Ping ohne Pong

von Sabine Leucht

München, 13. Dezember 2019. "Wenn dies ein Theatertext wäre, müsste er mit den folgenden Worten beginnen: Ein Vater und ein Sohn befinden sich in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum." So beginnt Édouard Louis' "Wer hat meinen Vater umgebracht". Ein dünnes Büchlein von gerade mal 70 Seiten, das es in sich hat. Denn in ihm schickt der junge französische Intellektuelle, der derzeit mit den "Gelbwesten" auf die Straße geht, seinen brutalen Befreiungsschlägen gegen ein sprach-, perspektiv- und gefühlloses Elternhaus ein Versöhnungsschreiben hinterher. Während die biografischen Romane "Das Ende von Eddy" und "Im Herzen der Gewalt" schonungslos auf den Busch klopften – Louis selbst prägte dafür den Terminus "konfrontative Literatur" – wirbt sein drittes Buch um Verständnis für den Vater, dem die Arbeit in der Fabrik, die Armut und die Politik zum Versager gestempelt und die Wirbelsäule zertrümmert haben. Die Namen seiner Mörder? Chirac, Sarkozy, Hollande und Macron.

Herzzerbrechende Pointen

Der kurze Text, der in ein politisches Pamphlet mündet, beschreibt die Art der Annäherung an den Vater in seiner Eingangssequenz, die nahelegt, dass Louis mittlerweile mit dem Interesse des Theaters an seiner Arbeit rechnet. Da ist der oben zitierte Abstand, da ist der große, leere Raum, da ist weiter die Tatsache, dass nur der Sohn spricht: "Er versucht, sich an seinen Vater zu wenden, doch man weiß nicht warum, der Vater scheint ihn nicht hören zu können… Bisweilen geraten ihre Körper in Berührung, doch selbst in diesen Momenten, bei diesem Kontakt bleiben sie voneinander isoliert."

werhatmeinenvaterumgebracht 1 560 GabrielaNeeb uIsoliert statt berührt: Vater und Sohn. Jakob Geßner, Jonathan Hutter, Anne Stein © Gabriela Neeb

Die Lebensgeschichte des Vaters bleibt unerzählt, die Fragen des Sohnes werden nicht beantwortet. Ein Ping ohne Pong, eine zutiefst unerlöste Situation, die auch für Philipp Arnold zentral zu sein scheint, der sich allerdings weniger auf das Unerlöste darin stürzt als auf die wie auch immer ansatzweise Theatralität. Allein der Glaube daran, so scheint es, lässt ihn die Einseitigkeit der Kommunikation aufhebeln und leider auch die akkumulative Struktur des Textes, die nach langem, scheinbar lockerem Kreiseziehen um ein Thema zuweilen mit bitteren Pointen aufwartet, die einem das Herz brechen.

Dumpfe Klischees gegen eigene Neigungen?

Nichts davon auf der kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters. Hier streichen beim Einlass drei Schauspieler um ein hausförmiges Gerüst mit semintransparenten Stoffwänden. Es sind Jakob Geßner, Jonathan Hutter und Anne Stein, die sich, so scheint es anfangs, den Text so teilen, dass Geßner hinter einer hakennasigen Vatermaske verschwindend ein paar heisere Vatersätze sagt, Stein recht munter die Sätze übernimmt, die von der Mutter oder der neuen Frau des Vaters stammen könnten, und Hutter die Hauptlast bleibt: Er geht als das schöne, kluge, aber allzu weibische Alter Ego des Autors ins Rennen, das in dem homophoben Klima der nordfranzösischen Dorfes, in das er 1992 hineingeboren wurde, nichts zu lachen hat: "An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung“, ist der Hammerschlagauftakt zu "Das Ende von Eddy".

werhatmeinenvaterumgebracht 2 560 GabrielaNeeb uZwei Männer, zwei Zeiten, zwei Schicksale: Jakob Geßner, Jonathan Hutter © Gabriela Neeb

Er ist einer von vielen, die Philipp Arnold und seine Dramaturgin Katja Friedrich mit in das Medley gemixt haben, das nun, viel mehr als das dem Titel des Abends zugrundeliegende Werk, Louis' Homosexualität ins Zentrum rückt und mit der Möglichkeit spielt, dass der Vater, der die dumpfesten Männlichkeitsklischees vor sich herträgt, die man sich denken kann (saufen, nie weinen, sexistische Witze machen, in der Fabrik malochen, ohne zu klagen), wenn er den Sohn erniedrigt, gegen seine eigenen Neigungen anwettert. Das Bild, auf dem er ein Kleid trug und glücklich wirkte. Die Freude, die ihm das Tanzen machte. Der maghrebinische Freund, den er in Südfrankreich hatte, als er sich eine Jugend stahl, die einem wie ihm nicht gebührt.

