Ratten, Fäkalien, Lärm

29. Oktober 2019. Weil die Stadt Landshut sich die Sanierung ihres Stadttheaters für 43 Millionen Euro nicht leisten will, sieht Intendant Stefan Tilch das Landestheater Niederbayern mit Spielstätten in Landshut, Passau und Straubing in seiner Existenz bedroht.

Zum Hintergrund

Seit fünf Jahren spielt das Landestheater Niederbayern in einem Gewerbegebiet in Landshut in einem Theaterzelt. Das eigentliche Theatergebäude war 2015 von der Stadt gekauft worden und sollte bis 2024 renoviert werden.

Jetzt erklärte der Landshuter Oberbürgermeister Alexander Putz (FDP) dem Bayerischen Rundfunk (BR), "dass die Baukosten für die dringend notwendigen Schulbaumaßnahmen deutlich nach oben gehen würden und sich auf der anderen Seite die Konjunktur eintrübe" und deshalb die Theatersanierung gestoppt werde. Dies obwohl die Stadt Landshut dem Vernehmen nach bis zu 60 Prozent der Baukosten durch staatliche Zuschüsse finanziert bekäme.

LandshutTheaterzelt Peter Litvai Landestheater NiederbayernTheaterzelt in Landshut © Peter Litvai / Landestheater Niederbayern

Gegenüber dem BR spricht Intendant Tilch von "extrem unwürdigen Bedingungen" im Theaterzelt und den Probenräumen. So funktioniere die Kanalisation nicht richtig, es rieche nach Fäkalien, Rattenkadaver verfaulten unter dem Zelt. Laute Veranstaltungen neben dem Zelt erschwerten die Arbeit, "wir müssen uns häufig bei Proben anschreien, weil draußen eine Messe auf- oder abgebaut wird oder Mähdrescher und Schneepflug hin- und herfahren", so Tilch im Gespräch mit der Münchner Abenzeitung. Sollte die Sanierung des Stadttheaters jetzt erst, wie vermutet werde, in den Jahren ab 2030 erfolgen, sei das, so Tilch, das Ende des gesamten Landestheaters Niederbayern. Gegenüber der Passauer Neuen Presse sagt er: "Bisher gibt es den unausgesprochenen Konsens, dass wir all das dulden, weil wir vertrauen auf die Stadt Landshut, die immer zugesichert hat: Wir tun alles, damit ihr so bald wie möglich wieder in die Stadt zurückkehren könnt." Wenn jedoch auf lange Sicht kein "spielfertiges Haus" zur Verfügung stehe, müsste der Betrieb auf das, "was hieb- und stichfest ist". reduziert werden. "Wir müssen dann Vorstellungen absagen, Premieren verschieben. Das schmälert die Einnahmen des Zweckverbands" und treffe damit auch sofort Passau und Straubing." Der Zweckverband Landestheater Niederbayern produziert in Landshut Schauspiele, in Passau Opern und Musicals. Die Inszenierungen werden ausgetauscht. Würden nun in Landshut keine Stücke mehr produziert, wären auch "Publikumsmagneten wie aufwändige und teure Musicals nicht mehr möglich", schreibt der BR auf seiner Website.

Reaktion der Staatsregierung

In München hofft der zuständige bayerische Kunstminister Bernd Sibler (CSU), dass es nicht zum Zerfall des Theaters kommen werde und die Stadt Landshut noch einen Weg fände, die Sanierung des Stadttheaters "möglichst bald anzugehen". Sein Ministerium fügte an, dass das Kunstministerium die Zuschüsse für das Landestheater von 2,6 Millionen Euro im Jahr 2018, auf 2,7 Millionen Euro in diesem Jahr erhöht habe.

Anderswo in Bayern

"Umstrittene Theatersanierungen", schreibt der Bayerische Rundfunk, seien "dabei in Bayern nichts Ungewöhnliches". In Augsburg hätten Bürger die "derzeit anlaufende teure Modernisierung" verhindern wollen, in Würzburg werde "an der Erweiterung des Mainfrankentheaters gebaut", bevor das Haupthaus saniert werden könne. "Längerfristig muss auch die Oper in Nürnberg modernisiert und erheblich erweitert werden, um für Mitarbeiter und Publikum ein zeitgemäßes Raumangebot zu schaffen."

Am 6. Dezember entscheidet der Landshuter Stadtrat endgültig über den nächsten Haushalt und damit über die Zukunft des Stadttheaters und möglicherweise ebenso über die Zukunft des Landestheaters Niederbayern.

Update vom 9. November

In einer Pressemitteilung forderte nun auch die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger die Sanierung des Landestheaters Bayern und eine Überprüfung der arbeitsrechtlichen Bedingungen für die Mitarbeiter*innen des Landshuter Stadttheaters.

Update vom 13. November

Mittlerweile hat das Landestheater eine Online-Petition eingerichtet, die sich für die Fortsetzung der Sanierung einsetzt. Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger in Hamburg, die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in München sowie die Deutsche Orchestervereinigung in Berlin unterstützen die Forderungen, wie DPA und Süddeutsche Zeitung melden.

 

(Bayerischer Rundfunk / Passauer Neue Presse / Abendzeitung / jnm)

 

 

 
Kommentar schreiben