Walser im kalten Niemandsland

von Claude Bühler

Basel, 13. Dezember 2019. Er musste es wohl loswerden. In nur sechs Wochen verfasste Robert Walser 1907 seinen Roman über seine mehrmonatige Anstellung und Leidenszeit als Gehilfe des Ingenieurs Carl Dubler. Geschildert wird schweizerisches tägliches Leben. Wie die innerfamiliären Spannungen steigen, weil Dubler (im Roman: Tobler) für seine skurrilen Erfindungen keine Geldgeber findet. Noch bevor er Konkurs geht und die Familie auseinanderbricht, hatte Walser das Haus bereits verlassen. Der Roman besticht durch die präzis in ihren Ambivalenzen vorgestellte Titelfigur mit ihren Mühen zwischen Feigheit, gutem Willen und Aufrichtigkeit, im emotionalen Handgemenge der Verhältnisse und Eindrücke, zu sich selber zu kommen.

Opfer und Mitmacher

Derlei subtile Hintergründe kommen auf der Bühne nicht vor. Schon ab Beginn, wenn Mario Fuchs als "Gehülfe" Joseph Marti mit vor nervösem Eifer hochgezogenen Schultern über die Bühne stakst, ist er ein Verlorener. Einer der fragt: "Werde ich taugen? Was leiste ich denn eigentlich?" Ein devotes Opfer, demzufolge ein Mitmacher im familiären Regime des unberechenbaren Cholerikers Tobler. An den schmiegen sich alle, mehr aus verdrängter Angst als aus Zuneigung, die Frau, die beiden Töchter, Marti, sein entlassener Vorgänger Wirsich, der einfach nicht von den Toblers wegkommt. Auch das andere Opfer, die ungeliebte Tochter Silvi, strahlt vor servilem Begeisterungseifer – und rotzt rappend ihre unterdrückte Wut mit "The Real Slim Shady" von Eminem weg.

Gehuelfe 2 560 BirgitHupfeld uHals ab: Dem Schwan ist der Kopf bald abgeknickt angesichts der familiären Spannungen, und auch sonst gibt's viel popbunten Symbolüberhang in Anita Vulesicas Inszenierung © Birgit Hupfeld

Aus Robert Walsers Prosa, die Hermann Hesse als "voll von Stimmungen" und bezaubernd durch "zart und absichtslos spielende Magie" besang, hat Regisseurin Anita Vulesica knalliges Pop-Theater mit Symbolbild-Überhang gemacht: Fast während des ganzen Abends fährt die Gesellschaft auf einem großen Schwan-Wagen im Kreis (anfangs zu wagnerianischen Streicherklängen, als fühle sich Tobler wie Ludwig II.).

Schon bald kippt dem Holztier der Kopf runter. Einziger Referenzpunkt zum Textinhalt: Toblers Prahlerei, dass er es den zunehmend skeptischen Dörflern, den Bärenswilern, schon zeigen werde. Bald fallen die Rechnungen vom Bühnenhimmel, werden die Gläubiger am Telefon abgewimmelt.

Sturz ins kalte Wasser

Die Szenen, die Vulesica mit Dramaturgin Carmen Bach ausgewählt hat, fokussieren aber ansonsten auf die innerfamiliären Machtverhältnisse und die beziehungslose Verlorenheit der Figuren, verbannt in eine blendend weiße Bühnenwelt, ein konturloses Niemandsland von frappierender Kälte, umweht von Aphex Twins düsteren Ambientklängen. Unter die Haut geht die Szene, wenn sich unter Silvi plötzlich der Boden öffnet, sie ins Wasser fällt – und niemand hilft. Erst als sie sich nach quälend langem Kampf selber befreit, kommt die Mutter. Der Rettungsring in ihrer Hand wirkt wie Hohn.

Gehuelfe 3 560 BirgitHupfeld uDie Mutter (Friederike Wagner) wirft zwar den Rettungsring, aber erst als sich Silvi (Katharina Marianne Schmidt) schon selber befreit hat © Birgit Hupfeld

"Ja, hassen, das ist das richtige Wort, es bezeichnet das Gefühl, das ich mit dem Kind (Silvi) verbinde, ausgezeichnet", expliziert die Regentin des Hauses dem Gehülfen. Bei Friederike Wagner wirkt es nicht als (eisklirrendes) Bekenntnis, sondern als zelebriere sie nur ihre Eleganz. Gesellschaftlich isoliert und unter Stand verheiratet, ist sie darauf angewiesen, dass ihr wenigstens Marti (und Wirsich auch erotisch) zu Füßen liegt.

