Die Gier, das Leiden und die Lachkrämpfe

von Sascha Westphal

Bonn, 6. Dezember 2019. "Ich durchschaue mich nicht." In diesem einen kurzen Satz liegt die ganze Verzweiflung Argans. Dieser Mann, dem es an nichts fehlt, der reich ist und glücklich sein könnte, leidet unermesslich, denn er leidet an sich selbst. Er gibt sich selbst Rätsel auf, und Rätsel schaffen Zweifel und Unsicherheit. Und die machen ihn wiederum krank, zumindest in seiner Vorstellung. Die Sehnsucht, sich und damit alles zu durchschauen, ist eben auch die Sehnsucht nach dem einen, was auch Argan nicht kaufen kann, nach dem ewigen Leben.

Leidenskrämpfe im japanischen Idyll

Wie Daniel Stock diese vier Worte ausspricht, das geht einem durch und durch. Bis dahin war sein Argan kaum mehr als ein Witz, allerdings ein brillanter. Während das Publikum noch in den Saal kommt, schleicht Stock schon über Martin Miotks Bühne, die mit ihrer kleinen japanischen Fußgängerbrücke, ihrer Trauerweide aus lindgrünen Plastikstreifen, ihren künstlichen Seerosen und ihrem kleinen Ruderboot gleich mehrere Gemälde Monets zitiert, und es sieht aus, als ob er gleich sterben würde. Er krümmt sich unter der Last seines Leids, das sich aber schnell als Einbildung entpuppt. Wenn er sich nicht beobachtet fühlt, bewegt er sich ganz anders, viel schneller und auch viel aufrechter.

Daniel Stock stellt die Lächerlichkeit dieses Mannes gezielt aus. Man kann ihn nicht ernst nehmen, bis er diesen Satz sagt: "Ich durchschaue mich nicht." Plötzlich erfüllt eine fast greifbare existentielle Not diesen absurden Innenraum, der vorgibt, ein Naturidyll zu sein. Hier ist nichts, was es scheint, nicht einmal die Komödie.

Eingebildete Kranke 1 560 Thilo Beu uIn der Brandung des Absurden: das Ensemble auf der Bühne von Martin Miotk, in Kostümen von Andy Besuch © Thilo Beu

Die wesentlichen Elemente von Molières letzter Komödie hat Martin Heckmanns Bearbeitung, die auf den Übersetzungen von Alfred Wolfenstein du Louis Lax basiert, bewahrt. Um für immer ärztlich versorgt zu sein, will Argan seine Tochter Angélique an Thomas, den Sohn seines Hausarztes, der selbst auch Arzt ist, verheiraten. Nur hat sich das Mädchen ein paar Tage zuvor in Cléante verliebt und denkt gar nicht daran, den Wunsch des Vaters zu erfüllen. Ein Wunsch, über den auch Argans zweite Frau Béline alles andere als erfreut ist. Sie würde ihre Stieftochter viel lieber im Kloster sehen, um freie Bahn beim Erben zu haben. Doch da hat sie die Rechnung ohne das Dienstmädchen Toinette gemacht, die sich mit Angélique verbündet und zugleich alles daransetzt, Argan aus seiner imaginierten Agonie zu befreien.

Pete Doherty meets The Kardashians

So weit, so vertraut. Aber Heckmanns hat Molières Text auch von einigen eher überflüssigen Nebenfiguren befreit und dann noch einmal heftig zugespitzt. Aus der Ärztesatire wird ein groteskes Zeit- und Gesellschaftsporträt, in dessen Zentrum ein Mann steht, der all die Übel der Welt durchschaut und ihnen doch anheimfällt. Simone Blattner reagiert in ihrer Inszenierung auf diese Zuspitzungen mit weiteren Zuspitzungen.

