Ganz oben

von Frank Schlößer

Schwerin, 17. Januar 2020. Die Klammer des Abends bildet die Videoeinspielung des Interviews, das Günter Gaus mit Gustaf Gründgens in der legendären Reihe "Zur Person" führte. Im Juni 1963 wurde es ausgestrahlt, im Oktober starb Gründgens. Gaus fragt ihn, wann er denn gemerkt hätte, dass er "ganz oben" sei. Und Gründgens spricht nach einer kunstvollen Pause über die "Zeit meiner größten Erfolge" 1933 bis 1945, "eine Zeit, die für mich trotz allem, was ich täglich an Praktischem zu tun hatte, so wenig Realität besaß...".

Theater auf dem Theater

Um diesen Gründgens, den Realitätsfernen, den Verführer und Verführbaren, der sich den Machthabern des Dritten Reichs andiente, geht es bekanntlich in Klaus Manns Roman "Mephisto“. In Schwerin kommt der Stoff in einer Fassung des belgischen Autors Tom Lanoye in der Regie von Andrea Moses ins Große Haus des Staatstheaters.

Die Bühne besteht aus allem, was so drin ist in einem Theater: In der rechten Seitenbühne ist die Garderobe untergebracht, links steht ein Schlagzeug und ein Klavier. Der Raum dazwischen ist die Probebühne, die Garderobe, das Regiepult des Theaters, das der Schauspieler und Regisseur Kurt Köpler (die Gründgens-Figur in diesem Stück) durch die dunkle Zeit des Nazi-Reichs führen will: Es kann ja nicht allzu lange dauern, bis die Leute sehen, dass sich mit diesen Hanswursten keine Politik machen lässt! Und wer da alles von draußen, von unten hinaufsteigt über die große Treppe, die über die abgesenkte Hinterbühne nach oben führt und den Blicken der Zuschauer entzogen ist.

Mephisto 3 560 SilkeWinkler uPakt mit dem Bösen: Martin Brauer ist Kurt Köpler alias Gustaf Gründgens © Silke Winkler

Anfangs in Zivil und recht schlank, später originell uniformiert und fett geworden, erscheint "der General" (alias Hermann Göring) schließlich in weißer Phantasieuniform und bringt einen schmalen Herrn mit, mit einem leichten Hinkefuß, auch in Weiß, mit blauem Schlips (Propagandaminister Goebbels). Aber da wird die Bühne so permanent mit Kriegslärm überzogen, dass man nicht mehr erklären muss, wer hier die Macht übernommen hat.

Über eine große Spiegelwand können die Zuschauer in den Abgrund blicken: Dort liegt Victor Müller, früher Intendant des Theaters, der sich von Kurt Köpler beschwatzen ließ, im Lande zu bleiben und sich redlich zu wehren: Man müsse einfach weitermachen, man müsse sich seiner Verantwortung stellen, man könne doch nicht einfach abhauen, denn was ist einem Schauspieler denn anderes möglich als genau jetzt in dieser Zeit aufrecht zu bleiben und Gesicht zu zeigen.

Gründgens als Womanizer

Klaus Manns Roman "Mephisto", in dem der Protagonist Köpler noch Hendrik Höfgen hieß, ist ein Gleichnis auf die unheilige Liaison seines Ex-Schwagers Gustaf Gründgens mit den Nazi-Größen und erschien bereits 1936 in einem Exilverlag in Amsterdam. Schon darin war die ziemlich offen gelebte Homosexualität des von Hermann Göring persönlich ernannten Generalintendanten des Staatlichen Schauspielhauses Berlin nicht mehr vorhanden. Auch in der berühmten Verfilmung von István Szabó aus dem Jahre 1981 ist Hendrik Höfgen hetero.

Tom Lanoye, der im Jahre 2006 mit dem Stück "Mefisto for ever" die Bühnenvorlage für die Schweriner Inszenierung schrieb, beließ es dabei. So turtelt sich Martin Brauer in der Rolle des Kurt Köpler nun durch die weibliche Hälfte seines Ensembles: Die wundervolle jüdische Star-Schauspielerin Rebecca Fuchs (Hannah Ehrlichmann) verlässt das Land und wird durch die sehr blonde und sehr schlechte Schauspielerin Lina Lindenhoff (ebenfalls Hannah Ehrlichmann) ersetzt.

Mephisto 4 560 SilkeWinkler uAuftritt der Machthaber: Sebabstian Reck als "der General" in roter Uniform mit Hannah Ehrlichmann und Martin Brauer © Silke Winkler

Aber das ist nur einer der vielen Kompromisse, die sich an den neuen Generalintendanten heranschleichen. Er lässt seinen Freund Victor Müller (Jochen Fahr) hinter sich, er scheut die Auseinandersetzung mit dem Kollegen und Konkurrenten Niklas Weber (Christoph Götz), der mit großer Selbstverständlichkeit Nazi wird und später mit gleicher Selbstverständlichkeit zum Nazigegner.

