Ein Exportschlager

von Simone Kaempf

Berlin, 25. November 2019. Was wäre, wenn Hans-Thies Lehmann seine theaterwissenschaftliche Kampf- und Wissenschrift gar nicht "Postdramatisches Theater" genannt hätte, sondern zum Beispiel "Tendenzen eines neuen Theaters"? Der Erfolg wäre nicht derselbe, das ist heute mehr als klar. Dabei stammte die Bezeichnung gar nicht von ihm. Andrzej Wirth hatte den Begriff zuvor bereits benutzt, das Wort zirkulierte Ende der Neunzigerjahre auch schon unter den Studierenden in Gießen, allerdings noch mit Irritationspotential, vielen blieb damals unklar, was eigentlich gemeint ist.

Gedruckt auf einer theaterwissenschaftlichen Schrift schenkte der Begriff einer neuen Generation eine Erklärung und Legitimierung, was sie eigentlich machte. Oder wie es René Pollesch am Wochenende auf dem Symposium "Postdramatisches Theater weltweit“ zum 20jährigen Erscheinen des Buchs zugespitzt formulierte: "Es hat uns den Hals gerettet. Alle sagten uns vorher, dass wir kein Theater machen." Mit dem Buch hielten sie ein Beschreibungswerk in den Händen, dass ihre Arbeit sehr wohl Theater ist, aber eines nach anderen Regeln. 

Aha-Effekt jenseits von Europa

Im deutschsprachigen Raum hat das postdramatische Theater mitterweile viel von seiner Vitalität verloren. International ist die Bedeutungskurve nach oben gestiegen. Jenseits Europas hat sich der Aha-Effekt bis heute nicht abgenutzt: Künstler scheinen durch das Buch etwas zu verstehen, was sie ohne nicht verstanden hätten.

adk Symp PostdramatischesTheater1 560 Marcus Lieberenz bildbuehnede uDer Theaterwissenschaftler Patrick Primavesi hält Lehmanns Buch hoch. Mit auf dem Podium: die brasilianische Theatermacherin Alexandra Marinho de Oliveira und der Literatur- und Kulturwissenschaftler Koku G. Nonoa, der derzeit an der Universität Luxemburg lehrt. © Marcus Lieberenz | bildbuehne.de

Die Berliner Akademie der Künste hat ihr Symposium zum Erscheinungsjubiläum denn auch international angelegt. Titel: "Postdramatisches Theater weltweit", mit Künstlern und Theaterwissenschaftlern aus 18 Ländern. Das scheint gerechtfertigt für eine kaleidoskopmäßige Überprüfung seiner Bedeutung. Das Buch ist mittlerweile in 21 Sprachen übersetzt: fast im gesamten Osteuropa, in Ägypten, China, Japan, Brasilien. Im Iran gibt es seit 2016 eine Übersetzung in Farsi, die auf der französischen Version basiert.

Eurozentristischer Export?

Auf dem Symposium wirkte das Gesprächs-Panel mit Theatermacher*innen aus China, Iran und Hongkong wie ein Flashback der Rezeption vor zwanzig oder fünfzehn Jahren. Überall wachsen Regisseur*innen nach, die sich durch den Begriff legitimiert und bestärkt fühlen. Das ist die sich wiederholende Erzählung, mit der sie nach Berlin gereist sind. Wo gesellschaftlicher und politischer Umbruch herrscht, liefert das Buch Muster, ein offeneres, freier wahrgenommenes und widerständiges Theater zu machen. Stilistische Mittel wie Multimedialität, Fragmentierung und Perspektivenwechsel gehen damit einher.

Als große Stärke ragt in Hans-Thies Lehmanns Buch immer noch die genaue Analyse von Arbeiten heraus wie denen von Jan Fabre, Jan Lauwers, Heiner Goebbels, Einar Scheef – europäischen Theatermachern. Yinan Li, Professorin in Peking, die das Buch 2001 während ihres Studiums in Deutschland erstmal las und später ins Chinesische übersetzte, ergänzte deswegen zum besseren Verständnis eine Abgrenzung zur chinesischen Dramen- und Theatertradition. In anderen Übersetzungen scheint solche Übertragungsleistung aber nicht der Fall zu sein.

Die kritische Frage, ob Postdramatik damit nicht doch ein eurozentrischer Export ist, der mit dem jeweiligen kulturellen Kontext wenig zu tun hat, tauchte leise auf. Zu beantworten ist das wohl nicht. Aber mit dem rumänischen Theaterwissenschaftler Octavian Saiu ging am Ende des Symposiums doch noch ein Kritiker hart mit der internationalen Erfolgsgeschichte ins Gericht und breitete argumentationsstark aus, dass Postdramatik in vielen Ländern eine wirkungslose, weil importierte Formel sei.

