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Die Schneidezähne meiner Wahrnehmung

von Martin Thomas Pesl

Wien, 8. Januar 2020. Es ist eine außergewöhnliche Premiere für das fast 20-jährige Kosmos Theater. Wenn hier überhaupt schon einmal so etwas wie ein "Stückklassiker" gespielt wurde, ist es lange her. Das Kosmos ist aber eben Wiens feministisches Theater, und Autorinnen mit dem Label der Klassikerin sind rar gesät.

Ein junger Klassiker

Für einen Klassiker ist "Das Werk" von Elfriede Jelinek freilich eher jung. Nicht älter als das Kosmos selbst. Die Autorin verschränkt in ihrem seither zur Vollendung gebrachten collagierenden Fließtextformat den Brand der Gletscherbahn in Kaprun im Herbst 2000 mit der Baugeschichte des dortigen Wasserkraftwerks. Beide forderten je rund 160 Todesopfer. 2003 war die Uraufführung durch Nicolas Stemann am Burgtheater. 2020 ist die Schweizer Regisseurin Claudia Bossard (*1985) dran – ohne die großen Möglichkeiten des Staatstheaters.

DasWerk 1 560 Bettina Frenzel uDas literarische Quartett stellt die Frage nach der Subversion: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Lukas David Schmidt, Tamara Semzov, Wojo van Brouwer © Bettina Frenzel

Es mag aufgeblasen wirken, eine lebende Autorin als klassisch zu bezeichnen, doch genau mit diesem Gedanken spielt die Inszenierung. Einmal werden antike griechische Säulen auf die Bühne gehoben, und zu Beginn meint man die längste Zeit, Bossard hätte ihren Auftrag trotzig missverstanden und verhandle statt Jelineks "Das Werk" das Werk Jelineks: Da sitzt eine Gruppe bebrillter Literaturkritiker*innen auf einem Podium und spricht genussvoll manieriert über den Begriff der Subversion (ist er gerechtfertigt, nur weil Jelinek halt nicht Unterhaltungsliteratur schreibt?), über erste Begegnungen mit ihrem Œuvre (damals 1975 als bettelarmer Student in Buenos Aires!) und mit ihr selbst, als sie im Railjet Zeitung las und man sie dann eh nicht ansprach.

Mit dem Bohrer ins Heileweltösterreich

Alice Peterhans gesteht, sie empfinde Jelineks Werk gelegentlich als Bohren in den Schneidezähnen ihrer Wahrnehmung. Gemeinsam mit Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov darf sie sich ordentlich ins Zeug legen, und alle vier sind wahrlich lustig in ihren Nuancen akademischer Eitelkeit. Nach Stemanns Jelinek-Perücke und Habjans Jelinek-Puppe dreht sich die Metaschraube eins weiter und lässt jetzt statt der Autorin ihre Interpret*innen auftreten. Die sind obenrum (für vor 40 Jahren) TV-tauglich gekleidet und tragen an den Füßen grotesk klobige Wanderschuhe.

Hinter dem literarischen Quartett thront als breite Videoanimation ein Berg, Sinnbild zu erklimmender Wortegebirge und des Heileweltösterreichs, das den Bau seiner Werke durch Zwangsarbeiter und das elende Verbrennen seiner Tourist*innen in der Gletscherbahn zuließ. Bisweilen schickt Videokünstlerin Annalena Fröhlich im Stile Terry Gilliams von Monty Python einen Kreuzfahrtdampfer durch den Berg.

Die Kraft des Wassers

Nach einiger Zeit mischt sich Lukas David Schmidt ein, dienstbarer Wasserträger im weißen Frack. Mit ihm hält allmählich auch der Jelinek-Originaltext Einzug, "Das Werk" also. Erstaunlich, wie Jelinek 2003 über die zerstörerische Kraft des Wassers schrieb (und damit ist nicht das in den Gläsern gemeint, an denen sich die Gelehrten verkrampft festhalten) oder über Mauern. Wie beiläufig fällt über die Zwangsarbeiter der Satz: "Die Quintessenz: Noch mehr Menschen her!"

DasWerk 3 560 Bettina Frenzel uMit dem Kreuzfahrtschiff durch den Berg: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower, Tamara Semzov spielen vor Videoprojektionen von Annalena Fröhlich © Bettina Frenzel

Obwohl Bewegung in die Sache gerät, bleiben lange alle in ihren Rollen: die Kritiker*innen in diversem Analysesprech, der blonde Jüngling ein treuherziger Geißenpeter, seine Textstellen rührige Liebesschwüre an eine Heidi. Nach der Hälfte des knapp zweistündigen Abends ist ein recht typischer Jelinek-Sog erreicht: Man hat aufgegeben, den Text erfassen zu können und schaut nur – durchaus amüsiert – den Spielenden dabei zu, wie sie mit ihm umgehen. Ein Inszenieren der Stücke von Frau Machen-Sie-damit-was-Sie-wollen ist stets eine Spielerei – hier eine ausgelassene, spaßige. Das spiegelt sich auch in einem trunkenen Soundtrack, ebenfalls von Annalena Fröhlich, der teils aus dem Schlagergenre und teils mitten aus einem Katastrophenfilm zu stammen scheint.

Prophetische Anklage

Doch kaum spürt man es an den Schneidezähnen und will sagen: "So, Kinder, genug gespielt, kommt mal essen", stellt man überrascht fest, dass die Kurve ins Ernste, fast Schreckliche genommen wurde, wie das Thema es verdient. Plötzlich ist auch der Text wieder greifbar, als prophetische Anklage des heute allseits diskutierten Raubbaus an der Natur. Wenn etwa Lukas David Schmidt davon spricht, dass die Erdoberfläche verschwinden soll, während der Videoberg hinter ihm langsam in sich zusammensinkt, versetzt das einen bitteren Stich.

Jelinek-Textflächen an kleineren, freien Häusern ohne den Druck der Ur- oder Erstaufführung, das gibt es bisher selten. Das Kosmos Theater bringt hier einen überzeugenden Vorstoß, dass sich das ändern möge.

Das Werk
von Elfriede Jelinek
Regie: Claudia Bossard, Ausstattung: Elisabeth Weiß, Musik und Video: Annalena Fröhlich, Dramaturgie: Barbara Juch.
Mit: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt, Wojo van Brouwer.
Premiere am 8. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.kosmostheater.at

 

Kritikenrundschau

"Die Textcollage über Größenwahn und Schuld, Erinnerung, Medienaufmerksamkeit und die Natur als Gegner wird während zweier Stunden zunehmend fetzchenhafter und verwirrend", schreibt Michael Wurmitzer im Standard (9.1.2020). Im schnell geschnittenen Durcheinander falle es teilweise schwer, mit dem in Bergsteigerschuhen bravourös durch den Abend kraxelnden Ensemble Schritt zu halten.

Eine "respektlose Inszenierung" hat Norbert Mayer erlebt, wie er in der Presse (9.1.2020) schreibt. "So liebevoll böse gibt Jelineks Werk tatsächlich viel her." Alle fünf Darsteller seien originell, hervorragend in der Kleinkunst der Jelinek-Exegese. "Nur punktuell wirkt die mit Klamauk, mit Turnübungen, Gesangseinlagen und einer Lesung versehene Gesellschaftskritik dann doch etwas zu frivol – wenn es konkret um die Toten geht. Und das große Finale wird vielleicht etwas zu exzessiv zelebriert."