Tod eines Despoten

von Johanna Lemke

Dresden, 17. September 2008. Mit dem Ende zu beginnen, ist eigentlich nur bei Shakespeare erlaubt. Weil doch jeder weiß, worauf es hinausläuft. Am Ende des "König Lear" also: Jeder kämpft seinen eigenen Krieg, und diese enorm tiefe, sehr leere und sehr schwarze Bühne hat für jeden ein Plätzchen, an dem die kleinen und großen Intrigen ausgetragen, giftgemordet und duelliert werden können.

Das Ziel von all dem? Wer weiß das schon noch. Einst hieß es Macht und damit wären wir am Beginn der Geschichte, denn dort sind all die Gefechte, die später auf der Bühne geschehen werden, schon in den Beziehungen angelegt. Lear, der despotische König, wird in der Inszenierung von Holk Freytag gespielt von Dieter Mann. Er kommt gleich zur Sache: Ohne große Exposition fordert er von seinen Töchtern den Liebesbeweis – welche liebt ihn am meisten? Das von Cordelia verweigerte Bekenntnis, das ihr, der Tugendhaften, zu banal erscheint, treibt die Tragödie voran – doch das ist nur der Auslöser.

Erkalteter Hass, verbitterte Gleichgültigkeit
Denn wenn im Anschluss die beiden anderen Töchter, die nun über Staat und Haus verfügen, ihren Vater hintergehen und enteignen, dann scheint das wie Rache am Despotismus, der in der Vergangenheit in dieser Familie geherrscht haben muss. Diese Interpretation der Tragödie ist umstritten, obgleich sie so fern nicht liegt. Betrachtet man den Text genau, erkennt man all die Brutalität, mit der Lear gegen seine Töchter vorgeht. Der Vater begegnet ihnen so unterkühlt, dass sich ahnen lässt, warum sie später Rache gegen ihn schwören: "Es ist seine Schuld. Er nahm sich selbst die Ruh. Nun büßt er seine Torheit."

In den winzig kleinen Blicken der Töchter zu ihrem Vater ist etwas verborgen, das sich kaum Hass nennen lässt, denn es ist längst erkaltet. Genau diese verbitterte Gleichgültigkeit führt zu grauenhaften Intrigen, die die Familie letztlich zersetzen und die Akteure dazu bringt, sich gegenseitig zu vernichten. Und Lear selbst ist erst fähig zu handeln, als er wahnsinnig, verlassen, als Aussätziger beinahe in der Heide krepiert.

An den Grenzen entlang
Dieter Mann spielt hier einen zutiefst fragilen Lear, zunächst gefangen in Anerkennungssucht, schließlich im Wahnsinn. Diese beiden Extreme liegen nicht weit voneinander entfernt, Mann hangelt sich an den Grenzen entlang und macht sie dadurch sichtbar. Am Ende sitzt Lear dem erblindeten Graf von Gloster gegenüber, seinerseits ebenfalls vom eigenen Kind betrogen. Dieser wird zum Sehenden, als er sich blind in der Heide ausgesetzt findet, Lear zum Erkennenden, als die Vernunft ihn verlässt.

Doch hier zeigt sich auch das große Manko der Inszenierung, die versucht, dieser doch nur begrenzt einsichtigen Figur Lear einen Fortschritt in der Erkenntnisfähigkeit zu verleihen. Denn wenn bei Shakespeare der Lear immer wieder mehr Liebe fordert, auch am Ende, als die geschasste Tochter Cordelia sogar zu ihm zurückkehrt, da ist bei Shakespeare das Zerstörende als Maßlosigkeit angelegt. In Dresden bleibt Lear Opfer, ein erkennendes zwar, doch er ist der Verlassene.

Der Verursacher als Geschädigter
Die blasse Darstellung der Cordelia gleicht das kaum aus, ihre Rückkehr zu dem Vater, der sie zuvor brutal verstoßen hat, scheint wie ein Bekenntnis, dass der Verursacher von Terror selbst ein Geschädigter ist. Es ist die zweite Hälfte der Inszenierung, in der auch die paar herausragenden Schauspieler die Spannung nicht genügend halten können. Zu Beginn hatte die punktgenaue Bezugnahme der Einzelnen das getragen, was sich später in dem tatsächlichen Kampfgeschehen auf der Bühne Bahn bricht.

Doch dadurch, dass der Showdown radikal verkürzt wurde, schlenkert diese Sequenz so dahin, es wird nicht einsichtig, wer durch wen zu Tode kommt. Die Entscheidung für ein stark reduziertes Spiel, für wenige, aber gezielt eingesetzte Stilmittel erfährt eine gewisse Inkonsequenz, als dann doch die Nebelmaschine ein wenig zu sehr pustet und das Licht allzu pathetisch eingesetzt wird. Der einstige Despot stirbt unter lautem Wehklagen. Die Frage, wer hier das Opfer ist, wird damit zu deutlich beantwortet.

 

König Lear
von William Shakespeare
Regie: Holk Freytag, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Michaela Barth, Musik: Wolfgang Schmidtke.
Mit: Dieter Mann, René Erler, Stefan Kaminsky, Lars Jung, Dirk Glodde, Günter Kurze, Kai Roloff, Michael Schrodt, Thomas Martin, Alexander Gamnitzer, Claudia Eisinger, Christine Hoppe, Marlène Meyer-Dunker, Caroline Hanke.

www.staatschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Im Deutschlandradio (Fazit, 17.9.2008) gibt Michael Laages zu bedenken, dass Dieter Manns "Klugheit im Spiel immer ein bisschen an den Irrwegen dieser Figur abprallt und er rettet sich dann in leichte Ironie und das bekommt dem Vorgang auch nicht unbedingt". Zumal sich Holk Freytag etwas zu sehr auf seinen Protagonisten verlassen und zu wenig gestaltet hätte: "Der Abend erschöpft sich über weite Strecken in dem, was man früher so Geh- und Steh-Theater genannt hat." Freytag hätte keine "Grundidee", und auch die Schaupielerinnen "bleiben relativ kalt, wie bei einer Stehparty."

Auch Caren Pfeil hat bei der "Lear"-Premiere vergeblich darauf gewartet, dass die Figuren "anfangen zu leben", wie sie in den Dresdner Neuesten Nachrichten (19.9.2008) schreibt. Sie "bleiben Sprachrohre, flache Abziehbilder, die für etwas stehen, ohne etwas zu sein". Ein "brennendes Schwert vor wallendem Nebel" gerate darüber hinaus zu einer Art "Mummenschanz" und Dieter Mann sei "kein schlechter Lear", aber "auch kein guter".

Gabriele Gorgas von der Sächsischen Zeitung (19.9.2008) dachte während der Vorstellung vor allem darüber nach, "wie es Regisseur Holk Freytag nun auch in seiner letzten Spielzeit als Intendant vom Staatsschauspiel Dresden so gnadenlos vermag, aus einem lebendig-kraftvollen Stück derart dürres, papiernes Theater zu machen". Die Black Box von Olaf Altmann hätte sich zwar als wandlungsfähig und stimmungsvoll erwiesen und "atmosphärische Räume in Eiseskälte und blutroter Militanz erschaffen". Auch mache Dieter Mann "die Willkür und Entschiedenheit des Potentaten ebenso deutlich wie den Verfall des Geistes und des Körpers, die Weisheit des Alters, die Freiheit des Narren." Doch letztlich werde "kein Ganzes" daraus, Einzelnes könne eine "schwache Inszenierung" nicht retten.

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