Nicht automatisch auf der richtigen Seite

Und in Deutschland? Lehmann wurde nach dem Erscheinen anfangs sehr dramentheoretisch und -kritisch gelesen. Heute spricht man weniger über das Buch als über Postdramatik als eine Praxis, die auf kollektiven Prozessen und dem Wunsch nach enthierarchisierten Arbeiten basiert. So wird der Begriff heute im deutschsprachigen Raum verstanden. Am deutlichsten machten das auf dem Symposium René Pollesch, Falk Richter und Alexander Karschnia, die gemeinsam über postdramatische Positionen diskutierten – welche sich selbst in dieser gut besetzten Runde nicht als Konsens festklopfen ließen.

adk Symp PostdramatischesTheater 560 MarcusLieberenz bildbuehnede uDer argentinische Theatermacher Luciano Cáceres, Marcel Jonen (Übersetzer) und Vertreter*innen aus dem Mutterland der Postdramatik: René Pollesch, Alexander Karschnia, Andrea Božić, Falk Richter, Bettina Masuch © Marcus Lieberenz | bildbuehne.de

Stilistisch sei vieles längst abgenutzt und "under Construction", so Richter. Manches Bühnenmittel trägt in anderen Teilen der Welt noch eine alternative Kraft in in sich, hier sei es Mainstream. Die Frage nach der politische Haltung konnten die Theatermacher vorwiegend an Best-Practise-Beispielen erklären. Falk Richter erzählte, dass er wegen seiner Inszenierungen vier Mal von der AfD verklagt worden sei. Karschnia brachte die Kürzungen in Flandern ins Spiel.

Im Mutterland des postdramatischen Theaters versuche eine rechtskonservative Regierung, Kunst zu fördern, die flämische Identität stützt, und allen anderen den Geldhahn abzudrehen, vor allem dem postdramatischen Theater, das anti-identitär sei. Abnicken muss man das nicht, aber am Ende des ersten Tags war der ehemalige Verleger Karlheinz Braun der einzige, der kritisch aus dem Publikum anmerkte, dass postdramatisches Theater nicht die ideologische Richtigkeit bedeute und man damit nicht automatisch auf der guten Seite stehe. Aber als echten Kontrahenten will man Braun nicht akzeptieren, der das Buch 1999 im Verlag der Autoren herausbrachte.

Die Gegner fehlten

Dass die Panels teils zu groß besetzten waren, die Mehrsprachigkeit hinderlich, die Erkenntnisse dadurch en detail vage blieben, sei's drum. Aber die echten Gegner und Kontrahenten fehlten, ein großes Manko der Veranstaltung. Wo etwa war Bernd Stegemann? In den vergangenen Jahren hat er vehement kritisiert, dass das Theater nicht nur unter seinen Möglichkeiten bleibt, wenn Unterbrechung, Authentizität und Selbstreferenz die eigentliche Bühnenhandlungen und das Figurenspiel ersetzen. Sondern auch, dass durch eine performativ ausgestellte Überforderung erst das Einverständnis mit den gesellschaftlichen Verhältnissen entsteht. Ein Schlagabtausch darüber hätte mehr Argumente gebracht als die wortreiche Beschreibung so manch internationalen Theatermachers ihrer eigenen Arbeit.

Fast völlig ausgespart blieb noch ein anderer wunder Punkt: der dramatische Text und sein Bedeutungsverlust in den vergangenen 20 Jahren. Selbst wenn Lehmann im Buch schrieb, dass bedeutsame Texte auch weiterhin entstehen, und auch später stets betonte, dass die Rolle des Autor sich gewandelt hat, aber nicht geschwunden sei, steht der Vorwurf bis heute im Raum: dass das Postdramatische Theater die Krise des zeitgenössischen Dramatik zumindest mitbeschleunigt habe.

So bleibt die Beziehung zwischen dem Begriff, dem Buch und der Theaterpraxis zerrissen. Aber eine ganze Generation von internationalen jungen Theatermachern kann damit offenbar gut leben und verspürt mithilfe des Buchs die Zugehörigkeit zu einem Kulturethos, der keine Grenzen kennt. Dieser Effekt der ersten Stunden wirkt bis heute, ohne Frage eine große Stärke.

 

Postdramatisches Theater weltweit
Symposium
Mit: Anestis Azas, Jean-Louis Besson, Shane Boyle, Karlheinz Braun, Andrea Božić, Luciano Cáceres, Amy Chan, Betty Chen, Narges Hashempour, Günther Heeg, Frank Hentschker, Nele Hertling, Eiichirô Hirata, Henrike Iglesias, Janez Janša, Karen Jürs-Munby, Alexander Karschnia, Hans-Thies Lehmann, Yinan Li, Bettina Masuch, Mieke Matzke, Lauma Mellena, Alexandra Marinho de Oliveira, Koku G. Nonoa, Matthias Pees, Patrick Primavesi, Sérgio de Carvalho Santos, René Pollesch, Falk Richter, Octavian Saiu, Małgorzata Sugiera, Akira Takayama, Christel Weiler, Daniel Wetzel, Brandon Woolf und She She Pop.

www.adk.de

 

Mehr zum Thema: Der Abend der Performance-Kollektivs She She Pop, Kanon, der aus Anlass des Postdramatik-Jubiläums im Berliner HAU heraus kam. Hier die Nachtkritik.

 
Kommentar schreiben