Verstoß gegen die Gebote

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. November 2019. Du lieber Gott, was für ein Buch! In Harry Mulischs Roman wird von langer Hand in den ewigen Sphären die Heimholung der in Stein gesetzten Zehn Gebote aus ihrer irdischen bzw. römisch-katholischen Gefangenschaft vorbereitet. Dafür müssen der Himmel und seine ausführenden Organe Geschichte bewegen: schlimmste Geschichte, deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, die an ihrem finstersten Punkt in Auschwitz endet, dem anus mundi, wie der niederländische Jude Mulisch schreibt.

Weltdeutungs-Opus-Magnum

Es müssen die Biografien dreier Menschen, des niederländischen Bürger-Aristokraten und Privatgelehrten Onno Quist, des erotisch überaktiven Astronomen Max Delius mit mörderischem Nazi-Vater und jüdischer Mutter, und der Cellistin Ada miteinander so verbunden werden, dass aus der Dreiecks-Beziehung ein Ros’ entspringt: der anmutige blauäugige Sohn Quinten Quist, gezeugt auf Kuba in einer Art unio mystica, von – wer weiß – Onno oder Max. Dem Wunderknaben fällt der göttliche Auftrag zu. Die von Luzifer geimpfte Menschheit hat die Gnade verwirkt, das mosaische Gesetz vom Berg Sinai länger zu behalten. Es kann nur von einem Ort aus zurückkehren: der Stadt der Städte, dem Allerheiligsten der monotheistischen Religionen – Jerusalem.

EntdeckungDesHimmels 4 560 ThomasRabsch uLuftige Höhen und Milchstraßen-Licht: Serkan Kaya und Andreas Grothgar in "Die Entdeckung des Himmels" © Thomas Rabsch

Im Hintergrund des 1992 erschienenen Bildungs-, Erziehungs-, Zeit- und metaphysisch beflügelten Weltdeutungs- und Weltende-Romans bewegt der polyglotte und galante Mulisch die lebendigen Schatten von Goethes "Faust", den das Ewig Weibliche erlöst, und von Thomas Manns biblischer Tetralogie über "Joseph und seine Brüder", die den Mythos ins Humane umschreibt und heilige Einfalt ins persönlich Gewitzte überträgt. Wenn der Himmel Regie führt und Satan das Böse ins Werk setzt, ist Zufall ausgeschlossen und das Wahrscheinliche suspendiert.

Mit göttlichem Auftrag

Fortwährend berührt die vom bürgerlichen Amsterdam und dem ehemaligen Lager Westerbork in der holländischen Provinz ins Rom der Päpste und ins Heilige Land wandernde, von der Luft des Religiösen gesättigte Geschichte das Transzendente. Sie beginnt in den sechziger Jahren des Aufruhrs, der auch die Niederlande trifft, und in denen Onno zum sozialdemokratischen Kulturpolitiker avanciert, bevor seine Karriere so abrupt endet wie alles in seinem Leben, auch sein Status als Ehemann und Vater. Der geistreich selbstironische Egozentriker aus staatstragend königstreuer, frommer Familie und der scharf geschnittene Max mit der die Brüche des Jahrhunderts in sich tragenden Biografie sind von einer Sekunde auf die nächste Freunde und Blutsbrüder, sind wesensverwandte, wenngleich komplett konträre "Einlinge".

EntdeckungDesHimmels 1 560 ThomasRabsch uElliptische Projektionen: Volker Hintermeiers Bühnenbild © Thomas Rabsch

Der blaue Planet (später der Mond) hängt als nackte Kugel am Bühnenhimmel des Düsseldorfer Schauspielhauses, darunter leere Fläche vor einem elliptischen Bogen, der eine planetare Laufbahn zieht, und der Projektionsraum bietet – wie früher die Schultafel, die sich demonstrativ mit Zeichen und Bildern füllt. Ein untergeordneter Engel plappert munter wie ein südeuropäischer Kellner und übernimmt zunächst die Funktion des Erzählers, während sein cherubinischer Vorgesetzter aussieht wie ein als altrömischer Konsul kostümierter Mafioso.

Künstlich aufgemuntert, künstlich bebildert

Die sieben Darsteller, in epischer Distanz zu ihren Figuren und umstellt von halben oder dreiviertel Apostrophen, sind vor allem eins: Sprechpuppen und tun, obgleich bemüht, Emotion in ihren Körperhüllen zu finden, vor allem eins: sie sondern Text ab. So viel Text, wie 800 Seiten eben aufbringen, selbst nach rabiaten Strichen. Der Grundton ist künstlich aufgemuntert, neckisch und süffisant. Mulischs lässige Sentenzen werden von Christian Erdmann (Onno) und Moritz Führmann (Max) beflissen überbetont: extra dry? – schön wär’s!

