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Exemplarische Misere

von Esther Boldt

18. Dezember 2019. Wie können strukturelle Veränderungen im Stadt- und Staatstheater gelingen? Dies ist eine der herausforderndsten Fragen, die sich der deutschen Theaterlandschaft zurzeit stellen. Seit Jahren gerät das Staatstheater Darmstadt immer wieder in die Schlagzeilen – zuletzt mit der Suspendierung des geschäftsführenden Direktors und Stellvertreters des Intendanten, Jürgen Pelz. Was ist da los? Eine Recherche.

Am 11. Oktober 2019 verhängt das Staatstheater Darmstadt eine interne Haushaltssperre. Zunächst ist unklar, auf welche Summe sich das prognostizierte Defizit des laufenden Haushaltsjahres beläuft – von 700.000 bis 1,5 Millionen Euro berichtet die FAZ. Das Theater selbst spricht Mitte Dezember von unter 500.000 Euro. Grund sei "eine Vielzahl einzelner, kleinerer Mehrausgaben in vielen verschiedenen Bereichen".

Staatstheater Darmstadt Fassade 560 Andreas Praefcke CC BY 3Das Staatstheater Darmstadt von außen © Andreas Praefcke CC BY 3.0

Dass es ein Defizit geben kann, ist erstmal nicht so ungewöhnlich. Aber Mitte November untersagt das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Rechtsträger des Theaters, dem geschäftsführenden Direktor Jürgen Pelz "die Führung der Dienstgeschäfte" – wie es beamtenrechtlich heißt. Gegenüber der FAZ äußert Pelz, dass Abläufe im Haus massiv gestört seien. Er habe selbst immer wieder Meldung beim Ministerium gemacht und, als keine Besserung eingetreten sei, ab Mitte 2018 hausintern Position gegen Intendant Karsten Wiegand bezogen. Auf Nachfrage im Dezember widerspricht Wiegand letzterer Darstellung: "Es gibt keinen persönlichen Konflikt." Selbstverständlich würden innerhalb der Doppelspitze "Sachfragen diskutiert".

Wind des Neuanfangs

Die Geschichte interner Konflikte und Verwerfungen am Staatstheater Darmstadt ist ebenso lang wie verwickelt. Karsten Wiegand übernahm im Sommer 2014 die Intendanz des Hauses. Der damals 41-jährige Opernregisseur hatte zuvor die Opernsparte des Deutschen Nationaltheater Weimar geleitet. Er brachte Jonas Zipf als Schauspieldirektor mit, der ein inklusives Ensemble engagierte, das Staatstheater zur freien Szene hin ebenso öffnete wie zur Stadt, und explizit Zeitgenossenschaft versprach. Bald umwehte der frische Wind des Neuanfangs ein Haus, das unter der zehnjährigen Intendanz des Musiktheatermannes John Dew (*1944) künstlerisch im Dornröschenschlaf gelegen hatte, und das – in der Stadt der künstlerischen Moderne und der Neuen Musik – einem recht altbackenen, vermeintlich "texttreuen" Theaterverständnis folgte. Nun waren hier aufregend andere Inszenierungen zu sehen, wie die umwerfende "Madame Bovary" von Moritz Schönecker.

madamebovary 560 joachimdette uSzenenbild aus Moritz Schöneckers "Madame Bovary" © Joachim Dette

Doch schon wenig später gerieten interne Konflikte in den Fokus der Aufmerksamkeit: Jonas Zipf, die Dramaturginnen Christa Hohmann und Stawrula Panagiotaki verließen das Haus bereits nach einem Jahr. Über die Gründe für Zipfs Weggang wurde Stillschweigen vereinbart. Die Schauspieldirektion blieb bis zum November 2015 vakant und wurde dann mit dem Dramaturgen Oliver Brunner besetzt, der seither ein solides Programm verfolgt.

Rege Personalwechsel und öffentliche Erregung

Wechsel in Leitungspositionen wie Generalmusikdirektion (GMD), Opern- und Betriebsdirektion, aber auch in anderen Personalbereichen sind in den letzten Jahren häufiger zu verzeichnen – zum Teil gefolgt von längeren Vakanzen. Die Betriebsdirektion etwa war von Sommer 2018 bis Januar 2019 unbesetzt. Im Februar 2019 erreichte u.a. die Redaktion von nachtkritik.de ein anonymer Brief, als "Hilferuf" bezeichnet, unterschrieben mit "Mitarbeiter*innen des Staatstheaters Darmstadt". Dieser listet – mit einigem Detailwissen und unverhohlenem Zorn – vermeintliche strukturelle Missstände am Theater auf und wirft Intendant Karsten Wiegand Fehlmanagement, Zentralisierung von Macht, Überlastung des Betriebes und einen harschen Umgangston vor.

