Das Schauspiel sei die Schlinge

von Katrin Ullmann

Hamburg, 23. Januar 2020. Nur für einen kurzen Moment blitzen die Degen auf. Laertes (Rafael Stachowiak) nimmt sich einen, den zuvor mit Gift präparierten, Hamlet (Mirco Kreibich) hingegen reckt seinen Unterarm in die Luft und verkündet: "Ich nehme diesen hier." Nur für einen kurzen Moment beginnt ein Zweikampf mit ungleichen Waffen. Pirouetten drehend bewegt sich Kreibichs Hamlet, zu diesem Zeitpunkt nur mehr in Unterhose, auf seinen Gegner zu. Geschickt tänzelnd und federnd greift er an, touchiert, provoziert. Kreibichs Körper scheint ein einziger Muskel, unerschrocken spielerisch seine Kampfeslust.

Ringen, klatschen, würgen

Bald schon wirft auch Laertes Degen und Kleider weg und aus dem artifiziellen Fechtduell wird ein martialischer Nahkampf zweier Kerle. Körper klatschen aufeinander, ducken, umklammern, würgen sich, rempeln sich um und rollen weg. Kreibichs Hamlet scheint in seiner unfassbaren Wendigkeit unbesiegbar und doch ist es – natürlich – er, der am Ende blutend zusammenbricht. Untermalt von den intensiven, zu diesem Moment fern-asiatischen Klängen des Live-Musikers Samuel Savenberg ist diese (Schluss)szene eine der stärksten und direktesten an diesem Abend. Flankiert wird das animalische Ringen von einem wunderbar ungerührten König Claudius, den Bernd Grawert mit jovialer Souveränität und großen Entertainer-Qualitäten spielt. Sein Claudius ist ein Herrscher, der wählerorientiert Politik und Stimmung macht, der die Sache mit dem Regieren pragmatisch sieht und eben einer, der die Bühne zügig zu verlassen weiß, wenn die Geschäfte nicht gut laufen, sprich: wenn seine Frau und sein Stiefsohn dort tot rumliegen.

Hamlet1 560 Armin Smailovic uDie Welt steht Kopf: Mirco Kreibich als Hamlet © Armin Smailovic

Bernd Grawert ist eine fantastische Besetzung, genauso wie Mirco Kreibich und Barbara Nüsse als Königin Gertrud. Ach, tatsächlich ist die gesamte Königssippe inklusive Freund Horatio (Jirka Zett) sowie Staatsrat Polonius (Karin Neuhäuser) und Familie (Ophelia: Marie Jung) voll von großen Spielern. Und das ist ja eigentlich mehr als die halbe Miete für Jette Steckels – nach Romeo und Julia und Der Sturm – dritte Shakespeare-Inszenierung am Thalia Theater.

Monolithisches Objekt am Bühnenhimmel

Ein eindringliches Bühnenbild hat ihr erneut Florian Lösche dafür entworfen. Einen riesigen, fast portalfüllenden schwarzen Ball, der sich zu Anfang des Stücks langsam vom Bühnenhimmel herabsenkt und im Verlauf des Abends düster den Raum füllt. Mal unberechenbar wabernd, mal drohend in Richtung Rampe rollend. Er ist die schwarze Sonne der Melancholie, eine überdimensionale Ladung Schuld und Gewissen, ein todbringender Stern, ein riesiger, stilisierter Schädel womöglich und damit der berühmte Totenkopf des Stücks. Ein monolithisches Objekt, bedrohlich und raumnehmend. Die Schauspieler wirken davor wie Miniaturen ihrer selbst. In ihrem Rücken dynamisiert sich andauernd eine höhere Instanz, eine unberechenbare Gefahr.

