Wunden der Jugend

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 15. November 2019. Es braucht nicht lange, da begreift man, dass hinter der betulichen Fassade gar nichts in Ordnung ist, dass der Horror wartet hinter dieser Welt aus Weihnachtsbaum, Fünfziger-Jahre-Esstisch, Fonduetopf, Simulation von Familienglück. Ein Strick baumelt vor der klinisch aufgeräumten Wohnzimmerkulisse. "Das wollte ich dir zeigen", sagt der Vater zu Eva, seiner Tochter. Und warnt sie eindringlich, davon niemandem zu erzählen, nicht der Mutter, nicht dem Bruder Jolan, nicht Tesje, der so offensichtlich der Welt entrückten Schwester.

In Zeitlupen aufs Dunkle zu

Es sind solch brillant komponierten Szenen, die das Verlorensein und die Ängste einer Heranwachsenden beschreiben, die "Und es schmilzt", den Debütroman der belgischen Autorin Lize Spit zur Sensation machen – und die nun auch auf der Theaterbühne ihre Wirkkraft haben. Spit, Jahrgang 1988, schreibt in ihrem Buch von einer Jugend ohne Halt in einem Kaff in der flämischen Provinz, erzählt von Eva, die – mittlerweile dreißigjährig, traumatisiert – in das Dorf dieser Jugend zurückkehrt, mit einem Eisblock im Kofferraum und einem Plan im Kopf.

UndEsSchmilzt 1 560 JessicaSchaefer uCleane Front für die traumatisierende Familienhölle © Jessica Schäfer

Langsam, in Rückblenden, erfährt man von den Verwundungen dieser Frau, von der Freundschaft zu zwei gleichaltrigen Jungen, Pim und Laurens, von der Komplizenschaft bei ihren Spielen, mit denen sie die Mädchen im Ort, deren Attraktivität sie per Schulnoten bewerten, schikanieren. In Zeitlupe steuert diese Coming-of-Age-Geschichte auf das Dunkle zu, auf die Katastrophe, die brutale Tat einer Vergewaltigung.

Teenie-Komödie in Rückblenden

Die Regisseurin Marlene Anna Schäfer, Jahrgang 1987, hat aus Spits Roman, der nach seinem Erscheinen 2016 ein ganzes Jahr lang an der Spitze der belgischen Bestsellerliste stand, ein Bühnenstück gemacht, uraufgeführt wird es in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels. Die 500 Seiten Romanhandlung hat Schäfer dafür stark verknappt: auf kompakte Spielfilmlänge. Von der Vielschichtigkeit des Buchs, seiner Komplexität, ist dadurch einiges verloren gegangen. 

UndEsSchmilzt 3 560 JessicaSchaefer uNur noch Scherben gilt es aufzusammeln: Christina Geiße © Jessica Schäfer

Vor allem die Eigenheiten der Nebencharaktere, der Geschwister, der von Verlust und Alkohol geformten Eltern, der Mutter von Laurens, fallen Schäfers Kürzungen zum Opfer. Aber auch bei den Schilderungen von Evas Rückkehr in das beengende Dorf ihrer Jugend hat sie stark gestrichen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den Rückblenden. Pim und Laurens, gespielt von Stefan Graf und Torsten Flassig, tragen dabei häufig karikaturenhafte Züge, die Beschreibung ihres sexuellen Erwachens nähert sich der Teenie-Komödie.

Bilder für den Schmerz

Stark ist dagegen die Titelfigur Eva, vor allem auch, weil Friederike Ott ihre Verunsicherung und ihre Zerrissenheit so eindringlich in Szene setzt. Wie ihre Hände verkrampfen, während sie ein gespieltes Lächeln aufsetzt, wie ein verletzender Satz genügt, damit ihre Mimik erstarrt, wie der Schrecken in ihren Körper fährt: Das beeindruckt. Stark ist an der Inszenierung aber auch der Einsatz von Video-Projektionen. Die cleane Wohnzimmerwand auf der Bühne wird zur Leinwand für die verwackelten Szenen aus dem unterm Bühnenboden liegenden Versteck der Jugendlichen, einer mit wuchernden Blumen ausgestatteten Parallelwelt, oder für das Kopfkino der Titelfigur, die einen Selbstmord der Eltern imaginiert – mit Bildern voller Regenwürmern in Knallfarben, Insekten im Schlamm und weit aufgerissenen, übergroßen Augen.

