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Herrscht da der blanke Männerwahn?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 13. März 2020. Theater in den Zeiten der Seuche, Tag eins, ist ein Spiel mit vielen Vorspielen. Erst geht es lange hin und her, ob die Premiere von "Der Widerspenstigen Zähmung" stattfindet oder nicht. Nach der Pressekonferenz des Rathauses scheint es ein letztes Mal Normalbetrieb zu geben, doch die Verschärfungen kommen stündlich. Nachdem auch Bundesliga, Kitas und Schulen aufgeben, heißt es schließlich: kein Publikum, nur Hausinterne und Presse, eine Geisterpremiere. Tatsächlich ist es etwas spooky, aber durch die zulässige Höchstzahl von 50 Personen kommt doch ein Grüppchen zusammen, so dass das Große Haus des Freiburger Theaters nicht völlig verwaist ist, die Akteure nicht gänzlich ohne Anspielpartner und Reaktion bleiben.

Hoho-Späße einer Männerphantasie

Vor Spielbeginn werden, mal mehr mal weniger gelenk, neue Begrüßungsrituale eingeübt. Die einen bevorzugen Sayonara, andere sind auf Fußarbeit umgestiegen, die befürchtete Renaissance eines lässigen Heil Hynkel-Verschnitts trat nicht ein. Derart ins Ungewohnte vorgebrieft fühlte sich der Start ins Stück mit Lärm vor der Saaltür fast schon folgerichtig an. Der spätere Widerspenstigen-Zähmer Petruchio (Thieß Brammer) poltert als zahlungs- und meinungskräftiger Abonnent durch die Gänge und fordert sein Recht auf Komödie und klare Verhältnisse ein.

WiderspenstigenZaehmung 5 560 BirgitHupfeld uSo wartet Frau auf ihre Zurichtung: Aleksandra Cwen © Birgit Hupfeld

Schluss mit auf die Bühne kacken und feministischen Allüren. Eine schöne Parodie auf die berühmten "Hoho"-Auftritte von Richard Burton in Zeffirellis Verfilmung. Und hat er nicht Recht? Warum sollte man ausgerechnet diese Shakespeare-Komödie aufführen, wenn man keine Freude an Hoho-Späßen einer Männerphantasie hat? Dem solidarisiert sich aus dem (nicht vorhandenen) Publikum heraus Petruchios Spieß- und Ehelichungsgeselle Lucencio (Lukas Hupfeld). Gemeinsam freuen sie sich schon mal auf hübsche Frauen, die sie dann später auf der Bühne für sich abrichten wollen.

Schwestern, die ein ein Rebel-Girl-80er-Pun-Revival grölen

Nach dem Sommernachtstraum hat sich die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak nun in Freiburg den zweiten Shakespeare vorgenommen, um ihn gegen den phallozentrischen Strich zu lesen. Anders als beim Sommernachtstraum liegt der Männerwahn bei der Widerspenstigen allerdings so offen, dass er schon im 19. Jahrhundert Bauchschmerzen verursachte. Statt also überraschende Nuancen freizulegen, bettet Marciniak das Stück in eine Rahmenhandlung ein. Dreißig Jahre nach dem Doppelhochzeitstriumph der Männer kehrt die widerspenstige Katharina ins väterliche Heim zurück, das inzwischen eher ein schwesterliches ist, da der Vater (Hartmut Stanke) nur noch aufs Sterben wartet und Biancas Lucencio bereits kurz nach der Hochzeit zur nächsten gehüpft ist. Bianca (Anja Schweizer) weiß inzwischen, wie ihr Hase lief, weiht Schwester Katharina (Alona Szostak) in ihre unverblümte Man-kann-nur-einmal-Fickmaus-sein-Weisheit ein.

WiderspenstigenZaehmung 2 560 BirgitHupfeld uWissen, wie der Hase läuft und Mann funktioniert: Bianca (Anja Schweitzer) und Katharina (Alona Szostak) @ Birgit Hupfeld

Katharinas Mann ist an einem Herzinfarkt gestorben – hm, echt, nicht nachgeholfen? –, und da sie, wie später noch an ihren jugendlichen Ichs exerziert wird, die härtere Gehirnwäsche hinter sich hat – bis ihr in der berühmten Szene die Sonne zum Mond wird –, ist sie über das, was dabei vielleicht doch Liebe war, noch nicht so zynisch hinweg wie Bianca. Darüber diskutieren die Schwestern ausgiebig, meist in bleierner Schwere, bis es am Ende die eine Schwester auf den Punkt bringt: "Papa, dein Projekt ist gescheitert", gefolgt von einem "Ich schlag es ab, Pünktchenpünktchen zu tun"-Credo. Am Ende grölen die alt und jung Doppelschwestern ein Rebel-Girl-80er-Pun-Revival.

Erbarmungslose Unterwerfungsriten, früh entlarvt

Darin eingebettet findet der Shakespeare-Kern statt. Der hat insofern etwas Verstörendes, als dort die Männer tatsächlich die herren- aber auch slapstickwitzigen Szene und somit die Lacher bekommen, während das junge Schwesternpaar eher vorgeführt wird. Die junge Bianca (Laura Angelina Palacios) darf die energetische Naive geben, während an der junge Katharina (Aleksandra Cwen) die Unterwerfungsriten erbarmungslos durchexerziert werden. Der Wechsel von Ausstellen, Einwickeln, durch die Manege schleifen beschwört eher BDSM-Rituale als – ja als was eigentlich?

WiderspenstigenZaehmung 1 280 BirgitHupfeld uHierarchienverkehrung: Hier schleift Katharina den Petrucchio durch die Manege (Thieß Brammer, Alona Szostak, Anja Schweitzer, Lukas Hupfeld) © Birgit Hupfeld

Da hängt die Inszenierung vielleicht in der Falle, dass dieses Stück nicht schwer zu entlarven ist und ab einem gewissen, eher frühen Zeitpunkt die Message bereits angekommen ist, während sie auf der Bühne noch eine Weile weiter verkündet wird. Die Irritation, dass die unterworfene Frau teilweise polnisch spricht, könnte zwar andere Dimensionen öffnen, wird aber szenisch wenig gestützt.

Sehr sehenswert ist aber in jeden Fall, was die Regisseurin aus dem Ensemble herausholt, und die choreographischen Elemente, die das fantastische Bühnenbild gut zur Wirkung kommen lässt. Hohe Wandelemente links, rechts und hinten bilden den offenen klassisch-italienischen Rahmen, eine Art Plexiglaskristall den nach vorne rückenden Fokus. Sehr atmosphärisch, vor allem wenn anfangs fletschende Höllenhunde drohend grollen. Wann die Inszenierung fürs Publikum zu sehen sein wird, bleibt offen.

 

Der Widerspenstigen Zähmung
nach William Shakespeare. Adaption von Jan Czapliński
Regie und Bühnenbildkonzept: Ewelina Marciniak, Choreografie: Dominika Knapik, Bühne: Grzegorz Layer, Kostüme: Julia Kornacka, Musik: Jan Duszynski, Licht: Aleksandr Prowalinski, Dramaturgie: Laura Ellersdorfer, Übersetzung Textfassung: Andreas Volk.
Mit Thieß Brammer (Petrucchio), Laura Angelina Palacios (Bianca (früher)), Aleksandra Cwen (Katharina (früher)), Lukas Hupfeld (Lucencio), Anja Schweitzer (Bianca (heute)), Hartmut Stanke (Baptista), Alona Szostak (Katharina (heute))
Premiere am 13. März 2020
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

theater.freiburg.de