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Balanceakte des Weiblichkeitsdiktats

Jens Fischer

Bremen, 20. Februar 2020. Alles auf Anfang: Wie schon bei "Nana ou est-ce que tu connais le bara?" vor einem Jahr tänzeln auch für die Fortsetzung der Doppelpass-geförderten Kooperation die typisierten Verkörperungen des Personals von Émile Zolas "Nana"-Roman auf die Bühne des Theaters Bremen, angepriesen erneut von Matthieu Svetchine, dem Conférencier und Live-Übersetzer der französischen, englischen und spanischen Äußerungen des Abends. Im Work-in-progress-Design verknüpft Regisseurin Monika Gintersdorfer gedankliche und körperliche Fundstücke aus den Probenarbeiten.

Nana – ein "Unkraut"?

Mit diesem lässigen Charme des Improvisierten muss erst noch einmal kurz erklärt werden, dass die Zola-Protagonistin einem Alkoholikerhaushalt des Armeviertels Chateau Rouge entstiegen ist, um ins Kronleuchterstrahlen der Reichenviertel der Belle Epoche zu gelangen. Die von der heteropatriarchalen Welt definierte Rolle als Lustobjekt nahm sie hierzu an und nutzte ihre Macht über die Herzen der Männer als Mittel zum Zweck der eigenen Karriere. Die Straßennutte stieg zur Edelprostituierten und zum Operettenstar auf. Singen konnte sie nicht, aber allein die Ausformulierung ihres Körpers ließ die Sexualhormone der Zuschauer feuerwerken. Nana-Darstellerin Annick Choco illustriert das mit einem von Hüftzucken und Pozittern gekennzeichneten Bewegungsvokabular. Zu Nanas Theatertriumph finden die acht Performer der transnationalen Compagnie La Fleur und Svetchine (ein zweites Bremer Schauspielensemble-Mitglied verpasste die Premiere krankheitsbedingt) wie schon in Teil 1 zu einem Cancan zusammen, den jeder auf seiner Art ironisch interpretiert.

Nana04 560 Joerg Landsberg uAnnick Choco, Elisabeth Tambwe (vorn), Ensemble © Jörg Landsberg

Als Nana ihre Freier in Gockelmännertänze verstrickt sieht, will sie Neues entdecken – und bittet die Haushälterin zum Sextänzchen. Die Aufführenden behaupten die Figur erneut als feministische Vorkämpferin des sexuellen anything goes, als selbstbewusste Sex-Workerin könne sie auch die Rache der Arbeiterklasse an ihren Ausbeutern anführen, behauptet Svetchine. Elisabeth Tambwe empört sich dementsprechend über den Autor, verurteile er Nana doch als "Unkraut", als "Schmeißfliege" und schließlich zum Tode. Auch Svetchine erteilt dem Determinismus Zolas eine Absage, laut dem es nicht möglich ist, seinem Milieu zu entkommen. Weswegen Nana elend sterben muss. "Wir wollen das nicht", tönt es von der Bühne. Deswegen ist der Abend auch "Nana kriegt keine Pocken" betitelt, an denen sie im Roman dahinsiecht, vereinsamt und verarmt.

Pro-Sex-Feminismus gegen Zolas Misogynie

Als Empowerment-Variante der Geschichte wird auf Virginie Despentes' Roman "Pauline und Claudine" zurückgegriffen. Die Autorin nutzt eine klassische Situation: Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust. In lustiger Wechselrede erzählen die Performer also von zwei Wertesystemen weiblicher Identität: Claudine ist die Schöne, Ungestüme, Berechnende, "die gut fickt", wie sie sagt. Pauline die Kluge, Brave, Integre, aber Hässliche, "die gut singt", wie sie sagt. Wie in einem Sexclub inszeniert die eine voller Selbstdarstellungslust ihren Körper, während sich die andere mühsam verrenkt. Wackelige Balanceakte des Weiblichkeitsdiktats vollführt das Ensemble auf hochhackigen Pumps. Findet sich auch zu Paaren zusammen, die den Kampf der Zwillingsschwestern um das bessere Lebenskonzept Kopf an Kopf gepresst austragen. Plötzlich fällt aber Claudine tot um, in der Vorlage ist es Selbstmord. Da mischt sich Annick Choco wieder ein und berichtet, Nana und auch sie seien wie Claudine gewesen. Sie habe mit unterwürfiger Freundlichkeit die Männer sich wohlfühlen lassen in ihrer Gegenwart, denn: Wenn sie sich anders verhalte, könnten Jungs schnell sauer werden und sich zu einer Massenvergewaltigung bestrafend zusammenrotten.

Nana10 560 Joerg Landsberg uPohe Cedric Kevin Bah alias Ordinateur © Jörg Landsberg

So geht es zu in der Elfenbeinküste und Frankreich, den Heimatländern der Künstlerin? Darüber könnte jetzt geredet werden. Wie auch über andere persönliche Einlassungen aus dem Team. All das bleibt aber stets nur Mini-Exkurs im Maxi-Versuch, Despentes' Pro-Sex-Feminismus zu preisen und ihre Pauline als moderne Nana zu verkaufen, die zwar in einem ähnlich miesen Stadtteil haust, dem Pariser Ghettoviertel Barbes, aber eben nicht Opfer ihrer Herkunft wird. Sie übernimmt die Identität und integriert die Eigenschaften ihrer toten Schwester, ohne ihre eigenen zu ignorieren. Ein "Hybrid" aus Ein- und Aussteigerin in Sachen Geschlechterrollenklischees, so bezeichnet Svetchine sie. Servil und aufmüpfig, sei sie nicht mehr abhängig von Männern, treffe eigene Entscheidungen. Toll. Aber theatral umgesetzt wird das nicht.

