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Mahnbeispiel der Sonderklasse

Stefan Weiss im Interview mit Nikolaus Merck

30. Januar 2020. Fünf Tage hat er gedauert, vorbereitet wurde er sechs Jahre lang: der Gerichtsprozess um Veruntreuung, Untreue und Bilanzfälschung am Wiener Burgtheater. Ermittlungen gab es zu diesen Vorwürfen, die auf ein System finanzieller Misswirtschaft hindeuten, gegen Matthias Hartmann, bis 2014 Intendant der Burg, und Georg Springer, ebenfalls bis 2014 Chef der Burgtheater-Holding. Angeklagt wurde letztlich nur Silvia Stantejsky, die 2013 entlassene Geschäftsführerin und Vizedirektorin. Vorgestern erging in der Sache nun der Richterspruch: Zwei Jahre bedingt für Silvia Stantejsky. Verfolgt hat den Prozess Stefan Weiss, Kulturredakteur beim Wiener Standard. Nikolaus Merck bat ihn um eine Einschätzung.

Silvia Stantejsky, ehemalige Buchhalterin des Wiener Burgtheaters, ist wegen Untreue und Veruntreuung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Sie haben den Prozess beobachtet. Wie werten Sie das Urteil?

Aus meiner Sicht ist es ein faires Urteil für Stantejsky. Sie hat Honorare, die anderen Beschäftigten zugestanden wären, missbräuchlich verwendet. Einerseits, wie sie sagt, um Löcher im Budget der Burg zu stopfen, andererseits, wie ihr das Gericht nachwies, auch für private Zwecke. Entscheidend ist, dass Stantejsky, die an einem schweren Burnout litt, nicht mehr unterscheiden konnte, welche Gelder dem Burgtheater, welche Dritten und welche ihr selbst gehören. Alles hat sich vermischt. Sie dürfte laut Eigenaussagen auch Privatgeld in die Burg gesteckt haben, um Ausgaben zu decken. Normalerweise rechnet man so etwas als Spesen ab.

Vom Vorwurf der Bilanzfälschung wurde sie freigesprochen. Zu Recht?

Das war im Prozess strittig. Es ging vor allem darum, ob Stantejsky die Bilanz geschönt hat, indem sie vom Spielplan genommene Stücke zu lange als werthaltig in der Bilanz belassen hat. Diese Praxis war allerdings schon vor Stantejsky üblich und wurde auch von den Wirtschaftsprüfern nie beanstandet. Man kann auch sagen: ein Systemfehler. Nun war der vom Gericht zugezogene Sachverständige zwar sehr wohl der Meinung, dass hier Bilanzfälschung vorgelegen habe, der Richter aber entschied anders. Einerseits habe bei Stantejsky hier keine subjektive Tatseite, salopp gesagt Absicht, vorgelegen, andererseits sei der Eigentümer des Burgtheaters, die Republik Österreich, dadurch nicht geschädigt worden. Es ist ja kein Geld verschwunden, sondern Vermögenswerte sind zu hoch dargestellt worden. In Anbetracht dessen, dass Stantejsky hier nur weiterführte, was üblich war, halte ich es für fair, dass sie hierzu freigesprochen wurde.

Die "dolosen Praktiken" an der Burg, wie etwa die eben geschilderte, begannen bereits unter der Geschäftsführung von Thomas Drozda, der für den Intendanten Nikolaus Bachler, Nachfolger von Claus Peymann, tätig war. Das ist bekannt. Wieso wurden weder Bachler noch Drozda jemals belangt? Hat das etwas mit der Parteizugehörigkeit von Drozda zu tun, der für die SPÖ im österreichischen Nationalrat sitzt?

Das sieht Thomas Drozda anders. Er hat immer damit argumentiert, dass die Wirtschaftsprüfer nichts bemängelt haben. Allerdings ist bekannt, dass etwa Abgabenhinterziehung bereits unter ihm vorlag. Mit einer rechtzeitig erfolgten Selbstanzeige konnten sich da alle aus der Affäre ziehen. Tatsache ist, dass Josef Ostermayer – damals, als der Skandal aufflog, SPÖ-Kulturminister – nur bis ins Jahr 2008 zurück Aufklärung betreiben wollte. Das änderte sich auch nicht, als wenig später durch eine Regierungsumbildung Thomas Drozda selbst SPÖ-Kulturminister wurde. Holdingchef Georg Springer gilt auch als der SPÖ nahe stehend. Man kann nur mutmaßen, ob Parteizugehörigkeit hier eine Rolle spielte. Fakt ist: Die Justiz hat lange ermittelt und erhob einzig gegen Silvia Stantejsky Anklage.

Wieso konnte der verwaltungsmäßig verantwortliche Georg Springer, der ehemalige Chef des Bundestheater-Holding, der auch das Burgtheater unterstand, straflos davonkommen? Georg Springer forderte von Stantejsky laut Tonbandprotokoll förmlich eine "schwarze Null", also eine ausgeglichene Bilanz. Springer hatte also Kenntnis von der finanziellen "Schieflage" der Burg.

