Das Internet als Hochhaus und Theaterstück

von Steffen Becker

Mannheim, 24. Januar 2020. Das Nationaltheater Mannheim stellte seiner Hausautorin Enis Maci eine Wohnung in einem Hochhaus zur Verfügung. In der Einführung zur Uraufführung von ihrem Stück "Bataillon" heißt es, dieser Ort habe sich auf den Schreibprozess ausgewirkt. Das ist eine glatte Untertreibung. Nicht nur spielt ein Hochhaus, in dem – unter anderem – Monica Lewinsky einen Friseursalon betreibt und einer Klimaflüchtigen die Spülung ihres Lebens verpasst, in dem Auftragswerk eine tragende Rolle. In einem Architekturführer ist über das Collini-Center zu lesen, dass es in unübersehbaren Kontrast zur Stadt gesetzt wurde und die Architekten es als Einheit im Sinne eines Organismus auffassten. Das ist auch Leitprinzip der Textarchitektur von Enis Maci.

Vernetztes Denken

Im Anfangsbild sitzen Weberinnen mit der Concierge im Keller des Hochhauses und schneidern aus einem über die Bühne geworfenen Tuch scheinbar Tarnnetze für ukrainische Soldaten. Doch eigentlich geht es diesem Heimatfront-Bataillon darum, den Vorhang zu lüften. Sie wollen offenlegen, was unter der männlich geprägten Erzählung von Krieg (und Frieden) liegt. Der linearen Heldengeschichte setzt das Stück einen von Assoziation zu Assoziation springenden Schauspielerinnen-Organismus entgegen.

Bataillon 1 560 ChristianKleiner uDie Weberinnen: Sophie Arbeiter, Johanna Eiworth, Annemarie Brüntjen, Otiti Engelhardt (Gast) und Carina Thurner (Gast) © Christian Kleiner

Sophie Arbeiter, Annemarie Brüntjen, Otiti Engelhard und Carina Thurner als Weberinnen agieren kaum als Solistinnen. Sprechen sie alleine, sprechen sie doch fast immer in Bezug aufeinander. Die meiste Zeit sprechen sie ohnehin im Gleichklang – eine enorme Herausforderung an die Konzentration der Schauspielerinnen. Das Mannheimer Quartett ist ihr gewachsen. Treten sie aus ihrer Gemeinschaft heraus – "typisch Frau": nur auf die Aufforderung "erzähl doch mal / du erzählst so schön / du bist so schön, wenn du erzählst" – dann schlüpfen sie in Rollen von Protagonisten, deren Kernanliegen vernetztes Denken war: Ada Lovelace, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts als erster Mensch einen Computer vorstellen konnte. Ted Nelson, der die Idee einer Universalbibliothek hatte, eines Hypertextes, in dem alles mit allem verknüpft ist.

Blingbling, ein Panzer!

An die Utopie, eine neue Erzählung weben zu können, glaubt die Uraufführungs-Regisseurin Marie Bues allerdings weniger als der Text es tut. Bues baut etwa Johanna Eiworth als Concierge einerseits ein ins Kollektiv und den Textstrom der Weberinnen. Andererseits treibt die Concierge diese auch als Mischung aus Gouvernante und Offizierin (im stramm geschnittenen grünen Outfit) an. Eiworth hat in dieser Rolle die Strenge einer Frau, die sich im männlichen Umfeld durchsetzt, indem sie das Spiel der Männer mit größerer Härte spielt.

Das passt auch zur Regie-Idee, auf der ansonsten kargen Bühne nach und nach Bauteile für einen Do-It-Yourself-Panzer aus dem Boden fahren zu lassen. Die Frauen fertigen daraus einen verspiegelten Glitzer-Tank: Die Swarovski-Version eines Kriegsgeräts – aber eben immer noch ein Kriegsgerät. Dass sie ihr Werk dazu noch putzen wie man es aus Carwash-Szenen in Musikvideos von Macho-Rappern kennt, steht sinnbildlich für die Schwierigkeit, beim Weben einer neuen Erzählung von dominierenden Mustern abzuweichen.

