Pappautos in Brechts Straßenszene

von Esther Slevogt

Berlin, 15. Dezember 2019. Spitzenkräfte des deutschsprachigen Theaters wie Martin Wuttke oder Milan Peschel Spielzeugautos aus Pappe mimen zu lassen, und zwar mit der gleichen spielerischen Inbrunst, als verkörperten sie König Lear oder ein sonstiges Gespenst des bürgerlichen Theaterkanons, das schafft wahrscheinlich nur René Pollesch. Sein neues Stück "(Life on earth can be sweet) Donna" kam jetzt im Deutschen Theater zur Uraufführung und Martin Wuttke ist darin unter anderem als pinkes Spielzeugauto und Milan Peschel als ein gelbes zu sehen. Damit illustrieren sie im Verbund mit dem rot-blau gefärbten Fahrzeug Nummer drei (verkörpert von Jeremy Mockridge) Brechts berühmte "Straßenszene", mit der er seinen Begriff vom Epischen Theater zuerst 1938 modellhaft erläutert hat.

Klimaneutrale Verwandlungsfantasien

Denn wie so oft geht es auch in Polleschs neuem Abend um die Tücken der Repräsentation im Allgemeinen und des Theaters im Besonderen. Um die berühmte Frage also, wie man überhaupt noch glaubhaft Theater spielen kann. (Woran sich selbstredend die Frage nach dem richtigen Leben im falschen anschließt). Dabei wird hier über satte Hundert Minuten lang so hinreißend Theater gespielt, dass sich zumindest die Frage nach dem richtigen Theater tendenziell als überflüssig erweist. Zumindest solange das Theater über Schauspieler wie Martin Wuttke und Milan Peschel verfügt, muss vielleicht einschränkend hinzugefügt werden.

Als Spielzeugautos sind beide so perfekt unter ihrer Pappkarosserie zusammengerollt, dass sie ihr jeweiliges Gefährt so fast unsichtbar (und gänzlich CO2neutral) fortbewegen können. Dann wieder erheben sie sich zum Extemporieren von Polleschs beziehungsreich-versponnenem aber auch leicht schrulligem Textgeflecht, und alle Autoteile fallen an ihnen virtuos komponiert wie Kostümteile herab. Wobei offen ist, ob dieses Kunststück Kostümbildnerin Nina von Mechow oder Bühnenbildnerin Anna Viebrock zu verdanken ist.

LifeonearthcanbesweetDonna2 560 Arno Declair uEinmarsch der Transformer: Bernd Moss, Judith Hofmann, Jeremy Mockridge, Martin Wuttke, Milan Peschel © Arno Declair

Aus dieser Verwandlung jedenfalls schöpft der Abend auch eines seiner schönsten Bonmots: Er sei kein Performer sondern Transformer, sagt Wuttke einmal, als er sich mit seinem pinken Auto gerade wieder einmal zum Sprechen erhoben hat.

Jenseits des Menschseins

Falls der oder die ein oder andere, mit den Erzeugnissen des Mainstream-Trashkinos vielleicht nicht so Vertraute an dieser Stelle etwas Aufklärung benötigt: Transformer sind (dem gleichnamigen Actionfilm aus dem Jahr 2007 zufolge) intelligente Maschinenwesen vom Planeten Cybertron, die in der Lage sind, ihre Körper selbstständig zu verwandeln: in gigantische Trucks zum Beispiel, die sich auch wie menschliche Giganten erheben können. Der Film basiert schließlich auf einer martialischen Spielzeugreihe der Firma Hasbro.

Gleichzeitig ist der Begriff "Transformer" der Link zur Wissenschaftstheoretikerin (und zweiten Schutzheiligen des Abends) Donna Haraway, die in ihrem (im Programmheft zur Lektüre empfohlenen) Buch "Unruhig bleiben. Die Verwandlung der Arten im Chthuluzän" der Menschheit Rettung aus der gegenwärtigen Krise unter anderem darin sieht, dass die Menschen das reine Menschsein hinter sich lassen, um als Symbionten auch das Erbmaterial bedrohter anderer Arten in die Zukunft zu transportieren.

LifeonearthcanbesweetDonna1 560 Arno Declair uKinosessel, Pappautos und bunte Klamotten von Anna Viebrock (Bühne) und Nina von Mechow (Kostüme) © Arno Declair

Aber das man muss nicht alles wissen oder gar verstehen, um Spaß daran zu haben, wie Pollesch und sein Symbiontie-affines Ensemble diese Theoriesplitter zum Spielmaterial machen. Denn anhand performter (Theater)theorie geht es bei Pollesch natürlich wie immer um die allerletzten Dinge, um Angelegenheiten wie Hoffnung, Liebe, Nähe oder Wahrheit. Ein bisschen Kapitalismuskritik darf natürlich auch nicht fehlen.

In der Salatschleuder

Dabei bezieht sich der Abend sehr dezidiert auf den Genus Loci, das Deutsche Theater nämlich, in dem Max Reinhardt am Anfang des 20. Jahrhunderts das Theater (und die Illusion) unter anderem via Technologie revolutioniert hat. Mit der Installation einer Drehbühne beispielsweise, die sich jetzt auch bei Pollesch (samt der von Anna Viebrock darauf nun installierten Bühnenrückwände) gravitätisch in Bewegung setzt. Die fünf Akteure, also Wuttke, Peschel, Bernd Moss, Jeremy Mockridge und Judith Hofmann, werden von den Zentrifugalkräften slapstickhaft immer wieder wie Salatblätter in einer Salatschleuder an die Wände gedrückt.

