Theaterfotos in Bewegung

von Matthias Schmidt

Dresden, 11. Januar 2020. Am Anfang ist der Lärm. Anschwellender Kriegslärm. Dann Stille. Dunkelheit. Schemenhaft zu erkennen, fünf nackte, im Wasser hockende Menschen, die versuchen, sich eine Zigarette anzuzünden. Sie beginnen, Sätze aus dem Roman vorzutragen. Der brutal wie kaum ein anderer den Ersten Weltkrieg sezierende Text, die fünf im kurzen Flackern der Feuerzeuge erkennbaren Gestalten, 19jährige Jungs (in Dresden allerdings, warum auch immer, drei Männer und zwei Frauen), eben noch Schüler, jetzt nacktes Menschenfleisch, das seine Haut in einem Schützengraben zu Markte trägt. Verstörende Töne erklingen – düstere Bässe, sphärische Sounds, das Programmheft beschreibt sie als binaural (darf gegoogelt werden). Das Setting ist gespenstisch. Es ist vielversprechend. So beginnen Theaterabende, die man nicht vergisst.

Orgie aus Sterben und Morden

Was hier beginnt ist, jeder, der das Buch kennt, weiß es, eine Orgie aus Sterben und Morden im Namen von Leuten, die das wollen, die es befehlen, die Nutzen daraus ziehen, aber selbst nie anwesend sind: ein Krieg, einer von vielen, einer aus der scheinbar nie enden wollenden Aufzählung von Kriegen. Die ersten 15 Minuten dieser Inszenierung sind konzentriert wie ein Energy-Shot. Diese Inszenierung – übrigens eine von auffallend vielen Roman-Dramatisierungen, die auf den Bühnen des Dresdner Staatsschauspiels zu sehen sind – muss auf etwas hinauswollen, anders ist es nicht denkbar.

ImWestennichtsNeues2 560 Sebastian Hoppe uIm Überlebenskampf: Lisa Natalie Arnold, Holger Hübner, Denis Geyersbach, Daniel Séjourné spielen Remarque © Sebastian Hoppe

Allein, es kommt anders. Sie will es nicht. Oder schafft es nicht. Denn was auch immer Hausregisseurin Mina Salehpour für Bilder findet (und sie findet einige!), dieses "Im Westen nichts Neues" kommt über eine gespielte Lesung mit den jedem Abiturienten bekannten Passagen aus Remarques Roman nicht hinaus. Deutschlehrer mit ein paar Berufsjahren schlagen die entsprechenden Seiten im Schlaf auf.

Rund 90 Minuten lang, einige sogar dezent beleuchtet, werden Texte aufgesagt. Texte, die zugegebenermaßen durch Mark und Bein gehen, die mitfühlbar machen, was heute hierzulande keiner mehr aus persönlichem Erleben weiß. Was Krieg wirklich ist. Texte voller Grausamkeiten, die keiner sich vorstellen mag. Texte, die von der Sehnsucht nach Frieden sprechen, von der Lust auf normales Leben. Und sei es nur auf einen Kartoffelpuffer. Texte, die großartig sind.

Lektüreempfehlung für die 9. Klasse

Aber je länger man auf diese dunkle Bühne starrt, desto mehr wird der Überlebenskampf der fünf Menschen mit den Füßen im Wasser zu einem Dahinplätschern, desto deutlicher wird, dass diese Spielfassung nur ein Best-of aus Roman-Episoden ist, eine gespielte Lektüreempfehlung für die 9. Klasse. Ein eigener Zugriff auf das Thema – das Programmheft legt der Fährten einige – findet im Grunde nur einmal statt.

Und zwar am Ende (der Roman ist im Oktober 1918 angekommen, kurz vor Kriegsende), als plötzlich ein Saxophon-Quartett aus heutigen jungen Männern auf der Bühne steht und musiziert. Junge Männer, wie wir sie eben im Schützengraben haben sterben sehen. Junge Männer im Frieden. In unserem Frieden. Remarques Ende vermeldet "im Westen nichts Neues". Das Dresdner Ende hingegen wirkt, nachdem nichts an diesem Abend darauf hindeutete, wie ein Fremdkörper. Wohlwollend ausgelegt, ist es der Link ins Heute. Böse zugespitzt: am Ende der Veranstaltung, nach den Reden, wird meistens noch ein klassisches Musikstück gespielt.

ImWestennichtsNeues3 560 Sebastian Hoppe uTäter und Opfer des Ersten Weltkriegs: Denis Geyersbach, Holger Hübner, Daniel Séjourné, Lisa Natalie Arnold, Henriette Hölzel im Bühnenbild von Andrea Wagner © Sebastian Hoppe

Im Grunde ist, was in Dresden gespielt wird, keine erkennbar für das Theater erarbeitete Fassung, sondern eine Prosa-Kürzung. Eine Szenencollage aus vielen, teilweise sogar betörenden Bild-, Klang- und Lichtideen. Wie die fünf statt mit Pauken und Trompeten mit Becken in den Händen – aber ohne sie zu schlagen – in den Krieg marschieren, im Gleichschritt, im Wasser. Wie sie von der immer näherkommenden Bühnendecke förmlich erdrückt werden. Wie sie das "Kriegszittern" bekommen. Das sind lauter unglaublich eindrucksvolle Momente, Theaterfotos in Bewegung.

