"Bitte bevorraten Sie sich!"

von Wolfgang Behrens

29. Oktober 2019. Als ich noch kein Kritiker sondern nur ein Zuschauer war, erlebte ich einmal mit meiner Cousine C.... in Peter Steins "Kirschgarten"-Inszenierung einen Theatermoment, den wir beide fortan zu unseren komischsten zählen sollten. Was allerdings nichts mit Peter Stein oder Tschechow zu tun hatte. Vielmehr trug sich zu, dass C.... und ich, die wir als Student*innen auf den billigen Plätzen saßen, vor der Pause zwei freie Sitze in der ersten Reihe erspäht hatten, die wir nun am Beginn des dritten Aktes einzunehmen trachteten.

kolumne 2p behrensWährend C.... sich auch glücklich bereits niedergelassen hatte, war ich als um einige Sekundenbruchteile im Hintertreffen Befindlicher gerade an dem zweiten freien Stuhle angelangt und eben im Begriffe mich zu setzen. Plötzlich schoss pfeilschnell eine junge Dame heran, die schlangengleich an meinem schon im Fallen begriffenen Gesäß vorbeiglitt, um sich mit kleinstmöglichem Vorsprunge in den von mir bereits annektiert geglaubten Sitz zu drücken und "Besetzt!" zu rufen. Im letzten Moment gelang es mir, meine Bewegung zu stoppen, und meine Cousine brach in helles Lachen aus. Düpiert kehrte ich, gefolgt von der solidarischen C...., auf meinen billigen Platz zurück, während die junge Dame triumphierend ihrer Begleitung den zweiten, nun wieder frei gewordenen Stuhl offerierte.

Sadistische Freude

Die kleine Szene ist durchaus symptomatisch. Wenn es für das Theaterpublikum gilt, sich einen kleinen Vorteil zu verschaffen, dann werden in der Regel keine Gefangenen gemacht. Von daher durchschauert es mich schon, sobald ich etwa auf einer Eintrittskarte die zwei Wörter "Freie Platzwahl" lese, denn ich ahne, dass es jetzt Krieg geben wird. An manchen Spielstätten wird letzterer offenbar mit sadistischer Freude jeden Abend noch zusätzlich befeuert, indem sich die Pforten zum Zuschauerraum erst fünf Minuten nach der offiziellen Anfangszeit öffnen.

In der Zwischenzeit haben sich große Trauben an den Türen gebildet, und wenn der Einlass endlich beginnt, werden die Vornestehenden von den von allen Seiten Nachdrängenden brutal in den Saal hineingepresst. Auf engstem Raum finden dann gnadenlose Positionskämpfe statt, und wenn man sich schließlich zu einem scheinbar freien Platz vorgearbeitet hat, muss man erkennen, dass er samt den fünf Nachbarplätzen von einem rasch hingeworfenen Schal reserviert worden ist.

Die Schaubühne als Trüffelpyramide

An Erfrischungsständen und Garderoben setzt sich dieser Kampf im Übrigen fort. Es gibt immer wieder Menschen, die rätselhafterweise das Ende einer Schlange nicht finden und das Feld zum Missmut der brav Anstehenden einfach von vorne aufrollen. Wer an eine moralisch hebende Kraft des Theaters glauben sollte, der wird in solchen Situationen eines Besseren belehrt.

"Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele", schreibt Schiller. Man würde ihn gerne einmal in die Komische Oper in Berlin schicken, wo Abend für Abend ein grausames Menschenexperiment durchgeführt wird. Nach jeder Vorstellung lässt dort nämlich der Pralinenhersteller Sawade den Opernbesucher*innen eine Süßigkeit reichen bzw. man darf sie sich von großen, vom Abendpersonal überwachten Trüffelpyramiden herunternehmen.

Allabendlich spielen sich unglaubliche Szenen ab. Wer einen Schlüssel zu den wirklich geheimen Zugängen der menschlichen Seele sucht, der braucht hier nur ein paar Minuten zuzusehen: Mit Rollgriff langen die eben noch von der "Zauberflöte" Geläuterten in die Pyramiden hinein, folgen der Devise "Bitte bevorraten Sie sich!" und stopfen sich die Pralinen fuderweise in Anzugtasche und Clutch. Manche fühlen sich immerhin von den aufmerksamen Augen der Opernmitarbeiter*innen noch soweit gestört, dass sie sich nicht an einer Pyramide alleine gütlich tun, sondern – gewissermaßen unauffällig – zwischen ihnen hin- und herpendeln. (So jedenfalls mache ich es.)

Zum Fenster hinaus

Christoph Schlingensief plante 1999 die von der Deutschen Bank geförderte Aktion "Rettet den Kapitalismus – schmeißt das Geld weg!" Bei einer Gala der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft wollte er Spendengelder sammeln und das Geld, sollte eine bestimmte Summe nicht erreicht werden, anschließend buchstäblich zum Fenster hinauswerfen. Die Deutsche Bank zog sich allerdings aus dem Projekt zurück, was man ihr damals mindestens als Humorlosigkeit auslegte. Ich hingegen glaube, dass die Bank weise gehandelt hat, denn es hätte auf der anderen Seite des Fensters Mord und Totschlag gegeben. Und Schiller übrigens setzte den oben zitierten Satz folgendermaßen fort: "Ich gebe zu, dass Eigenliebe und Abhärtung des Gewissens nicht selten ihre [= der Schaubühne] beste Wirkung vernichten." Da stimme ich zu, nur dass man "nicht selten" getrost durch "immer" ersetzen kann.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er u.a. in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

Zuletzt hat Wolfgang Behrens den Begiff der Werktreue umkreist.

 
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