Staatstheater Darmstadt Groer Saal 560 Michael Hudler u CC BY SA 3 Das Staatstheater Darmstadt von innen © Michael Hudler CC BY SA 3.0

Der Sprecher des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst bestätigt, dass es durch die unbesetzten Stellen zu "Schwierigkeiten im Ablauf" gekommen sei, "die auch zu einer hohen Belastung in der Belegschaft führten". Diese Situation sei jedoch behoben worden – unter anderem mithilfe zweier Berater, die sich zu Beginn der Spielzeit 2018/2019 bis Jahresende 2018 "um Fragen der Personalia und der Disposition gekümmert haben". Intendant Karsten Wiegand selbst möchte sich zu dem Brief nicht äußern. Dem Personalrat liegen keine entsprechenden Beschwerden vor.

Kontakt zu ehemaligen und aktuellen Mitarbeiter*innen

So tritt die Autorin dieses Texts im Frühjahr 2019 mit einer Reihe ehemaliger und aktueller Mitarbeiter*innen des Hauses in Kontakt, um sich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Kaum jemand möchte über die Vorwürfe sprechen. Drei ehemalige Mitarbeiter*innen tun es schließlich doch – unter der Bedingung, namentlich ungenannt zu bleiben.

Zwei von ihnen stimmen darin überein, dass Karsten Wiegand Entscheidungen verschleppe und zugleich Macht auf seine Person bündele – und beispielsweise auch bei vergleichsweise unwichtigen Personalfragen involviert sein wolle, was unter anderem dazu führe, dass Positionen lange unbesetzt blieben. Es bestehe, sagt eine Person, ein eklatanter Unterschied zwischen dem, was Wiegand sage, und dem, was er tue: Er gebe sich als "Vertreter eines modernen Führungsstils, das kann er gut", was dann aber passiere, sei "etwas ganz anderes".

Die anhaltende Misere am Staatstheater sei aber auch ein Symptom fehllaufender Personalpolitik schon auf höherer Ebene. Man müsse sich fragen, wie solche Stellen besetzt werden. "Warum dürfen so große Institutionen von Menschen geleitet werden, die über keinerlei Berufserfahrung in einer solchen Position verfügen?" Das seien ganz unmoderne Besetzungsverfahren. Die Gesprächspartner*innen stellen die Position des regieführenden Intendanten infrage, der aufgrund seiner künstlerischen Tätigkeit teilweise abwesend sei. "Ist das noch eine sinnvolle Kombination?"

Verhärtete Strukturen – schon vor 2014

Übereinstimmend wird aber auch berichtet, dass bereits bei Wiegands Amtsantritt 2014 verhärtete Strukturen am Staatstheater Darmstadt herrschten. Unter den 550 teils langjährigen Mitarbeiter*innen seien viele, die mit den anstehenden – auch ästhetischen – Veränderungen nicht einverstanden gewesen seien. Ein Mitarbeiter, der 2014 gemeinsam mit Wiegand ans Haus kam, sagt: "Man darf nicht unterschätzen, in was für einen Laden wir gekommen sind. Ich habe selten ein so autoritär strukturiertes Haus erlebt." Es sei ein "extrem anstrengendes und schwieriges Fahrwasser" gewesen, und der vergleichsweise junge Intendant mit wenig Erfahrung in Leitungspositionen sei bei dem "550-Mann-Tanker" auch an seine Grenzen gekommen. Trotzdem hätten Karsten Wiegand und Jürgen Pelz eine Menge angestoßen innerhalb des Hauses, und "eine andere Kommunikationskultur möglich gemacht".

Zauberfloete 560 Stephan Ernst u"Zauberflöte" in Darmstadt, Regie: Intendant Karsten Wiegand © Stephan Ernst

Die verhärteten Strukturen sind ein Erbe der Ära John Dew, der dem Vernehmen nach einen sehr autoritären Führungsstil pflegte. Im Winter 2011/12 spaltete zudem die Affäre Dew-Trinks das Haus – da zerstritten sich, knapp gesagt, Intendant und Opernregisseur Dew und Generalmusikdirektor Constantin Trinks, da der eine den bzw. die Lebenspartner*in des jeweils anderen nicht als Sänger*in besetzten wollte. Das Ende vom Lied war ein anhaltender, teilweise öffentlich ausgetragener Zwist. Schließlich verließ der GMD vorzeitig das Staatstheater – das nach der offenbar heftigen Schlammschlacht gezeichnet und gespalten war. Heute wirkt es, als gäbe es weiterhin einen inneren Widerstreit – nun zwischen Mitarbeiter*innen, die den von Wiegand angestrebten Modernisierungskurs teilen, und jenen, die ihn kritisieren.