Tatsächlich spricht bei dieser "Hamlet"-Inszenierung Einiges dafür, dass daraus ein großer Abend wird. Und doch passiert das (leider) nicht. So fokussiert Steckel den zweiten Teil nach Polonius' Ermordung erzählt, so verspielt und damit auch verzettelt gerät der erste. Bereits im Foyer lässt Steckel die Geschichte beginnen. Dort mischt sie zunächst Rosencrantz (Julian Greis) und Güldenstern (Björn Meyer) unter die Zuschauer. Lässt sie mit Handyfilmchen vom #Amtsantritt in Helsingor berichten, mit Sektgläsern herumwirbeln und als Klatschreporter die Mitglieder des Königshauses und damit ihre Mitspieler vorstellen. Der Aufritt des neuen Königspaars und die Ansprache an das Volk involviert entsprechend die herumstehenden Zuschauer.

Hamlet3 560 Armin Smailovic uStück im Stück – und über allem die schwarze Bühnen-Sonne von Florian Lösche © Armin Smailovic

Erst das Stück, das Hamlet zur Offenlegung des Vatermordes aufführen will, findet auf der tatsächlichen Theaterbühne statt. Und damit entsteht ein Stück im Stück im Stück, bei dem das Königspaar echte Logenplätze bekommt, später Heiner Müller zitiert wird und Hamlet mal seines Vaters Geist, mal einen ambitionierten Regisseur und mal sich selbst und mal verrückt spielt.

Verschobene Verschachtelungen

Mirco Kreibich liefert all diese Rollen mit großer Agilität, ist mal zweifelnd, mal entschlossen, mal vernünftig, mal komisch und mal Ophelia-gierig. Herrlich widersprüchlich ist dieser Hamlet. Er spielt seine Figur und dazu noch viele Spiele. Wach, behende und durchlässig wie ein Kind.

Regieseitig allerdings wirkt es so, als hätte Jette Steckel den im Programmheft zitierten Satz des US-Literaturwissenschaftlers Harold Bloom "Hamlet weiß, dass er Theater spielt und er will es" zum alleinigen Credo ihrer Inszenierung gemacht. Sie arbeitet dann allerdings ohne klaren Fokus und macht aus fast jeder Szene eine Schauspiel-Szene. Entsprechend bekommen recht alberne Situationen mit Rasierschaum und Federn letztlich mehr Raum als der Shakespeare-Text selbst, verschieben sich die Verschachtelungen in Richtung Beliebigkeit und Unkenntlichkeit. Dass das Schauspiel ein Spiegel sei, hat man bald verstanden, alle weiteren Ausflüge in diesen selbstreferentiellen Kontext machen das Stück vor allem langatmig und ermüdend. Eher kontraproduktiv sind da auch die melancholischen, bedeutungsschweren Songs von Dominique Dillon de Byington. Letztlich hilft nur eines: die Hoffnung auf den zweiten Teil und der zweite Teil selbst.

Hamlet
von William Shakespeare
Deutsch von Frank-Patrick Steckel
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Live-Video: Jonas Link, Martin Prinoth, Dramaturgie: Julia Lochte, Wissenschaftliche Beratung: Carl Hegemann, Tonmeister: Rewert Lindeburg, Licht-Design: Paulus Vogt, Christiane Petschat, Musik: Dominique Dillon de Byington, Samuel Savenberg.
Mit: Mirco Kreibich, Bernd Grawert, Barbara Nüsse, Karin Neuhäuser, Rafael Stachowiak, Marie Jung, Jirka Zett, Julian Greis, Björn Meyer, Nicki von Tempelhoff, Sandra Flubacher.
Premiere am 23. Januar 2020
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

 

Kritikenrundschau

Originalbilder gibt es zu Katja Weises Kritik auf ndr.de (online 24.1.2020, 10:49 Uhr): Es sei nicht nur etwas faul im Staate Dänemark, "die Welt ist schwarz". Eindrückliche Bilder schüfen Steckel und ihr Bühnenbildner Florian Lösche. Alles sei zugeschnitten auf Mirco Kreibich, er sei aggressiv, verzweifelt, rachsüchtig in seinem Wahn, zaudernd eigentlich nie". Hamlet spiele hier "das Spiel seines Lebens. Manchmal wie ein Kind, manchmal wie ein Ertrinkender: großartig". Ein "anstrengender und aufwühlender" Abend, der zeige, was Schau-Spiel kann.

