Für "Horror" drücken Sie die Drei

von Grete Götze

Frankfurt, 22. Februar 2020. Bei Aischylos endet das 2500 Jahre alte Stück "Die Orestie" mit Freudenjubel, es ist die Geburtsstunde der europäischen Demokratie. Der Theateraktivist Milo Rau hat das antike Drama im vergangenen Jahr nach Mossul verlegt, die nordirakische Stadt, die 2014 von der Terrororganisation "Islamischer Staat" eingenommen und schließlich von den Alliierten befreit wurde. Bei Rau durften die irakischen Männer zum Schluss abstimmen, ob die Anhänger des IS, die ihre ganze Stadt zerstört hatten, begnadigt oder getötet werden sollen. Sie enthielten sich – ein Hoffnungsschimmer?

In einer Zukunft nach den Menschen

Im Schauspiel Frankfurt endet der Abend bei Jan-Christoph Gockel mit der Apokalypse. Die Göttin der Weisheit ist hier ein statuenhaft geschminktes kleines Mädchen, das durch eine verlassene, staubige Landschaft läuft und rückblickend die Geschichte der Menschheit erzählt. Es habe mal Leben gegeben, das einfache Formen von Kultur und Gesellschaft herausgebildet habe, und es sei unklar, ob diese Spezies ihre eigene Auslöschung bewusst hervorgerufen habe oder nicht.

Orestie 3 560 Thomas Aurin uDer Chor mit dem Puppenabbild von Klytaimnestra, rechts sie selbst (Katharina Linder) © Thomas Aurin

Ob nun in ein Kriegsgebiet verlegt oder in ein postmenschliches Zeitalter, die "Orestie" hat Konjunktur bei den engagierten politischen Regisseuren. Kein Wunder, zeigt sie doch den Übergang vom göttlichen Racheprinzip zum neuen demokratischen Gerichtswesen, in dem das Volk entscheiden darf. Auch Gockel, der vor 16 Jahren Hospitant am Schauspiel Frankfurt war, möchte in seiner ersten Inszenierung auf der großen Bühne in Frankfurt zeigen, wie verlogen und schuldbeladen unsere westliche Demokratie ist, die sich gerne rühmt, das beste aller Rechtssysteme zu haben.

Ein Chor ohne Sprache

Auf einer rostigen Metallbühne mit hoch gezogenen Wänden und einer zum Publikum hin abschüssigen Schräge folgt Gockel der Chronologie der Geschichte: Die Königin Klytaimnestra rächt den Mord ihres Mannes Agamemnon an der gemeinsamen Tochter Iphigenie mit dem Mord an ihm und seiner Geliebten Kassandra, Orestes tötet daraufhin seine Mutter und ihren Geliebten Aigisthos, bestärkt durch seine Schwester Elektra. Er flieht nach Athen, verfolgt von Rachegöttinnen, wo er mithilfe von Athene entsühnt wird, die erstmals die Bürger mit einbezieht in die Frage nach seiner Schuld und so das Prinzip der Rache und Widerrache beendet.

Orestie 2 560 Thomas Aurin uMuttermörder Orestes (Samuel Simon) verfolgt von den Rachegöttinnen (geführt von Michael Pietsch) © Thomas Aurin

Der Struktur des Dramas bedient sich der Regisseur, doch der Text in der Übersetzung von Peter Stein spielt keine wichtige Rolle. Und der Chor, der bei Aischylos für das Volk steht, hat in dieser Inszenierung gar keine Sprache. Stattdessen beginnt der Abend, in dem auf die noch heruntergelassene Bühnenwand überlebensgroße Bilder von Puppen projiziert werden, durch das Einspielen von Lautsprecher-Stimmen, die Audioguides aus dem Museum nachahmen: "Für Frieden drücken Sie bitte die Drei", "Are we going to die? Sometime." "Abbildung drei: Aigisthos, der Hausfreund." Die Idee mit dem Audioguide leuchtet ein, sie nimmt einerseits ironisch Bezug auf die Demokratie, in der wir scheinbar die Wahl zwischen vorgefertigten Entscheidungen haben. Anderseits zeigt sie den Versuch der Inszenierung, uns ein museales, unendlich weit entferntes Stück nahe zu bringen.

Das Abendland als aufgelassener Jahrmarkt

So beginnt auch die eigentliche Bühnenhandlung. Christoph Pütthoff, der eigentlich den Wächter spielen soll, putzt wütend zwischen den auf der Bühne verteilten Puppenabbildern der Protagonisten umher und bittet "um eine Änderung. Um ein Ende der Geschichte, eine Apokalypse" – schon bevor die Fiktion des Dramas beginnt, wird sie aufgebrochen. Im Verlauf des Abends werden immer wieder einzelne Szenen gespielt, wobei der schwarz gekleidete Chor im Hintergrund agiert und die Puppen führt, welche die Figuren doppeln. Torsten Flassig schafft es, als Kassandra seine eigene Ermordung vorherzusehen und dabei auch noch lustig zu sein. "Oh, ein erfrischendes Bad", wiederholt er immer hysterischer seine Puppe führend.