Bataillon 2 560 ChristianKleiner uPanzerwashing mit Carina Thurner (Gast) und Annemarie Brüntjen © Christian Kleiner

Mit ihrem Sinn für kräftige Symbolik hilft Bues dem Stück aber auch. Sie setzt Ankerpunkte, ohne die man im Textstrom des "Bataillon" sonst die Orientierung verlieren würde. Von den träumenden Maschinen, die sich Ada Lovelace vorstellte, landet der Text über wenige Links bei den Bildern, die vom Tod des Diktatoren-Paars Ceausescu blieben. Die Zuschauer erfahren, dass eine Flechte nicht aus zwei Organismen, sondern aus drei besteht (und sich an die bröckligen Betonränder des Hochhauses krallt). Sie hören vom Schicksal verstoßener weiblicher Verwandter römischer Kaiser und dass man im Hochhaus die Botschaften mit Scheiße an die Wand schmiert.

Polarlichter sind in Wirklichkeit grau

Im Laufe der anderthalb Stunden der Aufführung stellen sich beide Extreme ein, die man vom Umhersurfen im Internet kennt: Freude über die Entdeckungen, die man beim Weiterklicken macht. Und das Völlegefühl, wenn man sich beim Informationen aufschnappen verrannt hat. Diese flirrenden Längen im Stück fängt Regisseurin Bues mit Liebe zum Detail auf. In den Schilderungen von Elisabeth Mann-Borghese über Polarlichter fällt einem plötzlich auf, dass die Schauspielerinnen im Grün- und Blauton eben jener "Aurea Borealis" ausgestattet sind. Dass laut Elisabeth Mann-Borghese dieses Schauspiel nur auf ihren Fotografien erkennbar war und ihre Freundinnen nicht glauben wollten, dass es live eher grau wirkte, unterstreicht die Kernaussage des Mannheimer "Bataillons": eine etablierte Wirklichkeit in Frage zu stellen und neu zu weben ist eine Sisyphus-Arbeit.

Als Kritiker kann man die Symbolik der Farbgebung aber auch umdeuten: Aus dem textlich vorgesehenen schauspielerischen Graubrot eines Gruppenauftritts mit wenig eigenen Akzenten haben die Darstellerinnen (als gemeinsamer "Organismus") in der Wirklichkeit der Bühne einen schillernden, witzig-skurrilen Auftritt gemacht. Die Zuschauer*innen haben es nicht als Webfehler empfunden.

Bataillon
von Enis Maci
Uraufführung
Regie: Marie Bues, Bühne & Kostüme: Heike Mondschein, Musik: Christine Hasler, Licht: Björn Klaassen, Dramaturgie: Anna-Sophia Güther.
Mit: Sophie Arbeiter, Annemarie Brüntjen, Johanna Eiworth, Otiti Engelhardt, Carina Thurner.
Premiere am 24. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 


Kritikenrundschau

Das Stück sein ein "dialogfrei dahinfließender, breit ausufernder Textstrom, der die Unterdrückung und Ausbeutung der Frauen quer durch alle Zeiten thematisiert", schreibt Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (28.1.2020). Die Regisseurin und ihr Ensemble geben sich aus Sicht der Kritikerin "alle Mühe, sovie Text fast ohne Handlung in Bewegung zu bringen und mit Leben zu erfüllen", was ihrem Eindruck zufolge jedoch nicht immer gelingt. Über weite Strecken bleibe daher "nur dürre Aufzählung, was anschauliche Erzählung sein will, und die Personenporträts gehen kaum über Namedroping hinaus."

"Was im Stück zunächst als willkürliche Abfolge von Personen und Informationen erscheint, formt sich bald zu einem puzzleartig angelegten Weltbild, das eindeutig weiblich geprägt ist," schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (27.1.2020). Trotzdem kritisiert Huber an der Inszenierung, dass sie den Nachweis der Bühnentauglichkeit des Textes schuldig bleibt, dass Konflikte zwar benannt, aber nicht sichtbar gemacht werden.

"Insgesamt hat man beim Sehen der Uraufführung leider das Gefühl, dass sie keine eigene Haltung zum Text entwickelt," schreibt Johanna Dupé in der Rhein Main Presse (27.1.2020). Trotzdem funktioniert aus ihrer Sicht etliches an diesem Abend: "Weil macis sprachgewaltiger und teils schnoddrig-frecher Text stark genug ist, um seine Wirkung trotzdem zu entfalten."


 

 
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