Irene Bazinger schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.1.2020):  Die Inszenierung mache klar: Steckel vertraue dem Thea­ter, und sie ver­traue Shake­speare. Sie richte ein "wah­res Kin­der­spiel­spek­ta­kel" an, mit "Ne­cke­rei­en und pu­ber­tä­ren Fa­xen, mit Gri­mas­sen", die Ham­let und Ophe­lia schnitten. Ste­ckel betone "die Mit­tel des Thea­ters" und gebe dem "wun­der­bar auf­ein­an­der ab­ge­stimm­ten En­sem­ble" Zeit und Raum, "sich zwi­schen den Kin­ker­litz­chen wie­der auf Shake­speares längs­tes Stück zu kon­zen­trie­ren". Al­le be­herr­schten hier "vor­treff­lich den Spa­gat zwi­schen Thea­ter­spie­len und Thea­ter­spie­len-Spie­len". Mit "schier un­er­schöpf­li­chen dar­stel­le­ri­schen wie stimm­li­chen Re­ser­ven" sei Mir­co Krei­bich ein "Held der in­ne­ren Un­si­cher­heit", "sou­ve­rän im Jon­glie­ren mit Wahn­sinn, Wut und Trüb­sinn".

Es ist ein begeistertes und immer wieder begeisterndes Spiel mit Bildern und Deutungsangeboten, das Steckel und ihr tolles Ensemble hier anbieten, und eines, auf dem die Ebenen sich mischen, schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (25.1.2020). Widersprüche und Verwirrungen stecken im Stück, "so hemmungslos allerdings sah man sie selten vor sich ausgebreitet". Schwäche zeige der Abend vor allem im zweiten Teil, wenn die Hochtourigkeit einerseits Wahrhaftigkeit erreiche, bisweilen jedoch ins Deklamieren kippt.

"'Mehr Inhalt, weniger Kunst' tönt es gelegentlich mahnend im Stück, das wäre auch für die sich verzettelnde Regisseurin eine gute Anweisung gewesen", so Stefan Grund in der Welt (27.1.2020) Mirco Kreibich aber sei ein umwerfender Hamlet. "Wie der sich verausgabt." Bei der Kernkonstruktion mit Hamlet im eigenen Stück hätte Steckel es belassen sollen, so Grund. "Unnötig: Zitate aus der 'Hamletmaschine' von Heiner Müller, unverständliche Gesänge von Dominique Dillon de Byington, ein Gummischädel, mit dem Hamlet am Grabe kickt, aber genauso gut hätte dribbeln können und ein vermurkster Schluss, bei dem Hamlet in Unterhose zum letzten Gefecht mit Laertes antritt, ohne dabei überhaupt zur Waffe zu greifen."

In der taz (1.2.2020) schreibt Jens Fischer: "Schauspielerisch ist der Abend eine Pracht, optisch eine Wucht, inhaltlich etwas verstolpert. Aber anregungsreich für eine Radikalisierung des Denkens und Handelns auf den politischen und ökonomischen Bühnen der Welt."

"Effektvirtuosin" Jette Steckel reagiere auf die unlösbare Aufgabe, sich dem berühmtesten Theaterstück Europas und ein paar hundert Jahren Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte zu stellen, "indem sie eine Enzyklopädie der Theaterstile durchspielt“, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (4.2.2020). "Wie im Schlingensief-Aktionskunst-Theater der 1990er-Jahre beschmiert [Hamlet] sich und die Clowns Rosenkranz und Güldenstern mit Rasierschaum und Federn. Wie im Testosterontheater der Gegenwart marschiert er mit Pistole und entblößter Brust über die Bühne." Fraglos unterhaltsam. Aber die Inszenierung verzichte auf größeres Interesse an Hamlets Widersprüchen: "Was nach tradierter Lesart das große Rätsel und die Tiefendimension des Stücks ausmacht, ist hier flott wegrationalisiert." Ein "wirkungsvoller, nicht allzu raffinierter Schwerpunkt" liege statt dessen auf dem populistischen Politikstil des Machthabers Claudius, wofür sich Steckel, "zwecks des Ausflugs in etwas abgründigere Regionen", bei Heiner Müllers "Hamletmaschine" bediene.

 
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