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Wie Phönix aus der Asche

Ulrich Khuon im Interview mit Elena Philip 

Berlin, 19. März 2020. In den vergangenen Tagen war Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters Berlin, vor allem damit beschäftigt, den Betrieb in seinem Haus kontrolliert herunterzufahren und mit seinen Kolleg*innen wie auch der Kulturpolitik im Austausch zu bleiben. Nun ist so viel Ruhe eingekehrt, dass er wieder nach vorne schauen kann. nachtkritik.de hat nachgefragt: Wie geht es dem DT und seinen Mitarbeiter*innen? Und wie blickt der Bühnenvereinspräsident auf den Zustand der Theater und ihre Aussichten?

Herr Khuon, die vorübergehende Schließung der Theater trifft die Häuser und ihre Künstler*innen hart. Welche Folgen haben die sich täglich verschärfenden Vorgaben zur Eindämmung des Coronavirus für die deutschen Stadt- und Staatstheater, aber auch für die vielen freien Kulturschaffenden?

Die Schließungen haben mehrere Folgen: praktische, finanzielle, emotionale. Die emotionalen Folgen ergeben sich daraus, dass wir das, wofür wir viel Energie haben – ein sozial-ästhetisches Zentrum der Städte zu sein –, momentan nicht mehr sein dürfen aufgrund des Coronavirus. Wir arbeiten entgegen unseren Impulsen an unserem eigenen Verschwinden – vorübergehend natürlich. Das fällt wahnsinnig schwer, weil wir alle viel Lust haben, für das Publikum zu spielen. Theater ist eine sehr soziale Kunstform. Diese Kunstform müssen wir nun einbremsen, und da uns das so schwerfällt, muss das sehr gut kommuniziert werden, Schritt für Schritt. Aber ich glaube, wir haben eine sehr gute Geschwindigkeit, in Abstimmung mit Wissenschaft und Politik, das in die Häuser hinein zu kommunizieren. Und die soziale Energie, die man im Theaterbetrieb hat, ist so enorm stark – sowohl etwas zusammen zu machen als auch es anzuschauen, ich glaube, wir kommen da schnell und explosiv wieder in Gang, Phönix-aus-der-Asche-mäßig.

ulrich khuon 560 klausdyba uDT-Intendant und Bühnenvereinspräsident Ulrich Khuon © Klaus Dyba

Was sind die praktischen und finanziellen Folgen für die Theater?

Die praktisch-finanziellen Folgen kann man noch nicht absehen: Jedes Bundesland hat andere Vorgaben, die Schließzeiten werden sich möglicherweise, ja: wahrscheinlich verlängern. Bei uns in Berlin sind die Theater momentan bis zum 19. April geschlossen. Praktisch haben wir am Deutschen Theater nicht nur den Vorstellungs- und Gastierbetrieb, sondern auch den Probenbetrieb eingestellt und das Haus heruntergefahren. Politisch war die Ansage klar: so wenig soziale Kontakte wie möglich. Das bedeutet, die Mitarbeiter*innen arbeiten in Home-Office, die Technik ist weg und kaum noch jemand im Haus. Finanziell kann man die Folgen ganz einfach überschlagen, öffentlich getragene Theater bringen 11 bis 22 Prozent ihres Etats selber auf, und diese Summe fällt aus, je nachdem wie lang die Schließungen dauern. Darüber muss man jetzt nachdenken, wie man die Einbußen minimieren kann. Zugleich müssen wir uns mit der Politik austauschen, wie sie helfen kann – das geht weit über die festen Häuser hinaus und betrifft zuallererst die Freie Szene, die Privattheater. Politisch sind die Signale eindeutig: Die Staatsministerin Monika Grütters hat sich geäußert, so wie andere Kulturpolitiker*innen. Auch die Minister auf Bundes- und Länderebene beziehen in ihren derzeitigen Statements Kulturschaffende mit ein. Das finde ich ein gutes Zeichen: Die Kultur scheint stark im Bewusstsein.

Gesprochen haben Sie jetzt eher als Präsident des Bühnenvereins. Wie agiert der Arbeitgeber- und Interessenverband denn derzeit gegenüber den Theatern?

