Fickendes Geld

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 31. Januar 2020. Am Ende, ja, da müssen wir alle sterben. Ob arm, ob reich, sogar der superreiche Banker, der Jedermann in Ferdinand Schmalz' auf Zeitgenossenschaft getrimmter Adaption von Hugo von Hofmannsthals Klassiker. Uraufgeführt 2018 an der Wiener Burg, nun auf der großen Bühne im Frankfurter Schauspiel, also Deutschland-Premiere, in der Regie von Jan Bosse. Und ein ziemliches Brett. Rhythmisch, melodiös, bankensprechlastig, unterhaltsam.

Wolfram Koch in Unglaublich-peinlich-Kleidung

Was auch daran liegt, dass Wolfram Koch den Jedermann spielt. In Unglaublich-peinlich-Kleidung (Feinripp eng anliegend, Kissen unterm Bauch, Neverland-Glitzer-Mantel) steht er in seinem Unheimlich-geschmacklos-Garten (Lounge-Stil, wabernde, mit Wasser gefüllte Kugeln, keine Spur grün, dafür ein fetter Zaun) und will doch eigentlich ein rauschendes Fest feiern. Doch das kommt nicht in Schwung, weil, man ahnt es gleich, Tod und Teufel ihm auflauern.

jedermann stirbt 3 560 Konrad Fersterer uWolfram Koch als Jedermann © Arno Declair

Wolfram Koch, der schon auf ungefähr jeder wichtigen Bühne des Landes stand und in Frankfurt, wo er zuhause ist, auch den "Tatort"-Kommissar gibt, spielt den Jedermann mit Vollgas. Strampelt, zuckt, wütet, wimmert. Und ist dabei oft grotesk-komisch. In einem der stärksten Momente des Stückes versucht er in voller Verzweiflung, die dahinplätschernde Gartenparty doch noch zu retten. "Jetzt kommt Stimmung wieder auf!", brüllt er im Befehlston, stampft auf wie ein kleines, trotziges Kind, das seinen Willen nicht bekommt, steckt sich den Gartenschlauch in den Mund. Man schaut ihm gern beim Scheitern zu.

"Tatort"-Stars am Tor zum Jenseits

Jedermanns Buhlschaft, das ist beim in Wien lebenden Autor Schmalz, Jahrgang 1985, der Tod. Und auch sie wurde mit einem Theaterstar besetzt. Mechthild Großmann, die schon in Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" mitspielte und die man heute vor allem als kratzbürstige, kettenrauchende Staatsanwältin aus dem Münsteraner "Tatort" kennt, spielt sie als gelassene Verführerin, zieht den Jedermann mit ihrer sanften, ruhigen Stimme in Richtung Jenseits.

jedermann stirbt 2 560 Konrad Fersterer uMammon im Anflug: Mechthild Großmann, Katharina Bach und Wolfram Koch © Arno Declair

Glatzköpfig, schwarz gekleidet steht sie da, eine stoische Gestalt und oft auch ein Ruhepol auf der Bühne, auf der es ordentlich kracht und durcheinander geht. Da treten der dicke und der dünne Vetter des Jedermanns (André Meyer und Isaak Dentler) als "4 Blocks"-Lookalikes auf. Da vollführt Katharina Bach knapp unter der Bühnendecke einen Steil-Stunt, bei dem sie sich quasselstrippig über die Hinterfotzigkeit des Charity-Getues echauffiert. Im Goldglitzeranzug hat sie vorher schon als Mammon-Figur über das sich vermehrende, "fickende Geld" monologisiert. Überhaupt steckt viel finanzmarktkritischer Furor in Schmalz' Stück.

Der verletzbare Banker

Spannend ist vor allem die Banker-Figur, die der österreichische Autor zeichnet. Das ist kein karrierefixierter Über-Leichen-Geher, wie man ihn in der eben gerade gestarteten zweiten "Bad Banks"-Staffel mal wieder serviert bekommt, aber auch kein in sich ruhender, über allem stehender Vorstandschef. Der Jedermann-Banker ist ein Getriebener, ein im Käfig Gefangener, arrogant, wütend und verletzbar zugleich, eine deutlich ambivalentere Figur als üblich. Und Schmalz’ Sprache ist ein faszinierender Bastard, mischt die Floskeln und Bilder aus der Bankenwelt mit schönen Versen.

