Wärmendes, totes Tier

von Katrin Ullmann

Hamburg 17. September 2008. "Er wird es gut haben bei dir." Hartl ist sich sicher. Sie kennt ihre Freundin und kennt auch ihr besonderes Verhältnis zu Pelzmänteln. Warm und kuschelig müssen sie sein, das Gefühl von Nähe und Geborgenheit vermitteln. Und darum kauft die "Mantelabholerin" sich regelmäßig ein neues "wärmendes totes Tier". Es ist ihr dickes Fell, ihr ganz persönliches Mittel gegen die Langeweile und vor allem gegen die Einsamkeit.

Die Einsamkeit, die unfreiwillige natürlich, ist das aufdringlich zentrale Thema in Gabriele Kögls jüngstem Stück "Fressen, Kaufen, Gassi gehen". Die österreichische Autorin, Jahrgang 1960, erzählt darin von zwei älteren, vom Leben enttäuschten Damen und ihrer recht verzweifelten Suche nach dem (späten) Glück.

Breitwandtheater auf schmaler Bühne

Im Mai wurde "Fressen, Kaufen, Gassi gehen" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen unter der Regie von Kristo Šagor uraufgeführt. Nun beging es, wie sich das für Koproduktionen so gehört, seine Hamburger Premiere im Rangfoyer des Deutschen Schauspielhauses. Dieser unscheinbare Raum ist – seit der Malersaal vor allem vom Jungen Schauspielhaus bespielt wird – für kleinere Produktionen vorgesehen. Breiter als tief, ohne Bühne oder gar Hinterbühne und mit zwei schweren Türen als einzige Auftrittsmöglichkeiten zwingt er zu Improvisation und Behauptung.

Sebastian Kloos (Ausstattung) baute eine kluge Bühne für Breitwandtheater: ein meterlanger dunkelbrauner Verkaufstresen steht parallel zu den Zuschauerreihen, gefaltete Konfektionsware liegt obenauf. In der Mitte steht eine silberne Etagère voller Pralinen und Trauben sowie eine Flasche Champagner. Diese Boutique ist eine von der besseren Art und die ältere Dame, die "Mantelabholerin", die dort einkauft, fühlt sich auch so.

Irene Kugler spielt sie herrisch mondän: Sie lässt sich bedienen und bekleiden, räkelt sich bald in weißer Spitzenunterwäsche, versucht auch mal einen wackelig-stolzen Catwalk auf dem Verkaufstresen und schikaniert die höchst beflissene Verkäuferin (schön spröde: Verena Fitz) nach Herzenslust und -laune.

Der perfekte Tag für einen Suizid

Vom Leben enttäuscht ist die "Mantelabholerin", von Mann und Kindern verlassen, einsam unterm Weihnachtsbaum, einsam eigentlich das ganze Jahr. So richtig zugeben mag sie das nicht. Steter Zynismus ist ihre Waffe, auch wenn sie mal mit einer imaginären Damenpistole Piffpaff spielt. Hartl (Juliane Koren) ist ihre Freundin, ihrer Leidensgenossin. Einsam ist auch sie, nur weniger selbstbewusst und welterfahren, entsprechend mausbeigebraun ist ihre Altdamengarderobe. Weihnachten ist für sie – kinderlos und ledig – der perfekte Tag für einen Suizid.

"Irgendwer wird mich doch mal lieben müssen wollen", ruft sie später verzweifelt, doch die Welt bleibt kalt und stumm und so onaniert sie inmitten der Boutique. An allem sind sowieso die Männer schuld. Bald versucht Hartl ihr Glück mit einem Hund, der "materialisierten Vorstellung von Liebe und Treue", kommentiert die "Mantelabholerin".

Ein Kind mit Kapuzenjacke und Hundemaske spielt in Šagors Inszenierung den Familienersatz. Hartl ist begeistert und bald selbst auf den Knien. Ihre hundgewordene Kindersehnsucht zerredet ihr die Freundin in einem etwas schlicht geratenen Monolog über das nabelschnurenge Mutterdasein zwischen Elternsprechtagen, Kindergärten und Blähungen. Kurz: über das gegenseitige Zugrunderichten von Eltern und Kindern.

Das Wurstbrot der Hundemörderin

Nach dem zweiten Akt sind an der Einsamkeit also nicht mehr allein die Männer schuld, sondern die Familie im Allgemeinen. Als Hartls erhoffte Hundebesitzerkontakte ausbleiben und ihr Vierbeiner sich als nicht wirklich treu erweist, zieht sie Konsequenzen. "Ich werde mich rächen!" sagt sie recht unmotiviert und beißt in ihr Wurstbrot. "Von der potenziellen Selbstmörderin zur Hundemörderin" – Kögls Text erklärt den Sinneswandel der wild gewordenen Dame nicht wirklich – und auch in Šagors, um die Psychologie der Figuren bemühten Inszenierung gewinnt Hartl weder an Glaubwürdigkeit noch an Absurdität.

Šagors groteske, unterhaltsame Stimmung aus dem ersten Akt ist spätestens seit Hartls Hundebesitz einem erklärungswilligen Realismus gewichen. Auch dass die beiden Freundinnen im letzten Akt als bewaffnetes Killerpärchen auftreten, ist weder gefährlich noch grotesk. Ein kleiner Haufen toter Hunde, natürlich auch ein toter, weil unaufmerksamer Mann (Lukas Holzhausen) und all zu viel Jelinek für Arme sind schließlich die Bilanz eines wenig überraschenden, allzu klischeehaft erzählten Abends.

 

Fressen, Kaufen, Gassi gehen
von Gabriele Kögl
Regie: Kristo Šagor, Bühne und Kostüme: Sebastian Kloos.
Mit: Irene Kugler, Juliane Koren, Verena Fitz, Hedi Kriegeskotte, Lukas Holzhausen.

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"'Fressen, Kaufen, Gassi gehen' in der Regie von Kristo Šagor erzählt vom Alter, von der Einsamkeit und all den Versuchen, sich die Enttäuschung schönzureden und braucht dafür nur ein karges, variables Bühnenbild von Sebastian Kloos", fasst FK auf Welt Online (19.9.2008) die Premiere im Rangfoyer des Hamburger Schauspielhauses zusammen. Die Schauspieler seien "prima", Kögl hätte "wunderbar mäandernde" dramatische "Schachtelsätze" geschrieben und biete "manchmal fast mathematische Konstruktionen von Behauptung bei gleichzeitiger Widerrede", insgesamt aber doch etwas "wenig Handlungsmaterial". Auch werde die Metapher vom Hund als Menschenersatz "allzu sehr ausgedehnt". Trotzdem: alles in allem eine Fortführung der "erfolgreichen Reihe der kleinen, feinen Inszenierungen" an diesem Ort.

 

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