Weltrettung, weichgespült

von Esther Boldt

Mainz, 18. September 2008. Helden sind durch. Wenn Batman seine Stadt nicht vor einem tollwütigen Clown schützen kann, wie soll dann ein Mann namens Mörchen die Welt retten? Aber Mörchen kann. Und Mörchen wird. Andere denken kleinteilig, kaufen ein paar Quadratmeter Regenwald und gehen in den Biosupermarkt. Bei all der Komplexität heute wissen sie einfach nicht, wo die Revolution stattzufinden hat. Doch Mörchen weiß, was die Stunde geschlagen hat, er hat eine Vision, die er mit pfeilgerader Sturheit verfolgt.

Im TiC, der kleinsten Spielstätte des Mainzer Staatstheaters, ist die Revolution pink und rund. Denn der Mann mit dem niedlichen Namen hat ein Haus gebaut, das schwimmen kann: Bei Hochwasser wird es zur Arche, eine Hydraulik stemmt es über die Wasseroberfläche. Der Beweis, dass der Prototyp funktioniert, steht allerdings noch aus. Ist dieser Mörchen, der auf den großen Regen wartet und damit seine Umgebung ganz kirre macht, nun ein wild herumphilosophierender Spinner oder ein unverstandenes Genie? Peter Lustig oder Daniel Düsentrieb?

Den Klimawandel bei den Hörnern packen!

Wie die Hauptfigur in "Genannt Gospodin", dem vorigen Stück des 1978 geborenen Autors, ist auch Mörchen ein schrulliger, ewig unverstandener Einzelgänger. Gern nimmt Philipp Löhle sich selbsternannte Aussteiger und Systemverweigerer vor. Sie sind tragikomische Figuren, Sympathieträger und Nervensägen mit Niedlichkeits- und Lächerlichkeitstendenz. "Die Kaperer", uraufgeführt von Jette Steckel im März am Schauspielhaus Wien, ist eine boulevardeske Öko-Fabel, deren Heldenidiot den Klimawandel bei den Hörnern packt, während seine Freunde sich in ihrem Alltag sauwohl fühlen.

Mörchen wird sein Meisterwerk nicht überleben. Wenn es sich schließlich aus den Fluten erhebt, ersäuft sein Erfinder im Keller. Löhle dreht achselzuckend Utopielosigkeit, Ökowahn und Gutmenschentum durch die Spaßmühle und guckt, was hinten rauskommt. Das wirkt ungemein aktuell, ist zweifelsohne unterhaltsam und läuft wie am Schnürchen. Einen klaren Standpunkt aber vermeidet das Stück wohlweislich, und diese ironische Offenheit ist Stärke und Schwäche zugleich.

Regisseurin Maria Åberg schafft bei der deutschen Erstaufführung in Mainz zumindest in einer Hinsicht Eindeutigkeit: Mit Mörchen ist alles in Ordnung. Es ist seine Umwelt, die total irre ist. Die einfach keine Ahnung hat, außer vielleicht von Küchenpsychologie. Seine hochschwangere Frau Biene (Katja Hirsch) betrachtet ihren Erfindergatten von Anfang an so, als käme er von einem anderen Stern. Denkt er laut über die tiefere Botschaft des Wassers nach, guckt sie demonstrativ weg und schämt sich. Und spätestens als sie ihn "E-h-e-mann" nennt, das Wort zerdehnt, als sei es fremd und grotesk, ist klar: Das wird nichts.

Das Wasser braucht Respekt

Als die E-h-e-gatten sich dann entzweien und verkündet wird, die Liebe habe einen Sprung erhalten, ist man bass erstaunt: Liebe? War da was? Zwischenmenschliches bleibt abstrakt und fern in dieser Inszenierung, Felix Mühlens Mörchen ist schon immer Einzelkämpfer. In einem weißen Overall, ein Arbeiter im Unschuldskleid, ein blasser Clown mit dunklen Augenringen und Scheuklappen, manisch-froh vorwärts drängend. Er möchte transzendieren, unter die Wasseroberfläche schauen, er hat als einziger verstanden, was das Wasser braucht: Respekt.