Dem Vater zu Leibe

Die Textfassung des Volkstheaters akkumuliert diese Andeutungen und löst auch sonst viele Sätze aus ihrer Struktur. Munter, aber etwas wahllos werfen die Akteure sie sich wie Bälle zu. Es gibt Spiegelszenen, in denen einer dem anderen die Maske aufsetzt, die er gerade selbst noch trug. Mittels eines teilweise leerdrehenden Aktionismus wird dem Text sein dramatisches Potential quasi eingebläut. Immer wieder werden neue Szenen aufgerufen für ein Theater des Inneren, das à la Pirandello nach außen muss. Kamera und Mikro rücken der sich entziehenden Vaterfigur zu Leibe, deren Maske jeder mal trägt. Und immer wieder filmen die drei einander und werfen die Live-Bilder an die Stoffwände des Bühnenhauses. Und nachdem alle abgerissen sind, werden die rückwärtigen Wände schnell wieder aufgebaut, weil man die Projektionsfläche braucht.

Vieles probiert die Regie aus, nichts will so richtig greifen. Und so hübsch es ist, die drei wirklich reizenden Schauspieler wieder und wieder Kopf an Kopf oder in anderen Gruppenarrangements auf Video zu sehen, so wenig nähert man sich mit diesen gemeinschaftlichen Zerstreuungen dem Herzen der hochkonzentrierten Vorlage, das einsam und nachdenklich und – ja: auch rachsüchtig ist. Doch während Jonathan Hutter am Ende mit Louis' politischer Anklage und fast überschnappender Stimme auf die Barrikaden geht, sind die Sätze viel stärker, wenn sie ruhig und bestimmt fallen. Sätze, die daran erinnern, dass Lumpenproletariat wie Klassismus im Europa von heute noch längst nicht überwunden sind. Sätze wie "Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen frühen Tod vorgesehen hat".

 

Wer hat meinen Vater umgebracht
Nach Édouard Louis' "Wer hat meinen Vater umgebracht" und Motiven aus "Das Ende von Eddy"
Regie: Philipp Arnold, Bühne und Kostüme: Belle Santos, Dramaturgie: Katja Friedrich, Musik: Adel Alameddine.
Mit: Jakob Geßner, Jonathan Hutter und Anne Stein.
Premiere am 13. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Philipp Arnold mache aus Édouard Louis' Buch einen wunderbar klugen und anrührenden Theaterabend, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (16.12.2019). Die Inszenierung ist eine spannende Spurensuche: Wie war der Vater, an den Louis die Worte richtet? "Die drei auf der Bühne stehen erst in langen Hosen und Unterhemden vor dem Publikum, dann begeben sie sich in die Suche hinein." Eine Videokamera vergrößere die Masken, die Gesichter, die Köpfe auf Größe der Häuschenwand. "Aber auch die Wände verschwinden im Laufe dieser rasanten 70 Minuten, weil nichts mehr den Sohn vom Vater trennen wird." Fazit: "Die Fassung ist klug. Und steuert dann mit Wucht, Macht und Konsequenz auf ein Fanal der Realpolitik zu."

"Durch die Masken – auch für die Mutter gibt es eine – betont Regisseur Philipp Arnold den Aspekt des Rollenspiels: Auch in den Familien hat jedes Mitglied nun mal seine Position; daraus auszubrechen ist nicht leicht", schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (16.12.2019). Letztlich bleibe der Patriarch eine Leerstelle. Der Abend sei "ein loser Remix, eine irgendwie stringente Performance konnten Arnold und seine Dramaturgin Katja Friedrich aus den Louis-Sätzen nicht bauen", das aber mit einem beherzten Trio auf der Bühne. "Die Sympathie, die der Sohn für seinen Vater entwickelt, übermittelt sich doch ganz gut ins Publikum, sowie der Schmerz angesichts der Unmöglichkeit, die Demütigungen von einst ungeschehen zu machen."

Im Vergleich zur inhaltlichen Sprengkraft der Vorlage bleibe die Adaption ziemlich harmlos, schreibt Alexander Altmann im Münchner Merkur (16.12.2019). "Den größten Teil des Abends setze Regisseur Philipp Arnold auf Psychologisierung und Familienproblematik, so als müsse er eine Art Prolo-Ibsen inszenieren." Immerhin: Das Ensemble sei "mit vollem Elan bei der Sache".

 

 

 
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