Wir alle interagieren direkt mit den Kulturpolitikern, damit die Kultur nicht vergessen wird. Für möglichst baldiges konkretes Handeln werden jetzt alle Weichen gestellt. Aber wir krakeelen nicht herum, als seien wir die einzigen im Land, die Probleme haben. Wir sorgen aber dafür, dass wir nicht übersehen werden. Mit den Kolleg*innen sind wir in engem Kontakt, auch über die Mitteilungen des Bühnenvereins. Bislang gab es eine Ungleichzeitigkeit der Bewegung dadurch, dass die Länder unterschiedlich schnell zum Thema Proben- und Betriebsbeendigung agiert haben in den vergangenen zwei Wochen. Aber jetzt ist eine gemeinsame Situation geschaffen.

Was raten Sie den Häusern?

Ich glaube, es ist wichtig, dass die öffentlich finanzierten Theater sowohl an ihre festen wie auch ihre freien Mitarbeiter*innen das Signal aussenden und auch die Zusage geben, dass sie zu ihren Verträgen stehen. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit, aber es ist wichtig, das Vertrauen zu festigen und dort, wo juristische Lücken sind, kulant zu sein. Wir haben am Deutschen Theater zum Beispiel für April Gastverträge geschlossen. Nun machen wir nicht vom Recht Gebrauch, die Termine wieder abzusagen, sondern bezahlen in dem vereinbarten Zeitraum die Gage. Kulanz hat Signalwirkung. Auch, damit die Lücke zwischen freien Künstler*innen und denjenigen, die – in Anführungszeichen – in sicheren Strukturen arbeiten, nicht weiter vertieft wird. Das sehen viele Theater genauso.

Was bedeutet der Finanzausfall für ein Theater? Gerät auch ein Haus wie das DT in Nöte, wenn die Schließungen Wochen oder gar Monate andauern? 

Das hängt, wie Sie es schon formulieren, davon ab, wie lang der Zustand anhält. Wenn ein Haus eineinhalb Monate nicht spielen kann, ist das ein Problem. Bei uns liegt der Eigenanteil, den wir durch Einnahmen erwirtschaften müssen, bei knapp 20 Prozent, wir haben schon mehrere Gastspiele absagen müssen, weitere werden folgen – natürlich gibt es da Probleme. Da alles offen ist, bemühen wir uns, jenseits des Versuchs, loyal und solidarisch zu sein, auch sparsam zu handeln. Falls das bis zum Sommer weitergeht, ist eine neue Situation da. Ich glaube aber nicht, dass wir im Moment dystopisch einen übergroßen Horrorblick entwickeln sollten. Die Gesellschaft als Ganzes macht eine neue Erfahrung und wir als Theater haben da keinen Vorsprung. Wichtig finde ich, dass wir beieinanderbleiben, auf die Wissenschaft hören, mit der Politik gut kommunizieren und solidarisch sind mit denjenigen, zu denen auch innere Verpflichtungen bestehen. Ich fand den Hinweis des Virologen Christian Drosten wichtig, der riet, dass es keinen Lockdown, kein komplettes Einstellen aller gesellschaftlichen Aktivitäten geben sollte – aber tendenziell läuft es gerade darauf hinaus. Meiner Meinung nach muss es ein Minimum an gesellschaftlichen Mechanismen geben, zugleich muss man auch auf das verzichten, worauf man verzichten kann. Das muss immer neu justiert werden. Jetzt haben wir andere Vorstellungen von der Lage als vor zehn Tagen. 

Decamerone3 560 Arno Declair uFantasie in Zeiten der Epidemie: "Decamerone", die letzte Premiere am Deutschen Theater Berlin vor der Corona-bedingten Schließung © Arno Declair

Was würde dem Deutschen Theater Berlin in der jetzigen Situation konkret helfen? Was sind Ihre Forderungen an die Politik? Noch gibt es ja lediglich Absichtserklärungen. 

Ich brauche jetzt zunächst mal kein Programm. Die staatlichen Theater haben eine Zuwendungsgarantie, wir sind eine ureigene Aufgabe der Kommune. Wir haben einen Haushaltsplan und in dessen Rahmen agieren wir. Je weiter aber die Theaterbetriebe weg sind von Stadt und Land, etwa freie Gruppen oder Privattheater, desto wichtiger ist es, dass man darüber nachdenkt, welche Töpfe es für sie gibt. Da hat die Staatsministerin sehr schnell und aktiv reagiert, und man kann bei Frau Grütters davon ausgehen dass sie in ihrer Regierung genügend Power hat, ihre Pläne umzusetzen. Das sind keine wolkigen Versprechungen, sondern sie weiß normalerweise schon, wie man das hinkriegt. Das Zusammenwirken von Stadt, Land und Bund muss in dieser Situation neu justiert werden.

Höre ich richtig heraus, dass Sie sich darauf verlassen, dass die Politik handelt und entscheidet? 

