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Der Teufel sagt Prawda

von Tobias Prüwer

Leipzig, 7. März 2020. "Das Kleid ist aus Dederon, der Boden aus PVC, die Wände sind aus Sperrholz – lackiert. Sondermüll." Der Teufel macht auf Umweltschützer und Humanist. "Das alles verrottet in frühestens 400 Jahren. Bis dahin sind Sie alle tot. In 100 Jahren sind Sie alle klebriger Morast. Aber bis dahin machen wir es uns noch ein wenig hübsch." Bittere Wahrheit. Auf die Leipziger Inszenierung von "Meister und Margarita" bezogen, fallen diese Worte zu harmlos aus. Claudia Bauer macht aus dem Roman bildgewaltigen Bombast, der mit den Regeln des Theaters spielt und ja: es feiert.

Schöpfer, Zerstörer

Michail Bulgakows Jahrhundertbuch wird in ein Bühnenbild verlegt, das den Zuschauersaal des Schauspielhauses spiegelt. Die exakt gleichen braun getäfelten Wände sind zu sehen, auch der opulente Kronleuchter wurde nachgebaut. Hier finden alle Szenen statt, ohne Umbauten. Zu Gitarrenklängen des grungigen Livemusik-Duos beginnt der Szenenreigen, der gesungene Text kündigt das Thema an: "I'm a creator, I'm a destroyer." Das im Roman steckende Mephisto-Motiv vom Schöpfer und Zerstörer wird roter Faden sein. Aber als Bühnen-, nicht als Weltgeschehen; oder eben als Geschehen auf der weltbedeutenden Bühne. Hier ist im Hintergrund jedenfalls mehr Shakespeare als Goethe am Werk.

meister und margarita 05 560 c rolf arnold uDer Teufel Woland (Dirk Lange) steht rechts im Bild © Rolf Arnold

Der Buchinhalt wird zusammengestückelt nachgespielt. Der Teufel – hier Woland genannt – begegnet dem Armen Iwan Besdommy, der daraufhin in einer Nervenheilanstalt kommt. Hier trifft er auf den Meister, der an seinem Buch über den biblischen Pontius Pilatus verzweifelt. Woland zieht in eine Mietskaserne, mordet diesen und jenen, tritt im Varieté auf. Auch der römische Stadthalter Pilatus tritt hin und wieder selbst auf. Bei einer satanischen Orgie ist Margarita Woland zu Dienste, der schließlich ihren innigsten Wunsch erfüllt: Sie wird mit ihrem Geliebten Meister wieder vereint, der aus dem Sanatorium gerettet wird. Weil beide nichts mehr auf der Welt hält, sind sie alsbald tot. Im Epilog begegnet das Paar Jesus und Pilatus, die sich versöhnen. Der Eiserne senkt sich. Musik: "I'm a creator, I'm a destroyer."

"Ich glaube das nicht!"

Figurenpsychologisch findet nichts statt. Von der innigen Liebe zwischen Margarita und Meister ist nichts erkennbar. Trotzdem sie titelgebende Hauptpersonen sind, agieren sie zumeist in einem Kabuff, halten sich im Hintergrund. Im rasanten Wechsel der Spielszenen bleiben die meisten Charaktere blass. Keine Zeit, um diese auszufüllen. Der Romantext verdichtet sich nicht zum dargestellten Spiel. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil zwei Momente Regisseurin und Spieler*innen viel mehr interessieren. Das ist zum einen die Lust am Grotesken. Von wunderbaren Lichtwechseln begleitet, die ins Psychedelische spielen, baut Bauer zahlreiche beeindruckende Tableaus auf. Da zucken libidinöse Leiber, flackern dosiert eingesetzte Projektionen auf, wird Margaritas Hexenflug zum Figurentheater.

meister und margarita 04 560 c rolf arnold uJulia Preuß und Paul Pötsch in Andreas Auerbachs Bühnennebel  © Rolf Arnold

Die Musiker Christin Nichols und Paul Pötsch schaffen mehr als Atmosphäre: Eingestreute Songs besorgen rockigen Revuecharakter. Immer wieder entpuppen sich Szenen als Farce, wird mit diabolischer Freude dermaßen "drüber" agiert, dass die Fallstricke von Kitsch und Pathos gar nicht erst aufkommen. In der großen Ensembleleistung zeigt sich niemand schwach. Der Teufel Woland ist Dirk Lange auf den Leib geschneidert. Einmal mehr ist er in seinem Element zwischen Dandy, Beau und Fiesling permanent gekonnt zu changieren. Eine Dominatrix ohne Klischee meistert Anna Keil, die Woland als Gehilfin zur Hand ist. Ihre herrischen Zügen durchbrechen ironische Gesten, die Dominanz in der Körpersprache lässt auch lässige Bewegungen zu, in denen die Spannung nicht abfällt. Stark zeigt sich Tilo Krügel besonders im anfänglichen Monolog, der die Spur zum zweiten Moment legt, der in Bauers Inszenierungsinteresse steht: das Theater.

