Schuldverteilen mit Augenkontakt

von Ralph Gambihler

Leipzig, 18. September 2008. Das Überfallkommando des Leipziger Neu-Intendanten Sebastian Hartmann ist im Spielbetrieb angekommen. Es hat erwartbar einen ersten krachenden Abend hingelegt, der aber ohne das am Schauspiel Leipzig bestens bekannte Türenknallen entnervter Zuschauer über die Bühne ging.

Vorausgegangen waren Wochen und Monate, in denen das neue Ensemble einen neuen Namen verkündete – Centraltheater Leipzig statt Schauspiel Leipzig –, das Wort Stadttheater aus seinem Vokabular strich und auf einem urzeitlich anmutenden Werbeplakat mit Dinosauriern die Losung des Tages ausgab: "Ende Neu". Das kann man unter anderem als Anspielung darauf lesen, dass die Arbeit des abgelösten Intendanten Wolfgang Engel mit der seines Nachfolgers ungefähr so viel zu tun hat wie der erste Merseburger Zauberspruch mit Formel eins.

Soweit, so klar. Das Thema der Eröffnungsinszenierung fällt dann aber doch aus dem Rahmen eines einfach nur heftigen Neubeginns. In seinem Triptychon "Matthäuspassion" setzt sich Sebastian Hartmann (Regie) mit der Ambivalenz des Glaubens auseinander. Anlässlich seiner Wiederkehr in den gottlosen Osten (Hartmann ist gebürtiger Leipziger) ist dies nicht ohne Charme, denn es weitet den Blick auf die Welt.

Schutzengel mit Wackelpopo

Indessen inszeniert Hartmann auf der Nachtseite. Sein Drei-Stücke-Stück ist eine düstere Fantasie, ein wüster Traum, ein klirrender Alptraum. Und spätestens gegen Ende, als Jesus in grotesker Verkehrung der biblischen Überlieferung von Judas "Verräter" geschimpft wird, weil er nicht einsam am Kreuz verenden will, sondern sich von einem Schutzengel mit wackelndem Popo erlösen lässt, muss auch dem Letzten im Saal klar sein, dass der Antinaturalist Hartmann die Welt nicht als Sammlung von Weltnachrichten reflektiert.

Die Zusammenstellung der Stoffe lässt eine Lust am Disparaten erkennen. Der erste Teil adaptiert das Skript von Ingmar Bergmans s/w-Film "Die Abendmahlsgäste" (1963), in dem der Autor über Gottes Schweigen nachdenkt und Zweifel an der Deutung anmeldet, Gott sei einfach ein anderes Wort für Liebe. Der Mittelteil – Henrik Ibsens im italienischen Exil verfasste Pastorentragödie "Brand" von 1866 – ist ein monumentales Werk, das unter seinem Pathos ächzt und volkstümlich auf jambischen Versfüßen einherhüpft. Es ist im Regal gut aufgehoben – zumal in der schwulstigen Übersetzung von Christian Morgenstern. Andererseits ist der fanatische Idealismus in der Spielart des religiösen Rigorismus, den Ibsen in diesem "dramatischen Gedicht" beleuchtet, hochaktuell. Den Abschluss bilden verschiedene Texte zur Leidensgeschichte Jesu Christi, darunter das Libretto zu Bachs "Matthäuspassion" und die beiden unter dem gleichen Namen bekannten Kapitel aus dem Matthäus-Evangelium im Neuen Testament.

Heftig aufwallendes Gefühlstheater

Im Grunde geht es aber nicht um Religion, sondern um die Leiden der Menschen. Das "Gott mit uns", das zunächst auf dem Eisernen Vorhang steht, wirkt schon in den ersten Szenen wie eine überkommene Phrase. Darunter, auf der spärlich möblierten und noch spärlicher beleuchteten Rampe, wird im ersten Teil das Alphabet der Verzweiflungen durchbuchstabiert. Berndt Stübner spielt den innerlich verödeten Pfarrer Tomas, der weder Gott noch seine Verehrerin Martä lieben kann. Hinter seiner pflichtschuldigen Zuversicht ist dieser Mann mindestens genauso lebensmüde wie der neurotische Selbstmörder Jonas, der sich mit der Flinte das Hirn wegpustet.

