Horatier und Kuriatier auf Skype

von Sabine Leucht

Augsburg, 16. Februar 2020. Da kommen zwei Männer aus Berlin nach Augsburg, suchen sich zwei freie Gruppen vor Ort und zwei Regisseure, die möglichst weit von der Fuggerstadt wie voneinander entfernt leben. Sagen wir: Die eine in Amerika, der andere in Russland. Es geht um Brecht, deshalb denkt man den Kalten Krieg gleich mit. Und da war doch noch was mit Radio-Theorie: Brecht mochte dieses Senden in eine Richtung nicht. Sondern eher so was Zweigleisig-Dialogisches wie das heutige Internet. Bingo! Warum nicht die Augsburger Gruppen mit ihren Regisseuren via Videostream und Skype arbeiten lassen? Kosten darf es nichts. Also gibt es kein Bühnenbild und nur knapp eine Woche gemeinsamer Endproben ohne WWW-Prothese. Und fertig ist die "Lehrstückzentrale".

Per Skype geprobt

Ähnlich hemdsärmelig erklärt Jürgen Kuttner das Zustandekommen der Doppelpremiere, bei der sich das von ihm gemeinsam mit Tom Kühnel geleitete Brechtfestival künstlerisch nicht mit Ruhm bekleckert. Das aber mit Ansage. Denn was beim ersten Lesen noch witzig klingt – O-Ton Festivalprogramm: "Zwischen den Servern des World Wide Web entsteht ein virtueller Probenort" – erweist sich beim näheren Hinsehen nur als unnötige Verkomplizierung eines ohnehin komplexen Prozesses: Schauspieler und Regisseure kennen sich nicht, sprechen keine gemeinsame Sprache – und augenscheinlich kann auch keiner von ihnen sonderlich viel mit den Stücken anfangen, an denen sie sich austoben dürfen.

Brechtfestival Lehrstuckzentrale Christian Menkel uDas Drängen an die Rampe: "Lehrstückzentrale" © Christian Menkel

Oleg Eremin und seinem Schauspieler-Team von Bluespots Productions hat Kuttner-Kühnels Kombinatorik Brechts "Die Horatier und die Kuriatier" zugeteilt, Alice Bever und ihren theter-Akteuren Heiner Müllers "Der Horatier". Beides spröde Kurzstücke, die sich auf die auf Livius zurückgehende Sage beziehen, nach der zirka 650 v. Chr. die Drillingsbrüder der Horatier gegen die Drillingsbrüder der Kuriatier kämpften. Ein Stellvertreterkampf für Rom und Alba, da beide Städte unnötiges Blutvergießen vermeiden wollten, um hernach gemeinsam gegen die Etrusker anzutreten. Wie die Horatier mit Hirn den Sieg errangen, obwohl sie nach Waffen die Schwächeren waren, schildert Brecht in seinem selten gespielten letzten Lehrstück von 1934.

Dagegen schickt Heiner Müller gut dreißig Jahre später nur einen Horatier gegen den albanischen Bräutigam seiner Schwester in den Kampf. Die blutigen Kleider des Beinahe-Schwagers auf dem Rücken kehrt der siegreiche Retter Roms zurück. Seine Schwester muckt auf und wird von ihm erstochen; das "zweimal blutige Schwert" bezeugt den Sieg wie den Mord. Müller analysierte unter dem Eindruck des sowjetischen Einmarsches in Prag die moralische Frage, was die Schuld vom Verdienst trennt. Er lässt den Sieger bekränzen und aufbahren, den Mörder erstechen und von Hunden zerreißen. Und beide in demselben einen Mann.

Ausdruckstanz mit Heiner Müller

Müller-Texte sind immer dunkles, steiniges Gelände. Die acht Schauspieler von theter machen eine Blumenwiese daraus. In hellen Gewändern mit goldenen Streifen fließen sie über die Brechtbühne im Gaswerk und erstarren in bedeutungsschwangeren Posen. Zu wahllos wechselnden Musiken praktizieren sie etwas zwischen Pantomime und schlechtem Ausdruckstanz, wozu auf der Rückwand Dialektik-Light-Merksprüche wie "Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr" aufleuchten. Fast glaubt man schon nicht mehr, dass der zweite Teil des Lehrstück-Doppels noch bei Müller ankommen wird, da wird der Text doch noch aufgesagt und brav bebildert, dazwischen auch mal gebeatboxt und auch recht schön gesungen. Was für ein Anything goes-Heiteitei.

Sackhüpfen mit Brecht

Da sehnt man sich fast zurück nach Teil eins, in dem die immer gleichzeitig Horatier wie Kuriatier sprechenden Akteure in bunten Säcken auf die Bühne hüpften und damit fröhlich die Maßgabe Brechts unterliefen, dass Kostüme wie Setting nichts Spielerisches haben dürften – und die verordnete Langsamkeit der Bewegungen gleich mit. Hier wird gesackhüpft, in teils schmerzhaften Tonlagen einigermaßen chorisch gesprochen, gestampft und auf eigenen wie fremden Körpern getrommelt. Tödliche Verwundungen werden mit vergleichsweise zärtlichen Arschtritten markiert, was eine hübsche, sehr brechtsche Idee ist. Und in der dialektischen Schlüsselszene der "sieben Lanzenverwertungen", in der der zweite Heerführer der Horatier auf dem Weg über das Gebirge die Lanze als dritten Fuß, Lot, Sprungstab und vieles mehr benutzt, klettert einer nach dem anderen durch die Zuschauerreihen. Über zu wenig action kann man sich wahrlich nicht beschweren.

"Viele Dinge sind in einem Ding" ist das Mantra der gewitzten Lanzenverwerters. Es korrespondiert direkt mit Müllers einem Mann, der unteilbar Sieger-Mörder ist und genannt werden muss. Da hätten sich – mit mehr Zeit und Sorgfalt – Querverbindungen herausarbeiten lassen. Da beides nicht gegeben war, hätte zumindest die Onlinekommunikation nebst ihren Tücken, hätten die Bilder und Fragen, die über den Atlantik und das asiatische Festland geflogen sein müssen, Teil der Arbeiten werden können. Im Anschluss wurden einige Kostproben gezeigt. Alles davor gab sich sonderbar unbeleckt von seinem Entstehungsprozess. Dass zumindest die Beteiligten etwas gelernt haben, wie es das Lehrstück intendiert, muss man ihnen glauben. Sehen kann man es nicht.

Lehrstückzentrale

Die Horatier und die Kuriatier
von Bertolt Brecht
Regie: Oleg Eremin.
Von und mit Bluespots Productions: Guido Drell, Elisabeth Englmüller, Daniela Fiegel, Anja Neukamm, Patrick Schlegel, Martin Schülke, Lilijan Waworka.
Dauer: 50 Minuten

Der Horatier
von Heiner Müller
Regie: Alice Bever.
Von und mit theter: Marion Alber, Eva Burkhartswieser, Johanna Drueszler, Baris Kirat, Julius Kühmstedt, Sophia Plankh, Saskia Stadler, Ana Stankovic, Lina Meyn, Franziska Rosenbaum, Nele Schuler, Franziska Pux, Richard Richter, Leif Eric Young.
Dauer: 50 Minuten

www.brechtfestival.de

 

 
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