Keine Schafe in der Kirche

von Thomas Rothschild

Freiburg, 24. Januar 2020. Christiano lässt die Buxe herunter und dirigiert ein nicht vorhandenes Orchester. Alvaro stopft seiner Schwester Leonora gewaltsam einen Stofffetzen in die Hose, den sie sogleich schreiend als Baby zur Welt bringt: eine metaphorische Geburt oder eine hysterische Schwangerschaft wie in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf"? Wir befinden uns in einer absurden Welt.

Theater nah bei Bunuel

Das Programmheft spricht von einer "Stückentwicklung nach Luis Buñuels El ángel exterminador". Der Begriff ist irreführend. Denn was da entwickelt wird, hält sich, soweit die Bühne es zulässt, ziemlich eng an den Film, was kein Nachteil ist. Es ist die erste Arbeit der in Ungarn geborenen und in der Schweiz aufgewachsenen Regisseurin und Bühnenbildnerin Blanka Rádóczy am Theater Freiburg. Sie bringt allerdings reiche Erfahrungen an kleineren und größeren Bühnen sowie mit unterschiedlichen Genres mit.

Wuergeengel 3 560 LauraNickel uGeschlossene Gesellschaft: Michael Witte, Henry Meyer, Angela Falkenhan, Janina Staub, Stefanie Mrachacz , Tim Al-Windawe ©  Laura Nickel

Buñuels "El ángel exterminador" von 1962 genießt unter Cinéphilen ein hohes Ansehen, aber er konnte keine Traditionslinie begründen. Dafür gibt es ihn auch als Oper des englischen Komponisten Thomas Adès. Der dialoglastige Film spielt fast ausschließlich in einem geschlossenen Raum, was einer Bühnenfassung entgegenkommt, und folgt dabei einem Krimi-Schema, aber er ist ein Krimi ohne Täter und ohne Detektiv.

Zwanghaftes Handeln

Inhaltlich hat "Der Würgeengel" einiges gemeinsam mit jenen Theaterstücken und Filmen von Yasmina Reza bis Thomas Vinterberg, von Tracy Letts bis Sally Potter, die in den vergangenen Jahren Konjunktur hatten und in denen auf einer Party nach und nach die Verlogenheit und die Doppelmoral der Bourgeoisie offenbart wird. Was Buñuels Entwurf ihnen freilich voraus hat, ist die Transzendierung einer platt realistischen Sozialkritik.

Gespielt wird auf einer von weißen Vorhängen begrenzten Fläche mit einer wenig genutzten versenkten grünen Sitzlandschaft. Zu Beginn sieht man da einen schwarzen Müllsack, ein weißes Transistorradio, verwelkte Blumen in einer Stehvase, aus der ein Verdurstender später schmutziges Wasser trinkt.

Wie im Film gibt es im gegenüber der Vorlage um ein Drittel reduzierten Personal keine Haupt- und Nebenfiguren. Es ist eine Ensembleleistung im engen Verständnis des Wortes, und in Freiburg gewinnt sie durch die Homogenität und das hohe schauspielerische Niveau der Schauspieler und Schauspielerinnen.

Wuergeengel 3 560 LauraNickel uZum Speien? Nein, eine Frau, die Wasser trinkt. Michael Witte, Stefanie Mrachacz, Angela Falkenhan  © Laura Nickel

Schon bei Buñuel werden Sequenzen wiederholt (sein Kameramann hielt das für einen unbeabsichtigten Fehler bei der Montage). Rádóczy verstärkt dieses Stilmittel. Die Wiederholung bedeutet auf der semantischen Ebene zwanghaftes Handeln und ist zugleich ein künstlerisches Prinzip wie bei Samuel Beckett oder bei Thomas Bernhard. Zwischendurch gehen die Figuren an die Bühnenränder und erstarren. Diese mechanischen Menschen sind keine Avatare wie bei Susanne Kennedy, aber auch keine psychologisch motivierten Figuren aus der naturalistischen Tradition. In ihnen verschmilzt das soziale mit dem theatralen Rollenspiel.

