Zu krass für Google Translate

von Christian Rakow

Berlin, 26. Februar 2020. Zu den Klängen der Mundharmonika von "Spiel mir das Lied vom Tod" schleichen sie heran, im Western-Look, aber seltsam fremdgesteuert, ein wenig wie die Cyborgs im Freizeitpark der HBO-Serie "West World". Ihre Tänze ruckeln, wirken gezielt abgehackt, ähnlich dem Gockeln der Vögel. Und knapp drei Stunden später werden sie uns wieder verlassen, als Zombies, gefangen in Zeitlupenmassakern. Dazwischen aber, mein Gott, da waren sie irre lebendig.

Constanza Macras legt mit ihrer Compagnie Dorky Park nach Der Palast ihren zweiten Volksbühnen-Tanzabend vor, an dem Ort, an dem sie beim designierten Intendanten René Pollesch ab 2021 Hausregisseurin sein soll. "The West" heißt der Abend. Ursprünglich hatte man sich dafür Abdourahman A. Waberis Roman "In the United States of Africa" als Inspiration genommen, eine Satire, die die globalen Verhältnisse umkehrt: aus dem verarmten Norden strömen Wirtschaftsflüchtlinge in die prosperierenden Staaten am Äquator.

Bestandsaufnahme globaler Hyperkultur

Aber vielleicht lässt sich so eine Fiktion der großen Umkehrung schlecht erzählen aus der Situation Europas heraus, zumal aus einem Künstlertum, das selbst in Fülle das aufgesogen hat, was der Soziologe Andreas Reckwitz die "Hyperkultur" nennt: also den globalen Austausch von Werten und Kulturformen im Zuge des westlich geprägten Kulturkapitalismus, der das urbane kosmopolitische Selbstverständnis heute vielerorts bestimmt. Macras hat also Waberi beiseitegelegt und gibt, was ebenso folgerichtig wie ertragreich ist, in "The West" eine Bestandsaufnahme ebendieser kulturkapitalistischen Bewegungen. Ein wild sprudelndes Unternehmen.

the west3 560 thomas aurin 2408m Candaş Bas und Thulani Lord Mgidi in "The West" © Thomas Aurin

Nach anfänglichen Cowboy-und-Indianer-Szenen, in denen die kolonialistische Imagination der Eroberung des Westens gestreift wird, biegt der Abend in die südamerikanische Unterhaltungskultur ein, mit ihren Telenovelas und den US-Importen "Bionic Woman" oder "Wonder Woman". In launiger Plauderei breitet die gebürtige Brasilianerin und langjährige Macras-Akteurin Fernanda Farah eine Jugend im Zeichen des TV-Entertainments aus und mixt Erinnerungen an die argentinische Videla-Diktatur hinein (und damit Kontext aus dem Herkunftsland von Constanza Macras). Bald darauf geht's in die Gegenwart, in der das Bild der energiestrotzenden Latina Marke Jennifer Lopez zum globalen Pop-Exportschlager wird.

Twerk it, shake it

"Welcome to the Church of Twerk" proklamiert Farah, und es folgen im Höhepunkt des Abends schier endlose, fantastische Twerking-Choreographien, also Poposchüttler, bis der Arzt kommt, von Frauen wie Männern, übereinander, untereinander, im Knäuel oder allein. Dorky Park Streetdance goes Stadionpop. Ein Must-see.

the west3 560 thomas aurin 9345m Streetdance goes Stadionpop: das Ensemble in "The West" © Thomas Aurin

Unterlegt ist das Ganze mit volksliedhafter spanischer Barockmusik aus der Sammlung Cancionero de Palacio (wie alles hier von den Performer*innen live eingesungen und begleitet von treibenden Percussion- und Gitarrensounds von Almut Lustig und Katrin Schüler-Springorum). Über diese Cancionero de Palacio referiert sogleich Bastian Trost (ansonsten bekannt als Mitglied von Gob Squad) in der komisch überzeichneten Rolle eines weißen Mansplainers, obergelehrt, ohne Punkt und Komma, ohne Selbstzweifel, wie man's "im Westen" eben macht.

Von Schwarz zu Weiß und wieder zurück

Kurz nach der Pause kommt der Abend dann diskursiv ganz zu sich. "Willkommen zu: Von Schwarz zu Weiß und wieder zurück!", begrüßt uns Bastian Trost und legt eine wundervolle Miniatur des kulturellen Zirkulierens vor: Wir hören den Ohrwurm Informer, den der weiße Rapper Snow alias Darrin Kenneth O'Brian aus Toronto Anfang der 1990er aus dem jamaikanischen Raggamuffin entlehnte und in einem Englisch, "das selbst Google-Translate nicht mehr erkennen kann", in die Radios der Welt sendete.

the west3 560 thomas aurin 8813mCowboy-und-Indianer-Spiele: "The West" © Thomas Aurin

Der Song tauchte hernach an zig Orten neu auf: in einer schwedisch-dänischen Bollywood-Variante, in einer rumänischen Gangsterrap-Fassung, bevor er 2019 in die Karibik "zurückkehrte", eingesungen von dem Puerto Ricaner Daddy Yankee, mit Gastauftritt von Snow. All diese Versionen performen die Dorky Park-Spieler*innen mit überbordender Lust an der Imitation. "Wir entschuldigen uns jetzt schon für die kulturelle Aneignung", sagt Trost. Aber was wäre Kunst anderes als ebendiese Aneignung, der unablässige Austausch, das Nachahmen und Transformieren, das Mash-up?