Der Aufstieg des Schauspielers Kurt Köpler ist der Verfall des Menschen Kurt Köpler. "Was hat ihre Rolle mit ihnen zu tun?", fragen Journalisten gern, wenn sie Schauspieler interviewen. Die Befragten füttern sie dann mit ein paar dankbaren Floskeln: "Davon ist natürlich auch etwas in mir…" Obwohl sie eigentlich denken: "Nichts! Das ist der Job: Ich bin Schauspieler." Hilda (Antje Trautmann), am Theater im Theater Inspizientin und im Leben die Mutter von Kurt Köpler, schreit es schließlich ins Publikum: "Was wollt ihr denn alle von ihm? Was erwartet ihr? Herrgott noch mal! Von einem Schauspieler! Er ist doch nur Schauspieler."

Zwischen Tragödie und Groteske

Für die Regisseurin Andrea Moses bietet Lanoyes Bühnenfassung mit ihrem Mix aus politischen, persönlichen, inneren, künstlerischen Konflikten eine Vorlage, um in drei Stunden vorzuführen, was Theater kann. Die Tragödie wechselt in die Komödie wechselt in den Klamauk wechselt in die Groteske wechselt ins Absurde wechselt zu DADA wechselt zurück zur Tragödie. Weil dieser Wechsel jedes Mal sehr entschieden ist, bildet er durchaus den roten Faden dieses Abends. Das Publikum geht mit auf diese Reise, auch weil sie abwechslungsreich ist: Mal gerät die Szene zu einem Quiz mit dem Titel "Welches Stück proben wir gerade?". Mal entpuppt sich Martin Brauer als Stepptänzer, Sprechkünstler oder Schlagzeuger. Mal reichen die Schauspieler ein paar unsterbliche Melodien rein. Mal übernimmt das Kino die Bühne.

Mephisto 1 560 SilkeWinkler uEr ist doch nur Schauspieler: Martin Brauer als Köpler, im Hintergrund Antje Trautmann und Sebastian Reck © Silke Winkler

Nur wenige Momente erscheinen zu lang in diesen drei Stunden – und auch die sind vom Inhalt getragen: Muss man sich wirklich alle zehn Fragen anhören, die Goebbels am 18. Februar 1943 an sein ausgesuchtes Publikum im Berliner Sportpalast richtete? Ja, muss man. Und auch die Rumeierei von Gründgens im Interview mit Günther Gaus muss man ertragen, denn sie ist ein Beispiel für große, sich selbst verkennende Schauspielkunst.

Diese Inszenierung ist in mehrfacher Hinsicht ein Bekenntnis zu Freiheit der Kunst: Das Theater will weiter Quatsch machen, ergreifen, warnen. Genau jetzt.

 

Mephisto
von Tom Lanoye nach Klaus Mann
Regie: Andrea Moses, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüm: Michaela Barth, Video: René Liebert / Robert Läßig / Andrés Hilarión Madariaga, Live-Kamera: Seide Noffke, Musik: Martin Schelhaas, Dramaturgie: Nina Steinhilber, wissenschaftliche Mitarbeit: Thomas Wieck.
Mit: Martin Brauer, Hannah Ehrlichmann, Jochen Fahr, Antje Trautmann, Christoph Götz, Jennifer Sabel, Charlott Lehmann (HMT Rostock), Sebastian Reck.
Premiere am 17. Januar 2020
Dauer: 3 Stunden, 15 Minuten, eine Pause

www.mecklenburgisches-staatstheater.de


Mehr zu dem Stoff-Komplex: 2008 zeigte Armin Petras am Berliner Maxim Gorki Theater Tom Lanoyes "Mephisto forever".

 

Kritikenrundschau

"Wer sich auf eine theatrale Version des Films von István Szabó freut, wird enttäuscht nach Hause gehen", verrät Holger Krankel in der Schweriner Volkszeitung (20.1.2020), dem das "multimediale Überwältigungstheater, vor allem nach der Pause, ziemlich auf die Nerven" ging. Oftmals überlagerten sich "so viele filmische, szenische und akustische Eindrücke gleichzeitig, dass man glauben könnte, in der Welt von Computerspielen gefangen zu sein." Was bleibe sei allerdings das "überwältigend-sinnfällige Schlussbild" einer "riesigen Scheibe" vor der "überdimensionalen Treppe in die Unterwelt". Das wirke, als bekäme man, "im Parkett und auf den Rängen", einen Spiegel vorgehalten.

 

Im Stück gehe es "um die Verantwortung der Kunst in politisch brisanten Zeiten", so Gabriele Struck in der Ostsee-Zeitung (20.1.2020), und das Schweriner Theater werde ihr mit der Entscheidung für diesen Stoff selbst "mehr als gerecht". Die Rezensentin lobt vor allem das "überzeugende" Spiel Hannah Ehrlichmanns, findet aber, dass Martin Brauer mit der "klaren und prononcierten Sprache" Gustaf Gründgens' nicht ganz mithalten könne – manches sei "schlichtweg überhaupt nicht zu verstehen, wenn die Sprache in Geschrei übergeht".

 
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