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Der Mensch als Kneipe

Roland May im Interview mit Christian Rakow

24. März 2020. Das sächsische Städteverbund-Theater in Plauen und Zwickau ist wie alle Häuser in der Corona-Krise vorerst bis zum 19. April 2020 geschlossen. Der Spiel- und Probenbetrieb in den vier Sparten Musiktheater, Ballett, Schauspiel und Konzert ruht. Was liegt an Arbeit an, wie plant man finanziell und inhaltlich in der Krise? Christian Rakow sprach telefonisch mit dem regieführenden Intendanten Roland May.

Roland May, wie ist die Lage am Theater Plauen-Zwickau aktuell?

Wir haben ja eine steile Lernkurve hinter uns. Wenn wir bedenken, dass wir vor wenigen Tagen noch probierten, Winkelzüge zu finden, um spielfähig zu bleiben. Und jetzt haben wir eine Notbesetzung, die meisten der 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zuhause. Theater, die immer darin wirksam sind, einen Bremsklotz zu legen, um bestimmte Entwicklungen genauer zu fokussieren, sind jetzt selber ausgebremst.

Wie schaut die Notbesetzung aus?

Wir haben circa 15 Leute noch zeitweise in den Büros, teils aus dem Krisenstab. Die Künstlerischen Betriebsbüros, die Lohnbuchhaltung und auch die Besucherabteilung sind noch ein bisschen besetzt.

Und im Krisenstab sitzen alle 2 Meter auseinander?

Ja, wir haben die Probebühne als Konferenzraum eingerichtet, wo die Abstandsregel gewahrt ist.

Welche Aufgaben übernimmt das Krisenteam?

Zunächst Abwicklung. Wir stehen ja vor dem Monatsende, Löhne müssen gezahlt werden. Und dann wird geguckt, wie wir künstlerisch weiter planen können. Große Produktionen wie meine nächste Inszenierung "Der zerbrochne Krug", die man mit den Versammlungsvorschriften gar nicht proben kann, haben wir in die neue Spielzeit verschoben. Ich denke, was sowohl thematisch geht als auch den geforderten Abstandsregeln entspricht, ist Beckett. Wir haben jetzt schon einen Abend "Endspiel" und "Glückliche Tage" geplant. Da sind die Figuren ja sehr vereinzelt auf der Bühne. Dazu Regieassistentin, Souffleuse und ich, also 4 bis 5 Leute im Raum. Das wäre eine Option, wenn es nach dem 19.4. weitergehen könnte.

Laufen aktuell noch Proben oder Projekte?

Unsere Ballett-Chefin Annett Göhre choreographiert und tanzt für die nächste Produktion "Vier Jahreszeiten" vor und macht dabei kleine Filme, die sie an die Tänzerinnen und Tänzer schickt, die das auch sehr gewünscht haben, um im Training zu bleiben.

Wie steht es um die anderen Sparten?

Es gibt gerade vielfältige Ideen: Im Orchester könnte man mit kleinen Instrumenten und Abstand proben, im Chor die Stimmgruppen einzeln zusammenbringen. Aber natürlich: Die großen Körper sind halt schwierig. Das ist ein interessanter Punkt: Chor und Orchester sind ja ein starker Block im Theater, auch tariflich. Jetzt in der Krise sind die Solisten eher in der Lage, was zu machen: Monodramen, kleine Lesungen, vereinzelte Tänze, mit einzelnen Instrumenten geht es natürlich auch.

Gibt es Pläne, die Festangestellten auf Kurzarbeit zu setzen?

Das ist bei uns derzeit kein Thema. Wir kriegen Informationen vom Bühnenverein, dass viele Theater dazu Anfragen stellen. Aber wir sind froh, dass unsere Zuwendungsgeber, die Gesellschafter, uns unterstützen.

Wie steht es um die Gäste und Freiberufler, die für die Inszenierungen engagiert wurden, die aktuell ausfallen. Gehen denen die Gagen verloren?

Die vereinbarten sozialversicherungspflichtigen Gastverträge werden wir vollständig auszahlen. Vorstellungen, die nicht stattfinden werden, lösen wir mit dem Argument der höheren Gewalt, wollen hier aber Hilfe aktuell mit einem Fonds der Fördervereine finden. Die Vorstellungen sollen auch alle nachgeholt werden.

Das bedeutet die Gagen sind für den Moment weg? Es gibt für die Vorstellungen keine Kulanz, wie sie Ulrich Khuon jüngst in einem Interview auf nachtkritik.de empfohlen hat?

Wir sind aktuell mit den Rechtsträgern im Gespräch, ob am Ende auch für ausgefallene Vorstellungen eine Kulanz neben einem Nothilfe-Fond gefunden werden kann. Wenn es gewünscht wird, arbeiten wir auch schon jetzt mit Vorverträgen für in die kommende Spielzeit verschobene Inszenierungen und vereinbaren schnelle Abschläge.

Wenn aktuell anliegende Produktionen in die nächste Spielzeit rücken, fallen dort Produktionen aus. Oder wird man das Pensum signifikant erhöhen?

Das sind Diskussionen, die wir gerade führen. Wir wollen die Frequenz erhöhen. Das wird möglich, weil wir in Sachsen ja seit letztem Jahr den vollen Tarif bekommen. Vorher sind die Tariflücken durch Freizeit ausgeglichen worden.

Gerät ein Mehrspartenhaus wie Plauen-Zwickau in Nöte, wenn die Schließung weit über den 19. April hinaus andauert?

