Die Apokalypse ist überschätzt

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 19. Dezember 2019. Es geht bergab mit dem jungen Mann, steil bergab. Während er die Hochhaus-Fassade entlang talwärts saust und die Sekunden bis zum Aufschlag zählt, sagt er mit glücklicher Miene: So far so good. Bisher ist alles gut gegangen. Muss überhaupt jeder Absturz mit dem Schlimmsten enden? Wie oft schon ist das Ende der Welt angesagt gewesen – doch hurra, wir leben noch!

Alexander Kerlin und Kay Voges sind im Burgtheater angetreten, Endzeitfantasien zu entlarven. Oder zumindest dem Dies irae ein wenig vom Schrecken zu nehmen. Die Apokalypse wird, wie wir in zwei knackigen Stunden lernen, maßlos überschätzt. Also weg mit dem Vorhang, auf den der Sturzflug vom Hochhaus projiziert wird.

Maschine im Sturzflug

Wir finden uns in einem verwirrenden Durcheinander auf einer Drehbühne, die sich so beständig und langsam dreht wie die Welt. Entgegen der Uhrzeigerrichtung. Wie es da aussieht und wer da alles umhergeht! In einem Stück Flugzeugrumpf ist eine Mutter mit ihrer Tochter unterwegs, gelenkt von einem wenig Zutrauen erweckenden Piloten der "Air Mageddon", der auf Autopilot geschaltet hat und tatenlos, aber über Gott philosophierend zusehen wird, wie es mit der Maschine bergab geht. Zu dem Zeitpunkt sind schon auf rätselhafte Weise ein Dutzend Menschen aus dem Flugzeug verschwunden.

Dies irae 4 Matthias Horn uEin Flugzeug, aus dem immer wieder Menschen verschwinden, und andere endzeitliche Ideen in "Dies irae", hier mit: Nikita Dendl, Florian Teichtmeister, Hannah Rahel Lang © Matthias Horn

In einem Hotelzimmer treibt's ein Liebespaar von Höhepunkt zu Höhepunkt. Liebe bis zumTod? "Wir sterben nicht", das wird zum Stehsatz in einem Sprech- und Musiktheater, in dem der Tod trotzdem ständig herbeigeredet wird. Zwei alte Leute nehmen einander nur noch schemenhaft wahr, aber was kratzt das schon nach langem Leben in Zweisamkeit? Wäre sein Tod eine Theaterszene, dann solle es tunlichst eine Komödie sein, sinniert der Todkranke im Spitalsbett. Schlimm wär's, würde es eine Tragödie, ohne Chance zur Selbstbestimmung.

Untote und ihr Hinscheiden

Ein rätselhaftes Duo sind die beiden Typen im schwarzen Anzug, die unablässig treppauf, treppab staksen. Zwei Untote voller Endzeitgedanken. Sie grübeln übers Hinscheiden – absurde Wiedergänger, die eigentlich besser wissen müssten, dass es nichts wird mit dem Tod. Mein Favorit-Dialog der beiden: Letzte Nacht bin ich dem Heiland begegnet. – Und was hat er gesagt? – Nichts. – Immerhin.

Dies irae 1 Matthias Horn uDüstere Bilder: Yana Ermilova, Andrea Wenzl, Felix Rech © Matthias Horn

Was sich tut in den verschiedenen Räumen dieser Wunderbühne, wird mit ausgefeilter Videotechnik auf Leinwände projiziert. Da laufen auch die Songtexte auf Deutsch mit, die Paul Wallfisch mit seiner Gruppe begleitet. Wir haben es ja dezidiert mit einer poppigen Endzeit-Oper zu tun. Die vorherrschende tönende Melancholia rafft sich schon mal zu rockendem Trotz auf (das freilich immer nur kurz).

