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Der Osten leuchtet, der Westen glänzt

von Leopold Lippert

Potsdam, 17. Januar 2020. Es ist eine komplizierte mediale Konstruktion, die das Potsdamer Hans-Otto-Theater da in den vergnüglichen Freitagabend hievt: "Wir sind auch nur ein Volk", nach Drehbüchern von Jurek Becker, ist ein Theaterstück nach einer Mini-Fernsehserie, die wiederum die Vorbereitung einer Fernsehserie erzählt, die aber nie produziert wird. Neun Folgen wurden zum Jahreswechsel 1994/95 im Ersten ausgestrahlt, und die 30-Jahr-Feiern des vergangenen Herbsts sind Anlass genug, den Stoff wieder aufzugreifen: Worum es geht, ist schließlich die Ost-West-Annäherung und der neue Alltag im wiedervereinigten Deutschland.

Allein unter Ostlern

Die Geschichte, die der Abend erzählt, geht so: Für die Fernsehserie (die, die dem Plot zufolge nie produziert werden wird) schickt die ARD einen schrulligen Schriftsteller aus dem Westen (René Schwittay) zur Recherche zu einer ganz einfachen, ganz typischen, ganz normalen Ost-Familie nach Berlin in den Prenzlauer Berg. Vater Benno (Jon-Kaare Koppe), ehemals Dispatcher, jetzt arbeitslos. Mutter Trude (Kristin Muthwill), Lehrerin, unbedenklich vor und nach der Wende. Sohn Theo (David Hörning), Philosophiestudent, arbeitslos. Und Opa Karl (Joachim Berger), in Rente.

WirVolk 2 560 Thomas M Jauk uDer recherchierende Westschriftsteller (René Schwittay) bei der Ostfamilie Grimm im Prenzlauer Berg © Thomas M. Jauk

Ausgestattet mit Polaroid-Kamera, Notizblock und Kassettenrekorder taucht der Schriftsteller also bei den Grimms auf, um vom Osten zu lernen. "Insektenforscher" nennen sie ihn, doch irgendwie zündet das Gespräch nicht so ganz. Für die Grimms bedeutet das einen drohenden Einkommensverlust, denn der Sender bezahlt, und das Geld können sie gebrauchen. Also denkt Vater Benno pragmatisch: "Man muss wat vorbereiten."

Jingle-Musik in Endlosschleife

Und so wird's gemacht. In bester Boulevard-Manier fährt Regisseur Maik Priebe nun eine schräge Figur nach der anderen auf – niemand wirklich böse, aber irgendein Konfliktchen findet sich dann doch immer: die emanzipierte Schwester Corinna (Katja Zinsmeister), die Leiterin eines der ungeliebten FDGB-Heime war, und seitdem hauptsächlich mit Eso-Klamotten-Shopping beschäftigt ist; den Bruder Harry (Andreas Spaniol), der in den Westen geflüchtet ist, und hier wie dort ein "Kotzbrocken" ist; den arbeitslosen Schauspieler Langhans (nochmal Andreas Spaniol), den die Grimms anheuern, damit er einen Stasi-Agenten mimt, um die Familie etwas verruchter wirken zu lassen; die Liedermacherin Beate (nochmal Katja Zinsmeister), die sich zwei bierernste Pathos-Strophen lang auf der Gitarre abmüht; den "alten Bekannte" und ehemaligen zweiten Parteisekretär Lobeck (und nochmal Andreas Spaniol), der bei den Grimms einziehen will, weil ihn seine Freundin rausgeworfen hat. Dazu Jingle-Musik (Johannes Winde) in Endlosschleife. Wirkt beliebig? Ist es auch.

WirVolk 4 560 Thomas M Jauk uRené Schwittay und Jon-Kaare Koppe © Thomas M. Jauk

Doch die Pointen, die sitzen, und die Ausstattung ist eine detailverliebte Freude. Susanne Maier-Staufen hat eine Drehbühnenkonstruktion aufgetürmt, aus der sich mit wenigen Handgriffen immer neue Zimmerchen bauen lassen. Wand umgeklappt, schon schiebt sich das Ehebett hervor. Wand zurückgeklappt, Straßenansicht. Undsoweiter: sehr mechanisch, sehr spaßig. Und natürlich die Deko: im Osten leuchtet es, wie könnte es anders sein, in ocker, beige, und braun, und dazu ächzt ein sehr hartes Sofa. Im Westen glänzen Chromstahl, weißes Leder und Aerobicrosa. Ein echtes altes Polizeiauto darf eine Drehbühnenrunde drehen. Und der moderne Röhrenfernseher hat schon Sender-Programmierfunktion.

Deftiger Schlusswitz

Klar: Rechtsextremismus gibt's in dieser 1990er-Seligkeit keinen, brennende Asylbewerberheime auch nicht. Und als es einmal ernst werden soll, weil Steinheim tatsächlich nach, "wie es heißt, Vergangenheitsbewältigung" fragt, redet Vater Grimm ganz schnell über DDR-Staubsauger, die nicht mehr funktionieren, und dass die Reparatur schon genug Vergangheitsbewältigung sei. Alles schön sauber geputzt also am Potsdamer Boulevard, und weil es gar so harmlos ist, wagt man sogar das Unglaubliche zum Abschied: einen deftigen Schlusswitz (den ersparen wir uns hier), gefolgt von hübsch einstudiertem kollektivem Bühnengelächter. Und der Saal lacht gerne mit.

 

Wir sind auch nur ein Volk
nach Drehbüchern von Jurek Becker
Bühnenfassung von Natalie Driemeyer und Maik Priebe 
Regie: Maik Priebe, Bühne: Susanne Maier-Staufen, Kostüme: Christine Jacob, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Natalie Driemeyer. 
Mit: Jon-Kaare Koppe, Kristin Muthwill, David Hörning, Joachim Berger, René Schwittay, Nadine Nollau, Katja Zinsmeister, Andreas Spaniol. 
Premiere am 17. Januar 2020
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

Zweineinhalb Stunden Klischee und Nostalgie pur, so beschreibt Frank Dietschreit vom RBB (18.1.2020) den Abend. Die Debatten der damaligen Zeit würden auf Volkshochschulniveau noch mal durchgekaut. "Mich hat das ungeheuer gelangweilt. Erkenntnis- und Unterhaltungswert für mich gleich null." Immerhin: Die Bühne sei grandios.

Auch Carolin Lorenz von den Potsdamer Neuesten Nachrichten (20.1.2020) ist beeindruckt von Susanne Maier-Staufens Bühnenbild, das immer wieder für Überraschungen sorge. "Das Stück hat mit seinen oftmals wortwitzigen Dialogen komödiantischen Charakter, auch etwas von Boulevard made in GDR, was gut gemacht ist." Dennoch werde mit einem immer wiederkehrenden Ach-war-doch-alles-nicht-so-schlimm-Gestus Problematisches auf unangenehm versöhnliche Weise heruntergespielt. Das Ensemble hole mit großer Spiellust alles heraus, was diese Vorlage zu bieten habe, lobt sie die Schauspieler*innen.

"Regisseur Priebe hat vor allem eines im Sinn: Retro, also eine Zeitreise." Er lasse Dialoge akribisch sprechen, als handelte es sich um ein tiefsinniges Stück, um hohe Kunst, gar einen Klassiker, schreibt Karim Saab in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (20.1.2020). Die Inszenierung verströme eine prosaische, ostalgisch-melancholische Grundstimmung. Alles andere als mutig, sondern nur gefällig sei der Abend. Er unterschätze das Publikum.