Verzicht auf Deutung

Ausgebaut hat Blanka Rádóczy auch die Rolle der Opernsängerin Leticia. die mit einer "echten" Sängerin, mit Janina Staub besetzt wurde. Eine aus dem Zusammenhang gerissene Opernsängerin wirkt immer komisch. Rádóczy hat gut daran getan, auf eine Deutung, auf Eindeutigkeit zu verzichten und der Fabel ihre Rätselhaftigkeit, ihr Geheimnis zu belassen. Das Theater des Absurden, das einerseits die Welt als absurde empfindet, andererseits die Absurdität als Verfahren nutzt, ist aus der Mode gekommen. Mit dem Freiburger "Würgeengel" kehrt es auf Umwegen auf die Bühne zurück. Und siehe da: es erweist sich als aktueller denn je.

Befragt, welches Milieu die Zuschauer in ihrer Adaption erwarte, sagt Blanka Rádóczy im Programmheft: "Auch wenn die Grenzen zwischen den einzelnen Schichten in unserer Gesellschaft sprachlich nicht mehr so scharf definiert sind, existieren sie dennoch. Das Milieu, das wir zeigen, hat zwar keine Dienerschaft mehr, definiert sich aber klar über den Wohlstand." Ein Blick über den geschlossenen Raum des Theaters hinaus gibt ihr Recht.

Gegen Ende verlässt die Gruppe das Zimmer, in dem sie "gefangen" war. Ähnlich wie in Kafkas berühmter Parabel "Vor dem Gesetz", war die "Tür" immer schon für sie offen. In der letzten Einstellung des Films marschiert eine Schafherde in eine Kirche, die deren Besucher – eine Rekapitulation der eigentlichen Story – nicht verlassen können. In Freiburg schreitet die befreite Gruppe eine seitliche Treppe herab und bleibt an deren Absatz abrupt stehen. Werden die sieben weiter gehen? Und wenn ja – wohin?

 

Der Würgeengel
Eine Stückentwicklung nach Luis Buñuels El ángel exterminador
Regie und Bühne: Blanka Rádóczy, Bühne und Kostüme: Andrea Simeon, Musik: Elia Rediger, Licht: Cajus Ohrem, Ton: Sven Hofmann, Dramaturgie: Anna Gojer.
Mit: Tim Al-Windawe, Angela Falkenhan, Marieke Kregel, Henry Meyer, Stefanie Mrachacz, Janina Staub, Michael Witte.
Premiere am 24. Januar 2020
Dauer: 1 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.theater.freiburg.de

 

Kritikenrundschau

Es gebe "charmante Solo-Einfälle", aber auch "einen Hang, zu lange das Offensichtliche auszuwalzen", schreibt Jürgen Reuß in der Badischen Zeitung (27.1.2020). "Bei Buñuel lässt der unausweichlich anwesende Würgeengel des Katholizismus die Option der Selbstopferung als Erlösungsmoment immer im Raum schweben. In der Freiburger Inszenierung verpufft der Würgeengel in sporadischen Epiphanien."

Blanka Radoczys "Stückentwicklung" stelle vordergründig ähnliche Fragen wie der surrealistische Film aus dem Jahr 1962, so Karsten Umlauf auf SWR 2 (25.1.2020): Was bleibt von unserer ach so kultiviert bürgerlichen Lebensweise übrig, wenn wir sie einem solchen Wartesaal des Todes aussetzen? "Allerdings bleibt Radoczys Version, was Spannung und inhaltliche Tiefe angeht vieles schuldig, gleicht eher einer Improvisation über ein Thema von Bunuel." Den Text hat sie sehr reduziert, lässt Schnipsel immer wiederholen, Sätze ins Leere laufen.  "Als Assoziationsraum hätte der Abend schon Potential", allerdings bleibe er textlich sehr an der Oberfläche, "er spitzt wenig zu und ist trotz guter Schauspieler in seinen theatralischen Mitteln begrenzt".

 

 
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