Kein Entweder-Oder

Denn der Abend nimmt die Bühne selbst aufs Korn – und das Publikum. Anfänglich blicken alle acht Darsteller von einer Reihe Theaterbestuhlung in den Saal. Krügel notiert, schaut, ruft dann aus: "Ich glaube das nicht!" Eine Art Publikumsbeschimpfung beginnt. "Das kann man nicht glauben. So stellt man doch kein Publikum dar. Völlig unrealistisch. Das sind ja nicht einmal Publikumsdarsteller." Er zitiert Kritikerfloskeln: "Eine Reihe von Verabredungen, mehr nicht. Da kommt nichts bei mir an." "Das hört genau hier auf", sagt er und zeigt auf die vierte Wand. "Das will ganz viel, aber ich vermisse Welthaftigkeit!" Das ist schon mal großes Theater.

Motive wie Glauben und Ideologie werden mit Religions- und Geldkritik abgefrühstückt, eher touchiert, als tief diskutiert. Aber darum geht es gar nicht. Im Zentrum steht die Magie des Theaters, die Woland bei seinem Varieté-Kunststück vorführt. Er berichtet als Schauspieler Dirk Lange aus der Rolle gefallen von seinem "Hamlet" in Braunschweig. Wie ihm das Publikum an den Lippen hing, als er den berühmten Monolog nicht aufsagte, sondern nur dachte. "Magic!" Und dann rasselt er in Leipzig die Worte "Sein oder Nichtsein" herunter, um zu proklamieren, dass es doch nie um ein Entweder-Oder gehe im Leben. Im Theater schon gar nicht, predigt er seine Wahrheit. Und? Kann man beides überhaupt trennen? bleibt als Frage im nebelschwangeren Raum stehen.

 

Meister und Margarita
nach dem Roman von Michail Bulgakow
aus dem Russischen von Alexander Nitzberg
für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Ensemble
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Vanessa Rust, Live-Musik: Christin Nichols (Prada Meinhoff), Paul Pötsch (Trümmer), Dramaturgie: Matthias Döpke, Licht: Veit-Rüdiger Griess.
Mit: Julia Preuß, Thomas Braungardt, Julius Forster, Wenzel Banneyer, Tilo Krügel, Dirk Lange, Anna Keil, Roman Kanonik, Christin Nichols, Paul Pötsch, Bewegungschor Meister und Margarita.
Premiere am 7. März.2020
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

"So viel Zauber, so viel Magie und Mummenschanz: Claudia Bauers Team ist in Leipzig dem unverändert explosiven Kern des Romans sehr nahe gekommen", schwärmt Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur Fazit (7.3.2020). Bauer mache im Umgang mit dem Stoff alles richtig – "setzt auf Spektakel und Effekt und bricht dann beides am tiefen Ernst des Stoffes, verdichtet die Fabeln auf etwas mehr als zwei Stunden (...), treibt alles mit geschickten Zeit-Sprüngen voran und lässt darüber hinaus dem mitreißenden Leipziger Ensemble in rasant wechselnden Rollen viel Raum für eigene Zutaten."

Die Live-Musik verleihe dem Abend einen untergründigen Drive und letztlich auch einen Hauch von Punk-Revue, so Wolfgang Schilling vom MDR (9.3.2020), dessen Urteil aber durchwachsen ausfällt. „Der Abend hat seine Betriebstemperatur. Das macht Spaß. Aber nach zwei Dritteln beginnt der Motor nach meinem Empfinden zu stottern und das ganze verliert an Fahrt."

Bauer bringe Handlung und zeitgemäßen Diskurs zusammen und spiele den Stoff in seiner Frivolität und satirischen Schärfe aus, schreibt Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung (9.3.2020). "Konsequent entzaubert der Abend die oft überhöhte Verbindung zwischen Margarita und dem Meister." Doch im Schlussdrittel falle der Abend auseinander. "Der Schwung ist weg, der Erzählfaden faserig." Insgesamt blieben aber die dichten Theaterbilder der ersten Hälfte, eine gute Ensemble-Leistung und vor allem der klug und pointiert ins Heute gezogene Diskurs im Gedächtnis.