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Die toten Tiere der Vergangenheit

von Christian Rakow

Berlin, 11. März 2020. Am Tag, nachdem Berlins Kulturpolitik die großen Spielstätten der Stadt geschlossen hat, um der Corona-Pandemie Einhalt zu gebieten, bringt die Schaubühne einen angemessen apokalyptischen Abend heraus: "Die Affen" von Marius von Mayenburg läuft als einstweilen wohl letzte größere Schauspielpremiere im kleinen Rund des "Globe"-Saals vor 275 Zuschauern und erzählt vom Ende des Menschen, wie wir ihn kennen: gierig, ressourcenverschleißend, auf Kosten aller anderen Lebewesen die Zahl (nicht unbedingt das Glück!) der eigenen Art mehrend. Die Dornenkrone der Schöpfung.

Atavismus statt Aktivismus

An den Beginn seiner überaus lose gestrickten Handlung stellt Mayenburg den alternden Wirtschaftsangestellten Rupp, der in aller Herren Länder (des globalen Südens) schon Rohölvorkommen ausgebeutet hat, aber jetzt so etwas wie eine Krise erlebt: keine Midlife-Crisis, eher eine Endzeit-Krise. Die Menschheit ist ihm zuwider geworden, seine Frau auch, aber vor allem doch die Menschheit in ihrem Zivilisationsfeldzug gegen die Natur: "Das Öl, das sind die toten Tiere der Vergangenheit, mit denen wir unsere Tanks befüllen", sagt Rupp. Doch statt in einen möglichen Aktivismus, gleitet er in den Atavismus. Bald stößt er nur noch urige Laute aus und verwandelt sich in einen Affen – mit üppiger Ganzkörperbehaarung, wulstigem Stirnbein und gelenkiger Beinmuskulatur.

affen1 560 arnodeclair uAffe in Quarantäne: Mark Waschke, Robert Beyer © Arno Declair

Mindestens zwei Szenen lang wähnt man sich hier in einem vielversprechend kafkaesken Kammerspiel, in dem Rupps Familie stellvertretend für den Homo Sapiens im Allgemeinen die bittere Rechnung des Wohlstands präsentiert bekommt. Aber schon bald löst sich das angedeutete Setting und mit ihm das Figurenarrangement auf (im Stücktext sind vier Personen namentlich ausgewiesen, es werden aber deutlich mehr Rollen bekleidet): Genija Rykova und Mark Waschke stemmen das Gros der Auftritte, sind eben noch als Rupps Kinder angesprochen, werden aber schon bald zu imperialistischen Konzernstrategen oder rücken dem äffischen Rupp als Zoologen zu Leibe; dann wollen sie ihn als NASA-Forscherteam ins Weltall schießen, bevor sie sich wieder zur Familie formieren und ganz wie Papa als Affen enden.

Verwerfungen des Wachstums

Tatsächlich hat Mayenburg weniger ein Drama oder gar die angekündigte Komödie verfasst als eine thesenstrotzende Sammlung von Exkursen, die ungewohnt hölzern die unstrittigen Verwerfungen des kulturellen Wachstums, des Technologie- und Wissenschaftsstrebens bilanzieren. In länglichen Monologen wird sie in Mayenburgs eigener Uraufführungsregie mit zustimmungsheischenden Blicken ins Publikum gepflockt. Als dramaturgisches Bindemittel darf Jenny König in der Rolle der Gattin regelmäßig ihren Mann Rupp (Robert Beyer) umtänzeln und sein äffisches Schicksal beklagen. Reichlich undankbar. Über all dem schwebt auf der Bühne von Sébastien Dupouey ein imposanter Meteor aus Elektroschrott, und Videos öffnen den Blick auf Meereswellen oder die Weiten des Weltraums.

affen1 560 arnodeclair uRobert Beyer, Genija Rykova © Arno Declair

Ausstiegsfantasie?

"Handelt es sich bei Ihrem Verhalten um eine Form von Protest?", wird Rupp einmal zu seiner Verwandlung befragt. Und ganz ähnlich wie die Forscher vor dem Neu-Primaten steht der Kritiker vor diesem Abend: Handelt es sich bei ihm um eine reaktionäre Ausstiegsfantasie aus der Moderne? Oder um eine nebulöse Wiedergutmachungsgeste an unsere nächsten Verwandten und die vielen Opfer der menschlichen Evolution? Oder schlicht um eine schiefe Aneignung der Hollywood-Saga "Planet der Affen"? Oder um ein aus den Fugen geratenes Sampling von geschichtsphilosophischen Einsichten, die Yuval Noah Harari populär vorgebracht hat? Um eine engagierte Vorstudie zu einer womöglich noch zu schreibenden Diskurskomödie?

Kritiker sprechen gern davon, dass man in einem Stück noch "das Papier rascheln hört". Hier rascheln ganze Blätterwälder. Also abgeholztes Leben, dringend aufzuforsten.

 

Die Affen
von Marius von Mayenburg
Uraufführung
Regie: Marius von Mayenburg, Bühne und Video: Sébastien Dupouey, Kostüme: Anneke Goertz , Musik: Oliver Urbanski, Dramaturgie: Maja Zade, Licht: Erich Schneider.
Mit: Robert Beyer, Jenny König, Genija Rykova, Mark Waschke.
Premiere am 11. März 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

"'Die Affen' hat seine witzigen oder zumindest witzig gemeinten Momente." Doch sie ließe keine Funken springen, gibt Fabian Wallmeier auf rbb|24 (12.3.2020) zu Protokoll. "Unterm Strich herrscht hier eine für von Mayenburg geradezu düstere Grundstimmung." Von Mayernburg beschwöre eine Welt unmittelbar vor dem Untergang und gehe dabei leider sehr plakativ vor – "und die eine Schippe, die er drauflegen müsste, um aus der Düsternis eine schmissige Groteske zu machen, lässt er liegen."

"Wo ist Mayenburgs Sinn für die geschmierten Spielsituationen und für seine ausgereizten Selbstreflexionen geblieben? Stattdessen pointenloses, erratisches, erregtes Geraune. Man weiß weder, wo die Handlung spielt, noch wer die Personen sein sollen", schreibt Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (12.3.2020).

"Es war viel Text, den die Schauspieler raushauen mussten, angestrengt redend. Die Energie, den Redeschwällen zu folgen, verliert sich bald, der Regisseur von Mayenburg scheint ermattet in die Knie gesunken vor dem Autor von Mayenburg." So berichtet Katrin Bettina Müller in der taz (13.3.2020).

Eine "Wut auf das ewige Weiter-So des Menschen" liege hinter diesem Abend; aber "ohne ausgefeilte Karosserie macht die Wut als Motor noch kein Stück", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (13.3.2020) Mayenburg biete nichts von dem sonst bei ihm "oft überschäumenden Groteskhumor"; stattdessen nehme er sein "Thema bitterernst, und da er sein Stück selber inszeniert, was hier eher kontraproduktiv ist, bekommt der ganze Abend diesen Anstrich: bitter und ernst. Nur leider ist das auch: fad und zahm."

Das "Komödienpotenzial", das der "animalischen Regression innewohnt, schöpft Marius von Mayenburg, der selbst Regie führt, erstaunlich wenig aus", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (13.3.2020). Stattdessen biete er einen "arg thesenhaften Diskursmodus". Aber was der Abend in "der Hauptsache mitteilen will, ist gar nicht so leicht zu sagen".