Das ist unabsehbar. Der Tarifausgleich zeigt, dass man erkannt hat, wie wichtig die Theater für den Zusammenhalt der MayRoland Andre Leischner uRegisseur und Intendant Roland May © André LeischnerGesellschaft sind. Dass die Gesellschafter, also die beiden Städte Plauen und Zwickau, zu ihren Verpflichtungen stehen, kann ich auch nur hoffen. Die Grundlagenverträge sind bei uns bis Ende 2022 festgeschrieben, und die Kolleg*innen wollen ja arbeiten. In dieser Woche starten wir unsere digitalen Angebote mit allen Sparten und auch technischen Abteilungen.

Was sind ihre Forderungen in Richtung der Politik?

Die Festangestellten leben jetzt in einer privilegierten Situation. Es geht jetzt in erster Linie darum, allen Freischaffenden eine Perspektive zu eröffnen. Wichtig wäre da, unbürokratisch vorzugehen. Ich kann mir auch vorstellen, dass das, was wir heute erleben, solch einen Schock auslöst, dass es uns als Theatern in Zukunft leichter fallen wird, Personal zu akquirieren. Auch hier in der Provinz. Dass man Zusammenarbeiten, die über Jahre schon bestehen, in Festarbeiten verstetigen kann und damit der Ensemblegedanke einen neuen Stellenwert erlangt.

Sie sind ein regieführender Intendant. Wie betrachten Sie die Situation vom künstlerischen Standpunkt?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Lage ist schlimm genug, aber ich muss sagen: Ich bin immer ein Freund der Krise gewesen, weil man vieles neu ordnen muss und kann. Die aktuelle Situation fühlt sich auch ein bisschen an wie eine Bestrafung für den Hedonismus und die Hybris der letzten hundert Jahre. Ich muss gerade oft an meine Produktion "German History" mit Texten von Heiner Müller aus dem vorletzten Jahr denken. Da ist eine kleine Szene dabei: "Krieg der Viren", da gibt Heiner Müller ja Auskunft. May liest aus dem Müller-Text:

Es ist durch nichts erwiesen, dass der Mensch
auf der Erde das herrschende Lebewesen ist.
Vielleicht sind das ja die Viren, und wir sind nur Material,
eine Art Kneipe für die Viren.
Der Mensch als Kneipe, eine Frage der Optik.

Das ist so eine Weise, wie man das, was uns aktuell schockartig umgibt, einordnen kann, sicherlich auch in die künstlerische Arbeit später.

"Der Mensch als Kneipe". Müllers Galgenhumor ist krisenfest.

Mich beschäftigt auch, wie handlungsunfähig Europa gerade ist. Ich sehe hier in Sachsen die Staus an den Grenzen. Da hatte ich die Vision: Wenn in jeden dieser LKWs eine Intensivstation eingebaut wäre und die würden quer durch Europa zu den Hotspots fahren, nach Italien – das wäre mal eine Aktion gewesen. Man hat aktuell ja immer von einer europäischen Armee gelesen, aber jetzt sieht man einfach, wie es wirklich an Zusammenarbeit fehlt. Da kann ich nur hoffen, dass das neu ins Bewusstsein dringt, dass hier Chancen vertan wurden.

Die Krise lässt die Menschen auseinanderrücken.

Ich finde den Begriff "soziale Distanzierung" schwierig. Worauf es ja aktuell ankommt, ist körperliche Distanzierung. Das Soziale sollte ganz nach oben, aber das passiert eher im virtuellen Bereich. Ich hoffe, dass das Authentische, die Natur, gerade für junge Leute nicht zu kurz kommt. Man hat eh schon das Problem, dass die aus zweiter Hand Welt vermittelt kriegen und das passiert jetzt natürlich noch mal vermehrt: Alle hängen vor dem Fernseher, Netflix ist überlastet.

GermanHistory1 560 Peter Awtukowitsch uSzene aus "German History" von Roland May 2018 in Plauen © Peter Awtukowitsch

Und man sieht zugleich, wie Möglichkeiten geschaffen werden, hart durchzugreifen, wie es Spahn und Söder vormachen. Die Politik der Mitte gebiert sich jetzt in Law & Order. Auch um ein bisschen die AfD zu verdrängen, was ja gegen die AfD auch nicht verkehrt wäre, aber jetzt stellt man sich auf und signalisiert: Das was Ihr wollt, das können wir auch: die Grenzen schließen.

Sie sehen das Durchgreifen mit Sorge?

Ich als alter Ossi finde das schon witzig: Die Waren werden knapp, in Hallen werden Betten bereitgestellt, das erinnert mich an '89, wo schon die Blutkonserven bereitgehalten worden sind für die Demonstranten – und der Staat tritt als Erzieher auf, der Disziplin einfordert. Und wenn nicht alle schön artig sind und zuhause bleiben, gibt’s die Ausgangssperre.

 

Roland May, geboren 1955 in Weimar, war in den 1980er Jahren als Schauspieler und mit ersten Regiearbeiten am Staatsschauspiel Dresden tätig und spielte dort 1987 in der legendären ersten Beckett-Inszenierung in der DDR den Pozzo in "Warten auf Godot" bei Wolfgang Engel. Von 1991 bis 1993 arbeitete May als Schauspieldirektor am Vogtlandtheater Plauen. 2001 bis 2009 war er Intendant und Geschäftsführer des Gerhart-Hauptmann-Theaters Zittau. Zur Spielzeit 2009/2010 wechselte er in die Generalintendanz des Theaters Plauen-Zwickau.