Cowboys im Wirtschaftswunder-Ruhrgebiet

von Sarah Heppekausen

Essen, 20. September 2008. Als sich der eiserne Vorhang hebt, ist sofort klar: Hier weht nicht bloß der Geist eines Heldenmythos, hier ist vor allem der Geist des Naturalismus auf die Bühne zurückgekehrt. Braune Holzvertäfelung, braune Holzstühle an einfachen Tischen, eine Theke inklusive funktionierender Zapfanlage, Plastikblumen und im hinteren Teil eine Kegelbahn.

Auf den Regalen funkeln silberne Pokale, wahrscheinlich Trophäen für die erfolgreichen Taubenzüchter, deren Taubenschläge oben an den Seitenwänden ins Innere des Wirthauses ragen. Für Anselm Webers "Der Held der westlichen Welt" hat Bühnenbildnerin Vera Knab einen realitätsnahen Raum gebaut, wohl auch um dem Geist des irischen Dramatikers John Millington Synges einen würdigen Platz einzuräumen.

Wie Held sein im Ruhrpott der 60er Jahre?

"The Playboy of the Western World" spricht die Sprache der irischen Landbevölkerung, und David Gieselmann hat das klassische irische Nationalstück, das 1907 in Dublin uraufgeführt wurde, für das Schauspiel Essen ins Ruhrgebiet der 60er Jahre verlegt. Hier spricht zwar niemand Ruhrpott, für ausreichend Wirklichkeitsillusionen aber sorgen Wirtshaus-Bühne, Original-Radio und Sixties-Kostüme. Das ist alles nett anzusehen, aber das Biedere einer holzvertäfelten Kneipe überträgt sich eben auch leicht auf eine Inszenierung.

Wäre da nicht der Held. Als der Fremde die Tür zur Kneipe öffnet, heult der Wind. Ein Hauch von Western durchzieht für einen kurzen Moment die Aufführung, ironisiert sie wie die Cowboys, die schattenartig das Programmheft bevölkern. Ein Hauch von absurdem Theater, das in Webers Inszenierung leider viel zu selten seinen Ausdruck findet, obwohl es in Gieselmanns Stückbearbeitung durchaus angelegt ist.

Nicola Mastroberardinos Christo Napoli kommt mit langen, geschmeidigen Schritten ins Wirtshaus. Er ist einer, der sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, ein Frauenbetörer in engen Jeans und Nietengürtel. An seiner Halskette funkelt ein kleines Kreuz, als er sich mit Schnaps die Haare gelt und die Achseln betupft. Er rollt das "R" und begleitet seine Worte mit großer Gestik.

Das Fremde kommt aus dem sonnigen Süden

Gieselmanns angeblicher Vatermörder ist ein italienischer Gastarbeiter. Das Fremde, das im Wirtschaftswunder-Ruhrgebiet am meisten fasziniert, kommt aus dem sonnigen Süden. Mastroberardinos Christo ist kein verängstigter Jämmerling, der erst allmählich durch den Respekt der Anderen zum Helden stilisiert wird. Von Beginn an post, flirtet und kokettiert er, und es macht großen Spaß, ihm dabei zuzusehen.

Bis in die Nebenrollen kann man dem Ensemble für einen unterhaltsamen Abend dankbar sein: Sarah Viktoria Frick ist eine wunderbar trotzige, blitzschnell verliebte Wirtstochter Jenni. Fritz Fenne als Steffen verzehrt sich in sittsamer Liebe zu Jenni, bis er herzzerreißend schluchzend am Tisch zusammenbricht. Die drei Mädchen (Evelyne Gugolz, Alice von Lindenau und Anastasia Gubareva) singen als pubertierende Girlie-Gang mit den betrunkenen Herren um die Wette: Sixties-Hits gegen Volksliedgut.

Und Jost Grix als Rudolf referiert ganze Slapstick-Monologe. Das rechte Brillenglas und sein rechtes Hosenbein voll mit Schlamm beschmiert, weil der Wirt die Straßenlaternen ausgetreten hat, hält er ein Plädoyer zum Steuern-Steuern: "Steuern sind in etwa: Ich geb’ Dir Geld, Staat, mach was draus. Und was macht er draus? Baut Laternen auf die Straßen, die er dann noch nicht mal anmacht. Das ist, als ob ich mir morgen ein Auto kaufe und es aber nie fahre. Meiner Ansicht nach müsste der Bürger also seine Steuern steuern können."