Beharrungskräfte und Veränderungsdruck

In einem ausführlichen Interview im April 2019 sagt Karsten Wiegand, dass er diesen Eindruck teilt. Es sei "der Kern eines solchen Theaters, immer auf der Suche zu sein. Das kann für viele Leute auch qualvoll sein." Seit der Affäre Dew-Trinks bestehe ein kurzer Weg zwischen Lokalpresse und Staatstheater-Mitarbeiter*innen. "In der Affäre Dew-Trinks haben sich erstaunlich viele Leute positioniert, und es war ständig Presse im Haus." Noch heute wird im Fall des Staatstheaters oft über Dinge berichtet, deren Nachrichtenwert gering ist – der Draht zur Presse ist offensichtlich immer noch so kurz, dass die kampagnenhafte Berichterstattung im Krisenfall schnell zur Stelle ist.

Im Gespräch gibt sich der Intendant als engagierter, eloquenter Erneuerer, der einen enormen "Nachholdruck" bei den Theatern sieht. "Wir schreiben uns unser inklusives Ensemble nicht auf die Fahnen. Es ging mir immer darum, dass nur wir selbst etwas ändern können, wenn wir es als normale Praxis anpacken." Hinter der Bühne seien Inklusion und Diversität richtig Arbeit, weil viele Menschen, ihn selbst eingeschlossen, das Bekannte bevorzugten und so oft nach dem Prinzip der Ähnlichkeit auswählten. Um das zu ändern, sei er auch bei "ganz alltäglichen Bewerbungsverfahren" dabei: "Das ist für uns alle ein langer Lernprozess." Seit Ende 2016 hat Wiegand zudem dafür gesorgt, dass die durch verschiedene Vertragsgrundlagen herrschende Ungleichbezahlung ein Ende hat: NV Solo und TV-H, der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes in Hessen, seien sukzessive angeglichen worden. Auch die Bezahlung des künstlerischen Ensembles werde kontinuierlich verbessert. "Da haben wir viel Geld in die Hand genommen."

Womit wir wieder bei den Zahlen wären. Aus personalrechtlichen Gründen darf sich das Hessische Ministerium nicht zu dem Sachverhalt äußern, der zur Freistellung des geschäftsführenden Direktors Jürgen Pelz geführt hat. Dieser hat seine Position bereits seit 2010 inne. Mittlerweile hat er Rechtsmittel eingelegt. Nun hilft das Ministerium einmal mehr im Staatstheater aus: Sein Sprecher berichtet, dass mithilfe eines Fachmannes vakante Stellen im Bereich Buchhaltung und Controlling besetzt worden seien,  es habe "technische Hilfestellungen" gegeben, "darunter neu eingeführte Prognosetools im Bereich Personalkosten" – beides, Personal und Technik, scheint es bislang nicht ausreichend gegeben zu haben. Zudem soll nun ein Wirtschaftsprüfer für einige Monate ans Staatstheater kommen, um sich einen Überblick über die finanzielle Lage zu verschaffen und Verbesserungsvorschläge zu machen.

Ende vom Lied?

Naheliegend ist, dass nicht allein Karsten Wiegand an der Darmstädter Misere beteiligt ist, sondern dass hier –  wie auch bei anderen Häusern, in Halle beispielsweise oder beim Tanztheater Pina Bausch – verschiedene Begriffe von dem aufeinandertreffen, was Theater ist und was es soll. Wo die Beharrungskräfte – und auch die Identifikation mit einem bestimmten Theater! – langjähriger Mitarbeiter*innen auf den Wunsch nach Erneuerung einer neuen Leitung treffen. Tiefgreifende Veränderungen wie diese, das ließe sich aus Darmstadt, Halle und Wuppertal lernen, bedürfen offenbar einer umfassenden Moderation und Kommunikation, um fruchten zu können. Kann eine Einzelperson wie ein alleiniger Intendant dies überhaupt leisten – die Modernisierung eines solchen Apparates?

Die interne Haushaltssperre wird in absehbarer Zeit aufgehoben werden, das Weihnachtsgeschäft läuft sehr gut am Staatstheater Darmstadt. Anstelle eines – oder zweier – bad guy/s zeigt sich in Darmstadt eine komplexe Gemengelage: eingefahrene Strukturen; Mitarbeiter*innen, die sich mit der künstlerischen Arbeit nicht identifizieren können und den Aufstand proben – oder die Intrige; eine Presse, die mitunter vorschnell reagiert; ein engagierter Intendant, der nicht abgeben kann – und der sich weigert, zu bestimmten Vorgängen und Vorwürfen klar Stellung zu beziehen, was die Gerüchteküche eher noch befördert. Und ein Ministerium, das sich eher später als früher engagiert, wenn sich Krisen abzeichnen und Mitarbeiter*innen um Hilfe bitten – wie es in der Vergangenheit mehrfach geschehen ist.

Esther Boldt, Jahrgang 1979, studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sie arbeitet als Autorin, Tanz- und Theaterkritikerin für Zeitungen und Magazine, verfasst Essays über zeitgenössisches Theater und ist in verschiedenen Jurys tätig.