Die Gier und die Selbstsucht, an denen Argan verzweifelt, stehen ihm in Gestalt seiner Familie quasi ständig vor Augen. Lena Geyers Béline, Sandrine Zenners Angélique und Gustav Schmidts Cléante definieren sich ausschließlich über Äußerlichkeiten. So erinnert Cléante, der sich bei seinem ersten Auftritt als Musiklehrer ausgibt, deutlich an Pete Doherty, während die mit dem Markennamen "Kendall + Kylie" versehene Bauchtasche und das maskenartige Make-up von Angélique deutlich auf den Jenner-Kardashian-Clan verweisen. Dass Lena Geyer schließlich mit Verbänden im Gesicht und Kopf auftritt, die eine Schönheits-OP andeuten, verstärkt noch einmal den Eindruck allgegenwärtiger Oberflächlichkeit.

Eingebildete Kranke 2 560 Thilo Beu uVon seinem vorgestellten Leiden niedergeschlagen: Daniel Stock ist der eingebildete Kranke © Thilo Beu

In dieser Welt aberwitziger Karikaturen, die die Komik des Stücks immer wieder in den Klamauk treiben, finden sich nur drei Figuren, die Simone Blattner eben nicht der Lächerlichkeit preisgibt. So erweist sich Argans Schwester, die von Ursula Grossenbacher gespielte Béralde, als Fels der Vernunft in einer Brandung des Absurden. Wie sie die Sehnsucht ihres Bruders, sich zu durchschauen, mit einem Plädoyer für das Undurchschaubare und damit auch für die Sterblichkeit des Menschen kontert, erdet diesen ansonsten komplett überdrehten Abend. Dieser eine Dialog reicht Simone Blattner, um die Tragik klar zu umreißen, die Kern dieser Travestie ist. Jene Tragik, die auch in Argans Verzweiflungsausruf liegt.

Überhaupt gelingt es Daniel Stock, diesen eingebildeten Kranken selbst gegen die wüstesten Übertreibungen zu immunisieren. Irgendwann trägt er eine überdimensionierte Fellmütze, die auch Argan in eine dieser offensichtlichen Karikaturen verwandelt. Doch selbst dieses Accessoire kann ihm nichts anhaben. Sein Auftreten mag lächerlich wirken, aber er selbst ist in seiner Verzweiflung absolut anrührend.

Eingebildete Kranke 3 560 Thilo Beu uWo die Vernunft flöten geht: Daniel Stock als der eingebildete Kranke (im roten Mantel) mit Lena Geyer als seiner Frau Beline. Im Hintergrund: Annika Schilling als Dienstmädchen und Toinette Mona Raab an der Flöte. © Thilo Beu

Heckmanns' und Blattners größter Coup ist allerdings die Aufwertung Toinettes. Zunächst wird auch sie über Äußerlichkeiten charakterisiert. Die fettig-strähnigen Haare und der geschwärzte Schneidezahn Annika Schillings weisen den Klassenunterschied aus. Das Äußere ist eben immer auch eine Frage des Geldes. Oder anders gesagt, wer eben nicht über die entsprechenden Mittel verfügt, sieht die Welt viel klarer. So wird aus dem vorlauten Dienstmädchen in Heckmanns Bearbeitung eine sanfte, aber entschiedene Revolutionärin. Sie führt Argan auf den richtigen Weg, indem sie die Verhältnisse umkehrt. Wer zu viel Zeit und Geld hat, kann sich leicht Krankheiten einbilden. Wer dagegen mit seinen Händen arbeitet, hat gar keine Zeit für müßige Grübeleien.

 

Der eingebildete Kranke
von Molière
in einer Fassung von Martin Heckmanns
Regie: Simone Blattner, Musik: Christopher Brandt, Bühne: Martin Miotk, Kostüm: Andy Besuch, Licht: Sirko Lamprecht, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Daniel Stock, Annika Schilling, Sandrine Zenner, Lena Geyer, Ursula Grossenbacher, Gustav Schmidt, Holger Kraft, Christoph Gummert, Mona Raab.
Premiere am 6. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Heckmanns Text bleibe dicht am Original und konzentriere sich auf die Zeitlosigkeit der Figuren, schreibt Elisabeth Einecke-Klövekorn im General Anzeiger (9.12.2019). "Die Inszenierung springt elegant über nahe liegende Aktualisierungsfallen, spielt geschickt mit der Zeitlosigkeit des Stoffs, amüsiert mit koketten Pointen und prallen Gags."

 
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