Naturalistische Gesellschaftskritik der laueren Art

Gieselmann – bekannt für sein komödiantisches Schreibtalent – verfasst in "Der Held der westlichen Welt" einige hervorragend komische Dialoge für zum Teil grandios überzeichnete Figuren. Aber es bleibt ein fader Beigeschmack, über den auch unterhaltsame Schauspieler nicht hinwegtäuschen können. Unbeantwortet wirkt die Frage, warum Anselm Weber die Dramenvorlage überhaupt bearbeiten ließ, und warum Gieselmann sie dann in die 60er Jahre verlegte. Wenn schon neu regionalisiert und aktualisiert wird, gibt es dann nichts Aktuelleres als die Helden der 60er? Oder wollen Autor und Regisseur bloß nicht provozieren? Die Uraufführung von Synges Stück führte zu einem riesigen Skandal im konservativen irischen Publikum des Abbey Theater. Diese Gefahr besteht in Essen nicht.


Der Held der westlichen Welt
von John Millington Synge, in einer Bearbeitung von David Gieselmann (basierend auf der deutschen Übersetzung von Martin Michael Driessen)
Regie: Anselm Weber, Bühne: Vera Knab, Kostüme: Meentje Nielsen, Musikalische Einstudierung: Hajo Wiesemann.
Mit: Nicola Mastroberardino, Rezo Tschchikwischwili, Christoph Finger, Sarah Viktoria Frick, Christina Geiße, Fritz Fenne, Evelyne Gugolz, Alice von Lindenau, Anastasia Gubareva, Carsten Otto, Georg Marin, Jost Grix.

www.schauspiel-essen.de


Kritikenrundschau

"Vor allem von der Optik" lebe Anselm Webers Inszenierung von John Millington Synges "Der Held der westlichen Welt", schreibt Martina Schürmann in der Neuen Rhein Zeitung (22.9.2008). Im "mit Liebe zum Detail dekorierten Kneipenraum" ergehe man sich "nicht mal in ruhrpottlerischer Mundart", weil die von David Gieselmann in den Ruhrpott verlegte Geschichte letztlich universal sei. Statt gesellschaftskritischer Töne überwögen im Essener Grillo-Theater, wo mit den Nebenfiguren ein "skurriles Typenkabinett" vorgeführt werde, die Kuriositäten, "doch auch die etwas laute Übermütigkeit mag die Frage nicht ganz übertönen", warum dieses schon mehrfach ins Deutsche übersetzte Stück nun "halbaktualisiert im 21. Jahrhundert angekommen ist".

Auch Britta Helmbold ist in den Ruhr Nachrichten (22.9.2008) vom "wunderschön schrecklichen Kneipen-Interieur samt Kegelbahn" angetan. Wenn am Ende des "skurrilen Spektakels" im Radio Peter Alexanders "Die kleine Kneipe" läuft, sei dies ein witziger Kommentar zum Abschluss einer "kurzweiligen Inszenierung mit durchweg überzeugenden Protagonisten".

John Millington Synges Stück zähle "nur scheinbar zum alten Eisen", findet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.9.2008) weit weniger angetan. Diese "wunderbare Komödie" beweise "gerade in der Entfernung ihre Zeitgenossenschaft", nicht Milieu, sondern Dramaturgie mache sie aktuell. Im Stück sähen die Gäste den Protagonisten Christy "nicht, wie er ist, sondern wie sie ihn gerne hätten", so dass der vermeintliche Held um so tiefer fällt, als man ihn als Aufschneider entlarvt. Christy erscheine "immer als das Gegenteil von dem, was er ist" – eine Dialektik von heute: "Helden werden nicht, sie werden gemacht". Nicola Mastroberardino habe die "unbändige Dynamik der Figur" allerdings stillgelegt und bekomme "von deren nicht nur rhetorischen Möglichkeiten" nichts mit. "Was, genauer gelesen, auch eine phantastische Parabel über Projektionen sein könnte", verflache in David Gieselmanns Bearbeitung "zu einem Schwank übers wankende Provinzleben" und schrumpfe "zu biederer Unterhaltung, die das Essener Ensemble karikaturenselig und komödiantisch routiniert abspult".

 

 
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