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Von der Zeit umgeschliffen

von Jan Fischer

Hannover, 11. Dezember 2019. Erinnerungen sind immer ein Problem. Sie sind glitschig und tendieren dazu, sich zu verändern, wenn man sie zu oft betrachtet. Das weiß auch Nadja in "Was nie geschehen ist" am Schauspiel Hannover. "Irgendwann“, sagt sie, als ihre Mutter Françoise vom Mai '68 in Paris erzählt, "war aus der Erinnerung eine Geschichte geworden, und aus der Geschichte ein Mythos". Blöd nur, dass Nadja gerne mehr erfahren würde – über ihre Mutter, über ihre Großmutter, über sich selbst.

Also befragt sie sie, zeichnet akribisch auf, was die beiden Frauen ihr erzählen, läuft zusammen mit ihnen zwischen den altertümlichen Tonbandgeräten herum, die auf der Bühne von Cora Saller stehen. Und merkt bald: So ganz wahr können die Geschichten, die ihr da erzählt werden nicht sein – aber so ganz unwahr auch nicht. Nur deformiert. Im Gebrauch verändert und von der Zeit umgeschliffen.

Unglückliche Familien

"Was nie geschehen ist" basiert auf dem gleichnamigem Buch der US-amerikanischen Autorin Nadja Spiegelman, Tochter der Journalistin Françoise Mouly und des Comicautoren Art Spiegelman. Das Buch ist eine literarische Biographie, ähnlich dem Erfolgsbuch "Das Ende von Eddy" von Édouard Louis. Nur dass Nadja Spiegelman (meistens) von der anderen Seite des Atlantik berichtet, und von einer anderen Schicht der Gesellschaft.

wasniegeschehenist 4 560 kerstin schomburg uDrei Frauen erzählen die Geschichte dreier Generationen: Amelle Schwerk, Irene Kugler und Anja Herden © Kerstin Schomburg

Hier ist sind es drei Generationen von Frauen einer besser gestellten Familie, die mit sich selbst und ihrer Position innerhalb der Familie hadern: Nadjas Großvater ist ein Spieler und Schürzenjäger, der sie als Achtjährige sexuell belästigt, ihre Mutter wird mit 13 zum Psychologen geschickt und unternimmt einen Selbstmordversuch, die Großmutter zwingt ihre Tochter zu einer Abtreibung. Die Mutter gängelt Nadja ständig für die eine oder andere Nebensächlichkeit.

Fallstricke der Vergangenheit

Alice Buddeberg lässt ihrer Nadja als Erzählerin, beteiligter Beobachterin und akribischer Aufzeichnerin den größten Raum in der Inszenierung: Nadja führt, wie auch im Buch, durch die Familiengeschichte. Françoise und Josée, die Großmutter, erweisen sich dabei als unzuverlässige, nur zögerlich berichtende Quellen.

Überall lauern in dem Raum mit seiner falschen Flucht die Fallstricke der Vergangenheit: Josée will in den 40ern einen Film gesehen haben, der erst in den 50ern erschien. Sowohl Françoise als auch Josée erzählen eine Geschichte über einen Reiher so, als hätten sie sie selbst erlebt – wer von den beiden es nun war, wird nie ganz klar.

wasniegeschehenist 1 560 kerstin schomburg uZwischen Wahrheit und Fiktion: Anja Herden und Amelle Schwerk spielen Nadja Spiegelmans Familien-Erinnerungsstoff © Kerstin Schomburg

Teilweise sind die motivischen Überlappungen, die Puzzleteile zwischen den Generationen zu perfekt arrangiert, als dass man daran glauben könnte, dass alles tatsächlich so passiert ist. Aber egal: Es geht nicht um Wahrheit. Denn ob wahr oder gelogen oder verformt oder erfunden: Stück für Stück ergibt sich auf der Bühne ein Psychogramm der drei Frauen und ihrer Familiengeschichte, spielerisch solide verkörpert von Amelie Schwerk, Anja Herden und Irene Kugler.

Zwischen Nachtmittagssoap und Arthouse-Film

Wo allerdings Nadja Spiegelmans Buch die Figuren in lakonisch-poetischen Beschreibungen greifbar macht, setzt Buddeberg in ihrer Inszenierung eher auf die Grundthemen der Geschichte: Vergebung, Liebe, Zusammengehörigkeit und eben auf drei Frauen, die unter – mehr oder weniger – widrigen Umständen ihren Weg gehen und sich dabei ständig mit sich selbst und der Welt um sie herum in Konflikten sehen. Dabei wirkt die Geschichte der trotz aller Schwierigkeiten unter privilegierten Umständen lebenden Frauen recht kraftlos, die säuberlich Schicht um Schicht freigelegten Konflikte wie schon hundertmal zwischen Nachtmittagssoap und Arthouse-Film verhandelt.

Wo es dem Buch gelingt, aus den Halbwahrheiten Poesie zu generieren, wirkt dieselbe Figur bei Buddeberg wie leicht angefaulter Budenzauber. Das mag mit den – notwendigen – Kürzungen zusammenhängen, aus denen sich eben ein leicht verschobener Schwerpunkt ergibt. Am mangelnden Spielwillen oder an der Vorlage liegt es jedenfalls nicht, dass "Was nie geschehen ist" zwar mit einer Menge Treibstoff im Gepäck startet, aber über die zweite Zündstufe nicht herauskommt.

Was nie geschehen ist
nach Nadja Spiegelman
Regie: Alice Buddeberg, Bühne: Cora Saller, Kostüme: Martina Küster, Musik: Stefan Paul Goetsch, Dramaturgie: Johanna Vater.
Mit: Anja Herden, Irene Kugler, Amelle Schwerk.
Premiere am 11. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de