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Die Spur der Gene

von Stefan Forth

Hamburg, 7. Dezember 2019. Wenn Ibsen, Shakespeare und Strindberg zusammen einen "Mittwochsfilm im Ersten" hätten schreiben sollen, wäre dabei möglicherweise so etwas herausgekommen wie diese Geschichte. Vermutlich hätten die drei alten Herren etwas weniger Pathos in ihren Entwurf gelegt als der libanesisch-frankokanadische Autor und Theatermacher Wajdi Mouawad in seinen Erfolgstext "Vögel". Am Hamburger Thalia Theater lässt sich jetzt eindrucksvoll besichtigen, wo die Stärken und Schwächen dieses Konstrukts um Wahrheit und Lüge, genetische Herkunft und soziale Identität, um Gefühl und Vernunft, Liebe und Feindschaft liegen.

Sein eigener schlimmster Feind

Zu Beginn gleich ein Spoiler: Der vermeintlich jüdische Familienvater David aus Berlin ist natürlich in Wirklichkeit ein palästinensisches Findelkind, groß geworden bei Zieheltern in Israel. Er selbst ist zwar der letzte, der das begreift, aber genau genommen ist das große Geheimnis seines Lebens ebenso ungeheuerlich wie vorhersehbar. Wie könnte es sonst sein, dass er am vehementesten von allen die arabische Freundin seines Sohnes Eitan auf offener Bühne beschimpft und unverhohlen ablehnt. David ist also sein eigener schlimmster Feind, allerdings ohne es zu ahnen – und der jahrzehntelang verschwiegene innere Widerspruch seines Daseins reißt letztlich die ganze Familie in den Abgrund. Drama, Baby! Drama!

Voegel2 560 Krafft Angerer u"Mein Platz ist auf der anderen Seite der Mauer": Rosa Thormeyer als Wahida © Krafft Angerer

Dabei sind das doch alles nur Menschen, und so gelingt es Regisseur Hakan Savaş Mican erst einmal auch tatsächlich, den Figuren auf weitgehend leerer Bühne Raum zum Atmen zu lassen, ohne sie mit der Last der Zeitgeschichte zu erdrücken.

Einen großen Anteil an der spielerischen Leichtigkeit im ersten Teil des Abends haben die beiden Musiker, die (wie der Regisseur) sonst eine künstlerische Heimat am Berliner Maxim Gorki Theater haben: Die Performerin Rasha Nahas aus Haifa und der Klezmer-Singer-Songwriter Daniel Kahn aus Detroit bestimmen feinfühlig und kraftvoll den Sound der Inszenierung – zwischen Lebenslust und Melancholie. Mit Akkordeon, E-Gitarre und Filmprojektionen entstehen atmosphärisch dichte Szenen, die sich zwischen Musikvideos der 90er und Roadmovie bewegen. Grandios gefühlvoll, lustvoll lebendig!

Schicksal aus der Biogenetik

Zwischendurch greifen beide auch in die Handlung ein: als Erzähler, jüdischer Ritualexperte oder israelische Staatssicherheitsbeauftragte, die Eitans arabische Liebe Wahida brutal verhört, als die ihrem Freund auf eine Reise in die Vergangenheit seines Vaters folgt. Der junge Mann ist nämlich Biogenetiker und hat in einem Akt der Auflehnung an seiner Familie ein wissenschaftliches Experiment veranstaltet – in dessen Verlauf sich herausstellt, dass Papa und Opa nicht miteinander verwandt sind. Dumm gelaufen, zumal Oma in Israel zunächst beharrlich dazu schweigt, bis ein Terroranschlag Eitan in ein Koma befördert. Und ja: Wir sind an dieser Stelle immer noch im Theater und nicht bei Netflix oder Amazon Prime.

