Alles nur Phantomschmerz

von Hartmut Krug

Hannover, 21. September 2008. Lutz Hübner ist ein ungemein produktiver Autor. Kein Problem ist vor ihm sicher, seien es das Alter mit Lebensmut oder mit Lebensmüdigkeit, der Tod oder der Terrorismus, die schwierige Beziehung zwischen jungen und alten Menschen oder, wie in seinem neuen Stück, die "Lebensmittekrise". Deren Problem ist nicht nur, dass es sie wohl tatsächlich gibt, sondern dass über sie viele Klischees im Umlauf sind, die in Fernsehspielen und Unterhaltungsromanen schon oftmals ausgebreitet wurden.

Auch von Lutz Hübner, einem Dramatiker mit Publikums-Erfolgsgarantie, von dem am Schauspiel Hannover bisher vier Jugendstücke und zwei Produktionen auf den kleinen Bühnen, oft in Uraufführung, reüssierten und der mit der Uraufführung seines neuen Stücks "Geisterfahrer" jetzt erstmals auf die große Bühne des Schauspiels gelangt, auch von Hübner also werden nur die bekannten Klischees ausgepinselt.

Blick in den Spiegel

Man schaut unzufrieden zurück und ausgelaugt um sich herum, man will in der Zukunft noch etwas anderes erreichen, denn "das kann es doch nicht gewesen sein", man war beruflich erfolgreich, aber privat gibt es irgendwie Probleme. Vor allem aber will man immer ganz anders sein oder gesehen werden: "Jetzt hältst Du mich für roh und gefühllos. Aber das bin ich nicht. Im Gegenteil."

Lutz Hübner erzählt von Menschen Anfang vierzig, die sich ein Haus als Lebensentwurf für ein gemeinsames Leben gekauft haben. Und wie das so sein soll in Wohngemeinschaften, will man offen, ehrlich und hilfsbereit miteinander sein, und ist doch nur neugierig oder vorurteilsvoll. Man verbeißt sich ineinander, während man von Verständnis redet.

Ein Paar liefert die Leiche im Keller, nicht nur als Metapher, denn es hat ein Unglück und einen Selbstmord gegeben, und die anderen haben sich in der Krise nicht eingemischt und nicht geholfen. Jetzt zieht dafür ein neues Paar ein, das nach langem Brasilienaufenthalt nach Deutschland zurückkehrt.

Mein Haus, mein Auto, meine neue Frau

Miriam wird vom Autor als die fröhliche, bewegliche, chaotisch offene Südländerin eingeführt, von Sabrina Ascacibar mit angenehmer Zurückhaltung so gespielt und von den Figuren des Stückes als Hoffnung für andere Lebensmöglichkeiten auch so gesehen. Bei manchem spielen "natürlich" auch sexuelle Hoffnungen mit.

So nähert sich Christian Erdmanns Musiklehrer Pitt Miriam über das gemeinsame Interesse an der Musik, und wie er sich dabei bei aller Gier unentwegt entschuldigt, ist durchaus witzig. Doch wenn er sie massiert, ist das reine, leere Komik, und wenn er sich einen Tanz beibringen lässt (war es Bossa Nova, war es Salsa? Egal, wir verstehen sofort, was gemeint ist), dann lachen wir beglückt, weil wir alle Klischees wiedererkennen. Und dass Pitt mit seiner Frau, die als taffe Gaby aus der DDR eine angestrengte Psychologin ist (Martina Struppek), nur noch schläft, damit die von Schlaflosigkeit gepeinigte besser einschlafen kann, ist ein weiterer von den vielen publikumswirksamen Gags und Pointen, an denen sich das Stück und seine Figuren festhalten.

Auf der anderen Spur wird's nicht besser

So ist in Hübners buntem Typen-Arsenal jede theatralisch ausbeutbare Haltung vorhanden. Keine Figur wird psychologisch genauer entwickelt, keine wird genauer charakterisiert, sondern allenfalls milde karikiert. Hübners Figuren sind nicht lebendig und widersprüchlich, sondern rund- und glattgeschmeichelt. Sie reden von Schmerzen, aber eigentlich kann ihnen, und damit auch dem Publikum, bei Hübner gar nichts wehtun.

Weil man jeden Moment weiß, was kommt, welche Haltung, welches Klischee, und weil alle Figuren nur austauschbare Pointenschleudern sind, die um Haltungsnoten kämpfen. So fühlt sich Miriams Mann Johannes als Lehrer, der eigentlich Uni-Dozent sein will, in der Sackgasse und mault enttäuscht vor sich hin (Peter Knaack gibt der Figur eine schöne Farblosigkeit), während Harald (Wolf List) als erfolgreicher Chefarzt ihn darum angeht, doch endlich mal "aus der Deckung" zu kommen.