Nein, wir kommunizieren ja mit der Politik. Wir beraten, fordern und begleiten und deshalb habe ich ein Vertrauen, dass wir die einzelnen Schritte gemeinsam vollziehen. 

Haben Sie, hat der Bühnenverein dennoch einen eigenen Fahrplan für die Krise? 

Ich glaube nicht, dass man nach fünf Tagen, in denen man im Krisenmodus ist, schon einen Krisenplan haben kann.

Es könnte ja sein, dass Sie sagen: Das hatten wir schon lange in der Schublade, jetzt holen wir diese Idee heraus, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. 

Das meine ich mit dem, was ich am Anfang sagte: dass wir ein soziales Instrument sind. Alle Theater denken über Streaming nach. Das sind aber keine Einnahmequellen, sondern Lebenszeichen oder Zeichen der Verbundenheit. Wir am DT denken daran, uns bemerkbar zu machen in den nächsten Tagen, über eine künstlerische Form, etwa Lesungen. Wenn man eine Vorstellung live streamt, müsste man ja Schauspieler*innen zusammenzubringen. Das ist in diesen Zeiten schon ein Risiko.

Besonders schwer trifft die Einstellung des Proben- und Spielbetriebs die freischaffenden Künstler*innen, denen die Einnahmen wegbrechen. Wie steht es um die Freiberuflichen am DT oder in dessen Umfeld? 

Wie gesagt: Wo Vorstellungen vereinbart sind, wo Produktionen laufen, müssen wir zu den Regelungen und Vereinbarungen stehen. Wir haben jetzt einige Produktionen abgebrochen, die werden wir später zu Ende bringen – man darf nicht vergessen, dass es eine Zeit nach dem Coronavirus geben wird. Wir haben aber keinen Überblick, ob wir alle Produktionen, die wir für das nächste halbe Jahr geplant hatten, machen können. Da wird es wichtig, dass man fair, offen und hilfreich miteinander umgeht.

Das heißt, noch einmal, bei allen Maßnahmen für den Theatersektor muss die Freie Szene immer mitgedacht werden? 

Ja, das hat auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer mehrfach betont. Als Einrichtung der Stadt sind wir, das Deutsche Theater Berlin, geschützter. Deswegen müssen wir auch für die Freien Künstler*innen einstehen – es sei denn wir sagen, uns ist alles egal: wir sind drin, die sind draußen. Das wäre allerdings zynisch und widerspräche all unseren Bemühungen der letzten Jahre, den Bruch zwischen Freien und den Stadt- und Staatstheatern kleiner zu machen. Das ist nicht nur ein ideologischer Punkt, sondern ein praktischer Teil dessen, was zum Beispiel die Kulturstiftung des Bundes in ihren Förderprogrammen anstößt.

Jenseits der Solidarität mit den Schwächeren im Theatersystem noch einmal zu den Lebenszeichen und den anderen Formen der Gemeinschaft: Sehen Sie Möglichkeiten, ein Ersatzprogramm im Netz laufen zu lassen? Wie könnte das aussehen?

Wir hatten größere Pläne: wollten gegebenenfalls Vorstellungen aufzeichnen, das, was die Staatsoper noch am vergangenen Samstag gemeinsam mit dem rbb gemacht hat. So etwas könnte man auch ohne Publikum streamen, man muss nicht, wie bei James Blunt, dauernd die leeren Ränge der Elbphilharmonie zeigen. Im Moment muss man aufgrund der aktuellen Situation über monologische Formate nachdenken.

Wie bewerten Sie aus der jetzigen Situation heraus die Absage des Theatertreffens?

Das ist traumatisch. Alles hängt voneinander ab. Gestern gab es in der Süddeutschen Zeitung einen großen Artikel von René Schlott: dass wir übers Ziel hinausschießen, alles Soziale zerstören. Ich bin anderer Meinung. Der Lockdown ist notwendig, um keine Katastrophe zu produzieren, braucht aber doch Augenmaß. Im Moment, so brutal das ist, passiert noch nichts, was unverhältnismäßig ist. 

 

Ulrich Khuon, geboren 1951 in Stuttgart, ist seit 2009 Intendant des Deutschen Theaters Berlin. Zuvor leitete er das Thalia Theater Hamburg (2000-2009), das Niedersächsische Staatsschauspiel Hannover (1993-2000) und das Stadttheater Konstanz (1988-1993). Seit 1997 ist er Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, seit 2017 Präsident des Deutschen Bühnenvereins.