Bienes Freundin Nele (Tatjana Kästel) keckert sich minutenlang schief darüber, dass das Haus pink ist – pink! Natürlich ist die Farbe eine thermische Notwendigkeit. Und Freund Arne (Stefan Graf) möchte eigentlich auch nur Normalität – da ist Mörchens Visionärstum mitunter etwas sperrig. Die Kleingeister-Riege Biene, Nele und Arne schmiedet eine Allianz und diagnostiziert fröhlich auf gelben Sitzbällen federnd, wo das Problem ist. Seine Mutter wurde vom Blitz erschlagen, klar will er was gegen Unwetter machen! Und als Biene ihren Gatten mit einem Kabel um den Hals sichtet, wird er umgehend als suizidgefährdet entlarvt.

Lustige Perspektivlosigkeit der 00er Jahre

Wie hysterische Stehaufmännchen springen die Schauspieler durch die Etappen aus Missverständnissen und Kleinrederei, Dialoge werden übereinander geblendet, epische Passagen chorisch gesprochen. Heraus kommt ein schneller, knackiger und ziemlich witziger Theaterabend, an dem Mühlens Mörchen Integrität gewinnt, indem er ein bisschen weniger auf Komödienstadel macht – ein Mann mit einer Mission eben. Am Schluss lässt Åberg es dabei bewenden, dass er bei der einsetzenden Sintflut in den Keller rennt, um die Hydraulik zu lösen und die Tür hinter ihm zuschlägt. Ob die Haus-Arche funktioniert oder nicht, bleibt offen.

Sie ist wirklich spaßig, diese Perspektivlosigkeit der 00er Jahre, in denen alle das Gefühl haben, etwas tun zu müssen, aber ums Verrecken nicht wissen was. Die Zukunft bleibt dunkel, auch in dieser weichgespülten, individualisierten Weltrettung à la Löhle. Wenn gerade schon keine Utopie zu haben ist, kann man wenigstens darüber lachen. Ein Nachgeschmack bleibt.

 

Die Kaperer
von Philipp Löhle (DEA)
Regie: Maria Åberg, Bühne und Kostüme: Marc Thurow. Mit: Felix Mühlen, Katja Hirsch, Stefan Graf, Tatjana Kästel, Daniel Seniuk.

www.staatstheater-mainz.com


Mehr zu Philipp Löhle: Die Kritik zur Uraufführung von Die Kaperer im März in Wien und zu Genannt Gospodin in der Uraufführungsinszenierung in Bochum im Oktober 2007. Und eine Verlagsnotiz zum Autor finden Sie hier.

 

Kritikenrundschau

"Intelligenten Witz, Tempo – und vor allem ein glänzend aufgelegtes Ensemble", bescheinigt Michael Jacobs im Wiesbadener Kurier (20.9.) der Inszenierung, die ihre Komik und ihren sozial-satirischen Impetus seiner Ansicht nach aus der "ständigen Kollision der unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen" bezieht. Zwar hat Philipp Löhles Stück Jacobs zufolge ein paar Schwächen und manches wirkt gar recht konstruiert auf ihn. Doch der "quietschbunten" Inszenierung gelinge es meistens, das wett zu machen.

Weniger gewogen ist Bernhard Doppler der Aufführung im Deutschlandradio (18.9.) Während Löhle für sein Stück zwar sehr gelobt wird, kritisiert Doppler die Inszenierung für die Reduzierung des Personals auf sechs. Auch lote die Regisseurin weder "die Komik, noch die Tragikkomik der Figuren tiefer aus." Daher verdiene das Stück "bald eine weitere Inszenierung – und zwar in größerem Rahmen als im Mainzer Studioformat". Löhles Drama sei aktuell, voll bösem Humor und sehr publikumswirksam. Was wolle man schließlich mehr.

 

 

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