Die Rede nach dem Schuss

von Jan-Paul Koopmann

Hannover, 28. Februar 2020. Es ist dermaßen viel geschrieben worden über den beklemmenden Nicht-Charme der alten Bundesrepublik, dass man es schon gar nicht mehr sagen möchte. BRD Noir – Sie wissen schon – wo allen Angst und Bange vor Baader und Meinhof war. Wo das gräulich verkrampfte Machtzentrum mitten im Karnevalsland lag. Wo echte alte Nazis in Amtsstuben und Lehrerzimmern noch rauchen durften. Tja, und wo auch nicht alles schlecht war, weil es noch Adorno im Radio gab und abends manchmal noch ein doppelt in Alu gewickelter Klumpen "Kalte Schnauze" in der Durchreiche auf einen gewartet hat. Das ist die Welt von Bölls Heinrich Katharina Blum – die darin von den Boulevardmedien zugrunde gerichtet wird, weil sie einem Straftäter zur Flucht verholfen haben soll. In Hannovers Schauspielhaus treibt Stefan Pucher großen Aufwand, damit Katharina aus dieser Welt auch ja nicht rauskommt.

Verkorkste Beziehungen in Großaufnahme

Caroline Junghanns ist in der Titelrolle ganz bei sich: monologisiert im Verhör minutenlang und besteht mit Böll auf sprachlicher Präzision im Protokoll. Sie war auf keiner "Party", sondern auf einem "Hausball", und es macht einen Unterschied, ob Männer "zärtlich" sind, oder "zudringlich". Überlebensgroß zerrt die Livekamera ihr Gesicht an die Wände und stellt Film neben das Bühnengeschehen. Nicht als Gimmick, oder weil das bei Pucher eben so sein muss, sondern als tatsächlich komplexer Verweisraum für Erinnertes und Verdrängtes in Schwarzweiß. Und natürlich als Projektionsfläche für Junghanns' akribisch-empathisches Mimenspiel. So komisch das vielleicht klingt: Ihr beim Zuhören zuzusehen, ist mit Abstand die größte Freude dieses Abends.

katharina blum 2 560 KerstinSchomburg uKatharina Blum (Caroline Junghanns) als Beobachterin des Geschehens © Katrin Ribbe

Seine Kameras braucht Pucher in Hannover aber auch, um all die isolierten Positionen überhaupt miteinander ins Gespräch zu bringen. Wenn abends etwa der Chef vorbei kommt, um mit dem Herrn des Hauses zu streiten, dann geht das so: Miriam Maertens bleibt vorn am Bühnenrand zurück, um als Ehefrau bissig-schöne Kommentare in Publikum abzufeuern. Die Männer verschwinden derweil hinter der Bühne und werden dort live beim Aneinander-Vorbeireden gefilmt. Einer landet meterhoch links von der Spielfläche an der Wand, der andere rechts. Erstaunlich ist, dass es tatsächlich funktioniert, in diesem Setup ein dynamisches Spielgeschehen in Gang zu bringen. Die verkorksten Beziehungen dieser Menschen liegen jedenfalls klar und sezierbereit auf dem Tisch, obwohl hier ohne mediale Vermittlung so gut wie gar nicht miteinander gesprochen wird.

Boulevardreporter als Oberschurke

Dumm nur, dass gerade die Geschlossenheit dieser Theatermaschine die vielbeschworene Aktualität des Stoffs überhaupt nicht mehr durchdringen lässt. Zurück bleibt eine großartige Katharina Blum, die sich mit mal mehr und mal weniger lustig überzeichneten Figuren die Bälle zuspielt. Dass Mohamed Achour den Boulevardreporter etwa wirklich energisch als gelackten Mistkerl und widerlichen Oberschurken spielt, verstellt gerade den Blick auf die gesellschaftliche Dynamik von Shitstorms.

katharina blum 1 560 KerstinSchomburg uGroßzügige Erzählräume © Katrin Ribbe

Überhaupt gehen uns viele Themen aus Bölls Erzählung ja durchaus auch heute noch etwas an – es ist auch eine #MeToo-Geschichte, die Bild-Zeitung gibt es immer noch und über Terrorismus muss dieser Tage auch wieder gesprochen werden. Nur hätte Pucher, um diese Bezüge herzustellen, wenigstens andeutungsweise greifbar machen müssen, was sich inzwischen verschoben hat: Dass heute etwa angesichts des Naziterrors die Unfähigkeit oder der Unwillen gerade jener Behörden beklagt werden müssen, die Böll noch in hysterischem Jagdfieber erlebte.

Zwischen Couchtisch und Whiskyflakon

Auch ein Blick auf die vielen schweigenden Beate Zschäpes der ganzen NSU-Stücke und -Inszenierungen der letzten Jahre hätte sich gelohnt, gäben diese Zschäpes doch wunderbar produktive Antithesen zur redlich diskutierenden Blum ab. Doch bis dahin dringt diese Inszenierung nicht vor, weil sie noch in Cord und Leuchtfarben-Polyester steckt und lieber zwischen Couchtisch, Whisky-Flakon und Scheinholzvertäfelung alte Zeiten aufleben lässt.

An der Kurzweiligkeit des Abends ändert das nichts – im Guten wie im Schlechten. Was bleibt, ist ein technisch beeindruckender Aufbau, der sein Personal tatsächlich nicht ausspielt, sondern ihm auch nach heutigen, multimedial übersättigten Standards noch Räume erschließt. Nur ist eben leider weitgehend egal, was darin passiert.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum
nach der Erzählung von Heinrich Böll
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Ute Schall und Hannes Francke, Dramaturgie: John von Düffel.
Mit: Mohamed Achour, Mathias Max Herrmann, Caroline Junghanns, Wolf List, Miriam Maertens.
Premiere am 28. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

Kritikenrundschau

"Der Videogroßeinsatz wirkt hier auch nicht fremd und aufgesetzt – das passt alles schon sehr gut, schließlich geht es in dieser Erzählung ja auch um die Macht der Medien", schreibt Ronald Meyer-Arlt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (2.3.2020). Aber: "Dafür, dass diese alte, starke Erzählung mit einer Stimme von heute zu uns spricht, ist nicht das allgemeine Bildgewitter verantwortlich, sondern die Darstellerin der Titelheldin. Caroline Junghanns zeigt uns eine Frau, die etwas sehr Einfaches macht, das sehr schwierig ist: Sie versucht sich vor Zudringlichkeit zu schützen. Da wird die alte Geschichte ganz heutig und ganz packend. Katharina Blum liefert hier das Rollenmodell einer sehr normalen Frau, die etwas Selbstverständliches will: in Ruhe gelassen werden."

Für "bestechend schlüssig" erachtet Stefan Gohlisch von der Neuen Presse (2.3.2020) die Inszenierung. "Das Entwaffnende der Textfassung von Dramaturg John von Düffel ist, dass er an gar nicht so vielen Stellschrauben drehen musste, um überkommene Geschlechterrollen vorzuführen und ihre Spuren in die Gegenwart zu verfolgen. Medialer Terror und übergriffige Kerle, die Bedrohung der Demokratie – alles da, aber im Subtext." In kleinsten Nuancen zeichne Caroline Junghanns das Bild einer Frau, die – verletzlich und stolz zugleich – stets um Kontrolle bemüht sei und sie doch verliere. "Das Publikum, das lange keinen so wuchtigen, überwältigenden Zugriff auf ein Stück mehr erlebt hat, dankt mit dem bislang hartnäckigsten Applaus dieser Spielzeit."

 

 
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