Die Schauspielerin Vulesica erarbeitete bei ihrem Regie-Debüt mit Profi-Ensemble auf das Sofortverständliche reduzierte Figurentypen mit eindeutigen Motiven: ein fester Rahmen, der detaillierte Ausgestaltung erlaubt. Da wackelt nichts. Alles ist trittsicher eingeübt.

Martis anarchistischer Trotz 

Aber den Personen fehlt auch jedes Geheimnis. Im langen Mantel mit Zigarre schreit Toblers Outfit geradezu "Hochstapler". Frau Tobler im lila Rüschenkleid wirkt wie eine deplatzierte Adabei auf einer Haute-Volée-Party und Marti im schwarzen Anzug wie ein Konfirmand. Die Hackordnung im Gefüge und die Parabel des Hochmuts: das hat man schnell verstanden. Irgendwann lässt sich in dem Setting die Spannung nur noch mit zunehmender Grobheit steigern. Tobler schlägt die Leute und lässt sich bis zur Ohnmacht volllaufen.

Eine wesentliche Dimension des Romans bleibt unberührt. Unter Martis Zweifeln, ob er denn Kost und Logis bei den Toblers (Lohn kriegt er keinen) verdiene, liegt auch ein anarchistischer Trotz verborgen: dagegen nämlich, sein Leben, Denken, Fühlen bestimmen zu lassen von einem Angestelltendasein mit banaler Arbeit und blöden Chef-Untergebenen-Ritualen. Marti/Walser ringt mit sich, redet sich Begeisterung ein, und seine Seele stellt sich immer wieder quer, überhaupt lebenstüchtig zu sein. Fraglich, ob sich der Roman mit solchen Feinheiten für die Bühne eignet oder der intimen Lektüre vorbehalten bleibt.


Der Gehülfe
Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Robert Walser
Inszenierung: Anita Vulesica, Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Friederike Bernhardt, Licht: Cornelius Hunziker, Dramaturgie: Carmen Bach.
Mit: Friederike Bernhardt, Mario Fuchs, Pascal Goffin, Martin Hug, Katharina Marianne Schmidt, Friederike Wagner.
Premiere am 13. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

"Was als übermütig poppiges Spiel beginnt, wandelt sich bald zur spannungslosen Sketchvorführung eines großen Reinfalls. Alle Angehörigen dieser schrecklich unbedeutenden Familie scheinen von Anfang an aufs Scheitern eingestellt, gut gepanzert mit einem Schild aus Zynismus und Naivität kennt ihre Arglosigkeit keine Grenzen", schreibt Simon Strauß in der FAZ (16.12.2019). Nur Mario Fuchs und Katharina Marianne Schmidt ließen etwas von Walsers existentieller Obdachlosigkeit spüren.

"Beißend gespiegelt" werde hier, schreibt Annette Mahro in der Badischen Zeitung (15.12.2019). "Mario Fuchs gibt den Gehülfen in linkischem Bestrebtsein und mit permanent ins Gesicht geschriebener Bestürzung." Er spiele aber auch den angesichts der Verhältnisse mehr und mehr Fassungslosen sehr bildhaft aus. "Der schwimmende Schwan, der an Richard Wagners 'Lohengrin' und das darin zitierte irdische Jammertal erinnert, treibt die optischen Knalleffekte dieser Inszenierung zum Äußersten."

Die Textfassung sei "klug destilliert", schreibt Dominique Spirgi in der BZ (16.12.2019). "Vulesicas Zerrbild der kalt-abweisenden Familie ist stampfend laut und expressiv." Das präzise Bild habe zu Beginn durchaus seinen Reiz. "Walsers Sittengemälde als knallige Posse – warum auch nicht? Aber mit der Zeit wirkt das sich auch inhaltlich ewig im Kreis drehende Spiel ermüdend." Das geheimnisvoll Unergründliche des Romans bleibe auf der Strecke.

"Das Beste an dieser Inszenierung ist ihr Wagemut", schreibt Stephan Reuter auf Bazonline.ch (16.12.2019). Serviert werde ein Regiekonzept, das mit Robert Walser sehr frei und sehr schlicht umspringe. "Dass die Farce so unvermittelt (und brutal) ins ernste Fach kippt, wirkt (…), als wollte man dem Publikum das Lachen mit Nasenbluten austreiben oder als hätte die Regie auf halber Strecke das Vertrauen ins Konzept verloren. Zu Recht."

 

 

 
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