Huldigung der Cultural Appropriation

Macras und Dorky Park huldigen der "Cultural Appropriation", aber sie verklären sie nicht. Immer wieder treten Akteure in den Choreographien und in kleinen Spielszenen in der Rolle von Regieführenden auf, kommentieren und korrigieren, veranschaulichen die Macht und die Zwänge der Repräsentation: federführend Bastian Trost und Fernanda Farah (die aufgrund eines Schwächeanfalls in der zweiten Hälfte der Premiere denn auch kurzerhand von Constanza Macras vertreten wurde). Der Austausch gibt Zugewinne wie Verluste, das ist das Janusgesichtige des Kulturkapitalismus. Im Finale wenden sie sich wieder der Kolonisierung Amerikas zu und zeigen im Spiel mit Lego-Figuren die Ausrottung der indigenen Völker. Bevor die Zombiefizierung einsetzt.

Über diese Zombies heißt es einmal: "In Zombie films, scenes of plunder are recognizable as bittersweet fantasies in which the viewer is invited to celebrate the end of capitalism: sweet in that everything is now free, and bitter in that everyone you know is dead." Die Plünderungen der Zombies stehen sinnbildlich für das Süße und Bittere am Kapitalismus: alles ist so herrlich frei verfügbar, aber alle sind bittererweise auch tot, der ursprünglichen Lebendigkeit entleert. In dieser Ambivalenz hält "The West" sein Spiel des kulturellen Tauschs. Ein kluger Abend, ein überbordender, ein Fest der Tanzkunst.

The West
von Constanza Macras | Dorky Park
Regie und Choreografie: Constanza Macras, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Roman Handt, Licht: Sergio de Carvalho Pessanha, Dramaturgie: Carmen Mehnert.
Mit: Candaş Bas, Adaya Berkovich, Alexandra Bódi, Emil Bordás, Kostia Chaix, Fernanda Farah, Thulani Lord Mgidi, Daisy Phillips, Miki Shoji, Bastian Trost. Musikerinnen: Almut Lustig, Katrin Schüler-Springorum.
Premiere am 26. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.volksbuehne.berlin

 

Kritikenrundschau

Cowboy- und Indianer-Spiele, die zur Einübung ins westliche Narrativ dienen, in dem "die weißen Helden vielleicht auch Schlechtes tun − aber sie tun es immer nur, weil es sein muss und damit das Gute siegen kann": Für Michaela Schlagenwerth von der Berliner Zeitung (27.2.2020) offenbart "The West" etwas vom "ungeheuren Zynismus dieses Spiels" und von "der dahinter wirkmächtigen Didaktik", die in der massenmedialen Unterhaltung insgesamt am Werk ist. "The West" sei "ein Ritt durch unser von diesen Bildern geprägtes Unbewusstes". Manchmal drohe die "bonbonbunte, rasante, lustige Revue" in den Banalitäten der Nachstellungen zu versanden oder verwandle sich ihnen zu sehr an. Doch wie schon mit "Der Palast" habe Macras an der Volksbühne erneut "einen echten Renner gelandet". 

Als Auseinandersetzung mit dem "westlichen Kulturimperialismus" empfindet Elisabeth Nehrling für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk Kultur (27.2.2020, hier das Audiofile) diese "rasante, überbordende Versatzstück-Show". Ein "lustvolles Szenenpanorama kultureller Aneignungen, Selbst- und Fremdbestimmungen" gäbe es zu sehen, es werde "hochenergetisch" getanzt. "Nicht nur einmal ensteht der Eindruck, dass der Abend sich verzettelt, mitunter zu strickt zwischen Didaktik und Unterhaltung trennt und noch Stringenz und Timing entwickeln muss. In die Tiefe geht es nirgendwo. Aber sie wird ersetzt durch die Fülle." Dass "stetiger Austausch, Nachahmung und Transformation" als Bestandteil kreativer Prozesse vorgeführt würden und die Regie ihr Sujet "zugleich kritisiert und affirmiert, aber niemals verurteilt wird", sei "ganz schön schlau".

Als "Meisterin des Metroboulevards, auf dem Hip-Hop, Stepp und Ballett schwesterlich koexistieren", stellt Dorion Weickmann die Choreographin Constanza Macras in der Süddeutschen Zeitung (online 5.3.2020) vor. In ihrer neuen Arbeit nimmt Macras "die Im- und Exportstrategien des Westens – hier kulturelle Aneignung, dort kultureller Imperialismus – ins Visier". Dabei sehe der Abend mit seinen vielen Kostümwechseln "nach verspäteter Faschingsparty aus", wobei das der Dynamik keinen Abbruch tue und der Zuschauer "wie angeheitert durch" das Setting gleiten könne. Macras sei an diesem Abend "nichts heilig, aber vieles ernst", lobt Weickmann. "Das gilt selbst bei hochgepegeltem Spaßfaktor."

 
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