Für die Psychologie eines Ingmar Bergman hat die Regie kaum etwas übrig. Hartmanns heftig aufwallendes Gefühlstheater negiert generell jedes Bedürfnis nach Identifikation. Es ist mehr Attacke als Ansprache, mehr Weltschmerz als Weltkommentar. Mit aller Wucht verkörpert dies im zweiten Teil das Energiebündel Thomas Lawinky, dessen einstiger Griff nach dem Stadelmaierschen Spiralblock symbolhaft für eine Theaterauffassung steht.

Als Ibsens Pfarrer Brand ist Lawinky ein rasender Savonarola, verblendet, tyrannisch, blindwütig bis zum Abwinken. Der Wahlspruch "Alles oder nichts" wurde ihm zwar gestrichen, den Wahn hat man ihm aber gelassen, das totale Scheitern am eigenen Aufopferungswillen. Die Unerbittlichkeit ist das Grab, in das Brand seine Mutter, seine Frau und sein Kind fallen sieht. Eigentlich wie im Lehrbuch, hier aber mit extra viel Drama und Krawall. Mit Ibsen macht die Inszenierung große Töne und verpoltert sich, weil sie den fanatischen Furor der Titelfigur nicht ergründet.

Ist gerettet, ist gerichtet

Die Himmel sind beständig finster auf der schwarzen und weitgehend leeren Bühne von Susanne Münzner. Bis auf das Gerippe eines Gebäudes ist kaum etwas zu sehen. Im Schlussteil leuchtet dann von hinten ein Kreuz und schwere Nebel hängen rot angestrahlt im Raum. Der Jesus-Darsteller Peter René Lüdicke verkündet das Leid der Welt in direkter Ansprache an einzelne Zuschauer. Es ist eine Anklage, ein Schuldverteilen mit Augenkontakt. Bald saust der Holzhammer krachend auf das Bühnenholz. Gottes Sohn erlebt seine wundersame Errettung durch besagten Schutzengel und endet trotzdem in Elend und Wahnsinn. Blutüberströmt würgt er das himmlische Geschöpf. Mit solch manisch verfremdeten und umgestülpten Bildern zieht Hartmann einen Strich zwischen sich und dem Wort Gottes. Es bleibt ihm bei so viel selbst collagiertem Unheil nichts anderes übrig.


Matthäuspassion
Triptychon: "Die Abendmahlsgäste" von Ingmar Bergman
"Brand" von Henrik Ibsen (Übertragung: Christian Morgenstern)
Matthäuspassion nach dem Neuen Testament und anderen Texten
Regie: Sebastian Hartmann, Bühne und Kostüme: Susanne Münzner, Musik: Arno Waschk.
Mit: Matthias Hummitzsch, Thomas Lawinky, Peter René Lüdicke, Emma Rönnebeck, Berndt Stübner, Barbara Trommer, Henrike von Kuick, Anita Vulesica, Arno Waschk, Cordelia Wege.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Mehr über Sebastian Hartmann erfahren Sie etwa in der Kritik, der Kritikenrundschau und all den Kommentaren zu seiner Romeo und Julia-Inszenierung in Wien – was übrigens der meist gelesene Beitrag auf nachtkritik.de ist.

 

Kritikenrundschau

In der taz (22.9.) fügt Torben Ibs nach, dass es "sich nach diesem Auftaktabend wieder lohnen" könnte, "in Leipzig ins Theater zu gehen. Und das ist doch schon mal was." Hartmann habe ein "theatrales Triptychon zum christlichen Glauben" geschaffen, und die Inszenierung handele dabei zugleich die "Theaterformen der letzten 30 Jahre im Schnelldurchlauf ab". Um den Pfarrer Tomas, der seinen Glauben verloren hat, "organisiert die Regie ein leichtes, aber ernstes Kammerspiel", das, abgesehen von ironischen Verfremdungen, geradezu klassisch minimalistisch die Bühne entlangschnurre. Nach der Pause folge mit Henrik Ibsens "Brand" ein ästhetischer Quantensprung in Richtung 1990er-Jahre. In "Matthäuspassion", dem letzten Teil des Abends, "greift Hartmann tief in die Kiste des Performance-Theaters. Musik, Licht, Körper und der noch mal nach hinten verlängerte Raum greifen ineinander und werden zu einer theatralen Plastik".

