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Was man hegt, das wälzt man nicht

von Susann Oberacker

Hamburg, 20. September 2008. "Gute Schauspieler, schlechtes Stück." Der Zuschauer in Reihe zwölf hatte sein Urteil ebenso rasch wie präzise gefällt. Der Tatort: Das Hamburger Thalia Theater. Die Tat: "Happiness" – eine Bühnenbearbeitung nach dem gleichnamigen Film von Todd Solondz. Die Täter: Die Regisseurin Alize Zandwijk und der Autor John von Düffel. Wenn es doch so einfach wäre! Wenn man den "nachtkritik"-Kollegen salopp von Hamburg nach Berlin schreiben könnte: "Kinners, ich brauch nur eine Zeile."

Mitnichten schlechtes Stück, mehr als eine Zeile

Aber da das nicht der Erzähllust von Kritikern entspricht, mach ich mal weiter. "Gute Schauspieler" – gekauft. Sandra Flubacher, Anna Steffens, Natali Seelig, Verena Reichhardt. Helmut Mooshammer, Peter Moltzen, Harald Baumgartner, Markwart Müller-Elmau. Nicht nur gut, sondern erstklassig sind sie. Geben ihren Figuren Präsenz und Glaubwürdigkeit. Und das brauchen die auch, denn einige sind dabei, mit denen man kein Käffchen am Nachmittag trinken würde.

"Schlechtes Stück"? Mitnichten. Das Stück ist eigentlich ein Film – und der ist ganz wunderbar. Und auch an der Bühnenbearbeitung von John von Düffel gibt's nichts zu meckern. Die Schnitte im Film ersetzt von Düffel durch fließende Übergänge. Manche Szenen spielen kurz parallel. So transponieren von Düffel und Zandwijk das Tempo des Films auf das Tempo des Theaters. Prima. Bellissima!

Aber nun: Worum geht's? Um Menschen, die mehr Trieb als Befriedigung haben. Und da das meiste treibt und gedeiht, wenn es schön feucht und warm ist, hat Ausstatter Thomas Ruppert ein großes Gewächshaus auf die Thalia-Bühne gebaut. Es ist vollgestopft mit Pflanzen, in denen sich die Menschen wälzen, die sie hegen, pflegen oder auch zerstören. Kein Bild für das Werden und Vergehen, sondern für den einfachen Trieb – den Trieb der Menschen, die alle deutlich sichtbare Schweißflecke unter ihren Achseln haben.

Feuchte Flecken überall

Da sind die drei Schwestern Joy, Helen und Trish. Joy (Natali Seelig) ist eine verhuschte Bänkelsängerin, die nur die Kerle abkriegt, die eh keine will. Für die ist sie sich dann aber doch zu gut. Schriftstellerin Helen (Anna Steffens) kriegt jeden, will aber keinen. Die gute Mutter und noch bessere Hausfrau Trish (Sandra Flubacher) hat den, den sie hat, der aber nicht mehr mit ihr schläft: ihren Ehemann, den Psychotherapeuten Bill (Helmut Mooshammer). Den wiederum treibt der Trieb zu kleinen Jungen wie Johnny (Vincent Heppner). Was zu einer erschütternden Szene zwischen Bill und seinem Sohn Billy (Simon Jensen) führt. Der Junge fragt seinen Vater, ob der auch ihn ficken würde. Als der Vater das verneint, weint der Junge. Man will gar nicht wissen, warum.

Um diese Kern-Personage ranken sich weitere Figuren: Helens Nachbar Allen (Peter Moltzen), der so dringend masturbiert wie andere aufs Klo müssen. Helens Nachbarin Kristina (Verena Reichhardt), die keinen Mann auf oder in sich spüren kann, sich aber doch nach Nähe sehnt. Die den, der sich endlich ihrer erbarmt, tötet, zerstückelt und in Frischhaltebeutel verpackt. Andy (Harald Baumgartner), der Liebhaber von Joy, der von ihr abgewiesen wird. Der sie daraufhin beleidigt, sich dadurch aber nicht besser fühlt und sich schließlich umbringt. Die Eltern der drei Schwestern, Mona (Angelika Thomas) und Lenni (Markwart Müller-Elmau), die sich nicht nur auseinander gelebt, sondern auch keinen Sex mehr miteinander haben.