Rede des toten Christus

Die Musik ist ein ganz wesentlicher Kitt in diesem so wüsten wie an Querverbindungen reichen Textkonglomerat über die Unaufhaltsamkeit der letzten Dinge, die da hereinbrechen sollen. Angeblich. Die Bibel gibt viel her, von Hesekiel über Hiob bis zur Apokalypse. Nietzsche ist für Textpassagen so gut wie Walter Benjamin. Die "Rede des toten Christus" des Jean Paul gibt dem Nihilismus ordentlich Auftrieb. Hugo von Hofmannsthals "Die Zeit ist ein sonderbar Ding" aus dem Rosenkavalier passt natürlich wunderbar hinein. Zitate von Philosophen in Menge. Erstaunlich, dass die gesprochenen und gesungenen Brocken aus dem literarischen Steinbruch dann doch weit mehr als eine Geröllwüste ergeben.

Der designierte Volkstheater-Chef Kay Voges gibt jeder der rabenschwarzen Figuren auch ein wenig burleske Züge mit. Leise Ironie ist ein Vorzug dieses Totentanzes. Der führt nicht direkt in die Hölle und in den Himmel auch nicht. Es geht immer im Kreis rum, die Geschichte wiederholt sich und mit ihr die Überzeugung, dass die Endzeit unmittelbar bevor stehe. Zugegeben: Zitate aus Reden von Stephen Bannon (man hat nicht nur in der Literatur gegrast) könnten einen schon zum bekennenden Schwarzseher machen.

Finales Auferstehungsbild

Dies irae ist eine Gruppenarbeit, an der die Live-Videokünstler genau so Anteil haben wie die Musiker, die Schauspieler ebenso wie Alexander Kerlin als Letztverantwortlicher für die Textauswahl und Kay Voges für die Regie, alle am Ende herzlich umjubelt. Und wie steigt man aus einem Totentanz in Art eines apokalyptischen Perpetuum mobile aus?

Von dem Tanzboden heißt es immerhin einmal, er sei so eigenartig weich, ob der Leiber von Toten, die ihn bedecken. Ein anschauliches Auferstehungs-Bild muss also her, und dafür wurde man wiederum in der Bibel fündig. Ezechiel beschreibt so schaurig-schön, wie Knochen an Knochen sich wieder fügen, Sehnen sie verbinden, Haut sie überzieht und Leben in sie kommt. Schubumkehr für den Selbstmörder vom Anfang, er fliegt gen Himmel. Da kann man doch nur einem Finale entgegen tanzen, zu dem Paul Wallfisch nochmal alle Register zieht. Schlussakord, und dann noch ein lapidares Zwiegespräch aus dem Off: Was ist los? – Das Ende kommt. – Das Ende? – Vermutlich. 

Dies Irae – Tag des Zorns
Eine Endzeit-Oper von Alexander Kerlin & Kay Voges & Paul Wallfisch
Regie: Kay Voges, Komposition: Paul Wallfisch, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Mona Ulrich, Director of Photography/Video- und Lichtgestaltung: Voxi Bärenklau, Video-Art: Robi Voigt, Dramaturgie: Alexander Kerlin, Dramaturgiemitarbeit: Rita Czapka, Live-Sampling/Sound-Design: Alexander Nefzger, Colour Grading: Simon Graf, Videoschnitt: Manuel Bader, Ton: Raimund Hornich, Videotechnik: Florian Dolzer, Live-Musik: Larry Mullins alias Toby Dammit, Simon Goff, Paul Wallfisch.
Mit Elma Stefanía Ágústsdóttir, Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Markus Meyer, Barbara Petritsch, Katharina Pichler, Felix Rech, Martin Schwab, Florian Teichtmeister, Andrea Wenzl, Kaoko Amano, Nikita Dendl, Philipp Dornauer, Gérôme Ehrler, Yana Ermilova, Hannah Rahel Rang, Runa Schymanski.
Premiere am 19. Dezember 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Philosophisch überhöht und sinnsuchend verdrechselt müsse man sich das Unternehmen vorstellen, das Voges "adventsresistent" dem "Tag des Zorns" gewidmet“ habe, so Bernd Noack auf Spiegel Online (20.12.2019). Bilderstarke Überwältigung, technische Spielereien, Licht- und Soundeffekte, opernsattes, dampfendes Bühnengewitter lenkten ab vom Thema, von Apokalypse, Leiden, Tod. "Ein Zitatenschatz der letzten Worte, lyrisch mit Melodien verkitscht oder bombastisch aufgeblasen" zur "wohlfeilen Weltuntergangsmelange". Und vom Live-Porno, den die Wiener Boulevardblätter herbeischrieben: nichts zu sehen.

