Ströme von Blut und Geld

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. Januar 2020. Eigentlich haben sie alles richtig gemacht. Sie haben sich eines verschütteten Themas angenommen. Haben ein dunkles Kapitel verdrängter deutscher Kolonialgeschichte beleuchtet. Haben den gegenwärtigen Umgang damit hinterfragt. Sie haben untersucht, wie sich Hamburg seinem kolonialen Erbe stellt. Haben hier zweifelhafte Straßennamen entdeckt und sind – unterstützt von der Bundeskulturstiftung – nach Namibia gereist. Zur Begegnung mit Deutsch-Namibiern, mit Herero und Nama.

Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts

Sie, das sind Gernot Grünewald und sein Team vom Thalia-Theater und der Regisseur David Ndjavera mitsamt fünf Schauspielern / Tänzern auf der namibischen Seite. Gemeinsam nähern sie sich der hässlichen Vergangenheit, versuchen einen Dialog über den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, die Niederschlagung des Aufstands der Herero gegen ihre Kolonialherren in Deutsch-Südwestafrika 1904.

Der Hauptbefehlshaber war Generalleutnant von Trotha – "Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld" – beauftragt vom Chef des Generalstabs Alfred Graf von Schlieffen und von Kaiser Wilhelm II. selbst. Zentral war die Schlacht am Waterberg am 11. August 1904, bei der Zehntausende Herero verzweifelt in die wasserlose Omaheke-Wüste getrieben wurden und dort verdursteten. Im Dezember 1904 wurden "Konzentrationslager für die einstweilige Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Herero-Volkes" errichtet. Zwangsarbeit, Vergewaltigungen und "medizinische Versuche" gehörten zum Alltag.

Erst 2016 erkannte die deutsche Regierung das Massaker an den Herero und Nama als Völkermord an, eine offizielle Entschuldigung und Entschädigungszahlungen seitens der deutschen Regierung stehen noch aus, genauso wie die Rückgabe aller menschlichen Überreste aus deutschen Sammlungen (die für "medizinische Experimente" dorthin verschickt worden waren). Der Konflikt dauert an. Mehr als ein Jahrhundert später. Zum Beispiel das Thema Landverteilung und -enteignung ist bis heute virulent. Die weißen, oft deutschstämmigen Namibier besitzen einen Großteil der Ländereien, die Herero kämpfen um ihr "Hereroland", um ein autarkes Leben, um Selbstständigkeit, anstelle von moderner Sklaverei und offen gelebtem Rassismus.

Installation mit 15 Stationen

Gernot Grünewald fing vor eineinhalb Jahren an, sich mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dementsprechend hat "Hereroland" eine enorme Informationsdichte, die zahlreiche Wissenslücken zu schließen vermag in den deutschen Geschichtsbüchern und damit in vielen Köpfen. Weniger interessant allerdings ist die theatrale Umsetzung. Eine aufwendige begehbare Ausstellung hat Michael Köpke ins Thalia in der Gaußstraße gebaut, da befinden sich etwa ein "Schädelarchiv", ein "Kindergarten", ein "Ästehaus". Die Ästhetik ist klischeehaft "afrikanisch" gehalten: Sperrholz wird verwendet, schlichte Holzhocker, Zweige, Wellblech und roter Sand. Eine erwartbare Mischung aus gefühlsechtem So-ist-das-eben-in-Afrika und Arte Povera.

Hereroland 4 560 ArminSmailovic uDer Rechercheraum von "Hereroland" © Armin Smailovic

Durch die Installation geht jede*r Zuschauer*in einem individuellen Parcours. An den insgesamt 15 Stationen wird sie mit Kopfhörern (und Texten) versorgt, mit kurzen Spielszenen, dokumentarischen Filmeinspielungen, Eindrücken von Landschaften, Siedlungen und von in Namibia aktuell gelebter deutscher (Karnevals)-kultur. Außerdem: pathetische Klavierakkorde, laute "Helden"-Reden in Frack und Zylinder und VR-Panoramablicke vom Waterberg. Ein vielschichtiges Puzzle soll entstehen, ein Mosaik, so dass sich die Zuschauer einen eigenen Blick auf die historischen Ereignisse und die aktuellen Zustände erarbeiten können.