Ohne Nahaufnahmen

Aber es wird leider kein großes Ganzes daraus, keine Interpretation des Stoffes, keine Verallgemeinerung, keine Übersetzung ins Heute. Die Inszenierung baut kaum Nähe zu Figuren auf, im Gegenteil, sie lässt sie abstrakt bleiben, im wahrsten Sinne schwer zu erkennen, nicht zu greifen. Sie ist wie ein Film aus lauter Totalen, ein Film ohne Nahaufnahmen. Wer von den fünf Schauspielern was erzählt – und warum – mir hat es sich nicht erschlossen.

ImWestennichtsNeues1 560 Sebastian Hoppe uMit Becken in den Krieg: Henriette Hölzel, im Hintergrund: Denis Geyersbach © Sebastian Hoppe
Man kann den ganzen Abend natürlich als allzu verständlichen pazifistischen Aufschrei verstehen, man mag sein Ende, besonders in diesen Tagen, in denen ganze Weltregionen quasi synonym mit kriegerischen Nachrichten sind, in denen erschreckend wenig über die gekündigten Abrüstungsabkommen gesprochen wird, als Botschaft werten. Aber machen wir uns nichts vor, das leistet im Wesentlichen der Romantext. Die Inszenierung bleibt zu sehr nur eine Illustration.

 

Im Westen nichts Neues
nach Erich Maria Remarque
unter Verwendung einer Fassung von Kerstin Behrens und Lars Ole Walburg
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Andrea Wagner, Kostüme: Maria Anderski, Musik: Sandro Tajouri, Licht: Richard Messerschmidt, Dramaturgie: Angela Osthoff, Katrin Schmitz.
Mit: Lisa Natalie Arnold, Denis Geyersbach, Henriette Hölzel, Holger Hübner, Daniel Séjourné, Saxophon-Quartett: Johannes Böttcher, Ferdinand Hase, Daniel Mäder, Richard Plate.
Premiere am 11. Januar 2020
Dauer: 1 Stunden 35 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Salehpour verlässt sich ganz auf das Buch von Remarque, den sie von den Schauspielern in den statischen Szenen rezitieren lässt", sagt Thilo Sauer im Deutschlandfunk (online 12.1.2020). Die Regisseurin wolle dabei offenbar "Pathos vermeiden", hierdurch "verliert der Abend jedoch an Kraft, da die Schauspieler sich die Worte nicht gänzlich zu eigen machen". "Eindrücklich" sei hingegen, dass das Licht "eine Hauptrolle" bekäme: "Es wirkt in den Szenen wie ein Fremdkörper und brennt bei manchen Auftritten in den Augen". Dennoch bleibe die Inszenierung "flach, eine Bebilderung des Textes, der allzu treu auf die Bühne gebracht wurde".

Ein "sensationeller Abend", jubelt hingegen Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (13.1.2020). Auf der "genialen Bühne" gebe es keine Kunstblutorgie, herrsche konsequent der Hell-Dunkel-Kontrast. Auch wenn man anfangs etwas trocken den Prosatext erlebe, gelinge es dem konzentrierten Ensemble, mit zunehmendem örperlichen Spiel Remarques Sprache zu verlebendigen. Insbesondere die letzte Szene hat es Thiele angetan: "Eindringlicher kann man die Sehnsucht nach Frieden kaum darstellen."

Mina Salehpour lasse in ihrer schwarz grundierten Inszenierung "nur ganz wenig Raum für Poesie oder gar Betroffenheit", schreibt, Andreas Herrmann in den Dresdner Neuesten Nachrichten (13.1.2020). Der Abend sei "zu unterkomplex".

"Die Spielerinnen und Spieler, Regie, Dramaturgie, Kostüme, Licht, Musik, all das greift sehr schlüssig ineinander", schreibt Katja Solbrig von der Freien Presse (13.1.2020). "Der Theaterabend ist groß, schwer, geht an Herz und Nieren."

"So wie die Sprache Remarques an den Rändern des nicht Aussprechbaren balanciert, bewegt sich die Inszenierung an den Rändern des nicht Darstellbaren. Die Sprechenden hasten durch die Sätze, sie klammern sich an das Banale, als könnten sie sich so die große Tragik, in der sie stecken, noch eine kleine Zeit vom Leib halten", schreibt Katrin Bettina Müller von der taz (14.1.2020). "Es ist die Verletzlichkeit des Menschen, die Mina Salehpour in ihrer knappen Inszenierung hervorhebt."

 

 

 
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