Arbeit, nichts als harte Arbeit

von Sascha Westphal

21. November 2019. "Kein Kunstzentrum hat uns je gefragt: 'Könnt ihr religiöse Kunst machen?'" Das ist erst einmal nur eine simple Feststellung, ein Zitat aus einem der über 80 Podcasts, die Kelly Copper und Pavol Liška unter dem Titel "OK Radio" von Juli 2012 bis Dezember 2013 mit Regisseur*innen und Choreograph*innen, Performer*innen und Künstler*innen, geführt haben. Doch selbst in der gedruckten Form schwingt in dieser Aussage noch ein deutlich vernehmbarer Unterton mit: Das Bedauern in Pavol Liškas Stimme ist zu hören.

Sehnsucht nach Transzendenz

Der 1973 im slowakischen Skalica geborene Mitbegründer des Nature Theater of Oklahoma wünscht sich einen anderen Blick auf die Theaterproduktionen und Filme, die Bücher und Installationen, die er zusammen mit der 1971 im US-amerikanischen Gainesville/Florida auf die Welt gekommenen Kelly Copper geschaffen hat. Das spirituelle Element dieser Arbeiten und die mit ihm verbundene Sehnsucht nach Transzendenz, die Liška so wichtig sind, spielen in der Diskussion über das Nature Theater of Oklahoma ohne Frage eine untergeordnete Rolle. Meist geht es um die politische Dimension dieser Werke oder um deren formale Wurzeln in den New Yorker Avantgarde-Bewegungen der 1950er bis 70er Jahren.

Cover NatureTheater animiert

Diese Beobachtung trifft nebenbei auch auf den von Florian Malzacher herausgegebenen Sammelband "Leben und Arbeit des Nature Theater of Oklahoma" zu. Auch Malzacher, der die Arbeit von Copper und Liška seit Jahren als Dramaturg begleitet, und die anderen Autoren fragen nicht: "Könnt ihr religiöse Kunst machen?"

Sie spüren der Entwicklung der seit 2005 unter dem Label Nature Theater of Oklahoma entstehenden Arbeiten der beiden Künstler*innen nach und verweisen dabei immer wieder auf deren Vorbilder John Cage und Merce Cunningham, Richard Foreman und Jack Smith.

Aber der geradezu magische Moment am Ende von No President, Coppers und Liškas letzter Theaterinszenierung, die 2018 im Rahmen der Ruhrtriennale ihre Uraufführung erlebt hat, bleibt eher ein Fußnote. Dabei ist der Augenblick, in dem sich der rote Vorhang öffnet und den Blick auf einen bis dahin verborgenen leeren Raum freigibt, ein überaus deutliches Bekenntnis zu einer von höheren Ideen und Sehnsüchten geprägten Kunst.

Fließende Grenzen

Aber es ist so, wie es Liška im Podcast-Gespräch mit der Performerin Sarah Vanhee andeutet, über Spirituelles nachzudenken, "ist weniger angenehm, als über Politik zu sprechen." Insofern sind die von Florian Malzacher und Nadine Vollmer zu einem "Glossar des Lebens und der Arbeit" zusammengestellten Auszüge aus den "OK Radio"-Gesprächen ein faszinierendes Korrektiv zu den anderen in dem Sammelband veröffentlichten Texten. In diesen kurzen Ausschnitten offenbart sich die Arbeitsweise von Copper und Liška auf eine sehr direkte Weise.

Die Unterhaltungen mit den anderen Künstler*innen ermöglichen einen ungefilterten Einblick in die Gedankengänge, die den Werken des Nature Theater of Oklahoma zugrunde liegen. Wie das Transkript eines Telefongesprächs mit Bonnie Marranca, der Herausgeberin von "PAJ: A Journal of Performance and Art", das ebenso wie die Transkripte, auf denen Arbeiten wie "No Dice" und den Episoden von "Life and Times" basieren, jedes Füllwort wiedergibt und jedes Zögern, jedes Abschweifen und Abbrechen dokumentiert, zeugen auch die Podcast-Ausschnitte davon, wie fließend die Grenze zwischen Leben und Arbeit für Copper und Liška ist.

Aspekte eines weitverzweigten Werks

Die Prinzipien und Überlegungen, die ihre Inszenierungen bestimmen, prägen zugleich ihr Leben. Immer geht es ihnen um große Anstrengungen und harte Arbeit. Der Eindruck von Virtuosität soll gar nicht erst aufkommen. Schließlich ist auch das Leben selbst vor allem Arbeit, eben etwas Alltägliches. Aber auch im Banalen lässt sich das Erhabene entdecken, wenn man die Strapazen des Alltags ernst nimmt und würdigt.

Die Texte, in denen Copper und Liška selbst zu Wort kommen und über ihre künstlerischen Methoden nachdenken, gleichen einem wahren Füllhorn der Einsichten und Ideen. Auf eindrucksvolle Weise widersprechen sie der altbekannten These, dass Künstler*innen die unzuverlässigsten Interpreten ihrer eigenen Arbeit sind.

Aber das schmälert die Leistung der anderen Autor*innen keineswegs. Zum einen vermitteln die einzelnen Artikel, die sich unterschiedlichen Aspekten des weitverzweigten Werks des Künstlerpaars widmen, einen umfassenden Gesamtüberblick über die Arbeiten des Nature Theater of Oklahoma, die im deutschsprachigen Raum zum Teil nur auf Festivals zu sehen waren. Zum anderen schlagen Tom Sellar, Karinne Keithley Syers, Claus Philipp, Nikolaus Müller-Schöll und Pieter T'Jonck vielfältige Schneisen in Coppers und Liškas Werk und geben einem hilfreiche Orientierungspunkte an die Hand.

Amerikanische Avantgarde

So widmen sich Sellar und Syers den US-amerikanischen Einflüssen auf das Werk dieser beiden oft als europäisch charakterisierten Theatermacher*innen. Sie folgen dabei Spuren, die nicht nur zu John Cage und anderen Avantgardisten des 20. Jahrhunderts zurückführen. Syers zieht in ihrem Artikel auch eine Linie zu Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson und Walt Whitman und eröffnet damit eine neue Perspektive auf die Bedeutung gesprochener Sprache in den Arbeiten des Nature Theater of Oklahoma.

Die von Sellar und Syers beschriebenen Traditionslinien ermöglichen europäischen Betrachter*innen einen vollständigeren Blick auf die Theaterarbeiten und Filme von Kelly Copper und Pavol Liška. Sie decken Bezüge auf, die nicht für jeden offensichtlich sind und ermöglichen ihren Leser*innen einen Zugang zu Werken, die das Publikum auch heute noch regelmäßig spalten.

 

Leben und Arbeit des Nature Theatre of Oklahoma
Herausgegeben von Florian Malzacher
Alexander Verlag Berlin, 240 Seiten, 20 Euro

 
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