Theatraler Gerichtsprozess

Der Blick der Macher*innen ist aber nicht neutral, sondern deutlich vorgefärbt. Diese Haltung und Herangehensweise ist absolut nachvollziehbar. Sie macht die Erzählung aber im theatralen Sinne schrecklich langweilig. Ab der ersten Minute wissen wir, dass die Deutschen auch in Deutsch-Südwestafrika böse waren und sind, dass sie Hunde lieben und die Jagd, sich geschickt rausreden und bis heute gerne die Schuld von sich weisen.

Hereroland 4 560 ArminSmailovic uTheatraler Prozess © Armin Smailovic

Zentrale Szene der Installation ist ein Theaterstück-im-Stück. Wiederkehrend versammelt sich dafür die deutsch-namibische Schauspieltruppe unter dem "Baum der Ahnen"/einem Fahnenmast im Hereroland und probt einen theatralen Gerichtsprozess.

Ein Baumgeist hat dort einen Auftritt, ein Richter, und die "verhinderte Weltausstellung" im Treptower Park Berlin 1896 mit menschlichen "Attraktionen" aus fernen Ländern ist Thema. Auch hier wird stark mit Klischees gearbeitet, da sind die (männlichen) afrikanischen Darsteller schamanisch angehaucht und halbnackt, die deutschen altklug, aufbrausend und hochgeknöpft.

Nur wenige Bilder und Szenen sind wirklich berührend an diesem Abend. Die unkommentierten, minutenlangen Filmporträts von verschiedenen Namibiern etwa (Video: Jonas Plümke), die fast unbekümmerten Erzählungen zweier junger Herero-Frauen über ihr Leben und die Diskrimierung, die sie erfahren, die meterhohen Kartonberge im "Schädelarchiv".

Eigentlich haben sie alles richtig gemacht. Wollten alles richtig machen. Die Regisseure und ihr Team haben – vermutlich aus Sorge vor Unvollständigkeit – den Blick mit irre viel Recherchematerial verstellt und den Fokus verloren. So ist ein belehrendes Lehrstück mit bescheidenen Textpassagen entstanden. Ohne Mut zur Lücke und ohne das Zutrauen in den Zuschauer zum selbständigen Denken.

 

Hereroland
Regie: David Ndjavera, Gernot Grünewald, Bühne: Michael Köpke, Kostüme: Cynthia Schimming, Mitarbeit Fassung: Aldo Behrens, Video: Jonas Plümke, Musik: Rudolf Dantago Schimming, Ben Kandukira, Dramaturgie: Christina Bellingen, Produktionsleitung: Jana Lüthje.
Mit: Jonas Anders, Otja Henock Kambaekua, Oliver Mallison, Jörg Pohl Toini Ruhnke, Glenn-Nora Zeupareje Tjipura, Gift Uzera, Lizette Vezemboua Kavari, West Uarije, Rudolf Dantago Schimming, Ben Kandukira.
Premiere am 19. Januar 2020 (UA) im Rahmen der Lessingtage, Thalia Gaußstraße

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Eine "Raum-Installation voller Information und theatralischer Phantasie" hat Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur (19.1.2020) gesehen: "An fast zwanzig Orten wird das Publikum mit Information und Atmosphäre versorgt; immer nur für fünf Minuten, von einem historischen Herero-Horn jeweils zum Weiterwandern gerufen". Bei diesen "zwei starken Stunden" sei "Geschichte mit Händen und Sinnen zu greifen", lobt der Rezensent.

"Als Vertreter des Dokumentartheaters gibt Grünewald den Zuschauern die Möglichkeit, auf dem Weg durch den Theatersaal ihre jeweils eigene Wahrheit zusammenzufügen. Dabei geht die kurze Verweildauer an den Stationen manchmal auf Kosten der Figuren, die dann holzschnittartig und allzu karikiert wirken“, schreibt Fabian Lehmann in der taz (22.1.2020). Trotz der Verhandlung des Völkermords und der in Namibia brodelnden Landfrage sei 'Hereroland' kein anklagendes Stück. "Statt auf schmerzvolle Selbstbefragung der Deutschen als Täternachfahren setzt „Hereroland“ auf intime Begegnungen und formal abwechslungsreiche Zugänge, die den zweistündigen Abend im Flug vergehen lassen."

 
Kommentar schreiben