UndEsSchmilzt 4 560 JessicaSchaefer uDas Dunkle, auf das die Inszenierung zusteuert: die Vergewaltigung © Jessica Schäfer

Ganz ohne explizite Bilder, nur in Worten schildert Schäfer die schmerzhafteste Szene des Romans, das aus dem Ruder geratene Spiel, das zur Vergewaltigung führt. Friederike Ott liegt als Eva auf dem Boden, ihre Bauchdecke bewegt sich schnell auf und ab, ihre Hand zittert. Die anderen Darsteller stehen um sie herum, rekapitulieren das Grauenhafte – sachlich, aber lautstark. Erst als sie fertig sind, entfährt Eva ein Schrei. Und sie ruft, dreimal hintereinander: Nein.    

Was glückt, ist eine Inszenierung, die einen angreift, die einen verunsichert, die eigenständig neben Spits Roman bestehen kann. Was ihr noch gut getan hätte: mehr Mut zur Länge.

 

Und es schmilzt
von Lize Spit, Deutsch von Helga van Beuningen, in einer Fassung von Marlene Anna Schäfer
Regie: Marlene Anna Schäfer, Bühne: Marina Stefan, Kostüme: Lorena Díaz Stephens, Dramaturgie: Katja Herlemann.
Mit: Torsten Flassig, Christina Geiße, Stefan Graf, Katharina Hackhausen, André Meyer, Friederike Ott.
Premiere am 15. November 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Die Redlichkeit, mit der Regisseurin Marlene Anna Schäfer sich um kunstvolle, diskrete, aber nicht verlegene Wege – und ohne nackte Leute – bemüht, sind achtbar", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (18.11.2019), "aber vergebens: Entweder nämlich wird es hochnotpeinlich, wenn erfahrene Bühnendarsteller als masturbierende Teenager dann doch (logischerweise) über ein 'American Pie'-Niveau nicht hinauskommen. (...) Oder es gestaltet sich unter- und überbelichtet zugleich, wenn die Vergewaltigungsszene unter den Dorfjugendlichen, die sich aus einer weit hergeholten, im Roman aber doch erschütternden Konstellation entwickelt, eine detailreiche Rezitation ist." Die "Wucht der Ereignisse" in Lize Spits Roman sei "zu massiert und zugleich zu kompliziert, um eine Angemessenheit zu finden", so von Sternburg: "Dass sich Schäfer nicht dafür entscheidet, die Unangemessenheit zu zelebrieren, ehrt sie, ohne dem Abend aufzuhelfen."

Von einem "Bilderbogen der Erinnerung" in "quälenden Beigetönen" und "eindringlichen Bildern" spricht Michael Hierholzer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.11.2019). Gerade aus ihrer realistischen Charakterisierung gewinnt die Inszenierung aus Sicht des Kritikers "Wucht, Eindringlickeit und ein verstörende Wirkung". Speziell die Schauspielerin Friederike Ott als Eva wird hervorgehoben. Insgesamt wirkt der Zugriff der Regie auf den Stoff auf Hierholzer dennoch "zu zaghaft". "Das Drastische wird zugunsten beklemmender Erinnerungsräume gezügelt." 

Aus Sicht von Katja Sturm von der Frankfurter Neuen Presse (18.11.2019) besteht die Schwäche der Bühnenfassung wie im Orginal darin, dass in beiden Fällen nicht erklärt wird, warum um ein eher durchsichtiges Rätsel so viel Aufhebens gemacht wird. Auch die Erklärung, warum die Hauptfigur "so mit sich umgehen lässt", bleibt der Abend der Kritikerin schuldig.

In einer überzeigenden Art ist es Marlene Anna Schäfer "in ihrer erfreulich umsichtigen Inszenierung" gelungen, den fünfhundert Seiten starken Roman "derart auf eindreiviertel Stunden zu komptimieren, dass der Nährboden für das monströse Treiben" fasslich werde, schreibt Stefan Michalzik in der Offenbacher Post (18.1.2019).

 

 

 
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