Georg Springer gab schon im Ermittlungsverfahren und nun auch vor Gericht mehrfach zu, dass er die schwarze Null gefordert hat. Er hat gesagt, das sei nun einmal auch die Aufgabe des Holdingchefs. In gewisser Weise stimmt das ja. Springer konnte aber nie nachgewiesen werden, dass er das Erreichen der schwarzen Null mit unlauteren Mitteln von Stantejsky gefordert hätte. Auch Stantejsky selbst blieb da immer recht schwammig, wie genau dieser Auftrag zur schwarzen Null ausgesehen hat. Mir blieb aber vor allem der Satz Springers im Prozess in Erinnerung, dass sie, Stantejsky, "zu oft 'ja' und zu wenig oft 'nein' gesagt hat". Ich interpretiere das als vorauseilenden Gehorsam.

Ist Silvia Stantejsky das weibliche Bauernopfer für die dolosen Praktiken einer Jungs-Bande?

Sie war von männlichen Alphatieren umgeben, aber Bauernopfer wäre zu hoch gegriffen. Ein beträchtlicher Anteil an Schuld trifft schon Stantejsky. Sie hätte die Reißleine ziehen müssen. Aber sie wollte offenbar alles tun für dieses Haus, in dem sie ja ihr gesamtes Berufsleben verbracht hat und das sie bis heute liebt. Dass die Justiz darüber hinausgehend keine persönlichen Schuldhaftigkeiten feststellen konnte, muss man zur Kenntnis nehmen. Auch wenn es das gesunde Unrechtsbewusstsein empfindlich stört.

Warum konnte die Burg denn überhaupt in diese Schieflage kommen?

Die Fehler sind offenbar schon bei der Ausgliederung aus der Staatsverwaltung und der Gründung der Bundestheater-Holding im Jahr 1999 passiert. Man hat den neuen Theater-GmbHs damit den Auftrag zu mehr Wirtschaftlichkeit erteilt. Kulturbetriebe haben aber mit stetig steigenden Personalkosten zu kämpfen und können diese nur ungenügend durch mehr Wirtschaftlichkeit, Wachstum oder ähnliches abfedern. Für die Burg wie für viele andere staatliche Kulturbetriebe wurde als "Sparanreiz" die staatliche Basissubvention über Jahre ungenügend angehoben. Durch diese politische Entscheidung entstand im Burgtheater ein Kostendruck, dem die Führung des Hauses offenbar nicht gewachsen war.

Was wusste Karin Bergmann, die immerhin mit Stantejsky befreundet und jahrelang unter Bachler Vize-Chefin der Burg war?

Das müssten Sie sie selbst fragen. Über die Usancen wie übermäßige Bargeldzahlungen etc. wusste freilich jeder Bescheid, das war bzw. ist auch auf anderen Bühnen üblich. Allerdings muss man festhalten, dass Stantejsky eine ziemlich dicke Mauer um sich herum gebaut haben dürfte. Sie war ja quasi rund um die Uhr im Büro. Die Staatsanwältin hat im Schlussplädoyer ganz treffend formuliert: Wenn jemand immer da ist, weil er alles in der Hand behalten will, kann auch nicht auffliegen, dass er es nicht mehr in der Hand hat.

Sie erwähnen die Bargeldzahlungen. Ich dachte, wir lebten im Zeitalter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Kam je heraus, ob die Künstlerinnen und offenbar ja auch Burg-Angestellten mit ihren Bargeldverwahrungen in der Burgkassa und den Barabhebungen versuchten, Steuern zu hinterziehen?

Es war nicht Gegenstand der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft festzustellen, ob die einzelnen Gagenempfänger immer versteuert haben. Es wurden einzelne Zeugen gefragt, ob sie sich bewusst waren, dass sie versteuern mussten; alle haben gesagt "ja, natürlich". Manche haben ihr Geld auch nie gesehen, weil sie es bei Stantejsky quasi "on hold" ließen. Grundsätzlich wird aber durch hohen Bargeldverkehr mögliche Steuerhinterziehung begünstigt.

Wie wurde eigentlich geredet im Prozess? Was wurde da erzählt?

Es gab etliche skurrile, tragikomische, auch lustige Momente: So hat Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann gemeint, am Theater seien alle bis zu einem gewissen Grad Verrückte, sonst würden sie sich nicht auf die Bühne stellen. Oder Stantejsky beschrieb, dass sie wie in einem Mafiafilm mit 40.000 Euro Bargeld in der Tasche durch Rom marschiert sei, weil sie einem Bühnenbildner die Gage in bar geben sollte. Manche zogen Barbehebungen in der Burg dem Gang zum Bankomaten vor. Also in Summe ergab sich das Bild, dass sich die Welt der Buchhalter mit jener der unbedarften Künstler nicht unbedingt gut verträgt. Das ist ja eigentlich eine Binsenweisheit, in der man als Theatermensch auch Sympathisches sehen kann. Nur wird hier mit Steuergeld hantiert. Für angehende Kulturmanager ist die Sache jedenfalls ein mahnendes Lehrbeispiel der Sonderklasse.

 

StefanWeiss 100 Julius Hirtzberger uStefan Weiss, geboren 1990, ist Stellvertretender Ressortleiter Kultur der Österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Seine Schwerpunkte sind Kulturpolitik, Kabarett und Feuilletons. Über die Burgtheater-Krise schreibt er seit 2015, den fünftägigen Prozess gegen Silvia Stantejsky am Wiener Landesgericht für Strafsachen hat er über die volle Länge begleitet. (Foto: Julius Hirtzberger)

 

Mehr zum Thema:

Die Chronik der Ereignisse 2014, eine Presseschau zum Prozessverlauf und die Meldung zum Urteilsspruch.