Die "großen Ostschauspieler" des DT der 1960er bis 1990er Jahre von Horst Lebinski bis Dieter Mann und Else Grube-Deister oder Gudrun Ritter finden Erwähnung, und natürlich muss Pollesch auch ein wenig die Nase über das bürgerliche Theater rümpfen. Als wäre nicht auch sein eigenes Theater zutiefst bürgerlich. Als würden all die gelehrten Fragen, wie sie hier (unter anderem mit Musik von Nobelpreisträger Bob Dylan unterlegt) beziehungsreich vor dem Publikum in seinen roten Plüschsesseln auf so entrückt-entzückende Weise verhandelt werden, außerhalb dieser Wände noch irgendwen interessieren. Als wäre die Zukunft, nach der hier angeblich gegriffen wird, nicht längst verblichene Vergangenheit.

 

(Life on earth can be sweet) Donna
von René Pollesch
Inszenierung: René Pollesch, Bühne: Anna Viebrock, Kostüme: Nina von Mechow, Dramaturgie: Anna Heesen, Souflage: Katharina Popov.
Mit: Judith Hofmann, Jeremy Mockridge, Bernd Moss, Milan Peschel, Martin Wuttke.
Premiere am 15. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Die fünf Spieler seien "sowas von wach und von einer derartigen spielerischen Schlagfertigkeit, dass man sie mit ihren Gedanken fast, aber nie ganz einfangen kann", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (16.12.2019). Sie stellten Fragen, "die einen leicht und tief hineinstoßen ins Dilemma von Schein und Sein, von Identität, Transformation, Präsenz, Distanz, Darstellung und Interpretation". Seidler schließt: "Begeistert und glücklich ist der Jubel."

"Alles läuft auf Verweigerung und Minimalismus hinaus und ist dabei doch (meistens) eine große Theaterfreude. Pollesch bringt mit 'Donna' seine eigene Ästhetik auf den Punkt", so André Mumot von Deutschlandfunk Kultur (15.12.2019). "Nicht nur verweigert er in brechtscher Tradition die naturalistische Welt- und Gefühlswiedergabe, er lehnt auch das Theater der vollmundigen Überzeugungen und Botschaften ab. Um Spielräume geht es ihm, nicht um Wahrheiten, um die ironische, skeptische, unversöhnte, nie ganz zu überbrückende Distanz zu allem, was auf der Bühne verhandelt werden könnte."

"Polleschs Selbstverliebtheit ist so groß, dass es fast schon wieder bescheiden wirkt. Er besitzt eine gewisse Macht, und er macht daraus Kuscheliges", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (16.12.2019). Man müsse Pollesch dafür dankbar sein: "Er bringt Schauspieler zusammen, an die man sich in Jahren noch erinnern wird. Und er hält die Lust auf ein Theater wach, das nicht nur wie eine Disco-Kugel um sich selbst kreist."

"Die mitunter ausgelassene Spielfreude auf der Bühne überträgt sich aufs dankbare Publikum, das junge Paar neben der Autorin dieses Textes kringelt sich vor Lachen im Theatersessel. Wie so oft schafft es René Pollesch, große, schwierige Fragen in absurd-komische und klug-witzige Dialoge zu schummeln", so Cora Knoblauch vom RBB (16.12.2019).

"Die Dichte des Materials und das intellektuelle Potential dieses hinreißenden Abends sind analytisch aufregend und szenisch überzeugend. Sowohl im Dialog mit dem Bühnenbild als auch in der Arbeit mit den Schauspielern erweist sich René Pollesch als kraftvoller denn je", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (17.12.2019).

"René Polleschs Theater ist in der Phase einer sehr lässigen Großmeisterschaft angekommen. Dem Regisseur und den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie einerseits das Pollesch-Spiel der Gedankenhochbeschleunigung mit großer Virtuosität in die vertrauten Umlaufbahnen schieße, und andererseits dem Theater-Affen mit Lust an Slapstick, Entertainment und Rampensau-Könnerschaft Zucker geben, ist vor allem eine große Freude", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (17.12.2019).

"Es ähnelt einem riesengroßen frisch gepressten, erfrischenden Mega-Orangensaft, was Pollesch alles aus der Straßenszenen-Idee herausquetscht", schreibt Jenni Zylka in der taz (18.12.2019). Wenn man die beiden musikalischen Pole, "Drive" von The Cars als Symbol für die Straßenszene und das epische Theater und "True love will find you in the end" von Daniel Johnston für das emotionale dramatische Theater gelten "und sich dann auch noch auf der Zunge zergehen lässt, dass beide Songs aus dem gleichen Jahr (1984) stammen, dann macht das fidele Palavern von Polleschs ebenso fidelem Cast sogar noch mehr Fetz", so Zylka: "Dass das Stück sich ab und an in der Selbstreferenz zu verlieren droht, etwa wenn Wuttke und Peschel zum Vergnügen des Publikums darüber sprechen, was sie 'alles mit an die Volksbühne' nehmen werden oder wie 'alt die Menschen an der Volksbühne' werden, knickknack, das sei verziehen: Es sind bestimmt noch nicht alle Castorf-Witze gemacht, erst recht nicht vom designierten neuen Volksbühnen-Intendanten Pollesch."

 

 

 

 

 
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