Sterbenslangweilig sei, was dem "Endzeitopernimpresario" Kay Voges zum finalen Abgang einfalle, schreibt Ronald Pohl im Standard (20.12.2019). "Geschlagene zwei Stunden dreht sich eine Frank-Castorf-Gedenkbühne im Kreis" und das Hotel "Eden" werde zum "Ende" umbuchstabiert. Dort müsse man das rassistische Gequatsche des Trump-Beraters Stephen Bannon über sich ergehen lassen, so Pohl, oder Walter Benjamins "Engel der Geschichte" habe einen völlig folgenlosen Auftritt. "Dass der Unterschied zwischen Bannon und Benjamin gerade einer ums Ganze ist: Man müsste es Voges, womöglich vor Dienstantritt im Volkstheater, vielleicht mitteilen", sinniert Pohl. "Einen Sturm, der vom Paradiese her weht, wird er dort jedenfalls gut gebrauchen können."

"Und ein Teil vom Bühnenbild hat ausgesehen wie ein Waschsalon. Und ein anderer wie ein Krankenzimmer. Und ein weiterer wie eine Flugzeugkabine. Und drumherum sind viele Treppen gewesen. Und dort sind die Mavie Hörbiger und die Katharina Pichler herumgestiefelt. Und sie haben lustige Nasen und Frisuren gehabt. Und das war lustig", schreibt Norbert Mayer von der Presse (20.12.2019) in einem vermutlich der Inszenierung nachgefühlten Stil, den er in seiner Kritik bis zum bitteren Ende durchhält: "Und auf zwei roten Leuchtschriften ist 'Hotel' gestanden. Und unter einem ist „Eden" gestanden. Und unterm anderen waren Buchstaben runtergefallen. Und da hat es dann 'Ende' geheißen. Und da hat man geahnt: Und es wird zu Ende gehen. Und es ist zwei Stunden lang nicht zu Ende gegangen."

"Der Mann, der als Re­gis­seur haupt­säch­lich für die­sen gro­ben Un­fug ver­ant­wort­lich ist, Kay Vo­ges, wird in knapp ei­nem hal­ben Jahr das zweit­größ­te Wie­ner Thea­ter, das Volks­thea­ter, über­neh­men. Das kann ja hei­ter wer­den," schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurt Allgemeinen Zeitung (21.12.2019). "Wenn man nicht mehr wei­ter weiß, nimmt man ein­fach Tro­cken­eis," zitiert dieser Kritiker zu Beginn seiner mit "Grober Unfug" überschriebenen Kritik "ei­ne al­te Thea­ter­weis­heit", an die man sich aus seiner Sicht of­fen­bar auch bei der jüngs­ten In­sze­nie­rung im Burg­thea­ter hält. "Je­den­falls ist am En­de, be­vor der Vor­hang nach zwei end­los schei­nen­den Stun­den, end­lich wirk­lich fällt, al­les, Büh­ne und Saal, in dich­te wei­ße Schwa­den ein­ge­hüllt. Was da­vor pas­siert? Im­mer das Glei­che in leicht ab­neh­men­der Strin­genz und leicht zu­neh­men­der, tja, man muss es wohl 'Zom­bi­fi­zie­rung' nen­nen."

Dieser Abend sei "beeindruckend als eher dunkler Lärm, der wie Glutamat wirkt. Also geschmacksverstärkend. Der ganze Abend ist Glutamat. Was er verstärkt, ist ein abenteuerliches Textamalgam, das so uneigentlich-raunend wie elaboriert-ungefähr ist. Mithin in jede (Denk-)Richtung eine Verstärkung braucht", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (online 26.12.2019). Seine "Kernaussage" möge "sein, die Menschheit aus jedem Untergang unverdrossen und ohne Erkenntnis wieder hervorkriecht und weitermacht. Das fühlt sich nicht schön an, das nervt und ist auch plump. Aber mit all seinem Lärm auch irgendwie notwendig."

 

 
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