Orestie 1 560 Thomas Aurin uDie Unterwelt  © Thomas Aurin

Der zweite Teil, in dem Klytaimnestra mit Aigysthos über das Königreich herrscht, ist in eine verlassene Jahrmarktlandschaft verlegt. Der Regisseur hat sich, wie das Programmheft verrät, von nie eröffneten Vergnügungsparks in Tschernobyl inspirieren lassen. Klytaimnestra trägt ein purpurnes Kleid und thront über ihr kaputtes Reich. Ihr Sohn und Mörder Orestes ist aus Gockels Sicht eine scheinbar geschlechtslose Figur, die sich von Vater und Schwester fast zum Muttermord hinprügeln lassen muss. Der Hades unter der Bühne, indem Agamemnon, Kassandra und Äigysthos schon sitzen, wird für den Zuschauer sichtbar durch eine transparente Leinwand, auf die Livekamera-Bilder der Unterwelt projiziert werden. Die Bühnenluke, durch die alle Figuren in die Unterwelt gelangt sind, versucht der verzweifelte Orest mit Möbeln zu versperren. Doch die verdrängten Figuren bleiben Teil seiner Geschichte. Wie Sisyphos lässt er sich immer wieder den Abhang hinunter rollen.

Eine späte Mahnung

"Die einzige Hoffnung und Chance für Europa ist eine Allianz der Schuldigen", tönt es im dritten Teil aus den Lautsprechern, ein Heiner Müller-Zitat. Die verdreckten Puppen des ersten Teils sind jetzt wieder durch einen aus dem Bühnenboden hochgefahrenen Schaukasten sichtbar, der an ein griechisches Relief erinnert. Alles ist tot. Und selbst Athene, die aus dem Relief heraussteigt, wirkt mit einem Stiel am Hinterkopf wie eine ferngesteuerte Puppe.

Solange die Europäer ihre Schuld nicht auf sich nehmen, kann sich die Geschichte nicht zum Guten hin ändern, ist die Moral von der Geschicht'. Moral auf der Bühne ist eine schwierige Sache, aber Gockel hat für seine Kritik eine ästhetische Entsprechung gefunden. Und er spricht für die Generation, deren Kinder miterleben könnten, wie sich die Welt durch Klimakatastrophen und Unterdrückung anderer Völker total umwälzt. Seine spielerische Herangehensweise hat sich Gockel beibehalten, und er hat in einem schweren Stoff neue Bilder gefunden für seine Interpretation.

 

Orestie
von Aischylos
Deutsch von Peter Stein
In einer Bühnenfassung von Marion Tiedtke und Jan-Christoph Gockel
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Amit Epstein, Puppenbau/ -spiel: Michael Pietsch, Musik und Hörspiel: Matthias Grübel, Dramaturgie: Marion Tiedtke.
Mit: Altine Emini, Torsten Flassig, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Michael Pietsch, Christoph Pütthoff, Sebastian Reiß, Samuel Simon, Andreas Vögler.
Premiere am 22. Februar 2020
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

Das Span­nungs­ver­hält­nis aus Mensch und Pup­pe er­weise sich we­nigs­tens für den ers­ten Teil als durch­aus frucht­brin­gend, schreibt Til­man Spre­ckel­sen in der FAZ (24.2.2020). Aber: Was in die­sem ers­ten Teil kon­se­quent und wuch­tig da­her­komme, zer­fa­sere dann im zwei­ten Teil. "Man hät­te in ei­ner Zeit, in der sich der Rechts­staat, das de­mo­kra­ti­sche Bür­ger­tum, die Zi­vil­ge­sell­schaft so her­aus­ge­for­dert sieht, kaum ein ak­tu­el­le­res Stück fin­den kön­nen als die­ses an­ti­ke, das nach dem Un­ter­schied von Ge­rech­tig­keit und Ra­che fragt und da­nach, wie die­je­ni­gen, die in die­sem Pro­zess als Er­in­ny­en un­ter­lie­gen, trotz­dem und wohl ge­gen al­le Wahr­schein­lich­keit als Eu­men­iden ein­ge­bun­den wer­den kön­nen. So dar­ge­bo­ten wirkt die 'Ores­tie' wie ei­ne ver­pass­te Chan­ce."

Gockel versuche unbekannte Schichten des Stoffs freizulegen. "Das Problem: Die Inszenierung findet nie aus ihrer spielerischen Rolle des Archäologen heraus und entwickelt selten echte Dramatik", schreibt Bettina Boyens von der Frankfurter Neuen Presse (24.2.2020). Ihr ausdrückliches Lob gilt Michael Pietsch, der mit seinen Puppen eine behutsame und doch klare Sprache für die Offenlegung der historischen Dimensionen finde.

"Zwischen den Elementen der Kopfgeburt – und eine Kopfgeburt ist es – immer wieder schöne, wenn auch rigoros untragische, antitragische Szenen. Ab dem zweiten Teil wird es insgesamt spielerischer, etwas konzentrierter, allemal bunter", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (24.2.2020). "Dass Gockels Inszenierungen ein Überfüllungsproblem haben können, ist schon gelegentlich aufgefallen, aber nie so deutlich. Dass die Unerbittlichkeit und Unvermeidlichkeit des Geschehens eben eine menschengemachte und anzweifelbare ist, lässt sich hingegen durch die Fragmentierung und die Unterbrechungen, dieses ständige Zurücktreten, Von-oben-Schauen, In-der-Literatur-Blättern und Googeln, unterstreichen." Die Wucht der Tragödie werde dadurch freilich weggeschoben und durch die offenbar nachher vollzogene Apokalypse auch regelrecht übertroffen – "selbstverständlich ist der Weltuntergang gewichtiger als das blutige Schicksal der Atriden. Das hat etwas kindlich Spektakuläres, ist aber auch eine Binsenweisheit."

 
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