Die sich pur gebende Inszenierung (außer ein paar wie von Johannes Schütz stehen gelassenen Stühle ist da nichts) tritt ihren Anspruch scheinbar bescheiden ab an den Videokünstler und einige Kamera- und Scheinwerfer-Adjutanten, zuständig für atmosphärisch schwarzweiße Großaufnahmen oder mit der Taschenlampe gemalte Milchstraße-Lichter. Lauter abgenutzte visuelle Vokabeln. Mal ist es Kunstgewerbe, mal Kitschgewerbe (ein zum Schrei geöffneter Mund); einmal, als Doku-Material von Deportationen eingeblendet wird, wünscht man sich das jüdische Bilderverbot. Nun, Geschmackssache. Um nichts Böseres zu sagen.

Evangelisch erzählt

Nach der Pause rackert Matthias Hartmanns uninspirierte Regie bloß noch den Plot ab – ausschlachtend, ausdünnend, ausradierend – und bringt ihn mit dem jungen menschlichen Hermes, der in Roms Lateran die "Mitte der Welt" und das Sancta Sanctorum entdeckt, zu Ende. Ein immerhin evangelisches Ende in seiner (endlich einmal) Bildlosigkeit, das nur berichtet, dass die Gesetzestafeln, sich auf- und erlösend in ihre Buchstaben und Quinten umhüllend, gen Himmel steigen. Jonas Friedrich Leonhardi, der als Quinten erscheint wie Da Vincis idealer Mensch in einem Gitterglobus, bleibt ähnlich gefangen in seiner nicht-inszenierten Rolle.

Die deutschsprachige Erstaufführung, als theatrale Aussage ein Offenbarungseid, mindert Mulischs Opus Magnum herab sowohl zum Illustriertenroman wie zum Hörbuch. Herrje, was für eine Vergeudung! Und was für ein Sakrileg! Nicht mal ein ganz kleines Licht ist uns aufgegangen.

 

Die Entdeckung des Himmels
von Harry Mulisch
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüm: Su Bühler, Video: Stephan Komitsch, Musik: Karsten Riedel, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Kathleen Baumann, Christian Erdmann, Anna-Sophie Friedmann, Moritz Führmann, Andreas Grothgar, Serkan Kaya, Jonas Friedrich Leonhardi.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Die Verwicklungen, in welche der Engel die beiden Freunde Onno und Max geraten lässt", findet Christoph Ohrem im Deutschlandfunk (online 16.11.2019), "sind derart ausufernd erzählt, dass man sich als Zuschauer schon wundert, dass der Abend die Vier-Stunden-Marke nicht deutlich überschreitet." Demgegenüber würden viele Szenen jedoch "nur angerissen, das epische Erzählen der handelnden Figuren geht zu Lasten des szenischen Spiels". Matthias Hartmann schaffe es zwar, "diesem unmöglichen Bühnenstoff vor allem durch das engagierte Spiel viele gelungene Facetten abzugewinnen", schließlich scheitere die Inszenierung aber "ganz profan an der Stofffülle".


"Ein ehrgeiziges Unterfangen", sah Alexander Menden für die Süddeutsche Zeitung (online 17.11.2019): "Aber eines, das angesichts der Rolle, welche die Mulischs Roman beherrschenden Fragen zu Religion und zur technischen Beherrschung der Welt heute spielen, als durchaus lohnend erscheint." Der "ungeheuren Handlungsfülle" versuche Hartmann beizukommen, indem er "die Figuren zu ihrer eigenen Stimme aus dem Off" mache. So werde "aus der Produktion streckenweise ein ausagiertes Hörbuch." Dennoch bewahre "eine handwerklich souveräne Reduktion" die Inszenierung "nicht vor den Kitsch streifenden Momenten".


"Die Schauspieler meistern die Textmassen grandios", schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (online 17.11.2019), "allen voran Christian Erdmann, der Onno zunächst als liebenswerten Chaoten zeichnet, ihn dann mit jedem Schicksalsschlag mehr zum modernen Hiob werden lässt". Im Roman setze Harry Mulisch "seiner immer noch aktuellen Diagnose vom zerstörerischen Menschen, der sein Herz an Dinge hängt und die Erde ausbeutet, seine ausufernde Fabulierlust entgegen" – in Matthias Hartmanns Inszenierung werde das jedoch bloß "digital bebildert in vier Stunden auf die Bühne gebracht, glatt, unterhaltsam, ohne Irritationen". In die "Tiefen und Wucherungen des Romans" dringe er damit nicht vor.


Der Abend sei "ein Experiment, das angesichts der ausufernden Stofffülle in einem Stadttheater kaum gelingen kann", bescheinigt Michael-Georg Müller in der Westdeutschen Zeitung (online 17.11.2019). Regisseur Hartmann aber bemühe "keine traditionellen Sprechtheater-Kniffe, sondern rettet sich in eine szenische Lesung". Es werde "locker, leicht geplaudert, atmosphärisch dicht erzählt". Das sei mitunter anstrengend, aber: "Es lohnt sich! Steigt man in den Plot mit esoterischen Anspielungen ein und möchte man nicht unbedingt Mulischs Mystik verstehen, dann kommt keine Langeweile auf".

 

 

 
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