Jan Bosse inszeniert das Ganze gekonnt schrill. Die Kostüme sind knallbunt, ein Chor gibt Stichworte aus dem Off des Zuschauerraums und stimmt Kirchenmusikhaftes an, der Abend hat Tempo und nur ganz gelegentlich Längen. Und ja, so einen "Jedermann" sollten sie auch mal in Salzburg auf die Bühne bringen. Das wäre mal was.

 

Jedermann (stirbt)
von Ferdinand Schmalz
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Mit: Katharina Bach, Isaak Dentler, Mechthild Großmann, Wolfram Koch, Manja Kuhl, André Meyer, Heiko Raulin, Peter Schröder, Simon Schwan.
Premiere am 31. Januar 2020
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 


Kritikenrundschau

"Ein futuristisches Setting, maximal natur-entfremdet" fand Christoph Leibold für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (31.1.2020) in Frankfurt vor. "Leider scheint sich die artifizielle Anmutung auch auf das Spiel der Schauspieler und Schauspielerinnen ausgewirkt zu haben, die allesamt sehr manieriert agieren." Als entscheidend erweise sich, dass Bosse und sein Ensemble "kein Ohr für die Sprache von Ferdinand Schmalz haben". Alle Aktionen würden "bedeutungshuberisch aufgeblasen". Einzig der ruhige Auftritt von Mechthild Großmann als Tod "versöhnt" den Kritiker "halbwegs".


Vor dem Hintergrund des geplanten Neubaus des Frankfurter Schauspielhauses entwickelt Bosses Inszenierung für Judith v. Sternburg in der Frankfurter Rundschau (online 2.2.2020) eine ganz eigene Dimension. Sie komme "wie bestellt, um zu dokumentieren, dass die große, riesige, berüchtigt riesige Schauspielbühne in der Doppelanlage der Städtischen Bühnen Frankfurt auch ein Maßstab ist. Wer damit zurechtkommt, kann hier auftrumpfen und Spektakel machen wie an nicht vielen Theatern im Lande." Dabei werde "Schmalz' sympathischer Ansatz", das Hofmannsthal-Original "an Pep zu überbieten, es aber nicht lächerlich zu machen" von Regisseur Jan Bosse "dezent mitgetragen". Wolfram Kochs Jedermann sei dabei "das Zentrum des Geschehens". Koch spiele diesen zwar als "Fatzke", lasse ihn aber nicht herumlärmen. "Die Angst vor dem Sterben macht ihn dann noch etwas stiller". Das sei es, was diesen Abend "wirklich schillern, nicht bloß glänzen" lasse. Andererseits dringe Schmalz' Text selbst aber nicht "nicht in Tiefen vor, die dem Publikum unvertraut sein müssen".

Bosses Inszenierung habe "Witz und Un­ter­hal­tungs­wert und man­che Län­gen", konstatiert Sandra Kegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.2.2020) und schlägt ebenfalls die Brücke zum beschlossenen Abriss der Frankfurter Bühnen: Die Theaterbesucher verfolgten "un­ter dem Ein­druck der Er­eig­nis­se nun­mehr die Ge­schich­te ei­nes Man­nes, der dem Un­ter­gang ge­weiht ist – in ei­nem Haus mit glei­chem Los". In der Titelrolle sei Wolfram Koch, "mit ech­ter Ro­lex und fal­schem Wanst, meist nur in Schlüp­fer und Fein­ripp­hemd ge­klei­det", ein "Er­eig­nis, stimm­lich, ges­tisch, kör­per­lich". Den "im Knittelvers erstarrten" Hofmannsthal-"Jedermann" würde die Rezensentin künftig sogar in Salzburg gerne durch Ferdinand Schmalz' Fassung ersetzt sehen, die keine Erlösung im Angebot habe, "son­dern al­len­falls schmerz­li­che Wahr­hei­ten".

Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (6.2.2020) merkt an, dass Regisseur Jan Bosse "zwar sehr sorgfältig mit dem Text umgeht, aber ihm dort, wo dieser seifig wird oder zu banal heutige Lebensrealität abzubilden versucht, auch nicht groß beispringt". Freude machen dem Kritiker vor allem die Schauspieler Wolfram Koch und Mechthild Großmann, aber auch Heiko Raulin "mit eisiger Sprachgenauigkeit" und Katharina Bach, die die "textlich nicht übermäßig geistreichen Auftritte von Mammon und den Guten Werken" in "furiose Zirkusnummern" verwandele.

 

 
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