Alliierte und Aktivisten?

13. Februar 2020. Am Sonntag endete die viertägige Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft (DG) in Gent. Unter dem Titel "Common - Allies, Activists and Alternatives in European Theater" trafen sich rund 250 Dramaturg*innen aus dem deutschsprachigen Raum sowie aus Belgien/Flandern.

Eingeladen von den Leitern der Genter Institutionen NTGent und Opera Ballett Vlaanderen, Milo Rau und Jan Vandenhouwe, fand die Jahreskonferenz zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert (und erst zum zweiten Mal in der Geschichte der DG) außerhalb des deutschsprachigen Raums statt. 

In Gent

Vier Tage lang beschäftigten sich die Dramaturg*innen mit Theatern als "Common Spaces einer Zivilgesellschaft" – und mit der Frage, wie sie für möglichst viele Mitglieder einer Stadtgesellschaft zugänglich werden können.

DG Gent 560 Ali Ghandtschi uDas Panel "Wem gehört die Kunst?": Barbara Gessler (Europäische Kommission/Creative Europe), Jan-Philipp Possmann (Zeitraumexit), André Wilkens (European Cultural Foundation), Janina Benduski (BFDK) und Moderator Marc Grandmontagne (Deutscher Bühnenverein)  © Ali Ghandtschi

"Die Frage, wie Kulturinstitutionen heute aussehen können, stand im Zentrum der meisten Panels", schreibt die DG in ihrer Pressemitteilung. "Vertreter*innen der unterschiedlichsten Theater wie u.a. Agnes Quackels (Kaaitheater), Kristin Rogghe (KVS Brüssel), Caroline Froelich (Festival Theaterformen), Matthieu Goeury (Vooruit) oder Kristof Blom (Campo) berichteten von den großen Veränderungsprozessen, die ihre Institutionen durchlaufen und den Unsicherheiten, die das auslöse. Tunde Adefioye vom KVS wies darauf hin, dass Veränderungsprozesse ohne Schmerz nicht zu haben seien."

Die Frage der Macht

Neben Fragen einer anderen Kommunikationskultur (Marc Gandmontagne vom Deutschen Bühnenverein) beschäftigten besonders Fragen der Macht die Versammelten. "Dabei wurde deutlich, dass gegen das Erstarken des Autoritarismus alle verstärkt auf Offenheit setzen, auf ein Zusammenwachsen künstlerisch innovativer Einrichtungen, auf das Vorantreiben von De-Hierarchisierungsprozessen. Kopano Maroga wies im Abschlusspanel darauf hin, dass das Problem der Macht in ihrer Konzentration auf einzelne Personen bestehe, und Kuratorin Lara Staal forderte auf, dass "wir unsere Privilegien dafür nutzen sollten, Macht und Ressourcen umzuverteilen". Auch die Performerin Luanda Casella fragte: "Wie werden Ressourcen verteilt, wie wird Macht (um-)verteilt, wie reflektieren Menschen in den Kulturinstitutionen ihre eigenen Machtpositionen und –funktionen."

Aktion auf Europa ausweiten

Nachdem Barbara Gessler (Europäische Kommission) und André Wilkens (European Cultural Foundation) deutlich gemacht hatten, dass  es dringend einer neuen Erzählung von Europa bedürfe, da das Wort vom Europa als Friedensprojekt an Bindekraft verloren habe, beschlossen die Dramaturgische Gesellschaft, der Bund der Szenografen und das ensemble-netzwerk noch während der Tagung, bei der nächsten Runde der Aktion "40.000 Theaterschaffende treffen ihre Abgeordneten" den Fokus auf Europa zu legen. 

Zur nächsten Jahreskonferenz 2021 hat die Akademie für Theater und Digitalität gemeinsam mit dem Schauspiel und der Oper ans Theater Dortmund geladen.

Die Dramaturgische Gesellschaft vereint rund 800 Theatermacher*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, aus allen Genres und allen Organisationsformen des Theaters, sowie Verleger*innen, Journalist*innen und Studierende. Sie ist eine offene Plattform für den Austausch über die künstlerische Arbeit, die Weiterentwicklung von Ästhetiken, Produktionsweisen und die gesellschaftliche Positionsbestimmung des Theaters.

(Dramaturgische Gesellschaft / jnm)

 
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