Peter Laudenbach, der für die Süddeutsche Zeitung (20.9.) nach Leipzig gefahren ist, findet zwar das Motto des Abends "Gott mit uns", das er "in alter, schwerer Schrift" über der Bühne geschrieben sieht, als "selbstironischen Stoßseufzer zu Beginn einer Intendanz" anfangs "schon mal nicht schlecht": Die Inszenierung selbst aber verreißt er dann als "konfuses Theater der leer laufenden Forciertheiten", dessen kraftmeierischen und "effektsüchtigen Nümmerchen" sich selbst genügten. Am Thema dieses Tryptichons über "die Suche nach Glaubensgewissheiten" und seine neurotischen Seiten habe sich Sebastian Hartmann gewaltig verhoben. Teil eins inszeniere er "wie eine unfreiwillige Parodie auf das ganz alte, immer etwas zu feierliche Theater der großen Pathos-Gesten". In Teil zwei, einer Kurzfassung von Ibsens Schauspiel "Brand", drehe sich Titelheld Thomas Lawinky nur hochtourig um sich selbst, während er "sich und seine Figur in dem üblichen Tobsuchtsanfall-Simulations-Theater" verliere. Teil drei kann Laudenbach dann nur noch "unfreiwillig komisch" finden.

"Es war trotzdem nicht alles schlecht", befindet dagegen Matthias Heine in der Tageszeitung Die Welt (20.9.), "es gab Momente" und Bilder, die Heine nicht so leicht vergessen kann. Auch hatte der Abend aus Heines Sicht "einigermaßen verheißungsvoll begonnen". Denn in Teil eins setzte Hartmann "seine gefürchteten Mittel noch recht sparsam ein". Heine findet die nach Ingmar Bergmann erzählte Geschichte eines Pfarrers (Berndt Stübner), "den das Schweigen Gottes zermürbt", geradezu "kammerspielhaft konventionell erzählt". Doch dann folge zwei Stunden Thomas-Lawinky-Gebrüll, und weil "alle anderen ebenfalls immer lauter mitschreien" würden, Heine aber von Ibsens Reimen (deutsch von Christian Morgenstern) trotzdem kein Wort versteht, wird dieser Mittelteil für ihn zum "Schmerzenskernstück der Leipziger Zuschauerpassion". Der Schlussteil sei dann "nur noch der gnädige Lanzenstoß".

"Letzte Fragen bei der ersten Begegnung: So klärt man Verhältnisse!" bringt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (20.9.) den Clash von Bibel, Leipzig und seinem neuen Intendanten auf den Punkt. Hillger hat an diesem Abend manches bewegt und beeindruckt, aber auch einiges genervt. Er schreibt von "berückend schönen Bildern" aber auch von kontrapunktischen "grellen Einfallsblitzen", "einschlägigen Kunstgriffen aus dem Handbuch der Dekonstruktion" und "esoterischem Geschwurbel", die aus dem Unternehmen für Hillger manchmal eher "eine krude Privat-Passion unter Klanggewittern und in blickdichten Nebelschwaden" machen und den Abend eher überschatten als erhellen. Auch Hillger stört sich an Thomas Lawinkys fallhöhenarmem Brachialtheater. Doch ein Anspruch sei immerhin formuliert, der Neue sei sich treu geblieben.

"Es ist nicht zum Aushalten, es ist furchterregend brachial, aufdringlich, verblasen, im Grunde auch simpel, durchsichtig und gleichzeitig von wildester Wirrheit", stöhnt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (20.9.) "Doch darin ist es gut." 'Matthäuspassion' nenne sich der Eröffnungsabend, den sich Hartmann selbst auf die Bretter seiner neuen Wirkungsstätte geknallt habe. An seinem Ende stehe "ein nackter, blutbesudelter Jesus mit einem wuchtigen Hammer auf der leeren, dunklen Bühne und malträtiert den Boden, auf dass das ganze Haus wackle." Das versteht Pilz ziemlich symbolisch direkt: In Leipzig sei das "Hammer-Reich der Donnerworte" angebrochen. Denn Sebastian Hartmann, der "Regisseur mit dem Vorschlaghammer" beginne seine Intendanz "im gottfernen Osten mit einem Drei-Stück über den Glauben"– und trete "wie der Erweckungsprediger vor eine offenbar nach Erlösung aus alten Theaterzeiten dürstende Gemeinde".

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