Harald leidet auch ganz mächtig, weil sein Erfolg irgendwie eine Endstation zu sein scheint, während sich seine Frau um die zwei Kinder kümmert und mit Putz- und Ordnungsfimmel für die deutsche Hausfrau (als Gegensatz zur Südländerin) stehen muss. Rosa Enskat versucht die kritische Selbstreflektion dieser Figur mitzuspielen, das macht diese nicht nur komisch, sondern durch die Künstlichkeit ihres Verhaltens sogar etwas menschlich.

Am Ende widerspruchsfrei

Mit "Geisterfahrer" hat Lutz Hübner ein Stück vorgelegt, das die Probleme, die wir im und mit dem Alltag haben, mit der Benennung von ihren Widersprüchen befreit. Hübner schreibt Pointentheater. Er liefert keine Komödie, die auf Erkenntnisse setzt, sondern souveränes Weglachtheater. Seine Figuren kennen wir, weil sie unseren Vorstellungen ähneln. Doch gerade wenn sie sich bei Hübner in Widersprüche zu verwickeln scheinen, bleiben sie völlig widerspruchsfrei.

Die Hübner-erfahrene Regisseurin Barbara Bürk bedient den Text und das unterhaltungswütige Publikum sehr souverän. Zwischen den Szenen lässt sie die Figuren in Tanzposen auftreten, die deren Wünsche nach Lockerheit und Enthemmtheit als komische Utopie wirken lassen. Vom ersten Augenblick an hat das Publikum viel gelacht, und am Ende hat es nicht nur lange applaudiert, sondern auch noch vor Begeisterung getrampelt.

Denn es war, trotz offenen Schlusses, keine Frage offen und keine Pointe liegengeblieben. Was bleibt da dem Kritiker zu tun, der kein Miesepeter, kein Besserwisser sein will? Nun, er kann Kortners genialen Satz zitieren, indem er gesteht, er habe auch gelegentlich gelacht, "aber unter meinem Niveau".


Geisterfahrer (UA)
von Lutz Hübner, Mitarbeit Sarah Nemitz
Regie: Barbara Bürk, Bühne: Anke Grot, Kostüme: Irène Favre de Lucascaz.
Mit: Sabrina Ascacibar, Rosa Enskat, Martina Struppek, Peter Knaack, Wolf List.

www.schauspielhannover.de

 

Alles über Lütz Hübner auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Lutz Hübners neues Stück, schreibt Bert Strebe in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (23.9.2008), spiele in Hannover, und zwar im "Rotgrünlehrerkörnerfresserbesserverdienendenstadtteil List". Es handle davon, dass man selber und die anderen immer älter werde und alle Pläne und Hoffnungen mit einem. "Und wenn sich doch was erfüllt hat, schmeckt es eher schal." Drei Paare, eines davon mit einem Geheimnis. "Lutz Hübner schreibt witzige, treffende Dialoge, Wortgefechte, mit Boshaftigkeiten, die sich unter dem oberflächlichen Ein-Abend-bei-Freunden-Geplauder verbergen." "Ein wunderbares Stück. Mehrfacher Szenenapplaus, das Publikum lacht sich schief. Und ständig hört man bei diesem Lachen etwas mitschwingen, ein winziges Atemstocken, ein Erschrecken, das Todernste hinter der Lustigkeit: Die da auf der Bühne – das sind doch wir!"

In der Welt (6.10.2008) bricht Reinhard Wengierek noch mehr als zwei Wochen nach der Premiere eine Lanze für den verkannten Lutz Hübner: "Um uralte Fragen einer Lebensmitte-Krise" gehe es in "Geisterfahrer", einem "überhaupt nicht altbackenen, sondern lebensfrischen Konversationsstück". Hübner führe "uns die Verzweifelten, Ratlosen, aber auch Komischen und geistreich Witzigen in liebevoll hellsichtiger Draufsicht" vor. Mit "fein gewobenen, perfekt pointierten Dialogen voller Zwischentöne, Dichte und Leichtigkeit". Womit er offenbare, "was wir alle längst wissen, was gewisse Schwellköpfe eines publikumsfernen Szenebetriebs aber gern ignorieren: Er ist einer der brillantesten Stückeschreiber, den wir haben. Ist unser lustvollster Erzähler; ein gewitzter, zeigefingerfrei aufklärerischer Bühnen-Aufbereiter von Jedermann-Erfahrungen … - quasi die Jasmina Reza Deutschlands." Barbara Bürk habe mit der "gebotenen Delikatesse" inszeniert. "Also stets gut ausgewogen zwischen saftig auftragen und zart an- oder ausspielen, zwischen Lauthals-, Bullig-, Bitter-, Weh- und Wund-Sein."

 

 
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