Sei einfach, wer du willst

Denn schon will das Ensemble Despentes' Happy-End-Kitsch mit Ideen ihres Transgender-Freundes Paul B. Preciados toppen. Strahlend berichtet Franck Edmond Yao von einem aus der Preciados-Lektüre gewonnen Gedanken: Ob Menschen queer, trans, gay oder Migranten seien, alle hätten doch den gleichen Feind, "das System", da könnten sie sich doch zusammentun und einander helfen. Nachfragen gibt es keine. Kurz darauf steht ein Kollege auf und sagt, er habe keine Lust mehr auf diesen scheiß Text, wolle doch einfach nur sagen, er wünsche sich einen Ort, wo Identitäten nicht festgezurrt würden in Kategorien. Dahin wollen dann irgendwie alle. "Sei einfach, wer du sein willst", ist dann so ein Satz, der wohl als Moral von der Performance gemeint ist.

Nana07 560 Joerg Landsberg uFranck Edmond Yao © Jörg Landsberg

Dass für diese zweite Nana-Produktion mehr Energie in die Übersetzung der Aussagen in Bewegungen investiert wurde als in gemeinsames diskursives Denken, ist ein Problem des Abends. Einerseits ist es eine große Freude, das sich in aller Gender-Diversity feiernde Ensemble zu erleben. Anderseits bräuchte es dringend einen Moderator, der mal die Zügel in die Hand nimmt, damit die Plaudereien an Drive gewinnen, zielgerichtet geführt werden und nicht immer wieder im spannungslosen Nacherzählen von Büchern und Meinungen verharren. Keine schlau präzisierende Lecture Performance ist Gintersdorfer gelungen, sondern afroeuropäisch vertanzte und verplauderte Gender-Debatten-Schnipsel sind zu erleben, die allzu leicht abzunicken sind.

Nana kriegt keine Pocken
von La Fleur
Regie/Konzept: Monika Gintersdorfer, Choreografie: La Fleur, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Bühne: Chris Mukenge-Lukunku, Lydia Schellhammer, Kostüme: Abdoulaye Kone alias Bobwear, Arturo Domínguez Lugo, Musik: Timor Litzenberger, Atalakou Skelly, Licht: Ralf Scholz, Dramaturgische Betreuung: Anne Sophie Domenz.
Mit: Annick Choco, Dalel Bacre, Arturo Domínguez Lugo, Carlos Gabriel Martinez, Alexander Mugler, Pohe Cedric Kevin Bah alias Ordinateur, Justus Ritter, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Matthieu Svetchine und Elisabeth Tambwe.
Premiere am 20. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Wundersam kurzweilig" fand Rolf Stein von der Kreiszeitung (21.2.2020) den Abend. "Despentes Roman 'King Kong Theorie' als vehementes Plädoyer für einen 'sexpositiven Feminismus', dient La Fleur in bewährter Manier als Material, auf das beherzt zugegriffen wird, um es mit den eigenen Biografien abzugleichen, es sich anzueignen oder zu verwerfen. Und diese Biografien sind so vielfältig, wie sie, das zumindest scheint als Utopie auf, eines gemeinsam haben: dass sie in der einen (zum Beispiel sexuelle Orientierung) oder anderen Weise (Migrationsgeschichte) Störungen im Betriebsablauf darstellen, wie es bei der Deutschen Bahn heißen würde."

"Fragmente sind das, mit einer Strahlkraft, hinter der die erzählerische Stringenz mitunter auf der Strecke bleibt. Es ist zugegebenermaßen eine feuilletonistischen Unsitte, penetrant auf dem Text herumzureiten, dass es aber trotz langer Nacherzählung und Erklärungen schwer ist, der Handlung von 'Pauline und Claudine' zu folgen, ist schon ein Problem der Inszenierung", schreibt Jan-Paul Koopmann in der taz (22.2.2020). "Zünden tut sie trotzdem, diese Melange aus Tanz, Theorie, Aktivismus und Textarbeit. Und Spaß macht es noch dazu, diese handgreifliche Aneignung von Rollenbildern und kulturellen Praxen."

Die Bruchstücke und Figuren der Texte würden so klar wie beim Märchenerzählen präsentiert und vorgeführt. Man müsse daher keines der Werke kennen, um folgen zu können, schreibt Iris Hetscher vom Weser Kurier (22.2.2020). Mit viel Energie, hohem Tempo und Humor setzt das Ensemble diesen Mix aus fiktiven Teilen, eigenen Beobachtungen und Thesen in Aktion um. Jedoch: Der dritte Teil drifte ins ärgerlich Beliebige ab und in eine zunehmend unkonzentrierte theatrale Umsetzung.

Als "vielseitig und verrrückt, im besten Sinne!", beschreibt Marcus Behrens von Radio Bremen (21.2.2020) den Abend. "Der Abend als Ereignis funktioniert, das Spiel mehrerer Sprachen ist zeitweise lustig, vor allem, wenn man sie alle versteht. Aber insgesamt fehlte mir das Aha-Erlebnis, die Überraschung." Und weiter: "Wer neugierig ist, und entweder die Werke von Zola und/oder Despentes kennt oder gar liebt, erlebt hier eine sehr ungewöhnliche Interpretation. Nichts für Puristen allerdings, eher etwas für weltoffene und vor allem auch diverse Menschen."