Voegel1 560 Krafft Angerer uKoma nach dem Terroranschlag: Das Ensemble spielt auf einer von Hakan Savaş Mican und Sylvia Rieger ausgestatteten Bühne © Krafft Angerer

Zum Glück gibt es immer wieder fein nuancierte Szenen, die daran erinnern: Die lässig wie charismatisch auftrumpfende Rosa Thormeyer als Wahida etwa stellt an diesem Abend unter Beweis, warum sie als Neuzugang ein echter Gewinn fürs Thalia-Ensemble ist. Sie kann in ihrem knallroten Outfit selbstbewusst flirten, sich von offener Feindschaft verunsichern lassen – und in einem großartig emanzipatorischen Moment männliche Selbstgerechtigkeit entlarven, wenn sie David dafür angeht, dass der sie auf ihr Aussehen und ihre arabische Herkunft reduziert und damit auch die Gefühle seines eigenen Sohnes für sie entwertet. Selten hat auf deutschen Bühnen eine junge Schauspielerin mit einer solchen Unausweichlichkeit und Unbedingtheit einem männlichen Kollegen vor die Füße gespuckt.

Kein Platz für Leichtigkeit

Nur: Warum liefern Autor und Regisseur ausgerechnet diese spannende Frau von heute den Klischees des Historiendramas von vorgestern aus? "In diesem Krieg ist mein Platz. Auf der anderen Seite der Mauer. Bei denen, die verlieren", sagt Wahida später, bevor sie sich von Eitan trennt. Dicker kann man kaum noch auftragen? Denkste!

Voegel3 560 Krafft Angerer uAuf dem Weg in die familiäre Katastrophe: Szene mit Oda Thormeyer, Tilo Werner und Pascal Houdus © Krafft Angerer

Im zweiten Teil verliert sich der Abend zunehmend in der düsteren Bedeutungsschwere, auf die die Handlung immer konzentrierter zustrebt. Klar: Wo Menschen an Lebenslügen seelisch und körperlich zugrunde gehen, ist kein Platz mehr für Leichtigkeit. Klar auch: Holocaust, Sechstagekrieg und Nahostkonflikt erfordern als historischer Hintergrund eine ernstzunehmende Auseinandersetzung.

Schade trotzdem, dass die Sehnsucht des Textes nach Lebens- und Entscheidungsfreiheit des einzelnen auf der Bühne so wenig spürbar wird und sich stattdessen in zunehmend kitschigen Vogelmetaphern entlädt. Da wäre weniger Reden und Erklären und Einordnen und Überhöhen stellenweise mehr gewesen. So bremst sich die Inszenierung selbst aus und wabert im Angesicht der familiären Katastrophe unheilvoll vor sich hin.

"Das Leben ist manchmal einfacher, als man denkt", sagt Großvater Edgar einmal zynisch. Diese solide gebaute Produktion macht es ihren souveränen Darstellern und ihren überzeugenden Musikern dagegen zum Schluss hin unnötig schwer. Als wäre das Leben am Ende doch nur eine Summe von Chromosomen, unausweichlich sortiert von den Zufällen der Zeitgeschichte.

 

Vögel
von Wajdi Mouawad
Regie: Hakan Savaş Mican, Bühne: Hakan Savaş Mican und Sylvia Rieger, Kostüme: Sylvia Rieger, Video: Benjamin Krieger, Licht: Tilmann Cassens, Musik: Daniel Kahn, Rasha Nahas, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Stephan Bissmeier, Pascal Houdus, Christiane von Poelnitz, Oda Thormeyer, Rosa Thormeyer, Tilo Werner.
Premiere am 7. Dezember 2019
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Die Inszenierung sei einfach und klar nach vorne gerichtet. "Es gibt keine Schnörkel. Keine Halbsätze, die zum Nachdenken anregen. Text auf den Punkt. So, dass ihn sicher jede und jeder im Saal versteht", findet Marcus Behrens von Radio Bremen 2 (8.12.2019). "Nach der Pause findet das Stück in dieser Inzsenierung schnell einen Schluss, der so stehen hätte bleiben können – aber dann schleppt sich der Abend noch über eine weitere halbe Stunde, leider so träge, dass die positiven Eindrücke aus der ersten Hälfte Kratzer kriegen."

"Obwohl das Ensemble mitreißend spielt, klingt der Abend streckenweise wie ein Rührstück. Die simple Message scheint zu sein, dass es kein Schwarz und Weiß gibt. Das Publikum darf sich wohlig gruseln und weinen", so Peter Helling vom NDR (9.12.2019). "Hakan Savaş Mican lässt das Stück in einem völlig leeren Bühnenraum spielen und schafft es dadurch, dem Stück etwas Pathos auszutreiben, den Kitsch wegzuspülen und es am Ende menschlicher zu machen."