde ungläubig. In derselben Runde versucht die Co-Vorsitzende der Intendanten[sic]gruppe des Deutschen Bühnenvereins Kathrin Mädler mit den Anwesenden vergeblich Konsens darüber herzustellen, dass ein von Regelungen durchdrungener Theaterarbeitsalltag doch gar nicht erstrebenswert sei, man brauche eine Offenheit im Miteinanderarbeiten... – "Du bist doch aber nicht so richtig betroffen! Ich als Schauspieler und Berufseinsteiger brauche Regelungen!", entgegnet ihr ein Anwesender recht direkt.

Dass die am Theater befristet angestellten Künstler*innen auf Regelungen und Schutz angewiesen sind, legt auch die von Thomas Schmidt am Eröffnungsabend vorgestellte neue Studie zu Macht und Struktur im Theater nahe. Schmidt hält maßgeblich die immer noch viel zu starke Machtposition eines einzelnen Intendanten für problematisch und zitiert unter anderem die Künstlerin Jenny Holzer: "The abuse of power comes as no surprise." Das ist nicht als Entschuldigung gemeint, der Schock über die Studienergebnisse sitzt bei allen tief, vorschnelle Lösungsvorschläge hat niemand.


Diagrammserie zu den Zahlen der von Thomas Schmidt veröffentlichten Studie "Macht und Struktur im Theater" (von Anne Peter / nachtkritik.de).

Netzwerk-Boom

Der Fokus der Versammlung liegt auf den Möglichkeiten des eigenen Handelns und Strukturenmitgestaltens als Schauspieler*in, Dramaturg*in oder Regisseur*in. Die letztgenannten Berufsgruppen haben zudem eigene, assoziierte Netzwerke gegründet. Das noch ganz junge Dramaturgie-Netzwerk, das sich im Gegensatz zur befreundeten Dramaturgischen Gesellschaft als aktivistisch wirkende Gruppe definiert, lädt für Mitte Dezember alle an Mitwirkung Interessierten nach Hannover ein. Das etwas ältere Regie-Netzwerk hat bereits einen mehrseitigen, detailliert durchdachten, praxisnahen Handlungsleitfaden für Regisseur*innen entwickelt, denn, so Mitbegründer und Regisseur Jakob Weiss: "Unser Berufstand ist mitverantwortlich dafür, dass es Machtmissbrauch gibt am Theater." Aber Weiss fragt auch, wie damit umzugehen sei, dass Regisseur*innen eine derart hohe Verantwortung zugesprochen werde, während auch sie (als Gäste) längst nicht alle Rahmenbedingungen einer Produktion beeinflussen könnten und bisher als isolierte Einzelkämpfer*innen unterwegs seien.

Theater: nicht nur ein Unterhaltungsmedium

Dass der Besitz der Produktionsmittel und die Gestaltung der eigenen Arbeitsweisen im positiven Sinne Macht und die Übernahme von Verantwortung bedeutet, erklären am Samstagabend im Nachgespräch ihrer selbst produzierten und gespielten (absolut sehenswerten) Zwei-Mann-Show "Hero 2.0. – The Show of all Shows" die jungen slowenischen Theatermacher Uroš Kaurin and Vito Weis. Es könne nicht ausreichen, finden sie, nur die eigenen Arbeitsbedingungen zu verbessern, wenn dennoch weiterhin die gleiche (konservative) künstlerische Arbeit gemacht werde.

Tatsächlich ist dies bisher eine Leerstelle in den Diskursen des ensemble-netzwerks, das mit dem freundlichen Slogan "We love to entertain you! – Aber bitte fair." das Theater lediglich als Unterhaltungsmedium zu begreifen scheint. Verständlich ist diese Strategie allerdings. Es erfordert bereits viel Mut und Idealismus, sich darauf zu konzentrieren, innerhalb eines von Konkurrenz und Abhängigkeiten durchzogenen, prekären Feldes wie dem des Theaters fair und solidarisch, eigenwillig und mitverantwortlich zu handeln. Zu bedenken ist auch, dass dem Theater auch schon von eben denen bedeutende politische Relevanz in knackigen Parolen zugesprochen wurde, die nicht einmal Missstände am eigenen Haus erkennen konnten oder beseitigen wollten... – dann lieber ohne Parole.

Das ensemble-netzwerk hat sich außerdem im "Aktionsbündnis der Darstellenden Künste" mit weiteren Theaterverbänden, -Initiativen und -Gewerkschaften zusammengeschlossen und plant mit diesen weitere Schritte. Das Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Politiker*innen für die wenig glamourösen Bedingungen der öffentlich finanzierten Theaterarbeit soll weiter sensibilisiert werden, mit Abgeordnetenfrühstücken und Studien mit belastbaren Zahlen. Hat das ensemble-netzwerk sich 2015 gegründet mit dem Wunsch, sich möglichst bald selbst wieder abzuschaffen, erklärt Lisa Jopt nun, man habe inzwischen längst realisiert: "Wir sind gekommen, um zu bleiben." Oder, wie es in den "Zielen 3000" heißt: "If you can, you want and you don't stop."

 

4. Bundesweite Ensemble-Versammlung
18. bis 20. Oktober 2019, Volksbühne Berlin
Programm
www.ensemble-netzwerk.de

 

Anna Volkland studierte Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig sowie Tanzwissenschaft an der FU Berlin und arbeitete als Dramaturgin an Stadttheatern sowie für freie Projekte, manchmal auch als Autorin für Theater- und Tanzthemen. Seit 2014 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Darstellende Kunst der Universität der Künste Berlin. Sie forscht zur Institutionskritik im deutschen Stadttheater seit den späten 1960er-Jahren.

 

Mehr zum Thema:

Die One-Man-Show funktioniert nicht mehr – Interview mit Thomas Schmidt über seine Studie zu Macht und Machtmissbrauch an deutschen Theatern

Studie zu Macht und Struktur im Theater – Meldung vom 3. Oktober 2019

 

 
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