Empfinden, was man empfinden möchte

Wohin man guckt: traurige Gestalten. Sie idealisieren nicht nur die, die sie begehren, sie idealisieren auch sich selbst. Als Masturbier-Allen endlich seiner Traumfrau Helen "zum Greifen nahe" gegenüber steht, muss er sich sagen lassen, dass er nicht ihr Typ sei. Wir wollen nicht die dicke Nachbarin von nebenan, sondern den Waschbrett-Brad aus dem Kino. Dumm nur, dass wir für den nicht sexy genug sind.

Alize Zandwijk glückt, was Todd Solondz im Film vorgibt: Sie nimmt diese schreckliche Erkenntnis mit Humor. Geradezu boulevardesk kommt manch eine Szene über die Rampe, wenn da nicht der F-Jargon wäre – von ficken über ficken bis zu ficken. Das ist so wenig subtil wie die ganze Inszenierung. In der wird alles deutlich gesagt und gezeigt – von "Ich will eine Möse" bis zu den Schweißflecken unter den Achseln.

Und was soll uns das alles? Nix, dachten vielleicht die Zuschauer, die rasch nach Ende des Stückes den Saal verließen. Jedoch: Ob man's mag oder nicht – Alize Zandwijk beschreibt punktgenau den Zustand unserer Welt. Einer Welt, in der wir nicht so sind, wie wir uns sehen, und nicht bekommen, was wir wollen. Einer Welt, in der unsere Sehnsucht nicht mit der Realität übereinstimmt: "Wenn ich nur das empfinden könnte, was ich empfinden möchte", ist einer der Schlüsselsätze. Das einzige, was Zandwijk nicht zeigt, ist der Weg aus diesem Dilemma hinaus.

 

Happiness
von Todd Solondz, bearbeitet von John von Düffel
Regie: Alize Zandwijk, Bühne und Kostüme: Thomas Rupert. Mit: Anna Steffens, Sandra Flubacher, Natali Seelig, Helmut Mooshammer, Simon Jensen, Vincent Heppner, Markwart Müller-Elmau, Angelika Thomas, Peter Moltzen, Verena Reichhardt, Harald Baumgartner.

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Das Beste" an Alize Zandwijks Uraufführung von Todd Solondz' Filmstoff "Happiness" am Hamburger Thalia Theater war für Monika Nellissen von der Welt (22.9.) das "symbolhafte, großartige Bühnenbild", diese "diesig schwüle Oase als Treibhaus der Triebe". Auch hätte es dank John von Düffels gelungen dramatisierter Fassung und toller Schauspieler, die "die Netze subversiver Komödiantik immer wieder auswerfen", "durchaus ein großartiger Theaterabend werden können". Während desselbigen weckten "besonders jene Geschehnisse Interesse, ja sogar Mitgefühl, in denen die ungeheuerlichsten Tatbestände so sachlich, nüchtern und präzise seziert werden, als wären sie zur Präparation freigegeben worden". Von den "Augenblicken aus schonungsloser Nähe und befreiender Distanz", die Peter Moltzen oder Helmut Mooshammer herzustellen wussten, hätte sich die Kritikerin allerdings "viel mehr gewünscht".

Den "verworrenen und perversen Lebensläufen" in Todd Solondz' Film folge man als Zuschauer "vollkommen gebannt, erschrocken und ergriffen". Im Hamburger Abendblatt (22.9.) fragt sich Armgard Seegers, ob man die "Geschichten dieser Opfer, die von heiler Welt schwafeln, dabei aber mit Sexwahn und Mordfantasien kämpfen, auch auf der Bühne erzählen" könne, und befindet: "eigentlich nicht". Zwar gäben "die Schauspieler ihr Bestes", zwar sei die Bühne "ein sinnfälliges Bild für Schwüle und wuchernde Triebe, doch die angstvolle Nähe, die zum Erschrecken über das Geschehen nötig ist", stelle sich nicht ein. "Statt subtilem Psycho-Porträt sieht man hier Holzhammer und Überzeichnung". Zandwijk habe den Abend "als psychorealistisches Neurosendrama (…) à la Tennessee Williams" und "deftige Sozialstudie" inszeniert, die das Publikum "bedrückt und erschlagen" entlasse. "So schlecht", dass man – wie einige Zuschauer – vorzeitig hätte gehen müssen, "war die Vorstellung dann auch nicht".